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19.05.08Leser-Kommentar

Im Test (Teil 3): Blick Online und Fazit

Der neue Blick wird besser – zu einem echten Wechsel braucht es aber eine geistige Verjüngung. Das Fazit nach unserem Test von <a href="Blick, Blick Sport und Blick Online.

Anders als alle klassischen Boulevardzeitungen fährt der Schweizer Blick seit Jahren einen linkskonservativen, also rotgrünfreundlichen und SVP-feindlichen Kurs. Nicht wenige, unter anderem auch ich, behaupten, dass so ein Kurs komplett an den Bedürfnissen des Lesers einer Boulevardzeitung vorbeigeht. Als Untermauerung dieser These möchte ich einen sehr aufschlussreichen Screenshot von blick.ch zeigen, den ich kürzlich gemacht habe. Gut möglich, dass die Umfrage gerade erst anlief, dass sie manipuliert wurde oder dass das Ergebnis sonst reiner, unrepräsentativer Zufall ist, aber meines Erachtens zeigt es die politische Ausrichtung des klassischen Lesers dieser Boulevardzeitung, bzw. seines Onlineangebotes, sehr deutlich auf:

 

Blick Umfrage

Kurz nachdem ich den Screenshot der Umfrage gemacht habe (am 27. April 2008), ging sie wieder offline. Das Endergebnis hätte mich interessiert.

Ein ausschliesslich bestätigendes Echo gibt es denn auch auf die Titelgeschichte vom 2. Mai 2008, "Kinder verprügeln ihre Eltern". Alle 11 am Tag darauf bei den Leserbriefen veröffentlichten Rückmeldungen sprachen sich dafür aus, Grenzen zu setzen in der Kindererziehung. Einige machten für solche Beziehungen zwischen Eltern und Kindern die "antiautoritäre Erziehung à la 68er" verantwortlich. Ob dem so ist oder nicht, ist in diesem Fall egal, es zeigt aber, dass sich die Boulevard-Leserschaft auch nach Jahren noch nicht im Sinne der Ringier-Herausgeber gewandelt haben, die nach wie vor fröhlich behaupten, die Schweizer seien ganz anders als alle anderen und bräuchten darum auch ein ganz anderes Boulevardblatt. Verleger Michael Ringier ist felsenfest überzeugt (16. Mai 2006): "Das Modell einer «Bild-Zeitung» oder «Sun» ist kein Modell für eine Konsensgesellschaft wie die Schweiz". Und Daniel Pillard, schon ziemlich lange Geschäftsführer ad interim von Ringier Schweiz, sagt (19. September 2007): "Diese etwas alten Konzepte funktionieren vielleicht noch im Osten."

Der Einwand, alle klassischen Boulevardmedien würden Leser verlieren, stimmt natürlich. Ob B.Z. oder Bild oder Blick - sie verlieren alle. Leser dazu gewinnen nur die Gratiszeitungen. Aber mit dem Kurs einer "moralinsauren Political Correctness" verlor man, wie Kurt W. Zimmermann kürzlich ausrechnete, noch viel mehr Leser als die anderen:

Selten hat eine Zeitung eine derartige Chance gehabt wie der Blick, und selten hat eine Zeitung diese Chance dermassen verspielt. In den letzten zwanzig Jahren erlebten wir den unvergleichlichen Aufstieg der SVP, die mit populistischen Themen ihren Wähleranteil fast verdreifachte. Parallel dazu erlebten wir den unvergleichlichen Abstieg des Blicks, der in diesen zwanzig Jahren seine Auflage fast halbierte.

Natürlich ist es die Freiheit eines Verlegers, zu schreiben, was er will. Die Finanzierung eines (politisch motivierten) politisch korrekten Boulevards im Inland mit einem (finanziell motivierten) klassischem Boulevard im Ausland kann man jedoch fast nur als moralisches Kunststück bezeichnen. Doch auch bei den Prominenten gibt es wichtige Unterschiede zwischen In- und Ausland.

Promis sind nicht Promis

Eine frappante Doppelmoral wird gefahren, was die Prominenten angeht. Einerseits will sich der Ringier-Verlag mit allen halbwegs bekannten Schweizern und Schweizerinnen so stellen, dass sie allen Journalisten des Verlags jederzeit Tür und Tor für eine Homestory mit Bett und Badewanne öffnen. Da schweigt man dann dafür auch, wenn mal was passiert, dass Boulevardleser erfahren müssten.

Mit Promis ausserhalb Europa geht man dafür umso härter ins Gericht. Die sind sozusagen zum Abschuss freigegebenes Freiwild, was man vor allem auf Blick Online jeden Tag beobachten kann.

Blick am 14.04.2008
Blick am 29.04.2008

Klicks, Klicks, Klicks

Die Jagd nach Page Impressions hat bei Blick Online zu teilweise absurden Stories geführt. Während die gedruckte Ausgabe zu einer "seriösen" Tageszeitung geführt werden soll, macht man online alles, nur das jemand irgendwohin klickt. Das wirkt nicht nur verzweifelt, das ist verzweifelt.

Blick am 23.04.2008
Blick am 23.04.2008

Rückeroberung der klassischen Boulevard-Stories

Am 1. Mai raste am Nachmittag im Zürcher Rotlichtviertel ein weisser BMW ohne erkennbaren Anlass in eine Menschenmenge. Jemand filmte das vom Balkon aus und spielte es dem Lokalsender TeleZüri zu (Verlag: Tamedia), ein Video, das sofort auf 20min.ch (Verlag: Tamedia) zu sehen war.

Dass die Geschichte komplett an Blick und blick.ch vorbeiging und man nur nachberichten konnte, hat auch damit zu tun, dass niemand auf die Idee kommt, sowas dort anzubieten (während in Deutschland dafür mit Sicherheit Bild oder ein Privatsender wie RTL die erste Anlaufstelle wäre). Den verschnarchten und belehrenden Eindruck, den sich Blick in den letzten Jahren eingebrockt hat, wieder loszuwerden, wird ein hartes, ein sehr hartes Stück Arbeit.

Weg von der statischen Gestaltung

Mir gefällt die grafische Neukonzeption nicht. Sie ist viel zu statisch und zu brav. Die "magazinigen" Schriftarten sehen auch dann noch aus wie aus einer Frauenzeitschrift oder aus einer Werbebeilage, wenn sie den Weltuntergang verkünden. Doof ist nur, dass der Weltuntergang kommt, bevor sich junge, gebildete Frauen (die aus unerfindlichen Gründen angepeilte Lesergruppe) den Blick kaufen.

Der Vorteil dieser statischen Gestaltung ist natürlich, dass man dann auch immer weiss, wohin man die Inhalte abzufüllen hat. Der Nachteil ist, dass dabei kaum Überraschungen möglich sind, was auch der Leser merkt. Ich glaube, eine Boulevardzeitung muss jeden Tag ein Stück weit neu erfunden werden, um attraktiv zu sein.

Ausblick

Dem neuen Blick sind viele gute Ideen anzumerken und er verbessert sich nach und nach. Sollte es so weitergehen, so ist es wahrscheinlich nicht mal verkehrt, ihm Überlebenschancen einzuräumen. Dazu braucht es aber eine massive geistige Verjüngung der Redaktion, damit neue Kräfte auch mal neue Ideen einbringen können. Wenn das nicht oder nur halbherzig geschieht, wird es ein Rentnerblatt bleiben, das langsam, aber sicher vor sich hin stirbt.

Mit dem Launch der täglichen Gratisausgabe Blick am Abend und der Übernahme der mehrheitlich jungen Heute-Redaktion sind gute Möglichkeiten da. Es würde mich aber nicht wundern, wenn man diese leichtfertig verspielt.

Mehr zum Blick auf medienlese.com:

Alle Bilder: Screenshots blick.ch

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • jean-claude

    19.05.08 (11:20:11)

    @Ronnie, die zitierte "Umfrage" kann nur manipulierter Mumpiz sein, sonst wäre die SVP keine Minderheitenpartei mit einem Wähleranteil von 30%. Auf sowas sollte man nicht ernsthaft abheben. Wenn ein Verleger und seine Crew - selten genug ist es - zum Schluss kommen, eine Partei und deren politische Strömungen und wirtschaftliche Interessen, die sich hinter ihr verbergen, seien ein Verhängnis für das Land, hat das nicht unbedingt mit moraliner Political correctness zu tun, sondern womöglich einfach mit gesundem Menschenverstand. Und der hat halt manchmal seinen Preis. Der Verleger Michael Ringier ist offenbar bereit diesen Preis zu zahlen. Kann man doof finden. Ich find's intelligent. Uebrigens auch aus unternehmerischer Sicht, und die muss etwas weiter reichen als bis zum Tellerrand. Natürlich würde einer der üblichen Boulevardiers, die ihre Seele meistbietend verhökern, einer Partei wie der SVP Tür und Tor öffnen, Ausländerthemen hochfahren und jeden Tag auf die strohdumme EU einprügeln. Wahrscheinlich würde die Auflage des "Blick" kurzfristig steigen. Aber "Blick"-Leser sehen sich von ihrem Blatt wohl gar nicht so sehr missverstanden, insbesondere, wenn's um wirtschaftliche Themen geht, die der "Blick" weniger stromlinienförmig und brav als die andern Schweizer Medien behandelt. Da ist er sehr nahe bei der Mehrheit seiner Lesern. Keine dumme Strategie. In der Perspektive ist es ein zu simples Rezept, als Boulveradzeitung einfach einer Partei wie der SVP nachzurennen. Es gibt dazu ein Gegenbeispiel: Unter Axel Springer fuhr die "Bld"-Zeitung einen prononcierten, manchmal militanten Kurs gegen die SPD (während der heissen Phase der Ostpolitik: "Vaterlandsverräter" usw.) und zwar konsequent über Jahre hinweg. Obwohl der grösste Teil der "Bild"-Leser der SPD nahe standen, hat der inhaltliche Kurs von "Bild" die Wahlen kaum im gewünschten Mass beeinflusst. Im Gegenteil: Ausgerechnet in jener Phase kam die Rot-Gelbe-Regierung unter Willy Brandt an die Macht - gegen Willen und Kurs des mit Abstand einflussreichsten Mediums im Land. Die Mechanismen des Boulevard-Markts sind wohl doch etwas komplexer. Und die Leser vielleicht auch intelligenter, als vermutet: Sie kaufen "Blick" und "Bild", nehmen aber vieles mehr als Amusement denn als harte Währung. Und vor allem: Sie glauben viel weniger von dem, was man ihnen vorsetzt, als die meisten Journalisten meinen.

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