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26.01.08

Im Test: Die Weltwoche

Die Weltwoche hat in den letzten Jahren den Grossteil der Leser- und Schreiberschaft ausgetauscht, den inhaltlichen Kurs verändert, den Besitzer gewechselt und zwei Konkurrenten verloren. Wir lesen das Magazin zu Politik, Wirtschaft und Geselltschaft.

Weltwoche-Cover

Seit die Schweizer Wochenzeitung im Jahr 2002 von sperrigem Zeitungspapier auf elegantes Magazinformat umgestellt wurde, ist einiges passiert - wir testen: Ausgabe 3/2008, 17.1.2008.

Allgemeiner Eindruck

Eine Blondine mit grossen Brüsten vornedrauf? Das muss was für Männer sein, denkt man sich. Gemacht wird das Blatt jedenfalls hauptsächlich von Männern, in dieser Ausgabe sind nur 4 oder 5 aller Artikel von Frauen geschrieben, davon einer auf einer Doppelseite, alle anderen müssen unter einer Seite bleiben. Thomas Widmer hingegen breitet auf einer Doppelseite die Vor- und Nachteile der aktuellen Miss Schweiz, Amanda Ammann aus. Das klingt dann so in den ersten Zeilen:

Miss Schweiz in der Weltwoche

"Das soll die Miss Schweiz sein? Fast jeden Tag kommen in der Zeitung momentan Fotos von der 21-jährigen Amanda Ammann, und bei so manchem Foto denkt man: Eine Miss Schweiz muss schön sein. Wirklich schön. Ammann ist das nicht." Warum auch nicht, eine Miss qualifiziert sich ja durch ihre Eigenschaften - darum dürfen sie auch debattiert werden. Aber es lässt nachdenken über das Frauenbild der Weltwoche . Und vor allem über das Männerbild der Weltwoche.

Modeschöpfer Valentino in der Weltwoche

Ich stelle es mir genau so vor wie das Foto auf Seite 33 von Modeschöpfer Valentino. Ein Mann in einem guten Anzug, gebräuntes Gesicht, distinguierter Blick, auf dem Sockel, weil er historische Treppen des Erfolgs beschritten hat. Ein Gockel, der alles erreicht hat und darum von vier weissgeschminkten Hühnern umgeben sind, die zu ihm hochblicken. Eine hält ihm die Hand, eine zweite macht ihm den Denim-Griff vor der Brust, die dritte hält seinen Schuh und die vierte steht im bei. Sollte er mal ins Ungleichgewicht kommen im fortgeschrittenen Alter oder durch seinen glanzvollen Ruhm.

Dieses Männerbild ist durchaus vertretbar, passt aber nicht recht zum in der Familie verankerten und eher biederen Volk, das man in den politischen Artikel so gerne preist. Wahrscheinlich passt es vor allem in die Fantasie der Redaktoren.

Zielgruppe

Die Weltwoche selbst verrät online nicht viel mehr, als dass sie sich an eine anspruchsvolle Leserschaft wenden möchte:

«Die Weltwoche» wurde 1933 von Karl von Schumacher und Manuel Gasser nach dem Vorbild französischer Wochenpublikationen gegründet. Sie profilierte sich rasch im Kampf gegen den Nationalsozialismus.

Damals eine klassische Wochenzeitung der Schweiz, die neben Politik, Wirtschaft, Leben heute und Kultur auch die Bereiche Wissenschaft, Unterhaltung und Reisen behandelt, erscheint die Weltwoche seit Mai 2002 als Magazin.

«Die Weltwoche» ist eine Zeitschrift, die sich an eine anspruchsvolle Leserschaft richtet, geschrieben und gemacht von anspruchsvollen Journalisten und Journalistinnen, die selber aufgeschlossen und kritisch denken und schreiben.

Finde ich sympathisch. Keine 14-49jährigen, kein "hedonistisches, kaufkräftiges Publikum", keine "kaufkräftige und stilsichere Leserschaft", keine Leser, die "jung, urban, gute Bildung und überdurchschnittliches Einkommensniveau" haben, wie es die Konkurrenz anstrebt. Sondern: Eine anspruchsvolle Leserschaft. Was auch immer das heisst.

Anspruch

Die Leserschaft soll anspruchsvoll sein und die Journalisten und Journalistinnen auch. Da kann es nur noch um Details gehen.

Titelseite

Ein Bild einer blonden Frau mit einer Blume zwischen den Zähnen und, wie gesagt, im Verhältnis schlank wirkenden Armen. Es ist ein Bild der Fotoagentur Keystone ("Bildvorlage: Sam Shaw"), das bearbeitet wurde ("Titelbild-Illustration: René Habermacher"). Ich weiss nicht, wie es anderen geht, aber ich finde die Titelbilder dieser Zeitschrift in letzter Zeit oft schrecklich. Letzte Woche beispielsweise sprang ein durchgedrehter Stier durch ein Schweizerkreuz. Dann wiederum sind Schweizer Krieger mit Hellebarden drauf. Während bisher oft ein gutes Foto die Titelseite schmückte, ist in letzter Zeit ein Trend zu Illustrationen zu beobachten (auch auf diese Art "trendy": Der Spiegel). Das kann sehr gut wirken, wie zum Beispiel beim Cover des im Meer versinkenden Kondoms zum Thema Aids-Hysterie. Oft wirkt es aber wie ein Wildwest-Heft aus den 50ern oder wie der Landser .

Auf der am 24.01.2008 erschienenen Ausgabe ist ein Bild, das auf den ersten Blick richtig gut aussieht, erneut eine Illustration . Auf den zweiten Blick merkt man aber, dass die Titelseite verkauft wurde. An Volvo. Was wie ein Missverständnis zwischen Anzeigenabteilung und Redaktion wirkt, ist ein Werbecoup eines Verlegers, der gleichzeitig Chefredaktor ist. Gegenüber der Abendzeitung Heute erklärt Roger Köppel diese Werbeform als " das Resultat einer kreativen Zusammenarbeit ", eine " Illustration " (Zitat für die Werbewoche). Es sei aber "keine Businessidee für die Zukunft".

Auflage

85.772 (Total verkaufte Auflage, gemäss WEMF Auflagenbulletin 2007)

Erscheinungsweise

wöchentlich, am Donnerstag.

Seitenanzahl

68

Preis

5.70 Franken, 3.90 Euro.

Preis / Leistungsverhältnis

Über die Leistung lässt sich streiten, aber ich finde fast vier Euro zuviel für eine Wochenpublikation.

Onlineauftritt

Darüber haben wir schon mal geschrieben, am 16.05.2007 . Seither hat sich kaum etwas verändert, von zwei nur online veröffentlichten Beiträgen zur Bundesratswahl abgesehen. Eine Strategie ist nicht erkennbar, das grossartige Fussballblog des kürzlich zur Konkurrenz Blick gewechselten Walter de Gregorio wird wohl nicht mehr aktualisiert, so wie alle Weblogs zuvor. Hätte Roger Köppel sein "Tagebuch", das neu nicht mehr "Tagebuch" heisst, sondern "Editorial", aber immer noch eine Seite voll von kürzeren Blogeinträgen ist, in seinen einzelnen Beiträgen konsequent online gestellt - ich kann mir gut vorstellen, dass das inzwischen eines der wichtigeren Schweizer Blogs wäre. Vielleicht mag man sich nicht mit Kommentaren herumschlagen, die es zwar gibt, aber in einem abgeschlossenen Forum weitab vom Artikel von den Verfassern vermutlich unbeachtet vor sich hin schlummern. Vielleicht nimmt man online einfach noch immer nicht ernst.

In der Ausgabe vom 24.01.2008 ist ein Text von Roger Kimball online im Original auf englisch zu lesen: "What the Sixties Brought". Die deutschsprachige, gekürzte Version kriegt man nur als Abonnent. Sowas ist ein echter Zusatznutzen, der einen Besuch online lohnt. Solange aber die meisten Inhalte weiterhin eingesperrt werden, wird weltwoche.ch kein ernsthafter Player im Onlinegeschäft sein.

Inhalt

Der Weltwoche wird ja oft vorgehalten, sie betreibe keinen seriösen Journalismus, sondern suche sich nur allgemein anerkannte Thesen, und versuche dann, einen Artikel zu liefern, der dann das Gegenteil behauptet (--> siehe auch debunker). Allerdings, wenn man beweisen kann, dass die allgemein anerkannte These nicht wahr ist oder nicht so wahr ist, wie viele glauben, halte ich das schon für wertvoll. Karl Lüönd sagt über den Herausgeber und Chefredaktor der Weltwoche: "Das Köppel-Prinzip ist durchaus ein journalistisches: Ich nehme nichts als gegeben an – oder behaupte das Gegenteil und amüsiere mich über jene, die das ideologisch interpretieren. Gutes Marketing."

Die Titelgeschichte, "Rund ist gesund" heisst sie noch auf dem Titelblatt, "Je dicker, desto gesünder" dann auf Seite 26, scheint so ein Fall zu sein.

Diese Schlagzeile hält einen vernunftbegabten Menschen eigentlich schon von einer Lektüre ab, denn, wer auch nur kurz darüber nachdenkt, weiss, dass das kompletter Blödsinn ist (gesunde Menschen können durch die Haustür zum Arzt und müssen nicht von einem Kran durch eine herausgeschlagene Wand gehievt werden, wie es das Schicksal der Dicksten oft irgendwann ist). Liest man dann aber den Artikel, wird man auf vieles gestossen, das man so noch nicht oft lesen konnte. Zum Beispiel, dass Dicke nur sehr marignal von der grassierenden politischen Korrektheit geschützt sind, die sonst jede Andersartigkeit schützt: "Trotz aller political correctness, die es ansonsten streng verbietet, Witze über körperliche Mängel zu reissen, sind die Dicken zum verbalen Abschuss freigegeben. Lachen auf Kosten von Dicken ist erlaubt."

Rubens in der Weltwoche

Es kommen im Artikel einige interessante Thesen vor, die den von "Verbänden und Behörden" angesagten Kampf gegen das "Dicksein" erklären. Wissenschaftsautor Thilo Spahl: "Die Anti-Dicken-Kampagne hat nur oberflächlich mit Medizin zu tun. Sie ist in erster Linie ein Mittel der sozialen Abgrenzung, ein Mittel zur Selbstbestätigung der gehobenen Mittelschicht." Wie immer, wenn Wissenschaft und Journalismus zusammen kommen, ist man als Leser etwas hilflos. Man weiss nicht recht, ob der Wissenschaftler was taugt und man weiss nicht recht, ober der Journalist alles richtig verstanden hat. Interessant im danebenstehenden Kasten ein Zitat aus einem Bericht des Schweizer Bundesamtes für Statistik auf die das Forschungsergebnis, dass kein Zusammenhang besteht zwischen dem Genuss von Alkohol und dem Körpergewicht. Bei Frauen sei es sogar umgekehrt. "Je mehr Alkohol eine Frau konsumiert, desto schlanker ist sie". Das BfS: "Dies läuft dem erwarteten Ergebnis zuwider."

Die Wissenschaft bestätigt hier nur die Beobachtung. Wer Alkoholiker kennt, weiss, dass die einen vom Alkohol immer dicker werden, die anderen immer dünner. Steuern zahlt man aber für die Prävention gegen Alkohol, Fettleibigkeit und Ess- und Brechsucht. Warum wird eigentlich keine Steuer für die langweiligste aller Eigenschaften, das Durchschnittlichsein, erhoben?

Werbung

Werbung in der Weltwoche

Richtig toll nach diesem Artikel ist, wenn man auf Seite 8 blättert. Da ist nämlich ein ganzseitiges Inserat der Gesundheitsförderung Schweiz. "Gesüsste Getränke machen ihr Kind dick" heisst es da, eine Aktion, bei der alle Seiten uneingeschränkt gelobt werden müssen - die Gesundheitsförderung Schweiz, die gegen den journalistischen Artikel ein Inserat bezahlt. Und die Weltwoche, die gegen den Anzeigenauftrag den journalistischen Artikel druckt. Das ist der Weg, der zu gehen ist - daran können und sollen sich alle Journalisten und alle Werber ein Beispiel nehmen. Bitte mehr davon - nur so kann kritischer Journalismus überhaupt überleben. Ich fürchte nur, der Anteil an Weltwoche-Lesern, die ihren Kindern literweise gesüssten Tee verabreichen, ist nicht sehr gross (vermutlich ein Vorurteil meinerseits).

Highlights

Whistleblower in der Weltwoche

Das Interview mit den beiden Frauen aus dem Zürcher Sozialamt, die der Weltwoche im Frühjahr Informationen über die Zustände in diesem Amt zukommen liessen. Echte Whistleblower, wie man sie schätzen, fördern und ehren sollte (der die Weltwoche konkurrenzierende Ringier-Verlag hat kürzlich ein erleichtertes Verfahren eingeführt, das bewusst keine Denunziation sein soll).

Die Zürcher Behörde allerdings schätzte das überhaupt nicht und liess die beiden Mitarbeiterinnen am Arbeitsplatz verhaften und abführen (inklusive Beschlagnahmung des Computers und der Unterlagen sowie von Hausdurchsuchungen). Inzwischen sind die beiden auf Medientour und erzählen alles, was das laufende Verfahren nicht gefährdet (zum Beispiel auf Tele Züri).

In einem längeren Interview nehmen die beiden Stellung zu den Geschehnissen, die mit ihrer Signalwirkung ein Umdenken bei vielen verursachten und so politische Prozesse in Gang brachte. Journalismus ist einfach immer am Interessantesten, wenn man Leute zum reden bringt, die direkt involviert sind. Während die Sozialvorsteherin sich weiter verteidigt, wurde ein Verdacht auf Missbrauch von Sozialhilfegeldern bei "in zwei Dritteln der Verdachtsfälle erhärtet". In seiner Gesamtheit eine journalistische Leistung, die durchaus einen Preis verdient hätte.

Ebenfalls Highlights: Die direkte Ansprache an den stellvertretenden Chefredaktor des Tages-Anzeigers, Res Strehle, der ein Sachbuch von Naomi Klein "in einer seitenlangen Rezension" als "faktenreich und klug" analysierte. Roger Köppel in seinem "Editorial": "Beängstigend ist vor allem, dass der stellvertretende Chef einer grösseren Schweizer Tageszeitung Kleins Thesen zustimmend kommentieren darf, ohne dass man ihm den Griffel wegnimmt." Und das Interview mit Uri Geller, in dem er erzählt, wie er auf Rat von Yoko Ono nach Japan ging: "Ich verschenkte unseren ganzen Besitz in New York und flog mit meiner Familie nach Tokio. Von dort fuhren wir zum Mount Fuji und lebten ein Jahr lang in einer kleinen Hütte in den Wäldern." (Beide Artikel nur für Abonennten zugänglich.)

Lowlights

Die vielen Standard-Gefässe. Sie passen nicht in die sonstige Frische des Magazins. Es ist erstaunlich, dass sich ein Heft, das so konsequent gegen die Verbeamtung anschreibt, diese im eigenen Heft zulässt. Wer sich einmal eine Kolumne ergattert hat, der darf dann jede Woche schreiben, ob er was zu schreiben hat oder nicht, ob es gut ist oder nicht. Als Blogger kommt einem sowas fremd vor, aber es ist natürlich einfach, wenn ein Grossteil des Hefts einfach nur diskussionslos abgefüllt werden kann. Bestimmt, viele Kolumnen und Gefässe sind hervorragend, man merkt aber gut, dass die vor allem auch da sind, dass das Heft nicht nur 30 oder 40 Seiten fasst. Gion Mathias Cavelty erzählt, dass er im letzten SonntagsBlick erwähnt wurde, Mark van Huisseling war mit Marc Forster auf der Toilette und hat Geheimnisse erfahren, die er nicht ausplaudern will und Ulf Poschardt hat ein Auto mit einer "wollüstigen Erscheinung" erblickt (ein "Schnäppchen" für nur 31.075 Dollar). Thomas Widmer erwähnt für einmal nicht, dass es ein Buch gibt zu seiner Wanderkolumne und Julian Schütt hat schon wieder was gegessen (was in einer Ess-Kolumne kaum jemanden überraschen kann). Und Kurt W. Zimmermann ist überzeugt davon, dass er "die einzige Medienkolumne der Schweiz" schreibt. Abgesehen von den vielen Medienblogs hat mindestens die WOZ auch eine. Aber vermutlich gelten die nicht, wegen Irrelevanz oder so.

Sex-Appeal

Eher tief. Da schreiben Männer ernsthaft über Politik und Gesellschaft. Für Sex-Appeal fehlt etwas die Leichtigkeit. Das macht aber überhaupt nichts. Ich lese lieber einen ernsten und wahren Text über Sex als irgendwelche flapsigen Oberflächlichkeiten, die einem überall und auch ungewollt in allen Varianten entgegenspringen.

Fazit

Von ihren Kritikern wird sie gerne wahlweise in die rechtsnationale, rechtskonservative oder nationalkonservative Ecke gestellt, in der sie durchaus auch öfters mal steht. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ein visuell auch nach Jahren noch ansprechendes Blatt ist, in dem Woche für Woche lesenswerter Journalismus geliefert wird. Wenn, was des Lesens wert ist, etwas mit einer eigenen Sichtweise zu tun hat, mit neuen Ideen, mit anderen Blickwinkeln, dann darf man diese Zeitschrift nicht vergessen. Es war, obwohl gerne totgesagt, von nicht transparenten Geldgebern versorgt, einer Partei manchmal bedenklich nahestehend und darum nicht über alle Zweifel in ihrer Unabhängigkeit erhaben, eine der spannendsten deutschsprachigen Publikationen der letzten Jahre. Darum wird eine Zeitschrift wie sie auch schon für Deutschland gefordert .

Ich mag die Weltwoche darum, weil sie eines der wenigen Blätter ist, welche die " gförchige Langeweile " der anderen Publikationen aufzubrechen versucht. Und mit so einem Blatt muss man ja auch gar nicht immer einer Meinung sein.

Bewertung

8/10 Punkten

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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