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02.04.08

Im Test (Teil 1): Blick

Seit rund einem Monat erscheint die stärkste Boulevardzeitung der Schweiz, der Blick, rundum erneuert. Wir schauen genauer hin – und nehmen für unseren Test gleich mehrere Ausgaben unter die Lupe.

In unserem ersten Teil geht's um die Seiten, die früher mal den ersten Bund des Blick ausgemacht haben.

 

Titelseite

Schwach, weil viel zu statisch. Wenn sich eine Boulevardzeitung in ein festes Muster drängen lässt, dann hat sie meiner Meinung nach schon verloren. Überraschungen sind, wenn man so strikt festhält an der Form, gar nicht möglich. Und ehrlich, glaubt jemand, der Hinweis, einer aus der Blick-Redaktion habe die neue CD von Madonna schon gehört, könne heute noch jemand zum Kauf einer Bezahlzeitung bringen? Vielleicht überschätze ich ja den Blick-Leser, aber so doof ist er auch nicht.

Viele Titelseiten sind auch schlicht unpointiert. "Finanzkrise - Ist unser Geld noch sicher?" - aufregend illustriert mit dem Drehkreuz eines Safes. Oder "Uns gehts gut, oder?" - illustriert zum xten Mal mit dem Matterhorn (guckt man sich diese beiden Titelseiten des alten Blicks an, fragt man sich, was sich nun eigentlich geändert hat). Das wirkt nicht nur bieder, das ist bieder. So bleibt man die Rentnerzeitung, zu der man in den letzten Jahren geworden ist.

Ansatzweise gefallen hat mir "Und ihr wollt Europameister werden?" nach dem 0:4-Freundschafts-Fussballspiel gegen Deutschland. Ein wenigstens halbwegs gelungener Ansatz, die Stimmung des Volks, von dem man sich in den letzten Jahren so sträflich entfernt hat, einzufangen.

Seite 2/3 (Titelgeschichte)

Nehmen wir den Samstag, 29.03.2008. Auf dem Cover die Schlagzeile "Schweizer trinken sich an die Euro" - eine indifferente Geschichte darüber, wie Marken wie Carlsberg, Coca-Cola oder Mac Donald's Tickets für die Fussball-EM 2008 vergeben, verbunden mit Gewinnspielen, in denen man bessere Chancen hat, wenn man viel Bier trinkt beispielsweise. Der Text ist ein bisschen kritisch, vor allem aber PR für diese Werbeaktionen und die daran beteiligten Firmen. Es ist ein ausgewogener und ätzend korrekter Bericht, der genau so gut im Tages-Anzeiger erscheinen hätte können.

Im Tages-Anzeiger dann lese ich am gleichen Tag die Story, die meiner Meinung nach eine klassische Boulevardstory ist, auf Seite 21. Ein 7-jähriger Schüler wurde vor Ostern von der Polizei bei seinen Eltern abgeholt und in ein Heim überwiesen, weil er angeblich seine Mitschüler gefährdet hat ("grosse Steine gegen Mitschülter geworfen", "ein Kind von einem Klettergestell gerissen", "im Hallenbad ein Kind unter Wasser" gedrückt, "er ist respektlos, auch gegenüber Erwachsenen. Er lässt sich nichts sagen"). Im Blick habe ich davon nichts gelesen (habe ich es vielleicht nur übersehen?).

Grundsätzlich ist die Idee einer Vertiefung des Titelthemas gut - die Gefahr ist aber dabei, dass dabei ein strunzlangweiliger und xbeliebiger Tageszeitungstext rauskommt. Damit biedert man sich der Konkurrenz eher an, als dass man sich von ihr abgrenzt.

Hart gefragt

Eine neue Rubrik, die sich auch im Sportteil findet. Etwas gewöhnungsbedürftig das ausgeschnittene Foto, das jeweils mit zwei Klebern befestigt zwischen die Fragen gepappt wird. Mir gefällt die Rubrik gut, da mal wirklich nachgefragt wird und nachgehakt wird. Als Beispiel das Gespräch mit dem Chef der Post, Ulrich Gygi. Nacheinander lauten die Fragen (zwischen denen Gygi antwortet): "Was bringt die Liberalisierung den kleinen Kunden? Ihre Antwort? Konkreter, bitte. Bitte, Herr Gygi, werden Sie konkreter. Sie wollen als zum Beispiel das gelbe Einzahlungsbüchlein abschaffen? Will heissen? (...)"

So wird die Rubrik ihrem Namen gerecht und grenzt sich wohltuend ab von vielen anderen Gesprächen, die zu lesen sind.

Der Blick-Käfer

Gut, der war schon immer sehr doof und hat auch immer total langweilige Dinge gesagt. Jetzt sieht er dazu auch noch doof aus. Der Käfer steht zum Beispiel neben den Lottozahlen und sagt: "Da hat einer das grosse Los gezogen" (ein einzelner Gewinner tippte 6 Richtige). Oder der Käfer steht neben Leserbriefen zur Bankenkrise und Josef Ackermann und sagt "Ich muss auch ackern," (ja, inklusive Komma). Wie wäre es eigentlich mal mit einem Konzept, das einen witzigen Käfer vorsieht? Traut man dem Blick-Leser keinen Humor zu? Oder eher der eigenen Redaktion?

Service

Richtig guten Service bietet der Artikel "Fachhochschule verrät: So dribbeln sie die Uefa aus!", der Firmen zeigt, wie sie mit der Fussball-EM Werbung machen können, ohne es mit den Anwälten des Verbands zu tun zu kriegen. Das ist etwas Journalismus und etwas Ratgeber. Der Artikel behandelt einerseits konkrete Probleme von Lesern und ist hilfreich, kann aber auch für Leser, die nichts damit zu tun haben, interessant zu lesen sein.

Das Blick-WetterWetter

Eine ganze Seite nur für das langweiligste Thema, das die Menschen am meisten beschäftigt. Da dürfen dann auch der Jahrestag, der Geburtstag und der Namenstag des Tages drauf. Ein Rätsel bleibt mir die Rubrik "Biowetter / Schadstoffe", das Begriffe wie Migräne, Rheuma, Atemwege, Herz-/Kreislauf [was ist denn Herzlauf?], Feinstaub, Ozon und Stickoxide in "Gut", "Neutral" und "Negativ" teilt. Wie jetzt? Hat es heute gut Feinstaub in der Luft, wenn bei der Pfeil bei "Gut" steht? Und was heisst "Negativ" für meine Atemwege, wenn es den ganzen Tag regnet? Könnte Wasser in die Lunge kommen?

Debatte

Noch eine neue Rubrik und nochmals Lob. Hier werden Lesermeinungen, die auf Blick Online oder per Mail eingegangen sind, abgedruckt. Die Identitäten werden dabei natürlich nicht geprüft. So schreibt ein "Pascal Zuberbühler" (?) aus Wetzikon/ZH am 17.03.2008 einen Leserbrief zum Thema "Palästina, Tibet, Kosovo". Mit dabei auf der gleichen Seite: Pascal Merz aus Sursee, der vermutlich eifrigste Leserbriefschreiber der Schweiz.

Fast zwei Seiten mit Leserinhalten in einer Tageszeitung - ist das schon Rekord? Erfreulich: man merkt, dass sich jemand um die Seite kümmert. Meist sind ausgewählte Beiträge zu zwei laufenden Debatten dabei sowie ein oder zwei per MMS eingegangene Leserbilder.

Foto des Tages

Auf die Debatte folgt jeweils eine Doppelseite, über die sich ein einzelnes Foto zieht. Das wirkt überraschend in einer Boulevardzeitung und anfänglich fast erschlagend. Mein erster Gedanke war: Aber das ist doch verschwendet in einem Blatt, das nicht auf Hochglanz erscheint. Ist es aber natürlich nicht, gedruckt wird die Zeitung sowieso. Die Fotoauswahl bisher war oft sehr gut, was ja für so ein Gefäss nicht anders zu erwarten ist. Man macht den Leser so darauf aufmerksam, dass es Fotojournalismus gibt und dass der auch in einer Flut von Bildern wahrgenommen werden kann. Dass es sich lohnen kann, ein Bild länger als zwei Sekunden anzusehen.

Reportage

Ein Element, das vermutlich aus der Readerscan-Erkenntnis, dass sogar Blick-Leser gerne längere Texte lesen, geboren wurde. Als Fan von Reportagen kann ich natürlich nur dafür sein, dass diese tägliche, dreiseitge Reportage im Blick überlebt. Mit dem Schriftsteller und Reportagenjournalist Erwin Koch (Ex-Das Magazin) als Coach hat man sich hier definitiv den richtigen Mann ins Boot geholt , um täglich eine gute Reportage produzieren zu können. Für mich das Highlight im Heft, das muss man erst mal nachmachen.

People

Dann kommt der mich unglaublich langweilende People-Teil mit all den Madonnas, Britneys, den Instant-Stars aus Fernsehformaten. Von mir aus könnte man diesen Teil ersatzlos streichen.

Life

Spätestens ab hier kommt der magazinige Teil, der mich ebenso langweilt wie die "People". Parfüms, Reisetipps, Schuhe, Säfte, Autos, Sonnenbrillen, all das, was vorzugsweise in Werbeprospekten angepriesen wird. Ist das nun also, was Marc Walder in den Blick reinbringt, die tägliche Prise Schweizer Illustrierte? Für mich ist das alles Spam, basta. Mir ist aber auch klar: das ist keine mehrheitsfähige Meinung - es gibt sehr wohl produktinteressierte Leser.

Kultur

Und noch so ein Teil, bei dem ich mich schon immer fragte, was er in einer Boulevardzeitung zu suchen hat. Als würde sich ein theaterinteressierter Leser ausgerechnet den Blick kaufen, um die drei Spalten über die Aufführung im Stadttheater Solothurn zu lesen. Dazu würde ich gerne mal die Readerscan-Auswertung sehen! Doch vielleicht liege ich ja komplett falsch und die Leser reissen sich darum, zu erfahren, dass die lange als verschwunden geltende Vivaldi-Oper "Argippo" in Prag vor ihrer neuzeitlichen Welturaufführung steht (Blick vom 15.03.2008).

Duschen mit BlickWissen

"Alien, wo bist du?", "Superwoman Ameise" oder "So dreckig gehts dem Meer" heissen die auf populär gemachten Infotainment-Beiträge in dieser halbseitigen Rubrik, die einen darauf aufmerksam machen, dass man schon lange nach Aliens sucht, aber nichts findet, dass Ameisen Teamarbeiter sind und dass das Meer relativ schmutzig ist. Am besten gefällt mir "Warum klebt der Duschvorhang am Körper?" Kann man lesen, besser aber nimmt man wieder mal das Lexikon aus dem Schrank oder guckt etwas aus dem Fenster und denkt nach.

Erotik im BlickErotik

Als hätte man sich eben durch einen Berg Rosenkohl, Broccoli und Blumenkohl (andere unbeliebte Gemüse nach Belieben einfügen) gekämpft, kommt nun endlich das zarte Fleisch dran. Nicht ohne Grund ist es der nahezu letzte reguläre redaktionelle Teil - danach kommen nur noch Kreuzworträtsel, Horoskope, Fernsehprogramme, Sudokus, Comics und Leserwitze. Wer wissen will, wie das Sexleben von Celina (18), von Nadya (22) oder von Melody (24) ist, muss bis zu dieser Seite durchblättern.

Dann aber darf er es wissen. Celina und ihr Freund packte es im Wald: "Dabei ist der Baum auseinander gefallen und überall krabbelten Ameisen rum. Diese Übung mussten wir abbrechen." Nadya mag ältere Kerle und hatte auch schon mehrere Orgasmen nacheinander. Und Melody schaut am liebsten Schwulenpornos.

Das klingt jetzt alles etwas doof so zusammengefasst, man darf aber nicht vergessen, wie unerlässlich Sex für eine Boulevardzeitung ist - eine einzige Seite ist eigentlich viel zu wenig. Umgesetzt ist das Thema zeitgemäss und ansprechend: Keine doofen männlichen Redakteure, die den Versuch machen, zu irgendeinem doofen Nacktbild einen noch dooferen Reim zu schustern. Stattdessen Frauen, die sich im Idealfall bei der Redaktion melden, mit einer Frau (einer Psychologin) über ihre Fantasien reden und zum Schluss mit dem gesamten Beitrag zufrieden sind.

Aus emazipatorischer Warte muss ich allerdings sagen, dass ich auf die mir versprochenen Kerle warte, die über ihre sexuellen Fantasien sprechen. Allerdings habe ich kürzlich gelesen, dass auch Frauen oft lieber Frauen ansehen als Männer.

Neben den Interviews über sexuelles Leben die seit x Jahren bewährte Beratung zu sexuellem Leben. Herausheben wollen wir den Brief von Lotti aus St. Gallen (51) vom 25.03.2008, die mit ihrem Mann (58) seit 30 Jahren verheiratet ist. Lotti klagt:

Immer muss ich um ihn buhlen! Früher warf er mich manchmal aufs Bett, aber das ist vorbei. Seit ich etwas erben konnte, sagt er sogar, ich solle zahlen! Und er meint das genauso! Jede Nacht kehrt er mir den Rücken zu. Da kann ich machen, was ich will, es bleibt dabei. Es sei denn, ich kaufte ihm etwas Teures. Dann ist er für kurze Zeit zugänglicher. Aber bald heisst es wieder, er sei müde. Das ist doch kein Leben!

Die Antwort von Beraterin Eliane:

Liebe Lotti! Die Auflösung deiner Anspannung wäre einfach: Du müsstest deine Bemühungen um die Gunst deines Mannes einstellen! (...)

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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