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22.09.10Leser-Kommentare

Hyperdistribution: Die Sprache als Hindernis

Hyperdistribution kennt so gut wie keine Grenzen. Nur die Sprache. Den maximalen Effekt erzielt, wer auf Englisch publiziert.

 

Hyperdistribution ist eine beliebte Strategie für Onlineinhalte (und der Gegensatz zur "Paywall"). Bei der Hyperdistribution geht es darum, durch eine radikale Erhöhung der Reichweite die direkten und indirekten Möglichkeiten zur Monetarisierung von journalistischen Inhalten zu verbessern. Wie das ganz praktisch aussehen kann, hatten wir in diesem Artikel beschrieben.

Aufgrund von bald zwei Milliarden Internetnutzern kennt die Hyperdistribution im Netz in der Theorie kaum Grenzen. Es wird niemals gelingen, ausnahmslos alle an einem Thema interessierten User zu erreichen - egal, wie Spitz die Zielgruppe ist. In der Praxis allerdings existiert ein Faktor, der Hyperdistribution in ihre Schranken weist: die Sprache.

Je weniger Menschen die Sprache beherrschen, in der ein Artikel oder Video seinen Weg ins Nezt findet, desto geringer ist die Zahl maximal zu erreichender Nutzer. Oder andersherum: Je verbreiteter die für Onlineinhalte eingesetzte Sprache ist, desto besser funktioniert Hyperdistribution und desto mehr Nutzer können dabei mithelfen, einen Artikel oder Clip in alle Ecken des globalen Netzes zu tragen.

In letzter Zeit beobachte ich ein Phänomen, das genau dieser Eigenheit Rechnung trägt: Sites veröffentlichen einzelne Beiträge auf Englisch, obwohl sie eigentlich eine andere Muttersprache besitzen.

Bewusst aufgefallen ist mir das zum ersten Mal vor einigen Wochen, als die Branchensite "Computer Sweden" (CS) einen Artikel zur Bewertung des populären schwedischen Musikdiensts Spotify veröffentlichte und dies für die Onlinepublikation bisher ungewohnt nicht auf Schwedisch sondern auf Englisch tat. Das offensichtliche Kalkül:

Spotify steht unter intensiver Beobachtung englischsprachiger Medien und Blogs, da es in Großbritannien verfügbar ist und seit langem seinen US-Start vorbereit. Hätte CS den mit exklusiven Informationen gespickten Beitrag nur auf Schwedisch veröffentlicht, wären diese Informationen entweder niemals von nicht des Schwedischen mächtigen Usern, Bloggern und Redakteuren aufgegriffen worden, oder aber von einer englischsprachigen Site zitiert/übersetzt worden, welche dann einen Teil der Aufmerksamkeit abgeschöpft hätte.

Eine Veröffentlichung auf Englisch hingegen garantiert selbst einem im Ausland unbekannten Branchenportal maximale Hyperdistribution, Aufmerksamkeit, Seitenaufrufe und eingehende Links.

Auch FAZ-Netzökonom Holger Schmidt setzt für ausgewählte Artikel auf die englische Sprache. Ein auf der IFA geführtes Interview mit Google-CEO Eric Schmidt veröffentlichte er in einer Langfassung auf Deutsch, in einer gekürzten Version aber auch auf Englisch - völlig nachvollziehbar, immerhin gehört Schmidt zu den einflussreichsten Unternehmenslenkern der Welt, ist eine gefragte Interviewperson und bekannt für seine schmissigen, polarisierenden Äußerungen.

Eine maximale Leserschaft von 70 bis 80 Millionen des Deutschen mächtigen Personen ist nicht zu verachten (ignorieren wir die Tatsache, dass sich nicht jeder für die Worte von Eric Schmidt interessiert). Die potenzielle Reichweite durch eine Publikation in Englisch aber mehr als verzehnfachen zu können, ist in diesem Fall eine Chance, die man nutzen sollte (vorausgesetzt, die eigene Infrastruktur kann den durch Hyperdistribution verursachten Benutzeransturm handhaben und man hat ein irgendwie geartetes Interesse, User außerhalb seiner Kernleserschaft auf sich aufmerksam zu machen).

Im Printzeitalter bestimmte die von der Geschäftsführung und Produktionsleitung mit der Druckerei abgesprochene Auflage die quantitative und geografische Reichweite von Inhalten. In der digitalen Ära hingegen hat jeder die Möglichkeit, für eine internationale Leserschaft zu publizieren. Die einzige notwendige Anpassung dafür ist die Sprache. Es ist davon auszugehen, dass in Zukunft häufiger Exklusivberichte und Reportagen deutscher Medien auch auf Englisch veröffentlicht werden, sofern sie von globalem Interesse sind (Spiegel Online betreibt zu diesem Zweck ein eigenes Ressort, und auch das Startup-Blog Gründerszene unterhält seit kurzem eine englischsprachige Sektion). Und das ist gar nicht so schlecht: Viele Zusammenhänge und Sachverhalte haben in englischer Sprache gleich eine ganze andere Wirkung - selbst auf deutsche Muttersprachler.

(Foto: stock.xchng)

Kommentare

  • David

    22.09.10 (18:07:43)

    Guter Artikel. Ich kann dem Ganzen zustimmen. Die Frage, die sich diesbzgl. immer stellt: Geht man den Schritt zu einer komplett englischsprachigen Seite (vgl. z.B. netbooknews.de / netbooknews.com) oder macht man ein "Zwischending" wie hier am Bsp. von Gründerszene dargestellt. Oder anders gefragt: wie sehr stört den deutschsprachigen User der zusätzliche englische Inhalt und andersherum?

  • Martin Weigert

    23.09.10 (06:09:12)

    Gute Fragen. Das Ding ist, dass nicht jeder Artikel für englischsprachige Leser relevant ist. An und für sich müsste man das von Beitrag zu Beitrag entscheiden. Aber es besteht dann natürlich die Gefahr, dass sich manche User durch plötzlich auftauchende Texte auf Englisch gestört fühlen.

  • René Martens

    23.09.10 (10:33:16)

    Klingt natürlich alles ganz gut in der Theorie, aber die entscheidende Frage ist doch, ob es gelingen kann, jenseits der einheimischen Märkte Werbung zu verkaufen bzw. Inhalte anderweitig zu monetarisieren. Wie groß diese Schwierigkeiten derzeit sind, lässt sich beispielsweise der Begründung Caroline Littles für ihren Rücktritt als CEO für die US-Geschäfte beim Guardian entnehmen: "It's been challenging. This is a London-based company. They know the US is a huge market. They are truly committed to the US but it's been hard to get them there." (http://gu.com/p/2j7ke/tw) Ist dann ja doch ernüchternd, dass sogar der Guardian Probleme hat, in den USA Fuß zu fassen - jedenfalls, was das Finanzielle angeht, nicht Nutzerzahlen und Image. Andere Baustelle, aber ebenfalls wenig optimistisch stimmend, was die Ausdehnung nicht-englischsprachiger Medien angeht: Im Juni hat das NRC Handelsblad (bis dato Kooperationspartner der englischen Edition von Spiegel Online) seine englischsprachige Ausgabe eingestellt.

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