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13.08.12

identi.ca vs App.net: Manchmal lohnt es sich, das Rad neu zu erfinden

Der gerade im Rampenlicht stehende Twitter-Konkurrent App.net erfindet das Microblogging-Rad neu und verlangt dafür von Nutzern sogar Geld. Das mag befremdlich anmuten, hat aber seine Berechtigung.

App.net ist das Gesprächsthema des Tages in Tech- und Social-Media-Kreisen. Doch eine Frage in Bezug auf das Konzept der werbefreien Twitter-Alternative war absehbar: Wieso sollen Nutzer für einen vom Funktionsumfang wenig beeindruckenden Microbloggingdienst Geld auf den Tisch legen, wenn sie existierende, offenen Twitter-Kontrahenten wie StatusNet beziehungsweise identi.ca kostenfrei nutzen können?!

In der Tat hat App.net in Bezug auf Features in seiner bisherigen Alpha-Version nichts wirklich Revolutionäres zu bieten, und im Gegensatz zu dem Neuling handelt es sich bei StatusNet um eine Open-Source-Software für Microbloggingdienste, die jeder auf einem Server betreiben kann. identi.ca ist die bekannteste Implementierung von StatusNet.

Also: Warum versorgen tausende Twitter-Kritiker App.net per Crowdfunding mit dem notwendigen Startkapital, wenn sie auch einfach und ohne Bezahlung ein Konto bei identi.ca oder einer anderen StatusNet-Implementierungen eröffnen könnten? Wieso das Rad neu erfinden, wenn es doch schon existiert?

Die Antwort: Weil Projekte, die wie StatusNet oder identi.ca schon einige Jahre existieren und in dieser Zeit nicht die notwendige kritische Masse für durchschlagenden Erfolg außerhalb ihrer kleinen Nische erreichen konnten, dies mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft nicht vollbringen werden. Von Ausnahmen wie Pinterest abgesehen steht jedem Onlinedienst, der auf der Vernetzung der Anwender basiert, ein begrenztes Zeitfenster zur Verfügung, um den so genannten Tipping Point zu erreichen, ab dem die Nutzerzahlen exponentiell wachsen. In dieser Phase ist das Medieninteresse und die Neugier der Early Adopter am größten. Mit jedem Monat, der vergeht, ohne dass frühzeitige Mitglieder das Gefühl erhalten, dass stetig weitere Anwender eine neue Plattform bevölkern, wächst ihre Enttäuschung, während parallel die öffentliche Aufmerksamkeit - der "Buzz" - abnimmt oder eine negative Färbung erhält.

Das mangelnde Vertrauen in identi.ca als Grundlage für den nächsten weltumspannenden Microbloggindienst ist vergleichbar mit dem wiederholten Unvermögen eines Kollegen, ein bestimmtes Projektziel nicht zu erreichen. Wer zweimal ein Projekt verspätet und nicht entsprechend der Vorgaben abgeliefert hat, dem werden Vorgesetzte beim dritten Mal kaum noch zutrauen, es nun besser zu machen.

Social-Web-Angebote - egal ob kommerziell oder Non-Profit, egal ob mit zentraler oder dezentraler Struktur - denen es in der wichtigen Startphase nicht geglückt ist, ihr anfängliches Momentum in eine für das Einsetzen von Netzwerkeffekten notwendige Nutzerzahl umzumünzen, sind für alle Zeit gebrandmarkt. Ein kassisches Beispiel hierfür ist auch diaspora, das trotz anfänglicher Dauerpräsenz in Tech- und Mainstreammedien nicht zu der angestrebten Facebook-Alternative wurde. Mit der Unterstützung von Y Combinator, einem für viele Startup-Erfolge verantwortlichen US-Inkubator, und einem leicht veränderten Ansatz versucht sich diaspora nun an einem neuen Anlauf. Das kann durchaus klappen, wird aber angesichts nicht vorteilhafter Assoziationen mit dem Projekt diaspora extrem schwierig.

Manchmal kann es sich lohnen, mit einem unbeschriebenen Blatt Papier neu zu beginnen, anstatt sich an den bereits mit Ideen vollgekritzelten Zettel zu klammern, in der Hoffnung, doch noch die ultimative Lösung für ein Problem zu finden. App.net ist ein solch weißes Blatt. Nicht mehr und nicht weniger.

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