<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

05.07.08Leser-Kommentare

Im Test: Tierwelt

Coole Städter winken ab, doch auf dem Land ist die Schweizer Tierwelt mit ihren vielen Kleinanzeigen erfolgreich – solange, bis die Annoncen ins Internet abwandern.

Tierwelt

Im Test: Ausgabe 26/2008, 27. Juni 2008.

Allgemeiner Eindruck

Altpapier, die trendige Farbe dunkelgelb, blau besprayte Schafe auf dem Titelbild, fast nur Anzeigen. So also sieht eine der erfolgreichsten Zeitschriften der Schweiz aus?

Ja, aber erst seit den " epochalen Veränderungen " im Jahre 2006, als die während 116 Jahren schwarzgraue Zeitschrift durchgehend farbig wurde. Nun ist sie im 118. Jahrgang und ist gemäss NZZ hoch rentabel (Umsatz 2002: 15 Millionen Franken, davon 9 Millionen im Anzeigengeschäft). Gekauft wird die Zeitschrift von vielen dann, wenn sie eine neue Wohnung oder ein neues Auto brauchen - mehr als zwei Drittel der Zeitschrift bestehen aus Kleinanzeigen, die gute Schnäppchen versprechen.

 

Städter und Snobs meiden das Heft. Werber, die sich wie die meisten deutschschweizer Medienschaffenden vorwiegend im reichen Zürich versammeln, mussten, damit auf das Blatt aufmerksam gemacht werden konnte, schon mit einem fast unbefellten Glamourhasen gelockt werden.

Zielgruppe

Wer das ...

In Übereinstimmung mit der Lebenshaltung ihrer Zielpersonen verzichtet die «TIERWELT» bewusst auf Hochglanz, kommt mit minimalem Farbeinsatz aus und wird auf chlorfrei hergestelltem Naturpapier gedruckt.

... liest, könnte meinen, es sei das Magazin eines Umweltschutzverbands wie Greenpeace oder WWF. Doch die Tierwelt peilt nicht nur solche Leser an:

  • Sie dient Züchtem und Haltern von Kleintieren als Drehscheibe für Fachinformationen, als Forum für einen intensiven Gedankenaustausch und als unverzichtbare Plattform für Nachrichten aus den verschiedenen Fachbereichen.
  • Für einen weiteren Zielgruppenkreis von Heimtierhaltem, Hunde- und Katzenbesitzem, Pferdesportfreunden und Hobbygärtnem bringt die «TIERWELT» interessante Berichte über Haltung, Pflege und Gesundheit der Tiere, Tiersport, Haus und Garten und vieles mehr.
  • Dennoch ist die «TIERWELT» mehr als ein Special-lnterest-Medium: Der einzigartig umfangreiche und vielseitige Anzeigenteil für Kleininserate macht sie zum Marktplatz von nationaler Bedeutung und zur Pflichtlektüre für Sammler und Händler aller Art.
  • Das alles steht im Konzept der Zeitschrift.

    Titelseite

    62 blau besprayte Schafe auf einer grünen Wiese, ein paar Steine, dazu nichts mehr als der Titel "Jetzt gehts wieder auf die Alp". Wie cool ist das denn? Liesse man den obersten Balken weg - es könnte sich um Avantgarde-Kunst handeln.

    Verlag

    TIERWELT-Verlag, Zofingen

    Auflage

    73.451 (Total verkaufte Auflage 2007, gemäss WEMF ). Im Heft steht: "Nutzauflage: 73.451 Ex. (WEMF)".

    Erscheinungsweise

    wöchentlich, jeweils am Freitag.

    Seitenanzahl

    164

    Preis

    4.30 Franken die Einzelnummer, ein Jahresabo mit 52 Ausgaben für 91.65 Franken.

    Preis / Leistungsverhältnis

    Für den Lieferumfang sehr preiswert, vor allem im Abo.

    Onlineauftritt

    Auf tierwelt.ch, aufgefallen sind mir die Umfragen:

    Tierwelt Umfrage

    Inhalt

    Es hat redaktionellen Inhalt, 105 der 164 Seiten bestehen allerdings aus Anzeigen. Und die sind wild durchmischt, auf Seite 147 beispielsweise werden Frauen aus dem Osten zwischen einer Entrindungsmaschine und einem Saug- und Druckfass verkauft. Passt nicht zusammen? Denkste, das gehört alles in die Rubrik "Diverses", die sich über vierzig Seiten von Seite 132 bis Seite 162 erstreckt.

    Der Publizist Karl Lüönd lobte schon 2003 in der NZZ den Unterhaltungswert dieser Seiten:

    Im Schweizer Blätterwald gibt es wenig Unterhaltenderes als die letzten zwanzig Seiten der «Tierwelt».

    Tierwelt-LeserfotosStimmt. Doch blättern wir erstmal zu den ersten 50 Seiten, dem redaktionellen Inhalt. Im 62. Teil der Serie "Tierberufe in der Schweiz" wird der Kammerjäger Roman Dändliker vorgestellt, der Hornissen einsaugt ("Es kann bis zu einer Stunde dauern, bis er das ganze Volk erwischt hat"). Gestochen wurde er erst einmal, ausgerechnet, als das Schweizer Fernsehen ihm bei seiner Arbeit filmte.

    Sehr schön die Lebenshilfe von Franz Auf der Maur auf Seite 8, der den harmoniesüchtigen Schweizern beisteht, in dem er sie dazu ermutigt, auch einmal eine Bitte abzuschlagen: "Warum es nötig ist, auch mal Nein zu sagen".

    Platz für ornithologische Beobachtungen hat es auf den Seiten 26 und 27. Kurt Anderegg guckte am Seeufer den Enten zu und entdeckte "nicht weniger als drei 'Mischfamilien', in denen ein Stockenten-Weibchen nebst eigenen Jungen auch solche der Kolbenente führte." Beat Walser musste drei Tage im Zuger Kantonsspital verbringen und erspähte dort nicht weniger als 31 Vogelarten, unter anderem eine Türkentaube und ein Blässhuhn.

    Auf Seite 31 berichten Monika und Oskar Bobst von ihren "Erfahrungen mit dem Kleinen Kubafinken":

    Die jungen Kubahähne kann man nur bei den Eltern lassen, bis sie ausgefärbt sind, dann muss man sie trennen, sonst können sie vom Vater verfolgt und sogar getötet werden. Zwei Hähne zusammen, das gibt meistens ein Blutbad.

    Highlights

    Viele der Texte sind lehrreich, andere ungewöhnlich. Manche auch einfach zu Herzen gehend.

    Zum Beispiel die Seite 13 (Hund), auf dem ein Leser oder Redaktor, ganz klar ist mir das nicht, in einem kurzen Text Abschied nimmt von seinem Hund und sich bei ihm bedankt für die vielen schönen Erinnerungen - schliesslich hätten die beiden unzählige Stunden zusammen verbracht: "Danke, dass du mich sieben Jahren treu begleitet hast, das war wertvoll. Du fehlst mir sehr."

    Oder die Abteilung "zum Gedenken", unter "Namen und Berichte" auf Seite 47. Über ein verstorbenes Mitglied heisst es da:

    "Heinz war seit 1995 Mitglied in der Abteilung Vogelschutz unseres Vereins. Wo es Hand anzulegen galt, war er zur Stelle und half tatkräftig mit. Als Könner auf dem PC hat er viele schöne Einladungen und Traktandenlisten verfasst. Auch war er unserem gehbehinderten Kassier ein treuer Begleiter und Gehlfe bei den verschiedensten Anlässen. Mit seiner Frohnatur liebte er das Zusammensein im Verein und Freundeskreis."

    Interessantes erfährt man auch zum 80. Geburtstag eines Mitglieds ("Wir gratulieren"):

    "Als echter Kleintierzüchter hielt Fritz auch immer Hühner, wenn auch nicht für Ausstellungen, so doch aus Freude an den Tieren und nicht zuletzt auch wegen der Eier. (...) Wenn es im Verein etwas zu leisten galt, war Fritz immer mit dabei, sei dies bei Ausstellungen, bei einem Lottomatch oder anderen Gelegenheiten. Auch wenn es galt, den Ausstellungspark zu transportieren, war sein Brügiwagen immer willkommen. Vier Jahre lang hatte er sogar als umsichtiger Vereinspräsident das Ruder fest in der Hand und manch heikle Situation gemeistert. Aber auch auf dem Vereinsreisen war Fritz mit seiner Frau Vreni gerne mit dabei und immer zu Spässen aufgelegt. Für seine Verdienste um den Verein hat er sich wahrlich ein 'Vergelt's Gott' verdient."

    Sehr interessant ist auch, zu erfahren, was an der Delegiertenversammlung (Offizielle Publikationen, Rassegeflügel Schweiz) im katholischen Kirchengemeindehaus in Arbon TG vorgefallen ist. Aus dem Protokoll:

    (...) H. Schönenberger stellt 3 Vorschläge als Erinnerungspreis vor. 1. Konfektplatte, 2. Stallplakette, 3. Kaffeegläser, Das Wort wird nicht verlangt. Die Abstimmung ergibt folgende Resultate: Konfektplatte: 72 Stimmen. Stallplakette: 43 Stimmen. Kaffeegläser: 39 Stimmen. Beschluss: am meisten Stimmen erkält die Konfektplatte, die somit als Erinnerungspreis für Basel bestimmt ist. (...)

    Lowlights

    Einige Anzeigen sind grenzwertig. Bei denen einen kann man sich auch nach mehrmaligen Lesen nicht festlegen, ob das Angebot altruistisch, geschäftstüchtig oder betrügerisch ist.

    Bei den anderen fragt man sich, ob da nicht Menschen mit Ware gleichgesetzt werden. In den gleichen Themenbereich gehören auch die ?Gratis-Bildvorlagen?, die man sich von attraktiven Damen aus Osteuropa anfordern kann.

    Andere sind sympathisch grenzwertig. So die CH-Frau (59), die von Mo.-Fr., 17 bis 19 Uhr ?noch Zeit? hat. Oder das Pendel-Männchen, das für 2.90 Franken in der Minute seine Dienste anbietet. Viel Glück wünschen wir auch dem Töff- und Stubenhocker, der ?die Frau mit Lust auf Risiko, etwas Zeit und Charme, Treffpunkt?? sucht.

    Sex-Appeal

    Bei Tierzüchtern geht es ja eigentlich die ganze Zeit um Sex, von Sex-Appeal muss man aber deshalb noch lange nicht reden.

    Werbung

    Wenn man sich vor einer kritischen und preisbewussten Kundschaft nicht scheut, dann sollte man inserieren. Grossflächige Anzeige gibt es fast keine, nur Kleinanzeigen, so weit das Auge reicht. Dort scheint aber jede Freifläche ausgenutzt - es wirkt fast so, als stünden die Werber Schlange.

    Fazit

    Im Konzept der Zeitschrift steht:

    Die «TIERWELT» kommt an. Weil sie nicht mehr scheinen will, als sie ist.

    Was auf den ersten Blick wie ein PR-Spruch klingt, ist in diesem Fall schlicht wahr. Die Tierwelt will niemanden beeindrucken, sie schreibt einfache Texte für einfache Leser in einem Heft über Tiere, die "Freunde der Menschen". Ich muss zugeben, dass ich die Tierwelt mag, als eines der wenigen Magazine, die für das breite Publikum gemacht sind.

    Zukunft

    Solange die Schweiz nicht mit Gebäuden zugebaut wird: Grossartig.

    Bewertung

    8/10 Punkten

    Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

    Kommentare

    • Gast

      05.07.08 (13:16:29)

      "In Übereinstimmung mit der Lebenshaltung ihrer Zielpersonen verzichtet die «TIERWELT» bewusst auf Hochglanz." ROFL. Im ersten Moment dachte ich, das sei eine bösartige Bewertung. Jedoch: Mutige Selbstbeschreibung!

    • Marcel

      05.07.08 (15:04:42)

      habe meinen hund auch aus der tierwelt :-), bzw. über eine inserat in der tierwelt. aber einen gewissen unterhaltungswert hat dieses zeitung/magazin tatsächlich...habe es zwar schon über 10 jahre nicht mehr gekauft, aber es war damals schon so :-)

    • Pedro

      05.07.08 (22:54:50)

      Also ich hab da einen Traktor gefunden und die Bauerntocher gab es auch noch gleich dazu.

    • Pedro

      05.07.08 (22:58:04)

      Ach, der Bericht ist ziemlich schöbisch-arrogant. Es gibt sogar Sudoku und auch Wandertipps und im Gegensatz zu Euch hier, schaut da noch was raus.

    • arbiter

      06.07.08 (01:48:59)

      @ PEDRO: Ein gut gemeinter Rat: Sofort heiraten. Den Traktor natütlich! Olè.

    • jean-claude

      06.07.08 (13:17:23)

      Das Blatt ist in der Tat ein Phänomen (und es spricht für Medienlese, sich solcher Phänomene anzunehmen). Ein Traum für jeden Verleger. Wenig redaktioneller Aufwand nd nicht dauernd lästige Journalisten und Leser am Hals, dafür üppigst und konjunkturunabhängig sprudelnde Inserateeinnahmen, fast ausschliesslich aus Kleinanzeigen. Und in der Tat ist die Mischung dieser Anzeigen ein unterhaltsamer Lesestoff. Wie's wirkliche Leben halt so spielt. Ich weiss das deswegen, weil wir uns die Zeitung ein paar Mal gekauft haben auf der Suche nach dem passenden Familienhund. So eine genügsame Cash-Cow wie dieses Blatt müsste man im Stall haben, dann könnte man sich endlich leisten, nebenher jene Zeitung zu machen, die man schon immer machen wollte, die aber keine wiederkäuende Cash-Cow fand, die das finanziell ermöglichte. Wäre dieser Verlag zu vernünftigen Bedingungen auf dem Markt, würde ich ihn sofort kaufen (über Bankkredite wie Herr Köppel angeblich seine Weltwoche) und würde aus den satten Erträgen eine originelle, gescheite, frisch gemachte, freche, kurzweilige Wochenzeitung finanzieren, die sich weder nach rechts noch nach links anbiedert und die sich von Anzeigenkunden nicht unter Druck setzen lassen muss. Seufz. Die Welt ist eben doch ungerecht ...

    • arbiter

      06.07.08 (16:37:03)

      @JEAN-CLAUDE: Cash-Cow ist auch nur `n Tier. Also alles eine Welt. Der Cash funktioniert nur noch bedingt, wenn es um Kommunikation von Mensch zu Mensch für Mensch geht. Das wird dann eine echte Viecherei, vor allem bei den Finanzen. Vielleicht liegt es ja daran, daß die dem Menschen beigegebenen Tiere nicht nachmaulen können?! Tun die natürlich trotzdem. Aber wer hört ihnen schon aufmerksam zu?

    • Matthias von Wartburg

      12.01.14 (13:26:08)

      Hier ein aktueller Blogpost zum Mix der Tierwelt mit Testanruf: http://originalton.wordpress.com/2014/01/10/sex-drugs-landler/#more-132

    Diesen Beitrag kommentieren:

    Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
    freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

    Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

    Das könnte Sie auch interessieren

    Förderland-Newsletter

    Wissen für Gründer und Unternehmer