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01.03.08Leser-Kommentare

Im Test: FIRST

Das neue österreichische Society-Magazin FIRST will ein luxuriöses Hochglanzprodukt für anspruchsvolle LeserInnen sein. Trügt der Schein oder hält die glänzende Oberfläche, was sie verspricht?

 

Im Test: Ausgabe 2/2008 vom Februar.

Allgemeiner Eindruck

Magazine wollen etwas besonderes sein. Die Kunst des Zeitschriftenmachens liegt darin, jenen besonderen Zugang zum Thema zu finden, der zum Lesen animiert, obwohl man eigentlich schon über das Thema Bescheid weiß – durch Internet, Zeitung, Radio oder TV. Das österreichische Personality-Magazin FIRST lockt am Zeitschriftenständer mit edlem, teurem Hochglanz – von der Titelseite bis zum Schluss. Glanz und Glamour ist das Programm, das man von FIRST erwartet und das auch eingehalten wird. Doch wie steht es um Ästhetik, Stil und Tiefgang?

 

Zielgruppe

Magazine sind Luxus und First macht kein Hehl daraus, dass es für eine Zielgruppe gemacht wird, die sich edel, luxuriös und Upper-Class fühlt oder fühlen möchte. Auf den zweiten Blick allerdings flirtet FIRST auch mit Lesern, die sich weder für Mode noch für Klatsch und Tratsch interessieren: Beim Durchblättern dürfte wohl das eine oder andere männliche Augenpaar an den erotischen Bilderstrecken von Carla Bruni, Scarlett Johansson und Gisele Bündchen hängen bleiben.

Anspruch

FIRST und ein lang gezogener Einser in weiß mit einem hochgestellten ST prangen auf silbernem, glänzendem Hintergrund links oben am Titelblatt. Erstklassig sein will das Magazin und das untermauern auch die Ressortüberschriften, die alle mit einem 1ST beginnen. Auch optisch präsentiert sich FIRST als Premiumprodukt auf dickem Hochglanzpapier mit glitzernden Schriften und in einem eigenen Format (etwas breiter als A4).

 

Themen und Autoren versprechen auf den ersten Blick guten Journalismus: ORF-Korrespondent und USA-Spezialist Eugen Freund schreibt über Barack Obama, die Paris-Korrespondentin des Eva Twaroch über Carla Bruni und FM4-Moderator/-Talkmaster Martin Blumenau über Bob Dylan.

Titelseite

Wenig Farbe, viel Glanz und ein großes Coverfoto von Carla Bruni dominieren die Titelseite. Die Hauptschlagzeile bezieht sich aufs Titelfoto: ?Madame le President. Die Frau, die Nicola Sarkozy beherrscht.? Dass sechs weitere Anreißer ebenfalls auf der Titelseite untergebracht sind, wirkt verwirrend. So kann man ein Cover komplett überladen, um möglichst viele Themen anzureißen.

Verlag

FIRST gehört zur Verlagsgruppe News, in der ein Großteil der österreichischen Magazine erscheint.

Erscheinungsweise, Verbreitungsgebiet

Monatlich, österreichweit. Erhältlich auch in Deutschland, Italien und der Schweiz.

Seitenanzahl

Ausgabe 2/2008 umfasst 178 Seiten.

Preis

Im Verkauf 4 ? (Österreich) bzw. 5 ? (Deutschland, Italien) oder 8 CHF. Die Aboangebote sind ebenso luxuriös wie das Magazin selbst: Für 99 ? gibt es 10 Ausgaben und ein JOOP Collier. Ein Jahr FIRST plus das edle LG Shine-Handy kostet 245 ?.

 

Preis/ Leistungsverhältnis

Mit 4 ? ist FIRST eines der teuersten österreichischen Society-Magazine. Dennoch ist der Preis gerechtfertigt für Umfang, Inhalt und Format. Eine vergleichbare Zeitschrift wäre Woman, das für 2,20 ? zwar fast doppelt so dick ist, allerdings auch mehr Werbung enthält, auf schlechterem Papier gedruckt ist, mehr auf Österreich ausgerichtet ist und weder bei Fotos noch bei den Texten mit der Qualität von FIRST mithalten kann.

Werbung

Mit rund 20 Seiten (inklusive Aboangebote) recht wenig und außerdem kaum störend, weil es nur ganzseitige Inserate zwischen den Artikeln gibt. Wenig Werbung mag für den Leser vorteilhaft sein, den Verlag wird es allerdings weniger freuen – vor allem bei der teuren Produktion.

Online-Auftritt

Die Domain www.1st.at verspricht Klasse und Exklusivität. Die Flash-Seite hält dieses Versprechen allerdings nicht. Es gibt nur vier Unterkategorien, wo sich Diashows abrufen lassen. Artikel und längere Stories hat 1st.at überhaupt nicht im Reperrtoire. Bei den Diashows klickt man sich durch Fotos, die von einem kleinen Text begleitet werden. Viel Mühe und Arbeit steckt da nicht dahinter.

Inhalt

 

FIRST hat mehrere Ressorts:

  • 1st Flash mit Mode- und Stil-News
  • 1st Faces bringt Portraits, Artikeln und Interviews, bei denen bekannte Persönlichkeiten die Hauptrolle spielen. Das Themenspektrum ist erstaunlich breit und reicht von Politik, über Mode zum Kabarett.
  • 1st Fashion enthält typische Modestrecken, die teilweise aber sehr kreativ in Szene gesetzt sind.
  • 1st Fabulous präsentiert Kosmetikprodukte, Parfüms und Schmuck, gut inszeniert mit perfekten Fotos, die man gern länger anschaut. Die Schönheitstipps für Frauen tragen allerdings eine problematische, klischeehafte Konnotation: ?Man muss nicht Gisele heißen, um wie Bündchen auszusehen.? Mit ein bisschen Workout und der richtigen Kosmetik zum Traumkörper: das ist eigentlich zu billig und durchschaubar.

 

  • 1st Fancy mit zwei Homestories und Film-, Musik- und Buch-Vorstellungen)
  • 1st Fame bringt diverse Promi-News und Personality-Stories

Highlights und Lowlights

Kreativ war die Bildredaktion bei den Texten zu Brunis Fotos. Da liest man allerlei spitze Bemerkungen:

Carla Brunis Spitzname: ?Gaddafi auf langen Beinen?

Die junge Musikerin und der rechte Chauvi. Wenn das mal gut geht.

Bruni: ?Moralität lässt keinen Raum für Spaß oder Freude?

Rätsel über Rätsel: Bruni ist 1,76m groß, Sarkozy 1,65m, aber auf Fotos ist er immer gleich groß oder größer. Stöckelschuhe?

Der Text von Eva Twaroch bleibt allerdings unter den Erwartungen. Es geht um haufenweise Gerüchte, Vorurteile und krause Prophezeiungen. Klatsch und Tratsch ist aber wahrscheinlich genau das, was Leser und Leserinnen eines Societyblattes erwarten.

Seltsam auch die Bildunterschriften bei den Filmvorstellungen:

bu1

bu2

Charity-Stories dürfen in so einem Magazin klarerweise auch nicht fehlen. FIRST portraitiert die Aktivistin Jemima Khan, die sich für Demokratie in Pakistan einsetzt. Dabei erfährt man auch erstaunlich detaillierte Hintergründe über die Situation der pakistanischen Oppositionsparteien. Dass Jemima Khan mal mit Hugh Grant zusammen war ist der Aufhänger der Geschichte. Ist das der einzige Weg für FIRST, um politische Themen interessant zu machen?

Klasse Antworten gibt der Kabarettist Josef Hader in einem Interview, in dem er über Einsamkeit, das Leben am Land, Kabarett, Thomas Bernhard und Franz Kafka philosophiert. Leider schafft der Redakteur, der das Interview geführt hat, immer wieder mit abgehackten Fragen den Lesefluss zu stören und die Atmosphäre zu zerstören. Wer will solche Fragen lesen?

Traktor gefahren zu Hause?

Spitzname im Internat?

Frückstückspension?

Ausgetreten?

Wenn nicht?

Gute Sätze in Interviews scheinen nicht die Stärke der Schreiber von FIRST zu sein. Der Einleitungssatz in einem Gespräch mit Musiker Rainhard Fendrich und Schauspielerin Sona MacDonald verdirbt einem gleich wieder die Lust aufs Weiterlesen:

Rainhard Fendrich, Sie geben George, einen Buchhalter und dreifachen Familienvater Mitte 20, der mit der gleichaltrigen biederen Hausfrau Doris – gespielt von Ihnen, Sona MacDonald – eine heiße Nacht erlebt.

Wer dennoch bis zum Schluss ausharrt, darf auch einen so herzigen Satz von Fendrich lesen, der in letzter Zeit eher mit Negativschlagzeilen (öffentlich ausgetragener Scheidungskrieg, Anklage wegen Kokainbesitz) für Aufsehen gesorgt hat:

Heute ist es eine Gnade, wenn man einen guten Job, eine liebevolle Partnerin und gesunde Kinder hat.

Eine schöne Idee ist die letzte Seite von FIRST: Miss Austria Christine Reiler verrät, welche sieben Wünsche sie sich in ihren Leben noch erfüllen möchte. Die Schlüsselwörter sind dabei größer als der Lauftext und durch Fettdruck, Versalien oder Kursivschrift hervorgehoben: gute Optik! Komisch ist allein die Headline: ?Letzter Wille? – Assoziationen mit Tod und Testament sind wohl nicht beabsichtigt. Das ist ein schlechter Gag.

letzter wille

Sex-Appeal

Die Fotostrecke mit Scarlett Johansson entzückt: perfekte Fotos, sexy Inszenierungen, das spricht eine Zielgruppe an, die sonst eher zu Männermagazinen greift.

scarlett

Auch Gisele Bündchen zeigt viel Haut räkelt sich in lasziven Posen. Carla Bruni mimt die ?knallharte Egomanin? in stilvollem Schwarz-Weiß. Insgesamt durchaus schön anzuschauen.

bruni

Fazit

FIRST verspricht viel und ist an der Oberfläche ein wirkliches Sternchen. Die optische Aufmachung und die Qualität der Bilder befördern FIRST eindeutig in die Oberklasse der Society-Magazine. Schade, dass die Texte großteils schlecht sind. Das kann nicht an den Autoren liegen, sondern wohl eher an einer Redaktion, die ihre Leserschaft unterschätzt. Wir lieben Gerüchte, Skandale und Stories über andere Menschen – aber auch hinter Boulevard steht heute harte Arbeit und Perfektionsanspruch. FIRST hat sich noch nicht zwischen Qualität oder Boulevard entschieden - das kann dem Magazin nur schaden. Qualitative Society-Berichterstattung hätte dennoch ihren Charme, und sicherlich ihre Chance!

Bewertung

6/10 Punkten.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Klaus Jarchow

    01.03.08 (13:55:39)

    Wie viele von diese Hochglanz-Luxus-Anzeigenstrecken-Magazinen soll ich eigentlich noch kommen und gehen sehen? Und warum heuern eigentlich keine guten Schreiber auf der Titanic an? Weshalb honoriert ein kaufkräftiges Publikum intelligente Inhalte nicht? Und wäre 'First' nicht eigentlich ein Titel, den man sich erst einmal verdienen muss? Fragen sind das ...

  • Martin Rath

    01.03.08 (18:46:17)

    Ich bin mir ja für keinen Kalauer zu schade: "First" ist einfach der Teil vom Haus, von dem aus man am tiefsten fallen kann: http://de.wikipedia.org/wiki/Dachfirst Mit meiner Roland-Barthes-Bildanalyse-Brille sah ich auf dem Titelbild verwundert, dass Christian Delacroix offenbar am Arsch ist, "Jungstars auf dem Weg nach oben" am Busen der Bruni vorbei schweben müssen (man denkt unwillkürlich an den strebsamen kleinen Nick) und die vermuteten Scarlett-Johansson-Qualitäten "blond & klug" aufs dunkle Haar von Frau Bruni platziert wurden. Es soll Leute geben, die aus weniger Information kulturkritische Essays stricken... Bloß, wenn "First" schon aus Wien kommt, dürfen vulgärpsychoanalytische Erwägungen halt nicht fehlen.

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