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14.06.08Leser-Kommentare

Im Test: Dummy

Das Gesellschaftsmagazin Dummy widmet sich in Ausgabe 19 der Schweiz und knöpft sich die Rogers vor. Wir testen.

Im Test: Ausgabe Sommer 2008, Thema Schweiz, 9. Juni 2008.

 

Zielgruppe

In den Mediadaten ist zu lesen, gemäss einem Test weise die Leserschaft "eine grosse Übereinstimmung mit den Sinus-Milieus der Postmaterialisten und modernen Performer" auf. Wer sich darunter nichts vorstellen kann - macht nichts. Hauptsache, es beeindruckt die Werber.

Anspruch

Ich hab etwas gesucht nach einem ausformulierten Anspruch, doch nur beim Konzept zur Dummy Galerie etwas gefunden. Dort steht: "DUMMY steht für überraschende Gesellschaftsreportagen in Wort und Bild, für ein publizistisches Programm jenseits vom Mainstream." Doch auch unausformuliert ist klar, dass in Dummy nicht nur die allerfeinsten Texte stehen sollen, sondern das Magazin in allen Bereichen, die eine Zeitschrift ausmacht, die Nummer 1 sein will. Schliesslich kommt es aus der Hauptstadt und man nimmt sich für jede Ausgabe den Viertel eines Jahres Zeit.

Titelseite

Mir gefällt sie. Auch wenn man sie im Deutschland-Heft ( Dummy #04 ) schon genau so gemacht hat. Die Aussage, dass die Schweizer im Fussball totale Nieten sind, war mutig, da das Heft bei einem Europameister Schweiz ganz schön dumm am Kiosk rumgelegen wäre. Da sich dieser Halbsatz aber als Wahrheit herausgestellt hat, kann seine Verwendung unmöglich als töricht bezeichnet werden.

Verlag

DUMMY Verlag GbR, Jochen Förster & Oliver Gehrs, Berlin (Mitte).

Auflage

Bei ivw.de ist nichts zu finden.

Erscheinungsweise

Ein neues Heft jeweils zum Beginn einer neuen Jahreszeit. Also vier Hefte im Jahr.

Seitenanzahl

132

Preis

Gekauft für 12.50 Franken, was doch etwas mehr ist als die 6 Euro, die es in Deutschland kostet. Das ist ganz ok, wenn man es mit dem Du vergleicht (um die 20 Franken), aber nicht ganz so ok, wenn man es mit dem NZZ Folio vergleicht (als Beilage der NZZ 2.80 Franken).

Onlineauftritt

Gut bis sehr gut. Man führt, abseits der Printpublikation, ein relevantes und interessantes Blog, was sich jede Zeitschrift zum Vorbild nehmen kann. Man positioniert sich so inhaltlich und politisch und generiert nebenbei neue Leser. Ausserdem, und das merkt man diesem Blog an, kann bloggen einfach eine Menge Spass machen.

Eher Unverständnis bringe ich den als Topstory #1 und #2 angepriesenen Geschichten aus dem Heft entgegen. Sie sind sie nicht als bearbeitbarer Text verfügbar und das ihnen verliehene Label "Story anlesen" ist schlicht falsch. Ich verstehe unter "anlesen" nicht, dass mich nach dem Klick der gesamte Artikel in einem pdf-File erwartet. Wenn man Printartikel online bringt, dann doch bitte als bearbeitbarer Text, inklusive allen Bildern, zu finden unter einem einfachen Permalink sowie unmissverständlich beschrieben. Das pdf-File kann man ja durchaus dazu liefern.

Das sehr gefällige Editorial ist ebenfalls online, jedoch unverlinkbar in einer Flash-Spielerei gefangen. Schade.

Inhalt

Die 60er-Jahre scheinen für das Heft sehr wichtig zu sein. 1968 ist das Jahr, in der Erich von Däniken (*1935) sein erstes Buch veröffentlichte (Portrait von Fabian Dietrich, ab Seite 92). 1968 ist das Jahr, in dem Jean-Luc Godard (*1930) zum "Maoist" wurde (Portrait von Matthias Heine ab Seite 70). 1960 ist das Jahr, in dem Jacques Piccard (*1922) eine im Heft über vier Seiten beschriebene Tauchfahrt macht (Text von Cay Rademacher ab Seite 61).

Fällt etwas auf? Ja, alle diese Texte hätte man auch vor 2, vor 5, vor 10 oder vor 20 Jahren schreiben können. Sie haben nichts zu tun mit der Schweiz von heute, es sind Helden einer vergangenen Generation. Anstelle der Portraits über von Däniken, Godard und Piccard hätte man auch über Gotthelf, Duttweiler, Tell oder Hodler schreiben können, das wäre nicht schlechter rausgekommen. Aber mit den heutigen Schweizern, und diesen Fokus verspricht mir die Titelseite, haben sie alle nichts zu tun. Davon handelt das Heft aber nicht, ausser in den Kinderkrippe-Geschichte und in der Story über den Hanfbauer.

Ebenso verstaubt (negativ ausgelegt) oder zeitlos (positiv ausgelegt) sind die mit der Schweiz verknüpften Themen Bunker und Banknotendruck. Paul Sahner, der erzählt, was er mal in den 80er-Jahren erlebte, ist zwar witzig, aber ebenso frisch wie die vollbusigen Prostituierten, die er damals besuchte (Seite 112).

Kümmern wir uns um die beiden Medientexte. Einmal hat Oliver Geyer Tom Kummer in Los Angeles besucht, dort schlaflose Näche verbracht, Gwyneth Paltrow und Bruce Willis kennengelernt und Kummer beim, "Popp, popp, popp", Tennisspielen beobachtet.

Und dann hat Oliver Gehrs einen Text geschrieben über die drei famosen Rogers, die sich angemasst haben, in Deutschland zu Chefredaktoren aufzusteigen. So richtig gut kommt keiner weg, am besten noch Roger Schawinski, von dem er erzählt, wie er, gefragt, wer ein geeigneter Redner einer Laudatio zu seinem Gewinn des Gottlieb-Duttweiler-Preises sei, Ted Turner vorschlug ("er war für das leise Land oft zu laut").

Roger de Weck, Chefredakteur der Zeit, 1997 - 2001, darf seinen damaligen Kontakt mit den Redaktoren so nachlesen:

De Weck sass sehr kosmopolitisch in ihren Konferenzen, rutschte wie ein kleiner Junge auf seinem Stuhl herum und sagte besonnene Sachen. Und wenn er fertig gesprochen hatte, schauten sich die anderen an, und es sah so aus, als würden sie jetzt zum Tagesgeschäft übergehen. Ja, es hatte den Anschein, als wäre de Weck gar nicht der Chef.

Zu Roger Köppel und der Weltwoche hat Oliver Gehrs ein gespaltenes Verhältnis. Obwohl er die Weltwoche unterhaltsam findet und so ein Blatt auch gerne in Deutschland haben würde , nennt er es ein "rechtes Propagandablatt". "Glasklare Angelegenheiten" wie die Fakten, dass George W. Bush böse ist und die Klimakatastrophe kein Hirngespinst, sollen, geht es nach Gehrs, nicht hinterfragt werden:

Man würde sich also ein Magazin wie die "Weltwoche" auch in Deutschland wünschen, wenn Köppel nicht auch in glasklaren Angelegenheiten fragen würde, ob man die Sache nicht auch anders sehen kann. Etwa: Ist die Klimakatastrophe ein Hirngespinst und George W. Bush vielleicht doch gut?

Alles glasklar im Hause Dummy also. Ideologiefrei kann man das aber beim besten Willen nicht bezeichnen. Ich erwarte jedoch von exzellentem Journalismus, dass er das ist. Als unvoreingenommen kann man einen, der meint, der amerikanische Präsident sei "böse" (was auch immer das ist) und die hochkomplexe Angelegenheit Klimawandel als unumstössliche Katastrophe (was auch immer das ist) ansieht, nicht bezeichnen.

Gehrs, der es sich in der Gewissheit, Avantgarde zu sein, vielleicht etwas zu bequem eingerichtet hat, merkt eines nicht. Wenn er über den "aus kleinen Verhältnissen" (Kloten, beim Flughafen) stammenden Schweizer schreibt: "Köppel schreibt, als sitze er den ganzen Tag im Schützengraben", "in der Schweiz gibt es nur wenige Kollegen, die nicht das Gesicht verziehen, wenn man Köppels Namen nennt", "Köppel, der schon in den ersten Tagen als Redakteur eine Krawatte und Anzug trug", "zu Hause, wo nicht einmal eine Familie wartet, spiele er Schlachten nach", "betreibe den 80er-Jahre-Sport Jogging mit unglaublicher Aufmerksamkeit", "da sitzt ein soziopathischer Bellizist im Chefbüro", dann sind das lesenswerte Beobachtungen, Bewertungen, Recherchen. Doch wer der beiden schwimmt "in Zeiten eines umfassenden Meinungsmainstreams in den Medien" (Gehrs) mit dem Strom und wer dagegen? Ich glaube, Mitteboy Gehrs ist es nicht.

Doch die Schuld an eingefahrenen Kursen tragen auch die Leser, die Sturm laufen, wenn die nächste Dummy-Ausgabe den Titel "Neger" tragen soll. Gehrs berichtet davon im Dummy-Blog :

Wir hatten uns das nämlich so schön gedacht: Ein Magazin voller Geschichten über Schwarze, über black culture, Malcolm X, Obama, HipHop, Roberto Blanco, den Sarotti-Mohr, über Rassismus und Afrika. 138 Seiten black power. Ein aufregendes, journalistisches Projekt. Wir wollten das Heft Dummy-?Neger? nennen, um gleich mal mit der Diskussion um inkriminierte Bezeichnungen loszulegen. Um Lust zu machen auf eine anregende Debatte fern einer beschränkten politischen Korrektheit. Wir recherchierten also, wie das denn jetzt genau ist: Ob man denn überhaupt ?Neger? sagen darf? Wir sprachen mit weißen und schwarzen Menschen und kamen zu dem Ergebnis: Man kann. Und mit einiger Hybris dachten wir sogar: Wenn, dann wir. Schließlich haben 19 Hefte (darunter heikle Themen wie Juden, Sex und Frauen) gezeigt, dass man gerade vorbelastete Themen ohne Denkverbote und mit Unbefangenheit aufarbeiten muss. Und für rechts hat uns noch niemand gehalten.

So, und jetzt sehen wir: Es geht wohl doch nicht. Die Wut ist bereits so groß, dass täglich mails kommen, die uns aufrufen, das Projekt zu stoppen – oder zumindest umzubennen.

Das ist vielleicht hochgejazzt, um das Interesse am Heft zu fördern, vielleicht aber auch nur die Wahrheit über die Leser in Deutschland, die noch immer tief geprägt sind von der Geschichte, der im letzten Weltkrieg aufgeladenen Schuld. Sie kaufen sich jede Spiegel-Ausgabe, wo Hitler drauf ist und reiben sich in Diskussionen dazu gegenseitig auf, in dem sich überbieten in moralischer und politischer Korrektheit. Für etwas mehr Lockerheit im Umgang mit dem durchaus wichtigen und ernsten Thema (was meines Erachtens NICHT sofort zu menschenverachtendem Rassismus führt) braucht es vermutlich noch ein paar hundert Jahre.

Highlights

Ein absolutes Highlight sind die gesammelten Zivilschutz-Erlebnisse von Constantin Seibt ( pdf-File ). Ich habe diesen Text beim öffentlichen Kaffeetrinken gelesen und bin wohl etwas aufgefallen durch andauerndes In-mich-hinein-Kichern. Doch eigentlich hätte ich einfach laut herausprusten müssen über die unbestreitbare Wahrheit, dass der schweizer Zivilschutz (die Armee übrigens auch) jede Tugend sofort bestraft mit mehr Verantwortung und jede Untugend belohnt mit Pausen und noch mehr Pausen:

Das schlimme Beispiel, das mir meine Eltern vorhielten, war der Steueranwalt meines Vaters, Herr Guggenheim. Guggenheim war ein zum Katholizismus konvertierter Jude, ein schüchterner und ehrgeiziger, jedem Menschen gegenüber hilfsbereiter Mann. Guggenheim war so unglücklich gewesen, als Schutzraumchef zur Weiterbildung aufgeboten zu werden. «Was tun, wenn einer im Bunker durchdreht?», fragte der Instruktor. «Ohrfeigen!», sagte der Dorfmetzger. «Sind Sie verrückt?», entfuhr es dem unglücklichen Guggenheim. «Sie müssen die Leute beruhigen! Sonst bricht Panik aus!» Daraufhin wurde Guggenheim sofort zum Bezirkskommandanten befördert. Eine seiner Aufgaben war, 20.000 Leute auf die verschiedenen Bunkertypen zu verteilen: A, B, oder C. Also die modernsten Bunker und die, die bei der ersten Bombe ihre Insassen unter sich begraben. Guggenheim war damit zum Herrn über Leben und Tod geworden. Er dachte verzweifelt an die Lagerärzte in Auschwitz und schlief Monate nicht mehr.

 

«Wehe, du machst im Zivilschutz etwas Vernünftiges!», mahnte mein Vater.

Lowlights

Obwohl auf Seite 91 ganz gross steht, dass das Alter deutscher und schweizer Frauen bei ihrer ersten Heirat genau gleich ist, nämlich 28.2, ist das mit dem Kinderkriegen offenbar alles ganz anders. Denn Deutschland ist ein Krippentraumland und die Schweiz ein Krippenhorrorland. So stellt es Anuschka Roshani, Magazin-Redaktorin, dar. Krippen in der Schweiz sind teuer, da sich der Staat eher raushält, es gibt nicht mal Mengenrabatt. Sie schreibt, in der Schweiz gebe es zwar Kindergeld, aber "dafür kriegt man gerade mal die Windeln und die Mülltüten, in denen man sie entsorgt." Äh ja? Als Familienzulage (Gesetzestext als pdf-Datei) kriegt man in der Schweiz pro Kind gesetzlich zugesicherte vom Arbeitgeber mindestens 200 Franken pro Monat (ein Freund von mir kriegt 300 Franken pro Kind pro Monat, was nicht unüblich ist). Windeln hingegen kosten pro Monat nicht mal 50 Franken (windelversand.ch bietet angeblich für ca. 2-3 Monate ausreichende 312 Windeln für CHF 109.90 inkl. Versand an), über die Sackgebühr, ein schönes Wort und ein verpasstes Thema für ein Schweizheft, kann man sich streiten, billig ist die sicher nicht.

Trotzdem ist es ein Hohelied auf einen Staat, der die gesamte Kinderbetreuung übernimmt, damit beide Elternteile sich sowohl einen anspruchsvollen Beruf als auch das Glück mit Kindern leisten können. Da kann man dafür sein, man kann aber auch eine andere Haltung dazu haben, was, wenn man diesen Text liest, eine Haltung zu sein scheint, wie wenn man Kannibalismus gutheissen würde. Man sollte nicht vergessen, dass Kinderkrippen eine historisch neue, ohne Wohlstand und Gemeinschaftszwangsabgaben unmögliche Variante der Kindererziehung ist. Es noch immer die Ausnahme, ein Grossteil aller Kinder in der Welt werden von Mutter, Vater und der Familie rundherum erzogen. Wenns gut kommt, vom ganzen Dorf. Aber in aller Regel ohne staatliche Unterstützung. Wer die Entwicklung, dass vom Staat finanzierte Organe und nicht mehr die Eltern die Kinder erziehen, kritisch sieht, ist nicht zwingend ein zurückgebliebener Hinterwäldler. Und falls doch, dann bilden die zurückgebliebenen Hinterwäldler eine satte Mehrheit.

Fazit

Ist es schöner als das Du, gescheiter als das Folio? Vielleicht nicht, aber es ist selbstbewusst und sieht fraglos gut aus. Es hat Höhepunkte, langweilig ist es nicht. Es bietet ein ansprechendes Design, gute Bilder, interessante Texte, vieles ist gut und nichts richtig schlecht gemacht - was will man mehr? Trotzdem: Besonders überraschend ist dieses Heft nicht. Vor allem die Grundhaltung ist so altbekannt linksliberal wie alle anderen Publikationen, von denen man sich doch als Dummy abgrenzen möchte. Gelungene Qualitätstexte in der Zeit, der Sueddeutschen, der Frankfurter Rundschau, im Dummy - unterscheiden sie sich wirklich noch voneinander? Entstehen sie aus einer unterschiedlichen Haltung der Welt gegenüber? Wie sagte es Helmut Thoma? "In Deutschland besteht eine größere Vielfalt unter den Landesmedienanstalten, als unter den Programmen." Vielleicht hat er nicht nur das Fernsehen gemeint.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Flo

    14.06.08 (18:27:04)

    Nur eine kleine Korrektur: Den Kummer-Artikel hat Oliver Geyer, nicht Oliver Gehrs, verfasst.

  • Ronnie Grob

    15.06.08 (14:27:29)

    @Flo: Stimmt, da hab ich die letzten Buchstaben des Namens wohl einfach überlesen. Es war also tatsächlich Oliver Geyer, nicht Oliver Gehrs, in Los Angeles. Danke für den Hinweis.

  • hans meister

    19.03.09 (22:41:25)

    Superinteressanter Artikel. Mir gefällt die Haltung des Schreibers zur Toleranz. Zu Erziehungsformen und Umweltschutz gibt es verschiedene Sicht- und Lebensweisen. Und so soll das auch sein. Leben und leben lassen. Im Übrigen möchte ich mitteilen, dass die Tessiner mit/über den Italiener chäfelid, die Romands sich freuen wenn die Franzfussballnati verliert usw. usf. Ich behaupte das wir in der Schweiz lebenden uns eher ein Bild von Deutschland machen können, als umgekehrt. Und dies nicht zuletzt dank dem allgegenwärtigen Fernsehen aus dem Grossen Kanton.

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