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30.08.07Leser-Kommentar

Im Test: LOKI

LOKI , kurz für Lokomotive, nennt sich "das führende Schweizer Magazin für den Modellbahnfreund". Auch wenn wir von Modellbahnen gar nichts verstehen, lesen und testen wir es.

Wenn Peter und ich nicht gerade Texte schreiben für Blogwerk, dann sind wir zusammen in unserem Hobbyraum bei unserer Anlage und fahren unsere Bahnen im Kreis, ausgerüstet mit Trillerpfeife, Mütze und Kelle. Nein, das ist nicht die Wahrheit. Wahr ist aber, dass Peter mir letzte Woche die Ausgabe 3/2006 der LOKI mitgebracht hat. Und dass ich darauf am Bahnhofskiosk Zürich einen jungen Hippie, der Zeitschriften einräumt, nach langem, erfolglosen Suchen leise gefragt habe, ob sie auch was zu "Eisenbahnen" hätte. Worauf er mir sehr gewissenhaft die richtige Reihe zeigte. Worauf ich mich bedankte. Worauf ich mich räusperte. Worauf ich das aktuelle Exemplar an der Kasse bezahlte. Und dann sofort tief in meinem Rucksack versenkte.

Loki Titel

Im Test: Die Ausgabe 7-8/2007.

 

Allgemeiner Eindruck

ModellbahnIch weiss nicht, ob Reverend Lovejoy (der Simpsons-Pfarrer, der von Flanders immer mitten im schönsten Spiel mit seiner Modellbahn zu theologischen Fragen angerufen wird) die Zeitschrift auch abonniert hat. Aber wäre ein Schweizer, käme er wohl nicht drumrum. Der Name wird mit kurzem, dunklen "o" ausgesprochen, worauf mit dem "k" ein schweizspezifischer Krächzlaut folgt.

Zielgruppe

Häusliche Männer in karierten Hemden, oft zwischen 40 und 70.

Offiziell (pdf ) klingt das so:

 

Aktive Modelleisenbahner, Anlagenbauer, Modellbauer, Sammler, Freunde der Modelleisenbahnen, Vereine, Vereinigungen sowie der Fachhandel.

Anspruch

Das führende Schweizer Magazin für den Modellbahnfreund zu sein.

Offiziell (pdf ):

 

LOKI zieht Kreise. Die Mehrheit der Exemplare wird von mehr als einer Person gelesen.

LOKI-Leser investieren jährlich in ihr Hobby:

47,8% bis CHF 1000.-

41,6% zwischen CHF 1000.- bis CHF 5000.-

9,5% CHF 5000.- und mehr

LOKI-Leser haben einen starken Bezug zu Themen wie Computer und Internet, Literatur, Reisen, Fotografie und Video.

LOKI ist Sammelobjekt. Inserate werden daher stark beachtet und geben immer wieder Impulse und Anregungen für das Hobby.

Diese Angaben basieren auf einer von der FACHPRESSE ZÜRICH AG durchgeführten schriftlichen Leserbefragung aus dem Jahr 2001.

Titelseite

Ein braunes Cover mit einer braunen Lokomotive drauf, dahinter ein gelbes Postauto. Irgendwie ein Reisser. "GE 6/6 der RhB - Rhätische Krokodile", das sagt einem Outsider vermutlich nicht mehr und nicht weniger als überhaupt nichts. Neckisch der rot-weisse Streifen am linken Rand, der jede Ausgabe säumt. Was will das heissen? Gefahr? Schweiz? Sperrzone? Hat es etwas mit dem Logo zu tun, dem schräg gekippten Einbahnschild? Das die Rückseite der Bahnkelle (no-go) darstellt?

Aufmachung

BündnerlandUnaufgeregte, vielleicht etwas spiessige Schrift auf vor allem weissem Hochglanz. Wenige gestalterische Überraschungen und wenn, dann eher misslungen (siehe Beispiel). Gute bis sehr gute Fotos. A4.

Auflage

12667 verkaufte Exemplare (nach eigenen Angaben WEMF-beglaubigt). Offizielle Zahlen leider keine gefunden.

Erscheinungsweise

11 Ausgaben pro Jahr.

Seitenanzahl

100

Verbreitungsgebiet

Schweiz (sowie offenbar Deutschland, Österreich und Niederlande. Preise für diese Länder sind jedenfalls auf dem Cover abgedruckt).

OrdnungPreis

CHF 11.80 / 8.10 Euro pro Ausgabe. 20 Franken für drei Ausgaben. 111 Franken für 11 Ausgaben. Auslandsabopreise auf Anfrage.

Preis / Leistungsverhältnis

Die Preise, die zu bezahlen sind, sind nicht sehr tief: Mindestens 50 Franken die Kleinanzeige, 11.80 Franken das Heft. Aber wer 5850 Franken für das Vitrinenmodell SNCF / EST 241 A 10 ausgibt (Beispiel aus den Kleinanzeigen), kennt solche Sorgen kaum.

Onlineauftritt

Im Shop ist für 10 Franken die rechts abgebildete LOKI-Cap zu kaufen. Etwas abweisend vielleicht, aber warum nicht? Man möchte ja auch nicht dauernd belästigt werden. Gut und wichtig das Einsteiger-ABC, das die doch sehr von den vielen Fachausdrücken abgeschreckte Neuleserschaft sanft ins Thema einführt.

Inhalt

Bauanleitung Der neugierige Leser erfährt schon auf der Titelseite: Das hier ist ein Fachmagazin. Wenn du keine Ahnung hast und dir auch keine Ahnung verschaffen willst, dann geh wieder nach Hause. Die LOKIist was für Kenner, für Könner, für Wissende. Auch andere Wörter auf dem Titel ("Loisl-Anlagenidee", "SBB-Wärterhaus", "Arge Spur 0") bleiben den Nichteingeweihten womöglich nicht besonders wissenswerte, aber dennoch unlösbare Geheimnisse.

Als Beispiel führen wir eine Anzeige auf Seite 64 an, Rubrik "Spur H0":

 

Lima TEE-Wg. 1Apüm 309167 1 Avüm 309168 1 WRmh 3 09217 30 - 1 NPZ EW" o. Schwenkt. 10- 1 Güterwg. 303570 1Wg 3090 44 1Eaos 3090453 K 2 SBB 303546 40- alle Wg o. KK OK.

Das wirkt etwas wie eine Religion, von der Nichteingeweihte ausgeschlossen sind. Die Inserenten sind übrigens ohne Ausnahme männlich und heissen Alois, Daniel, Fredy, Heinz, Jürg, Karl-Heinz, Max, Peter, Ruedi, Simon, Urs oder Werner.

Highlights

LOKI Zeit für mich 1Der hervorragende Text von Werner Schaffner ab Seite 78, in der er seine eigene Anlage rund um den fiktiven Ort Altstätten AG vorstellt. Es gelingt ihm darin, dem modellbahnfernen Leser Anhaltspunkte über die eigene Faszination zu übermitteln. Er erzählt, wie er in den 1960er-Jahren, als das Familienauto noch keine Selbstverständlichkeit war, bei Bahnfahrten vom Eisenbahnvirus angesteckt wurde:

 

Ich erinnere mich noch heute gut an das leicht unheimliche, mulmige Gefühl beim Durchfahren des langen Hauenstein-Basistunnels. Verstärkt wurde dieses Gefühl noch dadurch, dass dann mein Vater mir die schlimmen, menschlichen Tragödien schilderte, welche sich beim Bau des Tunnels ereigneten.

Sein handwerklich begabter Vater habe unzählige Spielzeuge aus Holz erstellt, darunter auch Bahnen jeglicher Art. Von der Eisenbahnindustrie angefixt wurde er dann so:

 

Ich war etwa sechs Jahre alt, als ich zu Weihnachten ein grosses, flaches Paket unter dem Weihnachtsbaum fand. Die Anfangspackung von Märklin liess mich in der kommenden Nacht nur unruhig schlafen. Wie bei vielen von der Modelleisenbahn begeisterten Kindern waren in der Folge die Wünsche zum Geburtstag oder auf Weihnachten ziemlich klar. Etwas für meine Eisenbahn sollte es sein. Übrigens geht es mir heute noch so.

Die Vision des Modellbahnfreunds klingt keineswegs kleingeistig, sondern wie die eines grossen Künstlers:

 

Darstellen möchte ich nicht eine heile Welt, sondern das Leben, so wie es sich an einem Ort präsentiert, wo viele und verschiedene Menschen aufeinandertreffen.

LOKI Zeit für mich 2Auch die Aufgaben und Ziele des Modellbahnfreunds werden sehr plausibel geschildert:

 

Wichtig ist mir, dass ich einerseits auf der verschlungenen Acht fahren kann, andererseits im Kopfbahnhof Altstätten AG viel Rangierarbeit erledigen darf.

Der sehr schöne und authentische Bericht des von einer Leidenschaft Besessenen schliesst mit:

 

Mir ist das Spielen und Träumen mit, aber auch von der Bahn sehr wichtig. Nicht vergessen möchte ich an dieser Stelle, meiner Frau zu danken, welche in den vergangenen Jahren viel Verständnis für mein Hobby aufgebracht hat.

Für ein Highlight halte ich auch dieses Bild (aus Ausgabe 3/2006):

Schadenfreude

Lowlights

Für mich als Nichteingeweihter die mit vielen Zahlen und Abkürzungen gespickten Texte, die ich schlicht oft nicht verstehe. Das Design ist nicht unterirdisch, aber doch nicht immer über alle Zweifel erhaben. Aber was geht das einen Modellbahnfreund an.

Werbung

Wie in jeder Zeitschrift, die sich direkt mit käuflichen Artikel beschäftigt, ist auch hier die Produktbesprechung eng mit der Produktquelle verknüpft. Es kommt aber nie der Eindruck auf, redaktionelle Beiträge seien von irgendjemandem bezahlt worden. Bezahlte, branchenspezifische Inserate sind einige im Heft. Das Verhältnis zwischen Beiträgen und Werbebeiträgen ist ausgewogen und lesefreundlich.

Sex-Appeal

Null. Zero. Nada. Nix. Es sei denn, man versteht die in die Tunnels einfahrenden Züge als Ausdruck einer tieferen Sehnsucht.

Aktfotografie ModellbahnMoment: Da hat es auf Seite 23 ein Bild von nackten Frauen am Bahntrassee, die von Fotografen in den Fokus genommen werden, was damit gerechtfertigt wird, dass "Akt- und Portraitfotografie" das zweite Hobby des Anlagenbauers sei. Auf Seite 25 wird die Schweinerei dann gleich nochmals relativiert. Zu einem Bild der gleichen Anlage mit zwei Wanderern drauf heisst es in der Legende:

 

Es wird nicht nur "unanständig" fotografiert, sondern auch "anständig" gewandert.

Puh. Jetzt dachte ich für einen Moment, ich halte ein XXX-Magazin in den Händen.

S-BahnZukunft

Klar hat das Heft eine Zukunft. Solange die Männer immer älter werden und Grossväter ihren Enkeln Modelleisenbahnen zu Weihnachen schenken.

Fazit

Ein Heft wie eine gute Anlage, strukturiert und penibel detailverliebt. Doch auch so spröde und unsexy wie das Synthetik-Gras auf den Kunststoffhügeln. Überzeugt es denn fachlich? Vermutlich.

Bewertung

6/10 Punkten

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Marcel Marchon

    30.08.07 (16:06:36)

    Haha, das ist echt lustig - wie kann einer, der sich offensichtlich ueberhaupt nicht mit (Modell-)Eisenbahnen beschaeftigt, ueber eine solche Fachzeitschrift ein Urteil abgeben? Ist aber witzig zu lesen, danke. PS. Man muss sich nicht schaemen, wenn man ein Eisenbahnheftli kauft ... :-)

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