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04.01.08Leser-Kommentare

Im Test: Micky Maus

Auch die Micky Maus geht mit der Zeit: Micky fährt Snowboard und Dagobert will Dotcom-Unternehmen aufkaufen.

Micky Maus Titel

Im Test: Ausgabe 1/2008, 29.12.2007.

 

IMG 5897Allgemeiner Eindruck

Eine Kinder- oder Jugendzeitschrift, die mit aufwändig gezeichneten Kurzgeschichten die Aufmerksamkeit der Kinder erwecken will, was auch nicht mehr so einfach ist wie auch schon. Das Kernstück, die Geschichten mit den bekannten Disney-Figuren, wurde deshalb aufgepeppt mit Aktuellem, Witzen und Games (auch das kaum etwas neues, trotzdem herrscht in mir das Gefühl vor, dass es vor langer Zeit mal pur war...)

Ein absolutes Muss, um das man im Kindermarkt offenbar nicht mehr herumkommt, ist das auf das Heft aufgeklebte Gadget (früher alleine auf weiter Flur: Yps). Während in der vorletzten Ausgabe eine Fingerguillotine dabei war (inklusive abgeschnittenem Finger, den man seiner naiven kleineren Schwester als Unfall vorführen konnte), ist es diesmal eine schreckliche grüne Schaumstofffaust von Kim Possible , die mittels einer Feder von einem Plastikteil in Pistolenform wegspicken kann (inklusive roter Rückholleine). Ein Funktionstest ergab, dass das Ding fliegt und ungefähr das Schmerzpotential eines Wattebauschs aufweist.

IMG 5901Zielgruppe

Kinder. Ihre Verwandten. Nostalgiker.

Anspruch

Den gut eingeführten Klassiker nicht ganz in die Bedeutungslosigkeit abstürzen zu lassen, wahrscheinlich.

Titelseite

Donald, der sich schreiend an eine in die Luft gehende Rakete klammert. Dazu seine Neffen, die ihm erschreckt-kritisch dabei zusehen. Oben wünscht man "gutes neues Jahr", "2008" ist auch drauf, Sternenhimmel, unten die dunkle Stadt. Etwas belanglos, aber doch gar nicht schlecht für den Jahresanfang.

Überhaupt nichts erfährt man so allerdings über den Inhalt, doch das ist den Kindern, die am Kiosk drin schmökern, vermutlich eh egal - entweder kaufen sie (oder ihre mit Geld ausgestatteten Begleitpersonen) es ohne anzuschauen oder sie blättern es durch bzw. schlagen routiniert die Seite 2 auf (Inhaltsverzeichnis).

IMG 5884Aufmachung

Klein, handlich, farbig. Die sauberen, sagen wir schönen Seiten mit den Comics werden unterbrochen von Lückenfüllern mit chaotischer, sagen wir zweifelhafter Aufmachung. Vielleicht muss das ja so sein, weil Kinder zuviel Ordnung langweilig finden.

Auflage

315.038 (Verbreitung 3/2007, gemäss IVW)

Erscheinungsweise

wöchentlich ("Montag ist Micky Maus-Tag!")

Seitenanzahl

76

Preis

2.10 Euro / 1 Ausgabe, 99.20 Euro für 52 Ausgaben. Dazu gibt es eine Prämie nach Wahl: Torwarthandschuhe und einen Fussball. Oder ein Rennwagen. Oder ein Abenteuer-Schlafsack. Oder das aktuelle Guiness Buch der Rekorde.

Preis / Leistungsverhältnis

52 x 2.10 gibt 109.20, also für das Abo 10 Euro Ersparnis im Jahr. Kommt dann aber die nicht billig wirkende Prämie dazu, ist das Jahresangebot in Ordnung. Überhaupt ist der Preis ganz angemessen für eine Wochenzeitschrift. Der Spiegel kostet immerhin 3.50 Euro und dort gibt es meistens nichts zu lachen.

Onlineauftritt

Auf micky-maus.de wird man mit Bauernhofgeräuschen begrüsst, heisst das, man erwartet Leser aus dem ländlichen Gebiet? Kaum, denn das andere Geräusch, das nach jedem zweiten Klick losgeht, ist eine Sirene (damit sich auch die Städter wie zuhause fühlen). Auch wenn ich es mir nicht vorstellen kann: Was auf mich grausam wirkt, findet ein Kind möglicherweise gut.

Jedenfalls erwartet den Besucher Multimedia (Trailer für den Disney-Weihnachtsfilm "Verwünscht"), Userlogin (nicht ausprobiert), Newsletter, Spiele, Umfrage, Mausbox, also einiges an Interaktion. Erhellend die Hintergründe: Der Stadtplan von Entenhausen, seine Einwohner, sowie Mini-Kurse, wie man die Figuren zeichnet. Kein grosser Wurf, aber ganz ok.

Inhalt

IMG 5886Im Heft sind, ich glaube, das muss nicht näher erläutert werden, verschiedene einzelne Geschichten von Persönlichkeiten aus dem fiktiven Ort Entenhausen . In dieser Ausgabe: Donald Duck (macht ein Rennen gegen Gustav Gans um ein Picknick von Daisy Duck - neben Bären die zweite Konstante in Entenhausen, Picknicks), Panzerknacker (stehlen den Zauberer, der den Geldspeicher von Dagobert Duck zum Verschwinden bringt), ein Rätselcomic, Donald Duck ("Schispass", eine Seite), Micky Maus (wird mit Goofy in einer Berghütte gefesselt und rettet sich dadurch, dass er sie mittels einer Schneekanone zum Bersten bringt, worauf er mit der ausgelösten Schneelawine die Gangster überwältigt), Daniel Düsentrieb (macht mehrere Erfindungen gegen Eisglätte, die allesamt misslingen), Dagobert Duck (siehe Highlights).

IMG 5890Vielleicht muss man schon älter sein, damit man sich an eine Kindheit erinnern kann, in der ein Heft wie Micky Maus von Elternteilen als "Schund" hingestellt wurde, das die Jugend verdirbt - besser war es angeblich, ein Buch zu lesen. Heute vermutlich fallen die Eltern auf die Knie, wenn sie ihre Kinder mit einer Micky Maus entdecken. Und sie erwarten die literarische Bildung zurecht. Wie sagt Donald auf Seite 15? "Ich wüsste weder Fährnis noch Gefahr, die sich mit wachem Geist nicht meistern liesse." Wow, kann man da nur sagen, solche Worte kennen heutige Journalisten definitiv nicht mehr.

Überhaupt wird der Wortschatz erweitert: "Streithammel, schlaraffenartige Schlemmereien, parfümierte Pestlocke, dreibeinige Dampframmen, kaltwütiges Schicksal, dann kredenze ich, Heilige Einfalt!, flinkfüssiges Fohlen, Ende der Fahnenstange!, Spielball des Zufalls, einen untrüglichen Instinkt, einem bissigen Schicksal stets ohne Bangen in die bleckende Fratze blicken, Blubberlutsch, Blaubeertorte, Judeldidu, von den nervenaufreibenden Wendungen der nächsten Minuten gnädigerweise nicht das Geringste mitbekommen, Verflixt, Goldlackiert vielleicht, mit Kleeblättern verziert", soviel nur die mehr oder weniger aussergewöhnlichen Worte aus der ersten Geschichte. Klingt ganz nach nicht von heute.

IMG 5892

IMG 5906Highlights

Die fortgesetzte Geschichte ab Seite 62, in der Dagobert Duck beinahe auf einen Dotcom-Unternehmer reinfällt. Er ist schon dabei, einen Scheck für 20 Milliarden auszustellen, um die Firma bitbyte.eh (.eh für Entenhausen, nehm ich an) von Erul Stigli zu kaufen, doch "Stigli macht nur Geschäfte, während er Extremsport betreibt". Also besucht ihn Dagobert in den Bergen und lässt sich auf ein Snowboardrennen ein (das lustigerweise kopfüber gefahren wird). Denn Stigli zeigt sich nur bereit, zu verhandeln, wenn Dagobert dieses Rennen gewinnt. Was er mit einem Umweg über eine Bärenhöhle auch tatsächlich schafft. (Begegnungen mit Bären in Entenhausen sind ein Thema für sich. Allein in diesem Heft treffen Dagobert Duck, Donald Duck und Gustav Gans auf Bären.)

Kurz vor der Übergabe des Schecks stürmen die im Internet offenbar bewanderten Kids Tick, Trick und Track die Hütte und zeigen Dagobert, dass Bitbyte.eh "seinen gesamten Wert verloren hat". Sie hatten zuvor "sämtliche Suchmaschinen zum Glühen gebracht, aber eine Bitbyte.eh" war einfach nicht aufzutreiben.

Der beste Satz fällt schon ganz zu Beginn, als Dagobert Erul Stigli (ein Schweizer? Albaner?) besucht und ihn darauf hinweist, dass der Firmensitz "sehr, äh... bescheiden" wirkt "für eine Gesellschaft von dieser Bedeutung!". Darauf Stigli, mit einer wegwerfenden Handbewegung: "Tja, wir wollten schon lange umziehen. Aber in den letzten Wochen haben wir einfach zu viel Zeit mit Kohlescheffeln verplempert."

IMG 5910Lowlights

Die Witze. Witze, die Kinder erzählen, sind ja in der Regel nicht lustig, und das kriegt man auf der Witzeseite bitter vorgeführt. Ausnahmen, der mit dem Würstchen, bestätigen die Regel.

IMG 5888Werbung

Je eine Seite Power Rangers, Jack Sparrow (das Buch) und Mega Mann, was man als Leser erfrischend wenig findet. Dafür gibt es einiges an Eigenwerbung, Kim Possible beispielsweise wird crossvermarktet. An Schleichwerbung ist nur die Games-Seite verdächtig, aber wie gestaltet man eine Games-Seite, ohne über konkrete Games zu sprechen? Alles in allem ist der Werbegehalt aus Nutzersicht sehr in Ordnung.

Sex-Appeal

Ohne, und das ist auch gut so. Wenn sich Disney-Figuren verlieben, dann bewegt sich nur das Herz und sonst gar nichts. Das Wimpernklappern von Daisy Duck ist natürlich charmant und Gustav Gans' Auftreten muss man als schneidig bezeichnen, aber viel mehr wollen wir gar nicht wissen von einer Gruppe von Menschtieren, die nicht mehr als ein Unterhemd tragen.

Fazit

Eine überraschend heitere, unterhaltsame und literarische Erfahrung. Wenn bloss nicht die Seiten zwischen den Comics so schrecklich wären und man die Comics selbst nicht in Verdacht hätte, schon 1956, 1977 und 1991 genau gleich erschienen zu sein. Würde ja niemand merken, sind ja immer wieder andere Kinder. Der Verdacht wird aber unbegründet sein, denn wie bei vielen Traditionsprodukten gibt es bestimmt Sammler, die bei einem solchen Missbrauch zu wütenden Leseraktionen aufrufen würden. Das bilde ich mir jedenfalls ein.

Bewertung

9/10 Punkten

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Torsten

    04.01.08 (12:59:03)

    Die erste Geschichte scheint älterer Bauart zu sein. Selbst in den 80ern hatte Gustav Gans nicht mehr eine solche Tolle. Das dürfte wohl auch der Grund für die sprachliche Originalität sein. Mir deucht, hier war Erika Fuchs am Werk.

  • Eugen

    04.01.08 (13:50:57)

    Herrlicher Review! Und mit Torsten ist ja offenbar schon der erste erbitterte Sammler da ;-)

  • bd

    04.01.08 (14:20:37)

    Übrigens, solche Hefte bilden tatsächlich weiter. Man denke ans Lustige Taschenbuch, deren Geschichten meistens die Klassiker der Weltliteratur ins Entenhauserische übersetzten.

  • Manuel

    04.01.08 (14:52:42)

    @Torsten: Nein, die erste Geschichte ist aus dem Jahre 2006 und ist von John Lustig und William van Horn. Der Übersetzer der Geschichte war Peter Daibenzeiher, welcher mMn fast so gut wie Dr. Erika Fuchs ist. Fand den Eintrag auch sehr interessant, auch wenn ich die Micky Maus nicht mehr lese. Einfach weil der Comic-Anteil zu gering für den Preis ist. Empfehlen kann ich aber vor allem das Heft "Die tollsten Geschichten von Donald Duck - Sonderheft". Erscheint zwar nur monatlich und kostet 3 Euro, es sind aber 50 Seiten Comics von guten Zeichnern drin + ein gescheiter redaktioneller Teil. ;-)

  • Torsten Dewi

    04.01.08 (17:34:41)

    Guter Beitrag, doch zwei Anmerkungen seien erlaubt (ich las Micky Maus schon, als es im Mittelteil statt des Bastelbogens noch das Magazin gab - also in den ganz frühen 70ern): Es ist eigentlich unfassbar, dass eine der grundlegenden Ursünden deutscher Comic-Kultur (danke, Ehapa!) immer noch begangen wird - die Schreibmaschinen-Typo in den Sprechblasen. Klar, das war mal billiger als händisch geschriebene Texte, aber man kann doch heute mit jedem PC "zeichnerische" Schriftarten einsetzen! Der kastige Maschinentext sorgt neben dem visuellen Bruch auch für eine deutliche Limitierung der Textmenge. Und zweitens: Es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn der Verlag auch bei der Annahme von Werbeseiten seinem pädagogischen Auftrag nachkäme - dass der Mega Man mit einer fetten Wumme quasi auf die kindlichen Leser zeigt, hätte nicht sein müssen.

  • Wolfgang

    04.01.08 (22:15:52)

    Das Micky Maus Magazin hat stark nachgelassen. Bis zur Jahrtausendwende war es eine ansprechende Kinderzeitschrift. Seitdem haben sich die "redaktionellen" Seiten sehr ausgebreitet, wobei dieser im wahrsten Sinne des Worte "Schrott" ist. Diese ewigen "was ist in, was ist out" Seiten gehen einem furchtbar auf die Nerven. Es würde auch eine Witzseite reichen. Nein es müssen drei sein. Ich kaufte mir das Heft von 2001 bis 2003. Ich habe damit aufgehört, weil das Niveau stetig sank. Ich kannn für Comicfans auf "Die tollsten geschichten von Donald Duck" verweisen oder auf das "Lustige Taschenbuch" Zum Autor der ersten Geschichte. William Van Horn ist ein Meister seines Faches. Kaum einer schreibt so gute Gag-Stories wie er.

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