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17.08.08

Im Test: «Newsnetz»

Vor gut einer Woche ging das «Newsnetz» an den Start, ein neues Mantelkonstrukt hinter den Websites von Tages-Anzeiger, Basler Zeitung und Berner Zeitung. Wir testen Konzept und Umsetzung.

Wie die Zukunft der Zeitung aussieht, wird im Wochentakt diskutiert; die stets pointiert vorgetragenen Meinungen reichen je nach Interessenlage von: «Zeitungen auf Papier werden ganz verschwinden» bis zum eigentlich bereits widerlegten: «Es wird sich nichts ändern». Wie sieht aber die Zukunft der News-Websites aus, die meist aus denselben Häusern stammen? Einerseits informieren sich immer mehr Leser im Web, andererseits lassen die Werbeeinnahmen dort noch auf sich warten, was die Branche zunehmend nervös werden lässt.

Seit vorletztem Freitag kann man mit dem «Newsnetz» die Antwort der Tamedia auf diese Frage besichtigen. Unter der Hypothese, dass nur die Grossen im Netz Geld verdienen werden, hat man das seit Jahren überfällige Redesign von tagesanzeiger.ch nicht allein geschultert, sondern sich mit der Berner Zeitung (gehört seit 2007 ebenfalls der Tamedia) und mit der Basler Zeitung (mehrheitlich in Familienbesitz) zusammen getan.

Das Newsnetz bringt das Konzept des «Mantels» ins Web – und vollzieht damit den Trend nach, der bei Zeitungen seit Jahren publizistisch geschmäht, aber betriebswirtschaftlich durchgezogen wird. Eine gegenüber früher stark erweiterte Online-Redaktion in Zürich mit 26 Stellen macht die nationalen Inhalte; für Zürich, Basel und Bern ergänzen je 6 Leute die regionalen Inhalte, so dass die neue Redaktion auf 44 Vollzeitstellen kommt (Zahlen laut Schweizer Journalist, online nicht verfügbar). Damit ist man etwa so gross wie die Online-Redaktion von 20minuten.ch und deutlich grösser als alle anderen in der Schweiz. Laut Medienmitteilung vom letzten Herbst sollen noch weitere Zeitungen wie der Winterthurer Landbote dazu kommen, wofür allerdings kein Zeitplan angegeben wurde.

Den uninspirierten neuen Namen «Newsnetz» leistet man sich, weil er nicht kommuniziert wird (die zugehörige Flashhöllenwebsite enthält nur PR-Kram und Mediadaten): Jeder Leser nutzt «seine» Website von Tagi, BaZ oder BZ und merkt nichts vom neuen Zentralismus – theoretisch. Denn der entscheidende Unterschied bei der Frage, ob das Prinzip Mantel auch im Web funktioniert, heisst: Google. Dessen Algorithmen mögen keinen «duplicate content», sortieren gleiche Texte aus und zeigen gnadenlos nur einen -- oder keinen! -- der Texte als Treffer an. Auf den einzelnen Websites merkt man nichts, aber beim Zugang via Google oder Google News dürfte die stärkste Site, vermutlich also in Zukunft tagesanzeiger.ch, den anderen das Wasser abgraben. Ob sich die Juniorpartner in diesem Deal dessen bewusst waren?

Basler maximal regional

Die drei Homepages werden von den Redaktionen separat bestückt, wobei sich sehr deutliche Unterschiede zeigen: Tagesanzeiger.ch macht auf nationale News-Site, kaum verirren sich Zürcher Inhalte über die Scrollgrenze. Ganz anders die Basler, die mit Regierungsratswahlen, Rheinschwimmen und immer wieder dem FC Basel maximale Regionalität demonstrieren. Am Samstagmorgen habe ich nachgezählt: In der linken Hauptspalte von bazonline.ch zeigten 9 von 15 Artikeln regionale Basler Inhalte. tagesanzeiger.ch hatte zur selben Zeit nur einen Zürich-Artikel, die Berner Zeitung gar keinen lokalen.

Wie ist das zu interpretieren? Entweder aus der Innensicht: Im Gegensatz zur Berner Zeitung, die online in der ersten Woche keinerlei eigenes Profil erkennen liess, will die BaZ sich klar vom Partner Tages-Anzeiger abgrenzen. Oder aus der Aussensicht: Die Attacke auf NZZ Online, als die das ganze Newsnetz angelegt ist, traut sich nur der Tages-Anzeiger wirklich zu, die Basler flüchten sich in Themen aus ihrem eigenen, sprichwörtlichen Basler «Daig» (Teig).

Ohnehin ist die Positionierung der Schweizer Online-Medien eine immer unübersichtlicher werdende Gemengelage: 20minuten.ch ist mit strikter Klickfixierung (unter Peter Wälty, jetzt Chef Newsnetz) zur grössten Schweizer Online-Redaktion geworden, strengt sich aber inzwischen sichtbar an, ernsthafter werden. Nun hat Blick.ch die geringsten Hemmungen, muss aber mit dem Spagat leben, dass das Blatt hintergründiger werden will. NZZ Online war bei den seriösen News in der Poleposition, ist aber durch die Abwesenheit einer Online-Strategie und eine unterdotierte Redaktion zu wenig vorwärts gekommen.

Erstaunliche Unterschiede im Erscheinungsbild

Wer alle drei Online-Auftritte nacheinander durchklickt, dem fällt auf, wie wichtig Typographie ist, denn die eigentlich fast gleichen Sites wirken optisch erstaunlich unterschiedlich. Während der Relaunch für tagesanzeiger.ch auch optisch durchaus einen Quantensprung bedeutet und das neue Layout mit dem «Zeitungskopf» gefällig daherkommt, verströmt «baz.online» mit seinem einsnulligen Logo einen eher strengen Charme. Unverständlich ist, warum man nicht die Gelegenheit genutzt hat, sich vom separaten Online-Brand -- ein typisches Konzept der späten Neunzigerjahre -- zu trennen und die Website in «Basler Zeitung» unter der Domain «baz.ch» umzubenennen. Diese Domain besitzen die Basler selbst, redirecten sie aber auf die hässliche bazonline.ch. (Die auch in einigen Blogs etwas gar aufgeregt geführte Diskussion um die Domain baslerzeitung.ch wäre dann viel weniger wichtig, dann «BaZ» ist das etablierte Kürzel und unschlagbar kurz.)

Die Berner haben es zumindest aus Branding-Sicht besser gemacht und ihr wenig überzeugendes Online-Mischmasch «espace.ch» zugunsten von «bernerzeitung.ch» über Bord geworfen. (Wobei daran kritisiert wird, dass man nun die regionalen Inhalte nicht wiederfindet, aber das liegt wohl vor allem an der Führung der Homepage, siehe oben.)

In Zukunft wird es noch enger in der Deutschschweizer Online-News-Landschaft –- von der man nicht vergessen sollte, dass sie nur aus rund zwei Millionen Leserinnen und Lesern besteht. Als plakatives Beispiel für den Herdentrieb der Verlagsbranche gaben letzte Woche die «führenden Schweizer Regionalzeitungen», Neue Luzerner Zeitung, St. Galler Tagblatt (die teilweise oder ganz der NZZ gehören), AZ Mediengruppe und weitere ihren für Oktober (!) geplanten Launch eines weiteren Multi-Verlags-Konstrukts bekannt: «news1.ch» hat den noch dümmeren Namen und setzt ebenfalls auf das Zentral-/Regional-Konzept. Wie sich diese Sites dann noch untereinander und von den genannten Wettbewerbern abgrenzen wollen, steht in den Sternen. (Siehe dazu auch ein interessantes Kommentar-Pingpong hier bei uns.)

Was fiel sonst noch auf?

  • Domains: Der alte Tagi-Auftritt war jahrelang unter tagesanzeiger.ch. tages-anzeiger.ch und tagi.ch zu erreichen, ohne dass auf eine einheitliche Domain redirected wurde, was schlecht für den Google-Rank ist – diese Sünde wurde endlich behoben.
  • Werbung: muss sein, aber ob die Schaltung des maximalen Werbemittels «Brandweek», das alle drei Websites die ganze Woche mit Valser Bergen zustellte, gleich zu Beginn nötig war?
  • Redaktions-Mailadressen: kann sich vermutlich nicht mal die Redaktion merken: ta-lokal.newsnetz@tages-anzeiger.ch
  • Mobile Theme: Nur tagesanzeiger.ch hat eins, wohingegen BaZ und BZ auch auf dem Handy die kompletten Seiten inklusive Valser Bergpanorama mit 900 kB ausliefern – was sie unterwegs praktisch unbedienbar macht.

Zukunft der News-Portale unklar

Angesichts gross angelegter Projekte wie dem Newsnetz stellt sich wie eingangs erwähnt die Frage nach der Zukunft der grossen News-Portale als zentralem Einstiegspunkt. Wir blicken zehn Jahre Erfahrung mit Online-News zurück -- erst zehn Jahre, würde ich sagen -- und es könnte durchaus sein, dass sich alle noch als Übergangslösungen erweisen werden.

Auf der Website von barackobama.com kann man sich unter der Überschrift «Be the first to know» registrieren, um eine E-Mail zu bekommen, wer Obamas «Running Mate» für das Vizepräsidentenamt ist. Und weil man dort die 1.7 Millionen Online-Supporter ernst nimmt, dürfte diese Mail zeitgleich mit der Information der Presse rausgehen. Vor einigen Wochen verschickte Swisscom die Schweizer iPhone-Preise fast gleichzeitig als Pressemitteilung und per E-Mail an interessierte Privatpersonen. Fazit: Der zeitliche Vorsprung der professionellen Medien gegenüber dem Medienkonsumenten schmilzt dahin, wer wirklich interessiert ist, kann sich in Zukunft auch direkt informieren lassen.

Was bleibt? Das Kommentieren der News -- na ja, die spannendsten Kommentare liest man schon heute eher selten in der Zeitung. Die Auswahlfunktion der Medien aus dem riesigen News-Strom ist ebenfalls bereits unter Belagerung durch 2.0-Mechanismen, die allerdings noch nicht im Mainstream angekommen sind. Wie immer bei Innovationen überlappen die Entwicklungen sich zeitlich: Viele Menschen entdecken erst heute das Web als stetigen Begleiter durch den Alltag, sie verschieben ihre Informationsgewohnheiten und klicken sich mit immer noch wachsender Begeisterung durch die Newssites. Am anderen Ende aber brechen die Early Adopter durch Feeds, Twitter, Rivva & Co. schon wieder weg. Ich kann nur für mich sprechen: «Spiegel Online» habe ich vor zehn Jahren im Stundentakt aufgerufen, heute sehe ich die Homepage oft tagelang nicht.

Newsnetz weitgehend Web-2.0-frei

Den Machern des Newsnetz' scheint die zweite Entwicklung noch nicht relevant zu sein, denn «Web 2.0-Elemente» sucht man weitgehend vergeblich. Sie sind nur selektiv aktiv (Kommentare kann man nur bei wenigen, von der Redaktion bestimmten Artikeln anbringen), gut versteckt (die RSS-Feeds findet man erst nach langem Suchen in der Fusszeile) oder eventuell aus Zeitgründen nur verschoben. Diverse Blogger waren entsprechend enttäuscht, denn mit den nun angebotenen Funktionen hätte die Tagesanzeiger-Website auch schon 2005 an den Start gehen können. (Bugsierer hat Notizen zur ersten Woche zusammengestellt.)

Dieser wenig innovative Ansatz überrascht, denn zum einen wäre die auch online konservative NZZ hier am leichtesten zu packen gewesen, und zum anderen gehen der technologische Fortschritt und die Demokratisierung der Online-Newslandschaft wie beschrieben weiter. Die Gatekeeper-Funktion, die die Zeitungen früher innehatten, werden Onlinemedien nicht wieder erreichen können, daher täte ihnen etwas Experimentierfreude sicher gut.

Der Artikel erschien in einer kürzeren Version unter dem Titel «Nichts Neues im Netz» (PDF) in der SonntagsZeitung vom 17. August 2008. Siehe dazu auch hier.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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