<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

13.09.07Leser-Kommentare

Im Test: Monocle

Magazine kaufen ist manchmal komisch. Das ging Ronnie so, als er das Modellbaumagazin LOKI etwas verschämt am Zürcher Bahnhofskiosk kaufte, und das ging mir so, als ich neulich um 5 Uhr morgens im Frankfurter Hauptbahnhof die Monocle erwarb - vor und hinter mir je zehn BILD-Käufer. Da saß ich dann zwischen schnarchenden Engländern und betrunkenen Fußballfans mit meinem 12-Euro-Magazin und fühlte mich irgendwie am falschen Ort.

cover_monocle.jpg

Monocle ist das aktuelle Magazin des legendären Tyler Brûlé, des Mannes, der in den 1990ern Wallpaper erfunden und seinen Anhängern Lesern befohlen hat, in welcher hippen Bar in Nepal sie in welchem Monat welchen Drink zu konsumieren hätten.

Im Test: Die Monocle-Ausgabe Juli/August 2007. Ich habe sie Ende August gekauft und brauchte eine Weile zum Lesen - inzwischen ist die September-Nummer im Handel.

Allgemeiner Eindruck

Wallpaper war eher übergroß, avantgardistisch, weiß, sandfarben. Monocle ist tendenziell kompakt, klassischer, schwarz und poliert. Wenn Wallpaper der Bambuszweig im Reagenzglas war, ist Monocle Parkett und Clubsessel - aber ohne alte Herren. Wer sein Regal aussschließlich nach Designgesichtspunkten füllen möchte, sollte sich nur zwei Abos holen: National Geographic in Gelb und Monocle in Schwarz. Monocle ist: schön. Und es ist bedrucktes Papier, das etwas völlig Absurdes schafft: Man kommt sich besser vor, wenn man es in den Händen hält. Klüger, wissender, schöner.

Zielgruppe

29-jährige Designstudenten in weißen Leinenhosen und Balenciaga-Flip-Flops, die mit Billigfliegern zwischen Barcelona, Riga, Bangkok und Kopenhagen unterwegs sind und bereits wieder Sushi essen, nachdem andere noch glauben, es sei zum Proletenfood verkommen.

Offiziell klingt das so:

"Focused on informing and entertaining an international audience of disillusioned readers, listeners and viewers, it is our intention to create a community of the most interested and interesting people in the world."

Anspruch

Monocle will eine globale Medienmarke sein und Länder, Wohnungen, Persönlichkeiten "re-branden". Das Ganze "with a keen focus, strong reporting, sharp wit and a more classic approach to design".

Titelseite

Schwarz, Weiß, Gelb, Glanz, Serifen und schöne Menschen. Zwei Gesichter, zwei Stadtansichten, drei Schwimmer und, da ist es mit dem Monocle ganz wie mit dem iPhone: zahlreiche Fingerabdrücke von mir.

Aufmachung

Es bleibt dabei, was Ronnie schon zur ersten Ausgabe geschrieben hat:

"Es ist ein Heft, um es in Ruhe in einem Sessel zu lesen, bei gutem Licht und geschützt von Lärm. Legt man es nach einer Weile weg, ist man relaxed. Blättert man kurz danach die Vanity Fair oder Park Avenue durch - unweigerlich kommt das Gefühl auf, etwas billiges in der Hand zu halten."

Das Papier fühlt sich fantastisch an, die Schriften sind wunderbar eingesetzt, Farben und Illustrationen klassisch. Sagte ich es schon? Monocle ist schön.

Illustration im Monocle-Magazin

Auflage

Aktuelle Zahlen sind nicht veröffentlicht, zum Start Anfang des Jahres sprach man von 200.000 Exemplaren.

Erscheinungsweise

10 Ausgaben pro Jahr.

Seitenanzahl

212 plus Einhefter mit Manga-Comic.

Verbreitungsgebiet

Monocle gibt es bei gutsortierten Pressehändlern in den Bahnhöfen und Flughäfen dieser Welt. Hier die beeindruckende Liste der Vertriebsmenschen, die Genaueres wissen.

Preis

12 Euro / 20 Franken pro Ausgabe, 75 Pfund fürs Jahresabo. Alte Hefte sind für 10 Pfund nachbestellbar.

Preis / Leistungsverhältnis

12 Euro, ja, die sind natürlich erstmal heftig und auch auf den zweiten Blick irgendwie frech. Aber mal ehrlich: Die Monocle ist eigentlich ein Buch und keine Zeitschrift. Man kann für mehr Geld deutlich weniger Aura kaufen. Spielen wir also das Spiel mit und sagen: 12 Euro ist das Ding schon wert.

Jedenfalls einmal im Jahr.

Onlineauftritt

Online will Monocle mehr bieten als nur transformierte Heftinhalte. Das klappt aber nicht so richtig, trotz aller Video-Interviews und ähnlichen Extras, die monocle.com bietet. Die Website sieht ähnlich wertig aus wie das Magazin, aber weil das Magazin eben so ein Zurücklehn-Muße-Medium ist, für das man sich Zeit nimmt, weiß man nicht so recht, ob man aktuelleren Content auf der Website überhaupt möchte.

monocle_screenshot.jpg

Wer aber keinen Monocle-Händler in Reichweite hat, kann durch eine Inspektion der Website immerhin schon mal erahnen, was ihn mit dem Magazin erwartet.

Inhalt

Monocle ist in fünf Ressorts aufgeteilt: A für Affairs = Weltgeschehen, B für Business, C für Culture, D für Design und E für Edits. Weil man offenbar auch in der Monocle-Redaktion nicht so genau weiß, was Edits umfasst, hat man den Teil so beschrieben:

"Bite-sized and thought provoking, Edits are vital life improvements curated in a fast-paced well-researched collection."

Ahaa.

Es gibt natürlich die leicht bizarren Einkaufstipps für aktuelle Must-Haves, etwa die Baristamjölk aus Schweden, mit der man wohl besonders guten Kaffee machen kann, oder Wilkinsons Ginger Ale aus Japan, das Ginger Ale des Vertrauens bei sicherlich unzähligen Top-Barkeepern in Barcelona, Riga, Bangkok und .. - na, egal. Daneben findet man aber auch schlicht guten Journalismus, Portraits von Menschen, die man niemals "auf dem Schirm" gehabt hätte, Statements von fünf Denkern über Urbanität und die moderne und zukünftige Stadt, einen Culture Report über Bilbao und einen Business Report über Boulder, Colorado, oder auch den Design Report, in dem irgendwie niedlich-bewundernd Trams als magische Fortbewegungsmittel beschrieben werden.

monocle_doppelseite.jpg

Etwas merkwürdig: Die harmlos illustrierte, aber gute Idee, eine perfekte Hauptstraße zu kreieren. Welche Läden, Geschäfte, Bars müssten dort versammelt sein? Dass dort echte Firmennamen zu lesen sind, ist grundsätzlich ja kein Problem; dass aber die UBS in dieser perfekten kleinen Welt die Bank der Wahl ist, gleichzeitig aber auch an anderer Stelle im Magazin eine Anzeige gebucht hat, das schmeckt irgendwie fad.

Die leicht dekadent-kolonialistische Faszination, die Wallpaper hatte, schwingt auch bei Monocle mit. Monocle kann alles unter dem Gesichtspunkt des Designs betrachten. Diese Perspektive ist sozusagen der Nachfolger der Ironie, eine andere Möglichkeit, einen gewissen Abstand zu allem zu halten. Da kann man dann auch, wie in einer früheren Ausgabe geschehen, das Jäckchen von Ahmadinedschad zum modischen Highlight erklären.

Highlight

Für die Münchner unter uns ist natürlich das Städteranking das absolute Highlight, denn dort wird ihre Stadt auf den ersten von zwanzig Plätzen gehievt. Auf den Plätzen 2 und 3: Kopenhagen und Zürich. Gerade noch lebenswert ist Genf auf Platz 20. Und alle Einwohner der nichtgerankten Städte mögen sich jetzt bitte Sorgen um ihr Image machen.

Das Städteranking ist aber, so zweifelhaft es auch immer sein mag, trotzdem ein nettes Stück Magazinjournalismus. Denn das Flair der Städte ist, soweit ich das nachvollziehen kann, durchaus treffend beschrieben und die Charakterisierungen sind angereichert mit diversen Statistiken über Verbrechenszahlen und Sonnenstunden. Die Provinz mag hier sträflich vernachlässigt worden sein, aber wenn mich jemand nach den lebenswertesten Städten der Welt fragen würde, er könnte große Überschneidungen mit der Monocle-Liste feststellen.

Lowlight

Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass Monocle auch in einer zusammengecasteten Redaktion eines großen Medienunternehmens hätte entstehen können, aber manchmal scheint man ein Konzept mitzulesen zwischen den Zeilen - oder besser gesagt: eine Mission. Insgesamt wirkt das Magazin darum etwas, nun ja, klinisch. Zu sauber. Zu perfekt.

monocle_wowereit.jpg

Werbung

Die Kunden sind nicht sonderlich überraschend: Patek Philippe, NetJets, UBS, Puma, Boss, American Apparel, American Express, Prada, Vitra. Allerdings ist der Anteil der Werbung nicht extrem hoch, die Anzeigen stören nicht im Geringsten den Lesegenuss. So muss das sein.

Sex-Appeal

Vorhanden, aber indirekt. So wie ein Sommer in einer der 20 lebenswertesten Städte der Welt, so wie Geschmack und Ich-habe-die-Welt-gesehen eben sexy sein können, so ungefähr ist der Sex-Appeal von Monocle. Und wer jetzt meint, das klinge wie die Vorstufe einer jämmerlichen Power-Point-Präsentation zu einem neuen Magazinkonzept, der hat damit nicht Unrecht.

Zukunft

Durchaus. Und wenn es nur eine als Coffee-table-magazine ist. Früher hatte ich die mare im Abo, eine außerordentlich gut gemachte und mit jeder Papierfaser unterstützenswerte Zeitschrift, die ich jedem ans Herz legen kann. Die ich bloß immer seltener gelesen habe, weil mir die Muße dazu fehlte. Monocle könnte der würdige Nachfolger werden.

Fazit

Geschmack kann man eben doch kaufen.

Bewertung

8/10 Punkten

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Klaus Jarchow

    13.09.07 (08:04:48)

    Das Thema dieses Städterankings hat meines Wissens kurz darauf der 'Spiegel' abgepaust höchst kreativ adaptiert, wenn auch mit leicht abgeändertem Ergebnis.

  • Jean-Marc Hensch

    13.09.07 (09:11:04)

    Mangels Flip-Flops werde ich das Magazin wohl kaum je lesen, aber die Besprechung von Florian Steglich ist erste Sahne. Sozusagen Sekundärliteratur, die Spass macht und erst noch den (falschen oder richtigen) Eindruck gibt, man wisse jetzt genau, was bei Monocle zu erwarten wäre, wenn man es lesen würde ...

  • Jean-Claude

    13.09.07 (11:39:21)

    High quality! Ich mein den Testbericht.

  • Florian Steglich

    13.09.07 (13:01:09)

    Dankeschön. Ist aber auch wirklich ein dankbares Testobjekt.

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer