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12.07.08Leser-Kommentare

Im Test: Nebelspalter

Die besten Zeiten des 1875 gegründeten Satiremagazins Nebelspalter sind vorbei. Die Sommernummer zu China zeichnet sich aus durch Kinderwitze, zudem muss man sie als fremdenfeindlich bezeichnen – lustig geht anders.

Im Test: Ausgabe 6/2008, Juli und August 2008.

Allgemeiner Eindruck

Ein Heft, das man von hinten nach vorne liest: Das Titelblatt ist auf der letzten Seite zu finden, das Editorial auf Seite 3, der vorvorletzten, etc. Auf Seite 58 (Seite 3 bei üblicher Zählweise) wird man darauf hingewiesen (genau so, neben einem Fragezeichen):

Aber, aber - was wollen Sie denn hier? Eine China-Nummer, die auf der dieser Seite beginnt? Sie müssen bei diesem Thema offensichtlich ganz von vorne anfangen. Kleiner Tipp: Vorne ist im Reich der Mitte hinten ...

Danke für den unfreundlichen Einstieg, bei so einer arroganten Begrüssung lege ich in der Regel ein Heft gleich weg, aber ich bin ja am testen.

 

Zielgruppe

Auf nebelspalter.ch ist zu lesen:

Das Abonnenten-Profil weist folgende Eckdaten auf: Der Leser ist 30 Jahre und älter, mittlere bis höhere Einkommensklasse, gute Aus- und Allgemeinbildung mit Interesse an Politik, Wirtschaft und Kultur. Menschen, für die Humor und Satire eine Selbstverständlichkeit sind.

Für mich heisst das: Sich selbst als humorvoll empfindende humorlose Beamte, Lehrer, Ärzte, Architekten oder andere Arten von Akademikern und Pensionären zwischen 50 und 95.

Mehr noch:

Die 261'000 Leserinnen und Leser des «Nebelspalter» heben sich mit folgenden Merkmalen vom Durchschnitt der Bevölkerung ab: Sie besitzen einen höheren Bildungsabschluss, arbeiten in einer Führungsposition, engagieren sich politisch, sind Wohneigentümer, leisten gemeinnützige Arbeit, unternehmen organisierte Rund reisen und erholen sich beim Musikhören, Bücherlesen oder Theaterbesuch.

Da glaubt man sofort, dass keiner der Nebelspalter-Leser unter 30 ist.

Anspruch

Nebelspalter.ch:

Der Nebelspalter ist das führende Schweizer Magazin für gute, intelligente Satire in Wort und Bild. In jeder Ausgabe befassen sich profilierte Satiriker, prominente Autoren und professionelle Zeichner auf überraschende, witzige, querköpfi ge und amüsante Weise mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen und Ereignissen. Die älteste regelmässig erscheinende humoristische Zeitschrift der Welt ist mit ihren Satiren und Parodien, Kolumnen und Glossen, Karikaturen und Cartoons ein Muss für Satireliebhaber und ein Genuss für alle.

Titelseite

Frakturschrift weiss in rot: das erinnert an alte Zeiten und an die schweizer Flagge. Ein vor Bambusblättern und angedeuteten chinesischen Schriftzeichen sitzender Panda mit einem Tischtennisschläger mit chinesischer Flagge in der Hand: das erinniert an versammelte Vorurteile über China. Da hätte man auch den gelbhäutigen Chinesen mit Zopf bringen können, der lispelt. Aber der ist ja schon auf Seite 25. Er sagt einem offenkundig nach dem Weg fragenden Lastwagenfahrer (Marco Polo Import - Export): "Einfach die Polyestelstlasse immel geladeaus".

Verlag

Engeli & Partner Verlag, Horn (Schweiz)

Auflage

20.000 Exemplare. Bei Wikipedia findet sich dieser schöne Absatz:

Ende 2005 erschien der Nebelspalter mit einer Auflage von 20.000 Exemplaren und zählte gemäss der Marktforschungs-Studie MACH Basic 285.000 Leser pro Ausgabe.

Also wird jeder Nebelspalter von 14,25 Menschen gelesen. Keine schlechte Quote, aber: wer kann das für die Wahrheit halten?

Erscheinungsweise

10 mal jährlich.

Seitenanzahl

60

Preis

1 Ausgabe für 9.80 Franken, 10 Ausgaben für 92 Franken.

Preis / Leistungsverhältnis

Mir egal, ich möchte es nicht mal geschenkt.

Onlineauftritt

nebelspalter.ch, mit einem von einigen witzigen Cartoons gefüllten Blog auf der Startseite. Den RSS-Feed der Website habe ich abonniert, leider trudelt aus unerfindlichen Gründen von nebelspalter.ch nur alle paar Monate ein neuer Beitrag ein. Wer will, kann sich für nur 6.80, also für 3 Franken weniger als die Printausgabe, ein PDF einer Ausgabe herunterladen.

Inhalt

Viele Cartoons, erstaunlich viele Texte, von denen viele von China und den bevorstehenden olympischen Spielen handeln. Doch unglücklicherweise sind sie auf besorgniserregend tiefem Kinderwitz-Niveau angesiedelt und dazu mit einer grossen Portion Unkenntnis über die chinesische Kultur ausgestattet. Es ist nicht mal so sehr die Unkenntnis, die anstösst, denn die teilen wir uns mehr oder weniger alle. Es ist das Nicht-zur-Kenntnis-nehmen-wollen von jeglichen Informationen, die die Stufe des doch sehr gemeinen Vorurteils gegenüber einem fremden Land, einer fremden Kultur überwinden.

Das "Chinesisch für Olympia-Besucher" auf Seite 15 übersetzt "Das haben Sie toll gemacht" mit "Du Su Pa". Oder "Wissen Sie, wo dieses Hotel ist?" mit "Du Wi Sen Wo Turi Sten Ka Sten". Ich glaube, das wäre sogar in einer Kinderzeitschrift peinlich.

Im Heft sind viele Texte zur schweizer Politik, mehrheitlich drehen sie sich um den Bundesrat, der wie Comicfiguren dargestellt wird. Micheline Calmy-Rey ("Wer fliegt nach China?", Seite 37) hört sich an wie abgetippt aus einer Satiresendung des Schweizer Fernsehens:

Isch möschte wieder einmal ganz für misch, mit André und meinen Enggeln zusammen Ferien maschen. Isch abe es einfasch satt, dass misch die albe Schweiz wegen meiner Garderobe gritisiert und mir bei meinen Auslandreisen digtieren will, welches Gopftusch isch wo tragen darf und wo nischt..."

Ich glaube, sowas parodieren Oberstufenschüler auf dem Pausenhof besser.

Highlights

Machen wir es uns einfach. Listen wir einfach die drei Seiten auf, die mich zum Lachen brachten:

1. Der Comic auf Seite 21, bei dem ein Gast in einem chinesischen Restaurant "wir nehmen die 79, die 66 und einmal die 27, bitte" sagt und der Kellner "Macht 172" antwortet. Kein Witz, der stimmig ist, aber in diesem Umfeld ist man ja schnell mal dankbar.

2. Seite 52, vier Comics von Martin Zak

3. Seite 55, vier Comics von Peter Thulke.

Brüller sind aber auch die nicht, doch ok bis gut schon. Dreimal Lachen bei einem Satiremagazin? Das ist definitiv zu wenig. Und ja, vermutlich bin ich es, der humorlos ist. Nun denn.

Lowlights

Wirklich störend ist die Fremdenfeindlichkeit, die durch manche Texte scheint.

Seite 12, Jürg Ritzmann:

Mit dem Essen sind die dort drüben auch nicht so heikel wie die verwöhnten helvetischen Balge. Chinesen essen zum Beispiel Hunde. Oder Fischaugen, manchmal. Sie essen quasi alles, was nicht aus Metall ist oder auf dem Geigerzähler nicht zu sehr ausschlägt.

Eine Satirezeitschrift soll ungestraft verallgemeinern können, klar. Aber wenn man weiss, welchen Stellenwert das richtige Essen in China einnimmt, dann ist dieser Ansatz grundfalsch, eine Verkehrung der Realität.

Der Eindruck, die Chinesen seien das ideale Opfer, um die eigene, latente Fremdenfeindlichkeit auszuleben, lässt mich nicht los. Sie sind weit weg, verstehen die deutsche Sprache nicht und werden mit grosser Sicherheit nichts von diesem Heft erfahren. Wie sich wohl ein Chinese, eine Chinesin, der deutschen Sprache mächtig, nach der Lektüre dieses Hefts fühlt? Verantwortlich gemacht für die Taten einer Regierung, die nicht mal gewählt werden kann, vielleicht?

In einem Fragebogen auf Seite 16 wird nach dem persönlichen Verhältnis zu China gefragt. Je drei Antworten sind zur Auswahl, jene, für die man jeweils nur einen Punkt kriegt, lauten so:

- China ist so weit weg, dass ich mich darum nicht kümmern muss

- Wenn ich einen Chinesen sehe ... kriege ich Angst und haue vor ihm ab

- Wenn ich ein Kleidungsstück im Geschäft auswähle ... kaufe ich es nicht, wenn es aus China kommt

- Meine nächste grosse Reise ... nie, nie nach China, ich möchte nicht ersticken oder vergiftet werden

- Wenn in meine Familie jemand aus China einheiraten sollte, ... ändere ich meinen Familiennamen

- Wenn ein chinesischer Sportler eine Medaille gewinnt, sage ich: "Die Masse machts."

Sex-Appeal

Ich glaube, die Menschheit würde aussterben, wenn alle den Nebelspalter lesen würden.

Fazit

Der Nebelspalter als Satiremagazin scheitert vor allem an sich selbst. Er ist nicht witzig. Und nicht witzig ist er, weil er nicht locker und nicht unbefangen ist. Stattdessen sitzt er auf der Seite der Moralisten. Das ist grundfalsch: Satire, jedenfalls die lustige, ist der natürliche Feind von Moralisten. Und wendet sich somit gegen Verlogenheit, Heuchelei, Anbiederung aller Art. Das ist nicht der Fall, wenn eine Zeitschrift vom hohen Ross einer (den Schreibern) in den Schoss gefallenen Demokratie die Menschen eines Staats niedermacht, die ebenso unschuldig sind an ihrer, durchaus kritikablen Führung.

Zukunft

Erscheint das Heft weiter in dieser Form, so wünsche ich mir, dass es keine Zukunft hat und irgendwann eingestellt wird. Wiederum wird es immer humorlose Menschen geben, die gerne unterhalten werden, faktisch hat es also eine. Tritt man für den Humor ein, dann kann man sich nur eines wünschen: Redaktion wechseln, neu anfangen.

Bewertung

1/10 Punkten

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • nichtlustig

    12.07.08 (14:23:50)

    ha. selten eine so "grobe" kritik gelesen, die den kritiker so "grob" selbst entlarvt. nach dem durchlesen reicht eigentlich ein zurückkommen auf den ersten abschnitt: "Danke für den unfreundlichen Einstieg, bei so einer arroganten Begrüssung lege ich in der Regel ein Heft gleich weg, aber ich bin ja am testen." tja. der nebelspalter ist wahrlich nicht das gelbe vom ei. aber wie er hier runtergeputzt wird auf 1/10, das ist schon total - unfreundlich und arrogant. grob halt. hab hier noch nie was anderes gelesen von dem, wenn der testet.

  • xeophin

    12.07.08 (15:07:43)

    Nun, das Wikipedia-Zitat macht durchaus Sinn, wenn man sich überlegt, dass der Nebelspalter in freier Wildbahn vor allem in Arztpraxen zu finden ist ...

  • Rolf Meier

    13.07.08 (01:59:26)

    Mir beim Lesen des Artikels nicht klar geworden was an den Kinderwitzen nun fremdenfeinlich sein soll. Es fehlt die Begründung für diese doch sehr rufschädigende Unterstellung. Ist das eine persönliche Abrechnung?

  • Ronnie Grob

    13.07.08 (10:15:48)

    @Rolf Meier: Nein, das ist überhaupt keine Abrechnung, ich kenne niemanden der Nebelspalter-Redaktion persönlich, ich habe auch noch nie in einer Form für diese Zeitschrift gearbeitet. Kinderwitze können fremdenfeindlich sein, sind es aber nicht zwingend. Für fremdenfeindlich halte ich es aber, ein Heft über ein Land zu machen und das mit allen kindischen Vorurteilen zu füllen, die man im Laufe seines Lebens so angesammelt hat. Stellen wir uns doch mal vor, diese Nummer hätte die Türkei, den Kosovo oder den Kongo ins Visier genommen. Hätten das die Nebelspalter-Leser auch lustig gefunden? Vielleicht. Und keine Frage, Satire hat nicht politisch korrekt zu sein. Mir aber scheint dieses Heft nur vorhandene Aversionen gegenüber den Bewohnern eines Lands zu versammeln, und das pauschal. Und was nicht Aversion ist, das ist eben auf Kinderwitz-Niveau, also auch nicht lustig. Das ist kein Highlight, oder haben Sie da eine andere Meinung?

  • Rolf Meier

    13.07.08 (11:55:11)

    Ronnie, was halten Sie von den Witzen über die Österreicher? Ich glaube z.B. nicht, dass jemand der einen Witz über die Österreicher veröffentlicht, dies aus fremdenfeindlichen Gründen tut, sprich er dies tut weil er die Österreicher nicht mag. Manchmal muss man auch über sich selbst bzw. seine Nachbarn und Freunde lachen können.

  • Ronnie Grob

    13.07.08 (12:00:29)

    @Rolf Meier: Bin ganz Ihrer Meinung. Es kommt nur draufan, wie man das tut.

  • Pascal

    14.07.08 (07:34:09)

    Für mich heisst das: Sich selbst als humorvoll empfindende humorlose Beamte, Lehrer, Ärzte, Architekten oder andere Arten von Akademikern und Pensionären zwischen 50 und 95. Sorry aber so eine dumme Verallgemeinerung hätte ich hier nicht erwartet anzutreffen. Ich bin 22, Student und lese den Nebelspalter. Und ausserdem: Was ist schon witzig? Ich bin es vielleicht, aber nebst dem ist doch für Jedermann/Jedefrau etwas anderes "witzig". Sie finden es nicht witzig, aber womöglich ist von den 261'000 der eine oder andere dabei, der es witzig finden. Dem Magazin nur weil sie es nicht witzig finden eine 1 zu geben halte ich für übertrieben und fehl am Platz.

  • jean-claude

    14.07.08 (08:56:21)

    Vielleicht passt ja diese "Satire" zu dem Land, wo diese Zeitschrift erscheint. Vielleicht sind die Menschen dort so, dass sie das lustig finden. Ich glaube, dieses Land hat zimemlich viele Probleme mit sich selbst.

  • Klaus Jarchow

    14.07.08 (10:32:57)

    Humorkritik gilt nicht ohne Grund als die undankbarste Aufgabe der Welt. Weil nämlich die erfolgreichsten Witze meistens auch die dööfsten sind (s. z.B. 'Blondinenwitze'). Daher kritisiert der 'Mann von Geist' stets den Erfolg und er muss sich deswegen auch noch als Neidhammel denunzieren lassen ...

  • Etienne

    18.07.08 (14:22:18)

    Aha, wieder einmal ein "Humorspezialist", der uns mit seinem sakrosankten Schiedsspruch eine bessere, witzigere Welt erkämpfen will, zwar völlig unbeleckt von modernen humorwissenschaftlichen Grundlagen, dafür mit der thesenjournalistischen Anmassung, den Geschmack von 261'000 Lesern und die Arbeit von Dutzenden erfolgreichen, teils preisgekrönten Autoren und Zeichnern auf 1/10 Punkte runterschreiben zu können. Einer dieser 261'000 Leser bin ich, seit etlichen Jahren, und diese Blattkritik hier kann ich einfach nicht so stehen lassen, auch wenn ich in diesem Magazin längst nicht immer alles soooo toll finde. Schon mal vorweg: Die 14 Leser pro Exemplar ermittelt nicht die PR-Abteilung des Nebelspalters, sondern die unabhängige AG für Werbemedienforschung, die das in der Schweiz für alle Medien tut. Ob diese hohe Zahl auf die Wartezimmer von Arztpraxen zurückzuführen ist, erscheint mir denkbar irrelevant: Meines Wissens wird auch in Arztpraxen niemand gezwungen, vom aufliegenden Lektüreangebot genau den Nebelspalter zu wählen. Wenn es dem Rezensenten schon an wünschenswerter Themensouveränität und dem Willen gebricht, eine Teststruktur, die vermeintliche Objektivität verspricht, auch inhaltlich entsprechend zu füllen, so hätte ihm zumindest eine kurze Besinnungsminute zum Thema "Relativität des eigenen Urteils" gut angestanden: "Relativität des Urteils" ist nur eine Umschreibung für das, was der Volksmund schon immer unter "Humor ist Geschmackssache" verbucht hat. Das ist übrigens derselbe Mund, den man ab und zu auch vom "Glashaus" und vom "Steinewerfen" reden hört. Bezeichnend scheint mir jedenfalls, dass der Tester hier beinahe alle seine Kritikpunkte am Nebelspalter im eigenen Text meisterhaft beherrscht: Humorlosigkeit, Einseitigkeit, Arroganz, mangelnde Auseinandersetzung mit dem Thema. So werden etwa die zahlreich bedienten chinesischen Klischees und Stereotypen und die mangelnde Kenntnistiefe der chinesischen Kultur beklagt. Nur: Leider war Satire schon immer ein Spiel mit den vorhandenen bzw. vermuteten Wissens-Versatzstücken der Zuhörer/Leser. Jede Pointe ist nichts anderes als ein kleines Rätsel: Pointen entstehen durch (auf den ersten Blick) unerwartete, widersprüchliche Aussagen, die erst Sinn ergeben, wenn sie durch den Leser in sinnvoller Weise zusammengebracht und aufgelöst werden können. Die Auflösung einer Pointe besteht in nahezu 100 Prozent der Fälle in der Bestätigung einer behaupteten typischen Eigenschaft der Handelnden, ob nun dumm (Blondinen, Österreicher, George W. Bush usw.), geizig (Schotten, Ostfriesen, Juden), unzivilisiert (Islamisten, Russen, wieder George W. Bush) oder was auch immer. Pointen funktionieren nur, wenn ihr Urheber das Vorwissen seiner Adressaten und den Schwierigkeitsgrad des "Rätsels" richtig einschätzen kann. Satire variiert Wissens-Versatzstücke und kombiniert sie allenfalls neu. Aber Satire kann ihrem Wesen nach nicht neues Wissen erzeugen. China-Satire in unseren Breiten folgt deshalb gezwungenermassen in etwa dem, was sie von ihren Lesern hierzulande voraussetzen kann. Wer seinen Wissenshorizont erweitern will, soll "Geo" und "Spiegel special" lesen ? oder darf natürlich gern versuchen, selbst das Genre der wissensvermittelnden Satire aus der Taufe zu heben, um selbst zu sehen, dass niemand über neu Gelerntes lacht, sondern über Unerwartetes, Neues, das er sich mit Rückgriff auf bestehende Deutungsmuster (= Klischees) erklären kann. An anderer Stelle geisselt der Kritiker den Nebelspalter als Hort von "Moralisten", welche "vom hohen Ross einer in den Schoss gefallenen Demokratie die Menschen eines Staats niedermacht, die ebenso unschuldig sind an ihrer, durchaus kritikablen (sic!) Führung." Selbstverständlich unterschlägt Ronnie Grob, dass im Editorial aus Seite 3 genau diese redaktionelle Selbstreflexion stattfindet. Aber welcher Medienkritiker liest schon Editorials? Grundfalsch weiter die Behauptung, Satire sei der natürliche Feind von Moralismus, also dessen pures Gegenteil. Richtig ist, dass Satire ohne eigenes Wertesystem (= Moral), ohne eigenen Standpunkt nichts weiter als Beliebigkeit und Nonsense ist. Wahrscheinlich dürfte Ronnie Grob auch dem verbreiteten Denkfehler erliegen, eine ihm nicht genehme Haltung als starren Moralismus zu taxieren, während die eigene Haltung zweifellos vorurteilsfrei, richtig und extrem progressiv (ja, was denn sonst?) ist. Selbstverständlich muss vorausgesetzt werden, dass ein Satiriker gerade auch sein eigenes Wertesystem kritisch hinterfragt ? nur ist eine China-Nummer vielleicht dafür nicht der am besten geeignete Platz. Leider scheint dem Medienwächter Ronnie Grob die trotzdem enthaltene Ironisierung des vorgeblichen Moralismus entgangen zu sein, ähnlich wie die virtuellen Anführungszeichen vor dem als unfreundlichen empfundenen Was-wollen-Sie-denn-hier?-Einstieg. Andernfalls hätte übrigens auch ein kurzer Blick ins Ausgabenarchiv der Website gereicht, um festzustellen, dass der "fremdenfeindliche" Nebelspalter sich auch schon sehr selbstkritische Themenschwerpunkte gesetzt hat, und dass eine Medienschelte auf der Basis mehrerer Ausgaben vielleicht eine etwas weniger engsichtigen Analyse hätte begünstigen können. Mir tut es letztlich Leid um die negative Wirkung, die eine solche, sich selbst überschätzende Blattkritik dank ihrer äusserlich seriösen Aufmachung haben kann. Ein wenig Hoffnung setze ich aber darauf, dass ausser mir auch andere Leser ihre Rückschlüsse auf den Wert dieser Rubrik ziehen werden, wenn sie sehen, dass der gleiche Rezensent die "Micky Maus" mit 9 von zehn Punkten ausgezeichnet hat.

  • Ronnie Grob

    18.07.08 (15:50:56)

    @Etienne: Vielen Dank für Ihre ausführliche Replik, die ja schon fast länger als der Test an sich geworden ist. Immerhin mit dem letzten Satz haben Sie mich zum lachen gebracht, auch dafür vielen Dank. Ihre Haltung in Ehren, teile ich Ihre Meinung in einigen Punkten nicht: a) Ihres Wissens wird in Arztpraxen niemand gezwungen, "vom aufliegenden Lektüreangebot genau den Nebelspalter zu wählen". So ist das auch meines Wissens. Aber ob jemand je das Blatt anguckt oder ob es generell kopfschüttelnd wieder weggelegt wird, das überprüfen auch keine unabhängige Spione für Werbemedienforschung, oder? Nebelspalter.ch, die Website, ist bei Net-Metrix nicht dabei, also sind diese Zahlen für mich nicht überprüfbar. b) Sie haben recht, ich bin "völlig unbeleckt von modernen humorwissenschaftlichen Grundlagen" - und wissen Sie was? Ich bin glücklich darüber. Wer mich mit modernen humorwissenschaftlichen Methoden zum Lachen bringen will, der wird, so vermute ich, stelle mich aber jederzeit zum Experiemnt, scheitern. Natürlich gibt es Techniken, aber Witze werden meiner Meinung nach nicht in Labors geboren, sondern auf der Strasse. c) Ein Satireheft muss keine Aufklärung betreiben. Aber ich werde beim besten Willen nicht unterhalten, wenn ein Heft die eigenen Vorurteile über ein Land mit meinen angeblichen Vorurteilen über ein Land verbinden will. Bei solchen Spielen mag ich als Leser nicht mitspielen. d) Ich kann mich erinnern, mehrmals versucht zu haben, das Editoral zu lesen, doch begann es es so langweilig, dass es mir nicht gelang. Für dieses Versäumnis aufrichtigste Entschuldigung. e) Sie schreiben, "dass Satire ohne eigenes Wertesystem (= Moral), ohne eigenen Standpunkt nichts weiter als Beliebigkeit und Nonsense ist." Mag sein, und daran hat jede Satire heute zu nagen. Die Freunde der Titanic beklagten sich erst kürzlich darüber, dass nun schon die Süddeutsche in ihr Territorium eindringt. Und so ist es auch mit der Moral im Zeitalter der Beliebigkeit. Auf welche Moral genau stützt sich oder gegen welche Moral wendet sich ein Satiremagazin in einer Gesellschaft, in der viele ehemals breit abgestützte Werte zur Verhandlungssache geworden sind? Die Moral des Nebelspalters jedenfalls bedrückt mich eher, als dass ich sie mir zum Vorbild nehmen möchte. f) Eine Ironisierung des Moralismus ist mir tatsächlich entgangen, können Sie mir vielleicht ein Beispiel machen? Ich kreuze mal "China ist so weit weg, dass ich mich darum nicht kümmern muss" an. g) Was sind denn "virtuelle Anführungszeichen"? Ich nehme alles ernst, gerade in einer Satirezeitschrift. h) Preisgekrönte Autoren? Schön, aber ich fand das Heft trotzdem nicht lustig. Und vielen Dank auch für das Kompliment der "äusserlich seriösen Aufmachung", also immerhin ist mein von Humorlosigkeit, Einseitigkeit, Arroganz sowie von mangelnder Auseinandersetzung mit dem Thema strotzender Text gut verpackt. Ich werde das weiterleiten.

  • Etienne

    19.07.08 (01:47:12)

    Ich muss zugeben, lieber Herr Reich-Ranicki der Periodika, die mir als gelungen zugestandene Schlusspointe schmeichelt mir, und ich ergehe mich bereits in der Spekulation, ob ich es vielleicht als Zeitschriftenredaktor gar zu zwei von zehn Zählern auf der nach oben unerreichbaren Grob-Skala bringen würde. Ohne unseren netten Austausch allzu sehr ausufern lassen zu wollen, noch folgende Anmerkungen zu Ihrer Replik: zu a) Sie bringen hier etwas durcheinander. Net-Metrix erfasst User und Anzahl Besuche auf einer Website. Leserzahlen für Printprodukte können Sie da noch bis zum Abschmelzen der Polkappen suchen. Die Wemf mit Ihren halbjährlichen Erhebungen untersucht zwar nicht das Kopfschütteln von Arztbesuchern auf Parkinson oder Nebelspalter-Unverträglichkeit hin. Sie ermittelt aber sehr wohl so wunderbar nützliche Dinge wie den weiteren (Gelegenheitsleser) und den engeren (regelmässige Leser) Nutzerkreis, Verweildauer und Pick-up-Rate (wie oft derselbe Leser dieselbe Ausgabe wieder in die Hand nimmt). Leider kenne ich im konkreten Fall all diese Zahlen auch nicht. Aber auch ohne diese Detailzahlen liegt die Vermutung nahe, dass nur schon die allgemein zugängliche Leserzahl (man findet sie zum Beispiel im Archiv von persoenlich.com) kaum entsprechend konstant wäre, wenn sich in schweizerischen Arztpraxen ausschliesslich unerbittliche Kopfschüttler und Einmal-und-nie-wieder-Tester Ihres Schlages tummeln würden. Die Reichweite wäre längst ins Bodenlose abgestürzt. Falls Sie den Leserzahlen auf Teufel komm raus nicht trauen wollen, nehmen Sie sich einmal die Druckauflage vor: 20'000 Exemplare bei 4,5 Millionen deutschsprachigen Schweizern. Titanic und Eulenspiegel müssten nach gleichem Massstab unter dem 80-Millionen-Volk der Deutschen 350'000 Exemplare absetzen. Tatsächlich gedruckt/verkauft wird aber kaum die Hälfte. Mehr muss man dazu eigentlich nicht mehr sagen. zu b) Nun, von meiner Seite ist auch keine Rede davon, dass man heute Witze im Labor nach humortheoretischen Erkenntnissen konstruieren sollte. Auch hier bringen Sie, mit Verlaub, etwas durcheinander: Gute Witze sollen weiterhin "auf der Strasse" und aus dem Bauch heraus entstehen. Wer sich aber zum Richter über die Witze anderer aufschwingt, wäre mit etwas mehr Rüstzeug gut bedient. Sie verwechseln dabei Humor und Humorkritik; genauso, wie Politiker und Politologen nicht dasselbe sind; genauso, wie Sie Ihre Muttersprache zwar perfekt beherrschen, aber ohne entsprechende Ausbildung kaum anderen die Grammatikregeln beibringen können. Natürlich will ich Ihnen damit keinesfalls das Recht auf Ihre eigene ? in diesem Fall eben sehr negative ? Meinung absprechen. Der echte Reich-Ranicki tat und tut ja vielleicht auch nichts anderes als: seine Meinung abgeben, und davon leben, dass andere glauben, diese Meinung sei irgendwie wichtiger als die eigene. Ob Reich-Ranicki oder Grob, ob Germanist oder Politologe ? einen Vorteil haben sie ja alle: Sie können ihren Untersuchungsgegenstand zerpflücken, ohne selbst je den Beweis antreten zu müssen, wie man es (oder dass man es selber) besser machen kann. zu c) ? f) Ich kann mich nur in der Vermutung wiederholen, dass Sie hinsichtlich der China-Beiträge das eigene Moralkorsett, welches Sie wahrscheinlich nur deshalb für nicht existent halten, weil Sie ihm den modischen Begriff "politische Korrektheit" verpasst haben, daran gehindert haben muss, den einen oder anderen doppelten Boden zu erkennen. Sie fragen nach Beispielen, ich verweise auf die von Ihnen zitierten Ritzmann-Texte. Mir würde nie etwas anderes in Sinn kommen, als in dieser Flapsigkeit und Holzschnittartigkeit den Unterton von Ironie und Parodie herauszuhören (natürlich auch, weil ich seinen Stil aus anderen Nummern schon kenne). Allerdings frage ich mich, ob Ihr scharfer Antirassismus-Geigerzähler bei den Freunden von der Titanic, die Sie offensichtlich auch lesen, und in der ich ungleich mehr inszenierte Plumpheit, Pennäler-Humor oder Fremdenstereotypen-Pose antreffe, auch ähnlich schrill ausgeschlagen hätte. Sie fragen noch nach der Moral des Nebelspalters im Zeitalter der Beliebigkeit. Mal abgesehen davon, dass ich nur für meine Wahrnehmung sprechen kann, bin ich der Meinung, dass diese Zeitschrift den Balanceakt zwischen Werten und Beliebigkeit gar nicht schlecht meistert. Natürlich bietet sie, für eine Forumszeitschrift üblich, nicht einfach die eine alleinseligmachende Moral; vielmehr werden bewusst unterschiedliche Sichtweisen angeboten. Ein Andreas Thiel (das wäre so einer mit Preisen) schreibt so klar von rechts wie ein Hörmen Schmutz klar von links zeichnet, ein Jan Peters parodiert als Linker oft unübertrefflich den Gestus des strammsten Bürgerlichen. Forumszeitschriften stehen damit natürlich vor der Herausforderung, dass ein Leser vorausgesetzt werden muss, der nicht nur zur eigenen Bestätigung die bereits gefasste Meinung noch einmal lesen will. Das Element der Satire kommt erschwerend dazu, verlangt es doch ein zusätzliches Sensorium dafür, welche Aussage denn nun für bare Münze zu nehmen und welche ironisch gebrochen zu verstehen ist. Nun mag ja sein, dass ich einfach immer furchtbar dumm und naiv war, aber ich bilde mir ein, genau mit diesem Sensorium während den letzten Jahren als Nebelspalter-Abonnent recht gut gefahren zu sein. Sollte sich das in nächster Zeit ändern, weiss ich dank Ihnen ja nun, dass ich mein Seelenheil ersatzweise bei Micky finden kann *Augenzwinker*.

  • uertner

    07.08.08 (18:41:10)

    Lieber Ronnie in Recherche eine echte Nuss bist Du. Denn den uertner, kennst Du und der ist ständiger Mitarbeiter des Nebelspalters (Impressum lesen: gehört auch zum "Testen"). Mir scheint hier spielt ein ziemlich einfältiges "Selbstbashing" von Schweizern. Natürlich siehst Du Dich als bezahlter Berliner Blogger geradezu als Speerspitze des Zeitgeistes und in den Schweiz den "Nebelspalter" anpinkeln gehört ja zum guten Ton (Auch Franz Hohler, ein ehemaliger Mitarbeiter tut es in seinem Roman "Es klopft"). Satire schreiben ist wesentlich schwieriger als Satire kritisieren: weshalb es sehr viele enttäuschte Möchtegernmitarbeiter dieser ältesten Satirezeitschrift der Welt gibt. Wie ich sehe, hat der "Nebelspalter" genug intelligente Leser, dass ich die Argumente, die mir bei Durchsicht deiner oberdürftigen "Analyse" eingefallen sind, sämtliche schon in Entgegnungen gelesen habe. Wie der Nebelspalter beim interessierten Publikum ankommt siehst Du etwa hier: http://www.kurdmania.com/Forum-topic-1492-start-msg19611.html Im übrigen, lieber Ronnie, der Du mit Deiner "Analyse" Dein Geld recht wohlfeil verdienst, will ich Dir die Illusion nicht rauben: natürlich bist Du die Speerspitze der deutschsprachigen Intelligenz und solches schnodderiges abbutzen steinalter Tanten im Printbereicht steht nur einem derart genialen Jungling wie Dir zu. gruss uertner

  • Ronnie Grob

    08.08.08 (08:02:43)

    @uertner: Vielen Dank für die vielen Komplimente, ich hoffe durchaus, sie sind ernst gemeint. Unser Format "Test" ist eher nicht recherchelastig, sondern ganz auf die Wahrnehmung eines einzelnen Lesers ausgerichtet. Ich, mit all meinen Vorlieben, Vorurteilen und Eigenschaften, kaufe mir eine Zeitschrift und schreibe dann über mein Leseerlebnis. Wenn diese Ausgabe des Nebelspalters und meine Vorstellung einer lesenswerten Zeitschrift nun gar nicht zusammenpassen, dann ist das nichts mehr als ein persönliches Urteil. Hätte jemand anders die Zeitschrift gelesen, vielleicht wäre er in Lobesstürme ausgebrochen. Für mich passt eine solche Herangehensweise hervorragend in ein Weblog. So wie die Korrektur dieser Einzelmeinung in den Kommentaren.

  • isabella

    14.09.08 (07:40:11)

    ronnie und etienne. nach der lektüre eurer beiträge weiss ich leider immer noch nicht, wer nun recht hat. darum gings doch: ums rechthaben, oder? (also wenn ich mir vorstellte, ihr wärt hier nicht am schreiben, sondern läget miteinander im bett... uiuiuiuiiii). fazit: nebelspalter fördert sexuelle energie (ganz entgegen dem unter punkt "sex-appeal" geschriebenen). weiter so, ihr lernt das schon noch! moralin-grüsse

  • Ronnie Grob

    14.09.08 (10:33:22)

    @Isabella: Ich glaube, bei einem mit Argumenten geführten Streitgespäch geht es nicht nur ums rechthaben. Man kann sich auch vom anderen in einzelnen Punkten überzeugen lassen, also was dazu lernen, eine Sache anders sehen. Diese gegenseitige Überzeugungsarbeit kann und soll durchaus lustvoll geschehen. Denn ganz ohne Lust geht meistens gar nichts.

  • isabella

    05.09.10 (22:23:01)

    ja, Ronnie, du hast recht... :)

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