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09.07.10

Identität im Netz: Das Glaubwürdigkeitsproblem anonymer Kritik

Wer im professionellen Teil des Internets anonym Kritik äußert, hat ein zunehmendes Glaubwürdigkeitsproblem. Gefragt sind Diskurse auf Augenhöhe.

 

In der Kommentarspalte zu meinem Artikel "Verlinken tut weh" vom vergangenen Samstag kam es zu einer längeren Diskussion zwischen mir und einem Leser. Persönlich empfand ich seine Kritik einen Tick zu persönlich, aber darüber würde wohl jeder anders urteilen.

Während kritisierende Lesermeinungen einen als Autor natürlich nicht in Hochstimmung versetzen - immerhin wird man mit eventuell gemachten Fehlern konfrontiert, was für keinen Menschen leicht ist - so sind sie dennoch ein notwendiger Teil des Bloggens sowie jeder journalistischen Arbeit und helfen dabei, eigene Aussagen, Meinungen und Vorgehensweisen zu reflektieren. Genau wie Leser (hoffentlich) Neues erfahren, lernt man als Autor ebenfalls ständig dazu, was mitunter ohnehin das Beste am Bloggen ist.

Doch im Rahmen der erwähnten Kommentardebatte erkannte ich einen mir bisher nicht bewussten neuen Anspruch, den ich an Kritiker stelle, die mit ihrer negativen Meinung über einen Artikel kein Blatt vor den Mund nehmen: Transparenz darüber, wer sie sind.

Der angesprochene User vertrat seine Ansicht unter dem Pseudonym "Jan Minoret", welches ich anfänglich gar nicht als solches erkannte, bis ich Google bemühte und einsah, dass es zu diesem Namen keinerlei Suchergebnisse gibt.

Für Ergänzungen zum Inhalt, für neutrale Äußerungen, aber natürlich auch für Lob ist es mir völlig egal, ob Nutzer mit ihrem Klarnamen kommentieren oder dafür auf ein Pseudonym zurückgreifen. Ich kann in beiden Fällen davon ausgehen, dass ein Kommentar ihre tatsächliche Meinung widerspiegelt (mit einer Einschränkung bei offensichtlich werblichen Kommentaren).

Anders sieht es jedoch aus, enthält das Leser-Feedback Kritik am Text oder an der Vorgehensweise zum Text. Hier können sich Blogger und Journalisten nicht darauf verlassen, es mit einer objektiven, konstruktiven und für sie somit wertvollen Lesermeinung zu tun zu haben.

Negative Kommentare können genauso gut den persönlichen Zwecken des kommentierenden Users dienen, sei es, dass er sich im aktuellen oder einem früheren Artikel angegriffen fühlt, eine persönliche Abneigung gegen den Autor hat oder ganz einfach seinen Frust ventilieren will - so genannte "Trolle", die Möglichkeiten zur Meinungsäußerung für alles andere außer für intelligente Partizipation nutzen, sind ein bekanntes Netz-Problem.

Genau weil ich die hinter einem kritisierenden Kommentar steckenden Motive nicht kenne, stelle ich den Anspruch an Verfasser, unter ihrer tatsächlichen Identität aufzutreten, bevorzugt mit Link zu einem persönlichen Blog oder Onlineprofil. Auch da ich selbst mit offenen Karten spiele und mich nicht hinter einer Anonymität verstecke, erwarte ich von Kritikern, dass sie dies ebenfalls tun und mir auf gleicher Augenhöhe begegnen.

Natürlich bedeutet dies nicht, dass ich anonyme Kritik ignoriere. Nur lassen sich dabei Zweifel am Motiv niemals ganz aus dem Weg räumen, im Gegensatz zu einem Kommentar, der mit einer realen Identität verknüpft ist. Nur derartiges Feedback besitzt die Authentizität und den Nachdruck, um bei mir als Autor einen maximalen Effekt zu erreichen. Immerhin steht die jeweilige Person mit ihrem Namen öffentlich für die geäußerte Meinung und kann damit auch über Suchmaschinen gefunden werden, was den netten Nebeneffekt hat, dass Beleidigungen oder ein zu aggressiver Tonfall unwahrscheinlich sind.

Meine Botschaft ist also: Wer einen Beitrag von mir kritisieren und sichergehen will, dafür meine größtmögliche Aufmerksamkeit zu bekommen, tut dies unter der realen Identität. Ich bin mir sicher, dass ich nicht der Einzige Blogger mit diesem Anliegen bin.

Seit einigen Jahren vollzieht sich ein Wandel im Web - aus dem, was einmal dem Wilden Westen glich, wird zunehmend ein professionelles, seriöses Umfeld, in dem User sich nicht länger hinter Pseudonymen verstecken. Das gilt selbstverständlich nicht für alle Teile des Webs, und wie man es mit dem Streben nach Transparenz und realen Nutzeridentitäten übertreiben kann, zeigt gerade der World of Warcraft-Betreiber Blizzard.

Doch abseits vom Bereich der digitalen Unterhaltung verbreitet sich die Einsicht, dass es nicht länger notwendig ist, im Netz die eigene Identität zu verschleiern. Auch deshalb, weil Online- und Offline heute stärker als früher ineinander greifen und das Web für viele nicht mehr der faszinierende "Cyberspace" ist, in den man sich flüchtet, wenn man der realen Welt entkommen möchte.

Eine Ausnahme gibt es für mich: Leser, die regelmäßig, sachlich und seit jeher unter Pseudonymen kommentieren. Bei denen bürgt ihre Loyalität für die Ernsthaftigkeit und Relevanz ihrer Äußerungen.

Randnotiz: Natürlich gibt es weiterhin bestimmte Themenfelder, in denen Anonymität notwendig ist, um sich nicht unnötig Gefahren und Drohungen auszusetzen.

(Foto: Flickr/upeslases, CC-Lizenz)

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