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11.10.08Leser-Kommentare

Im Test: Humanglobaler Zufall

Ein Magazin auf der etwas angestrengten Jagd nach einem Zufall, der nicht nur zufällig, sondern auch noch global und human sein soll. Wir testen den Humanglobalen Zufall.

Im Test: Ausgabe 3/2008, 22.09.2008.

Allgemeiner Eindruck

Stilvolles Magazin mit grossen Fotos und ausgezeichnetem Layout, könnte ein Modeheft sein. Doch es ist ein Reportagen-Magazin, das (vorerst) existiert, weil der jetzige Chefredakteur bei einem Wettbewerb den ersten Preis gewonnen hat ("von fast 2000 eingereichten Ideen").

Zielgruppe

Unklar. Doch den Geschichten nach, die sich in diesem Heft unausgewogenerweise alle um junge Männer drehen, sind diese als Zielgruppe wohl gesetzt.

Anspruch

Auf humanglobalerzufall.de ist zu lesen:

Humanglobaler Zufall ist das, was der Name verspricht: menschlich, global und zufällig. Faszinierend ist dabei, wie der rote Faden die Welt umspannt. Denn Globalisierung ist mehr als internationale Finanzverstrickungen und Global-Wirtschafts-Player. Humanglobaler Zufall zeigt die menschliche Seite der globalisierten Welt.

Heisst das im Umkehrschluss, dass globales Wirtschaften unmenschlich ist? Internationale Finanzverbindungen von Unmenschen gestrickt werden?

Titelseite

Wunderbar. Eine hellgraue Oberfläche, durch die schwach das Panorama von Rio de Janeiro durchschimmert, inklusive Zuckerhut. Darauf aufgeklebt ein Linsenraster-Bild (auch: Lenticular-Bild oder Prismenraster-Bild), dass je nach Wendung entweder den Titel oder ein kompaktes Inhaltsverzeichnis anzeigt. Vielleicht haben militante Umweltschützer was gegen solche Titelbilder, aber zum absurde Geräusche machen während dem Lesen ist die geriffelte Oberfläche super.

Verlag

Axel Springer Akademie, Axel Springer AG, Berlin

Chefredaktion

Dennis Buchmann

Auflage

Bei IVW nicht zu finden.

Erscheinungsweise

Viermal jährlich.

Seitenanzahl

140

Preis

Eine Ausgabe für 5 Euro, drei Ausgaben für 15 Euro

Onlineauftritt

Online zu finden auf humanglobalberzufall.de, eine Website, die nicht viel mehr als "ok" ist. Das Blog (tatsächlich ohne RSS-Feed?) bringt immerhin einiges an Zusatz- und Hintergrundinformation über das Entstehen des Hefts. Das Team hat auch einen flickr-Stream, mit dem es offenbar seine weltumspannend hochgeladenen Fotos organisiert und ein Konto bei YouTube.

Inhalt

Sechs Geschichten verbindet auch die Ausgabe 3 des Hefts mit einem auf der vorletzten Seite befestigten roten Faden:

  • Rio de Janeiro: Portrait von MC Gringo (myspace.com), einem Stuttgarter namens Bernhard, der an Baile-Funk-Partys auflegt und versucht, sich in Brasilien mit "Música Brasileira" durchzusetzen, was teilweise auch gelingt. Er wohnt "in der kleinen 2000-Einwohner-Favela Pereira da Silva", nachdem er sein recht günstiges "Apartment" verlassen musste, "weil es über der Sauna einer Schwulendisko lag. Von dort drang immer wieder 'beissender Gestank' in Bernhards Nase." Ein Stück von MC Gringo heisst "Focky Focky", was gut zum angeblich zurzeit grössten Hit in Rio passt. Der heisst nämlich, so steht es im Heft, "Ai! Meo peru!" ("Au! Mein Schwanz tut weh!").
  • London: Luke Dowdney gründete in Rio Fight for Peace, ein Boxclub, der Kinder von der Strasse holt. Zurzeit betreut er das Projekt in London - und will es in Zukunft zur Marke, zur weltweiten Bewegung weiterführen.
  • Nkambe: Max Graef hat in Kamerun das Donga Mantung Community Radio (DMCR) gegründet, das von der Bevölkerung offenbar sehr dankbar und wohlwollend aufgenommen wurde.
  • Bethlehem: Eine Reportage über das Kulturzentrum Ibdaa in Dheisheh, wo 12.000 palästinensische Flüchtlinge auf etwas mehr als einem Quadratkilometer leben. Im Fokus der Story steht Ziad Abbas, der es aufgebaut hat.
  • Kopenhagen: Ein Text über den in Kopenhagen geborenen Rapper Zaki. Er hat in der 10. Klasse die Schule abgebrochen und macht seitdem Musik.
  • Berlin: Zum Schluss landet man in Berlin bei Jacob Kirkegaard (Blog), der mit Musik experimentiert.

Alles interessante Menschen und Geschichten, von denen ich anderswo noch nicht gelesen habe. Doch bemüht erscheinen mir die Verbindungen zwischen den Leuten dennoch. Dieser imaginäre rote Faden ist zwar super, um einen Wettbewerb zu gewinnen, doch im redaktionellen Alltag bewährt er sich augenscheinlich nur mit ziemlicher Anstrengung. Wie die drei oder vier Fragen zustande kommen, die jeweils der Protagonist der einen Story dem Protagonist der folgenden Story stellt oder stellen muss, wird nicht transparent gemacht. Auf mich wirkt die Vorgehensweise angestrengt, für den Leser sehe ich keinen Vorteil. Ich glaube, dieser hätte mehr davon, wenn mehr Energie in die Texte und Bilder investiert würde.

Highlights

Es zieht sich durch das ganze Heft. Der Höhepunkt dieses Hefts ist die Verpackung, nicht der Inhalt (Art Direction Bureau Mirko Borsche: David Henne, Johannes von Gross, Melanie Homann). Beinahe fehlerlos, das Auge beruhigend, schön. Sowas erreicht man nur durch gnadenlose Disziplin des Chefs (alternativ auch durch etwas Spass):

Lowlights

Wer auch immer die Idee hatte, einzelne Worte aus den Texten mit Bildern von 2 x 1 cm Grösse zu illustrieren, sollte in den Keller geschickt werden, um sich zu schämen. Beispiel Seite 31: Vom Wort "70-Prozent-Margen" wird "Marge" in bold gesetzt. Daneben steht ein Bildchen von Marge Simpson. Das ist erstens albern und lenkt zweitens vom Text ab.

Sex-Appeal

Ja, aber dann muss auch die Frage gestellt werden, wie befriedigend ein belangloses Gespräch mit einer äusserlich schönen Person ist.

Werbung

Etwas Werbung hat es im Heft und die ist angenehm eingebunden. So guckt man Werbung gerne an.

Leserbeteiligung

Statt Leserbriefen erzählen auf den Seiten 16 und 17 Leser von Zufällen, die sich in ihren Leben ereignet haben.

Fazit

"Es gibt noch kein vernünftiges Periodikum über Globalisierung, obwohl es ein sehr gehaltvolles Thema ist, das uns alle betrifft" sagte der Initiant und Chefredakteur des Projekts anlässlich des Gewinns des Wettbewerbs. Doch gibt es das nun dank Humanglobaler Zufall, deren Reporter junge Männer dabei begleiten, wie sie versuchen, ihre mehr oder weniger schlauen Ideen irgendwo im Ausland umzusetzen? Ist das die Darstellung der Globalisierung und den damit verbundenen wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen? Wohl nicht, das Herangehen an das Persönliche (das "Humane") ist aber auch interessant.

Ich wünsche mir mehr Text. Im Bemühen, Qualität zu erstellen, wird der nämlich so gekürzt / verdichtet / redigiert, dass kaum mehr als eine oder zwei Stunden Lesezeit übrig bleiben. Was für ein Heft, das nur alle drei Monate erscheint, zu wenig ist; es bleibt so nämlich beim üblichen Häppchenjournalismus mit grossformatigen Bildern. Ich bin dafür, dass wenn ein Reporter schon nach Kamerun und Brasilien geschickt wird, er auch fünf, zehn, zwanzig, gar dreissig Seiten nach Hause bringen dürfen soll. Natürlich nur, wenn ein Text auch über eine solche Länge attraktiv bleibt.

Die in London und Nkambe aufgefundenen Projekte sind grossartig und erzählenswert, auch sind einige der sechs Stories ganz gut geschrieben. Die Frage ist, ob das reicht. Ich (und bestimmt nicht nur ich) erwarte von Reportagen, dass sie hervorragend geschrieben sind.

Die Auswahl der Stories ist einseitig. Alle drehen sich um Männer unter 45, die fern ihrer Heimat Projekte haben. Und viele Leser und Leserinnen erwarten wohl zurecht, dass auch andere Bevölkerungsgruppen in den Fokus rücken, nicht nur junge Männer mit Projekten.

Jan-Eric Peters, Mentor des via einem Wettbewerb (SCOOP! 500.000 für Ihre Idee!) ins Leben gerufenen Magazins, sagte zum Start: "Klassischer Reportage-Journalismus mit gründlich recherchierten Geschichten und spannenden Fotografien ist vom Aussterben bedroht - mit unserer Zeitschrift wollen wir für Nachwuchs sorgen". Richtig. Sehr gut. Aber braucht es dazu tatsächlich den doch etwas sehr gesuchten Zufall? Ich glaube nicht - mit einer besseren Unterstützung des durchaus begabten Chefredakteurs und einer Neuordnung des Konzepts könnte mehr erreicht werden. Die Konkurrenz auf dem Markt der deutschsprachigen, ausführlichen, entspannt-grossartigen Reportagen und Hintergrundtexte ist nämlich zurzeit überraschend schwach. Ich bin bestimmt nicht der Einzige, der schon am Kiosk ratlos rumgestanden ist auf der Suche nach so einem Heft.

Zukunft

Die von der Axel Springer Akademie mit einem Betrag von 500.000 Euro geförderte Zeitschrift erscheint "so lang das Fördergeld und Anzeigen- wie Verkaufserlöse reichen". Wie es weitergeht, ist also ziemlich offen. Die nächste Ausgabe kommt am 1. Dezember raus.

Bewertung

5/10 Punkten

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Andreas Hobi

    11.10.08 (21:14:46)

    Tolle Rezension! Meiner Meinung nach hat der Blog jedoch einen RSS-Feed: http://humanglobalerzufall.de/feed

  • mk

    14.10.08 (13:28:49)

    Wie es weitergeht, ist also ziemlich offen. Laut "Journalist" (via turi2) wird das Heft nach der vierten Ausgabe eingestellt.

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