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17.04.08

Im Test (Teil 2): Blick Sport

Im zweiten Teil unseres Blick-Tests behandeln wir den Sportteil, der ja seit der Überarbeitung nicht mehr in einem eigenen Bund ist, sondern auf der letzten Seite kopfüber beginnt.

Blick Sport

Titelseite

Hinten wie vorne: langweilig. "Nase vorne!" in grossen gelben Buchstaben und dazu die Front eines Formel-1-Fahrzeugs? So aufregend ist der Titel vom 07.04.2008. Am 31.03.2008 sind zwei jubelnde Spieler der Fussballmannschaft Young Boys Bern auf dem Cover, dazu der Titel "Leader!" ("YB-Gala gegen Thun - jetzt träumt ganz Bern vom Meistertitel"). Nur drei Tage später, am 03.04.2008, sind drei enttäuschte Spieler des FC Basel zu sehen. Der einfallsreiche Titel dazu: "Frustleader" ("FCB bekam Tor geschenkt - und verlor zwei Punkte").

Formel EinsDas sollen nun also die Geschichten sein, für die man den Blick kauft? Wer gerade Leader ist der international als hochklassig bekannten Schweizer Fussballliga, das weiss jeder echte Fan schon nach dem Schlusspfiff. Das sind doch keine Titelstorys, oder? Wer als Boulevardblatt so brav titelt, hat meines Erachtens keine Zukunft.

Seite 2/3

Inhaltlich hätte man nämlich schon was zu bieten, das auf den Titel kommen könnte. Eren Derdjyok, der zugibt, ein Hands-Tor erzielt zu haben (03.04.2008).

Das Zitat von Neuchâtel Xamax-Präsident Sylvio Bernasconi, der seinen Verteidiger Nebojsa Joksimovic als "Jugo mit drei linken Füssen" bezeichnete (05.04.2008).

KopfballDas grossartige Foto von Uwe Zinke, auf dem (schon wieder) Eren Derdiyok beim Cupfinal in drei Metern Höhe einen Kopfball macht (06.04.2008).

Oder die fünf ehemaligen Spieler der Young Boys (unter anderem Urs Zurbuchen, heute Schulhausabwart in Wädenswil und Lars Lunde, heute Lagerpfleger im Kantonsspital Aarau), die fünf aktuelle Spieler der Mannschaft beurteilen (01.04.2008).

Gehört es tatsächlich zur Mentalität in der Schweiz, dass man sich unter Wert verkauft?

Hart gefragt

Mir gefällt die Rubrik auch im Sportteil. Ein Interviewbeginn vom 01.04.2008 geht so:

BLICK: Sind Sie nicht auch selbst erstaunt, dass Sie immer noch Trainer sind?

René van Eck: Nein.

BLICK: Sie verlieren ja fast nur.

Kolumnen

  • Eine gute Wahl ist die Verpflichtung von Kubilay Türky?lmaz. Falls den jemand betreffend seiner Fussballkenntnisse kritisiert, kann er immerhin sagen, dass er von allen Fussballspielern, die die Nationalmannschaft je hatte, am meisten Tore geschossen hat (nämlich 34).
  • Nicht so eine gute Wahl ist die Rubrik "Im Bett mit dem Feind", bei dem sich Marga Swoboda (A, 52) und Jürg Ramspeck (CH, Alter unbekannt, hey, war das nicht mal umgekehrt?) gegenseitig schreibend auf die Fussball-Europameisterschaft vorbereiten. Sie haben das gleiche Thema, sie schreiben genau gleich viel Zeichen und das Bild oben ist auch immer das selbe. Überraschungsfaktor: Null. Daher werde ich mir das sparen. Und viele andere auch.
  • Das Format "Meinung", manchmal gleich zweimal, manchmal überhaupt nicht im Blatt, gefällt mir wiederum gut. Auch wenn es einige Stufen pointierter daherkommen könnte: Wenn in einem Boulevardblatt "Meinung" über einer Spalte steht, dann erwarte ich ehrlich gesagt keine ausgewogene Sowohl-als-auch-Schiene. Solche Kommentare gibt es doch schon in jeder anderen Tageszeitung.

Was aber auffällt: Es sind alles Ehemalige. Ehemalige Fussballer (Kubilay Türky?lmaz), ehemalige Eishockeyspieler (Dino Kessler), ehemalige Journalisten (Jürg Ramspeck). Wie wäre es mal mit einer Person, die aktiv ist?

Hosen runterCrosspostings

Wir machen ja auch manchmal auf Beiträge bei imgriff.com oder fokussiert.com aufmerksam, im Rahmen sind Crosspostings durchaus in Ordnung. Doch muss das gleich auf der Seite 2/3 geschehen, wie in der Ausgabe vom 09.04.2008, in der auf das Magazin Goal, das ebenfalls im Ringier-Verlag erscheint, hingewiesen wird? (Der YB-Stürmer Thomas Häberli liess sich mit heruntergelassenen Hosen auf der Toilette fotografieren.) Der Verlagsbruder Blick erlaubt es sich tatsächlich, ernsthaft nachzufragen, ob diese Aktion nicht ein Fehler gewesen sei. Auf Seite 19 wird dann ganzseitig für die Schweizer Illustrierte (Ringier-Verlag) Werbung gemacht: "Gratis dabei: GOAL - das Lifestyle-Magazin zur Euro 08). Ernsthafte Nachfrage von mir: Verarscht man so nicht den Leser?

WerbungWerbung

Die Calanda-Bierwerbung (Seite 12/13, 09.04.2008) zeigt an, wie sehr die Werbung heute in den Inhalt hineingreift. Während einmal die Trennung zwischen gewerblichem und redaktionellen Teil auf den ersten Blick ersichtlich war, ist es das nun nicht mehr. Was den Werber glücklich macht, kann den Kunden so vergraulen, dass er sich verabschiedet.

Verlautbarungen

Eine Boulevardzeitung sollte ja so in etwa das Gegenteil des Amtsblatts sein. Doch dem ist nicht so, wie die doppelseitige Verlautbarung über "die neuen Olympia-Kleider" der Schweizer Sportler zeigt. Von der Redaktion extra herausgehoben wurden die Knallersätze "Ich lasse mir diese Olympia-Kleider nicht mehr nehmen" und "Ich will in Peking meine eigenen Farbtupfer setzen", Zitate von Schweizer Sportlern. Sowas würde mich unglaublich neugierig machen auf "das Spektakel in Peking" (wenn ich nicht schon längst eingeschlafen wäre).

Matchdata

Sind Fussballspiele gespielt in der "Superleague", wie die höchste Fussballliga der Schweiz sich nicht ganz realitätsnah nennt, dann gibt es einen Spielbericht in Prosa sowie pro Spiel einen einspaltigen Match-Datenbericht. Ergebnis, Zuschauerzahl, Torschützen, ihr wisst schon. Die Aufstellung wird dabei auf einem grünen Fussballfeld visuell dargestellt und jeder Spieler kriegt eine Note. Das ist, wenn ich mich nicht komplett irre, neu im Blick, vielleicht sogar überhaupt in der Schweiz? In Deutschland existieren ja schon seit Jahren x Datenbanken, zum Beispiel von Kicker oder Sport-Bild (es gibt sogar eine offizielle Bundesliga-Datenbank).

Wichtig für den Blick wäre, diese Daten online anzubieten, doch das tut er nicht. Für den Leser ist nicht mal eruierbar, ob die Notenvergabe nur gedruckt und dann wieder vergessen wird oder ob sie wenigstens die Redaktion zur Analyse zugänglich ist. Wenn diese Noten nicht per Los ermittelt wurden, ist es schade um die verrichtete Arbeit. Welchen Grund es wohl geben wird, dass diese Daten nicht online sind? Technische Probleme ?

Köbis 31

Eine Montagsrubrik, die nach dem Wochenende das Kader der Fussball-Nationalmannschaft prüft und gleich nach ihren Leistungen in "Köbis Startelf - wenn heute EM wäre" aufstellt. Ist informativ und gut gemacht, auch wenn man über die Karikaturen sicher geteilter Meinung sein kann.

Homestorys

Was man sich aber fragt, nachdem man die braven, sachlich sicher korrekten Informationen über die Leistungen der Spieler der Nationalmannschaft gelesen hat - wieso liest man das in einem Boulevardblatt? Richtig interessante Informationen zu den Spielern der Nationalmannschaft erhält man nämlich nicht im Blick, sondern von André Grieder, noch im August 2007 zum Sportchef von Blick und SonntagsBlick gekürt. In der Weltwoche schrieb er unter dem Titel General «Alles egal» all das auf, was er eigentlich als Sportchef einer Boulevardzeitung täglich hätte berichten müssen. Dass Alex Frei gerne im Hotelzimmer raucht. Dass in Trainingslagern ...

(...) kaum trainiert werde; dass ihnen der Coach in der Hotel-Drehtüre mitteile, ob sie spielen; dass Jungstar Eren Derdiyok ungestraft mit dem Handy am Ohr auf den Trainingsplatz marschiere; dass Kuhn die Matchvorbereitung mit der wenig motivierenden Floskel beginne, es gebe nichts Neues mitzuteilen; dass sie ohne klar umrissene Aufträge ins Spiel gingen; dass für eine Systemänderung ein einziges einstündiges Training nicht genüge; dass Köbi Kuhn schwer zu kontaktieren sei, weil immer seine Frau Alice das Telefon abnehme und ihren Mann damit entschuldige, er sei gerade am Einkaufen.

RosenkriegAus jeder dieser Zeilen könnte man eine Titelgeschichte machen, wenn man wollte. Doch offenbar darf das der Sportchef des Blicks nicht. Weder der letzte noch der aktuelle. Schade.

Was titelt der Blick stattdessen (10.04.2008)? "GC-Goalie Jakupovic: Rosenkrieg" - eine doppelseitige Geschichte über Eldin Jakupovic und seine Freundin. Sorry, aber das ist nicht "Sport", das ist "Gala", "Schweizer Illustrierte" oder "Glücks-Post". Wegen sowas lese ich nicht den Sportteil einer Boulevardzeitung.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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