<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

19.02.09Leser-Kommentare

Hulu: Medienkonzerne und ihr Selbstmord auf Raten

Aufregung in der amerikanischen Internet-Szene: Die Fernseh-Website Hulu zieht ihre Inhalte aus den Konkurrenzkanälen Boxee und TV.com ab. Droht bei den Fernsehinhalten ein weiterer desaströser Verteilungskampf nach dem Vorbild der beinahe ruinierten Musikbranche?

Hulu.com, eine gemeinsame Website der Medienkonzerne NBC und Fox, startete letztes Jahr zu lauten Spottrufen aus der Internetbranche. Inzwischen hat sich diese Recyclingsite für Fernsehserien allerdings ein stattliches Stammpublikum gesichert und viel Anerkennung gewonnen. Nicht wenige sahen in Hulu einen ersten Lichtblick in den sonst grandios erfolglosen Digital-Strategien der klassischen Medienkonzerne.

Besonders sympatisch an Hulu war bisher, dass die Inhalte über verschiedene andere Online-Kanäle zugänglich gemacht wurden, nicht zuletzt auf der Website TV.com des Konkurrenten CBS und über die kürzlich neu gestartete Mediacenter-Software Boxee.

Doch mit dieser einträchtigen Content-Teilerei ist nun plötzlich Schluss. Hulu kündigte heute zerknirscht an, sich auf Druck seiner Inhaltslieferanten aus diesen Alternativkanälen zurückziehen zu müssen.

Hulus Inhalte werden also nur noch über die eigene Website erhältlich sein, und das wie bisher nur in geographisch stark eingeschränkten Gebieten (von temporären Ausrutschern abgesehen). Am meisten in die Röhre schauen User (wie der Autor dieses Beitrags...), die Boxee auf ihrem Apple-TV benutzen und sich so Hulu-Inhalte direkt auf dem Fernseher zu Gemüte führen können. Auf jeden Fall muss sich der amerikanische Konsument seine TV-Inhalte nun wieder auf fünf oder sechs verschiedenen Websites zusammensuchen, und der Konsum von Web-TV auf dem Fernseher ist deutlich schwieriger geworden.

Man kann nur darüber spekulieren, welcher Teufel die Fernsehstationen bei dieser Aktion geritten hat. Vermutlich wurde den TV-Managern der grosse Erfolg von Hulu unheimlich, zumal es mit der Kommerzialisierung des neuen Kanals bislang haperte. Selbst bei populären Shows blieben die Werbeblöcke in letzter Zeit offensichtlich unverkauft und wurden mit wohltätigen Spendenaufrufen gefüllt. Vielleicht will man sich auf eine aggressivere Vermarktung der Website konzentrieren, auch wenn nicht einsichtig ist, wie man dieses Ziel erreichen will, indem man ausgerechnet seine treusten Zuschauer vergrätzt.

Auch nicht ganz auszuschliessen ist es, dass Apple indirekt Druck ausgeübt hat, denn Hulu auf Boxee war eine attraktive Gratis-Alternative zum Kauf von Fernsehshows auf iTunes oder Apple-TV. Wer gibt schon zwei Dollar für eine Serienfolge aus, wenn man den gleichen Inhalt mit nur sehr kurzen Werbeunterbrechungen (mehr als ein Spot pro Block war es nie) auch gratis haben kann? Und natürlich steckt vermutlich auch die übliche Rivalität der Fernsehkanäle untereinander hinter dieser Entscheidung.

Leider erinnert das alles sehr an die desaströsen Versuche der Musikbranche in den letzten Jahren, die Verteilungskanäle für Musikdownloads unter Kontrolle zu bringen. Jahrelang bastelten die Konzerne an totgeweihten Projekten wie Pressplay.com oder MusicNet herum. Aufgrund der ständigen Eifersüchteleien unter den Firmen konnten diese Plattformen nie ein halbwegs vollständiges Titelangebot aufweisen und floppten daher übelst. Der grosse Gewinner war am Schluss natürlich Apple, das mit iTunes inzwischen fast ein Monopol auf kostenpflichtige Downloads hat. Und dass viele User durch die Unbeholfenheit der Musikbranche wohl erst auf die illegalen Tauschplattformen aufmerksam wurden, ist auch eine bedauerliche Tatsache.

Schwer nachzuvollziehen, warum die Fernsehbranche diese Fehler nun wiederholt. In der aktuellen Wirtschafts- und Werbekrise schaltet beim einen oder anderen Medienmanager vermutlich der Verstand ab, samt Fähigkeit zum langfristigen Denken.

Wir erleben hier wieder mal Medien- und Technologiegeschichte live: Diese plumpe Reaktion auf eine unvermeidliche Entwicklung ist ein klassischer Fall von Managementversagen angesichts einer fundamentalen Disruption. Statt dass die Fernsehkonzerne eine möglichst breite Verteilung und Kommerzialisierung ihrer Inhalte anstreben würden, denken sie weiterhin in den Verteilungsmonopolen des vordigitalen Zeitalters. Es dürfte bei diesem Innovationstempo nur noch wenige Jahre dauern, bis auch die Fernsehkonzerne in existenzbedrohenden Schwierigkeiten stecken.

Kommentare

  • Daniel Niklaus

    19.02.09 (16:20:54)

    Bist bist doch nicht überrascht, vielmehr nervt dich, dass sie dir die tolle Boxfunktion weg genommen haben ;-) Insider Info: folgendes ist vor zwei Monaten tatsächlich passiert. Hintergrundinfo In der Schweiz kostet der Betrieb eines Lokal- oder Sparten-TV ca. 5 Millionen Franken pro Jahr. Für diese Sender ist die Quote alles. Die Quote bestimmt die Werbeeinnahmen, ist ein Argument für den Anteil an der Billag-Gebühr und hilft, wenn es darum geht, ob man beim Kabelnetzbetreiber weiterhin einen guten Sendeplatz erhält oder raus fliegt. Schlechte Quote kann das Aus oder bis zu 2 Millionen weniger Einnahmen pro Jahr bedeuten. Wie wird die Quote gemacht? Es gibt ca. 1'000 Apparate in der Schweiz, die auf verschiedene Haushalte verteilt sind. Jede Person die eine Sendung in einem solchen Haushalt schaut, repräsentiert ca. 2'500 Zuschauer. Wenn also 10 Leute in einem solchen Haushalt eine Internetsendung statt TV schauen, verliert der Sender 25'000 Zuschauer. In einer hitzigen Diskussion stellten wir fest, dass die Leute vermehrt im Internet TV schauen. Das war allen im Sender bewusst. Gleichzeitig rechnete einer vor: Toll. Wenn nur 40 Leute mit einer Quoten-Box unsere Sendungen im Internet schauen, müssen wir womöglich unsere Tarife um 30% senken. Verliere also pro Jahr bis zu 1.5 Millionen Franken. Wer hat interveniert? Ich vermute, dass die TV-Sender interveniert haben. Deine Box hat sie bis ins Mark erschreckt. Wenn jetzt noch TV-Apparate mit Onlinezugang kommen, reagieren die panisch. Denn heute noch, werden TV-Spots und Zeitungswerbung wo die Reichweite geschätzt wird, teurer verkauft, als messbare Onlineinhalte. Das wirkliche Problem liegt bei uns Onlinern. Wir haben noch keinen Weg aufgezeigt, wie der Werber für deinen Abruf übers Internet gleichviel bezahlt, wie für die Vorstellung dass du eine Sendung im TV schauen könntest. Aus meiner Sicht liegt unser Hauptproblem in einem fehlenden Gattungsmarketing für Onlinewerbung. Jetzt wird es sehr Schweiz bezogen. Die P hat es bis heute nicht verstanden, ihre Onlineaktivitäten richtig zu verkaufen. Einzig Reto Hartinger hat zu search.ch Zeiten Gattungsmarketing betrieben. Kein Wunder, konnten die sich auch schnell selbst tragen. Wenn wir wirklich wollen, dass Zeitungen und TV-Sender keine Angst vor Online haben, sind wir am Zug. Werber "müssen" bereit sein, dasselbe oder sogar mehr zu zahlen, wenn du einen Film online schaust, wie wenn du ihn im TV vielleicht anguckst.

  • Hadmar von Wieser

    20.02.09 (23:47:30)

    @ Andreas. Schön provokativer Artikel. @ Daniel: Ja, das klingt plausibel. Die Werbung hat sich in den letzten 40 Jahren zu einer Religion entwickelt, wo Phantasiesummen bezahlt werden, um auf Fernsehbildschirmen und Plakatwänden präsent zu sein bzw. damit die Konkurrenz diesen Platz nicht besetzt. Bezahlt wird nicht erfolgreiche Kommunikation mit dem Kunden und schon gar nicht erfolgreicher Verkauf, sondern Sichtbarkeit. Ich halte es für möglich, dass es hier um sehr subjektive Erlebnisse von Macht und Status geht: Wenn ein CEO den Berliner Ku'damm entlang geht und sein Logo sechs Mal sieht oder abends am Fernseher seinen Spot flimmern sieht, hat er ein "greifbares" Gefühl von Erfolg. Dagegen sind Statistiken über Click-Thru-Raten und Konversionen von Online-Inseraten zwar rational messbar, aber subjektiv sehr unbefriedigend. Im Grunde ist Werbung der Nachfolger der bunten Uniformen und Flaggen, mit denen sich die CEOs früherer Jahrhunderte bestätigten, dass sie die größten Heere und Ländereien besassen.

  • hathead

    21.02.09 (05:24:08)

    Ist doch super. Das räumt die Medienlandschaft auf. Wenn die Leute so unfähig sind, lassen wir sie einfach mal machen und harren dann der Dinge, die da kommen mögen. Zu viel Geld macht halt unkreativ. Man könnte mit all dem schönen Content auch viele schöne gewinnträchtige Geschäftsmodelle jenseit der Werbung schaffen. Aber dafür müssen wir erstmal warten bis die Jungs ihren Karren derart tief in den Dreck gefahren haben, dass nichts mehr geht.

  • Philipp

    24.02.09 (11:44:36)

    Matt Maroon hat auch einen interessanten Artikel dazu geschrieben. http://mattmaroon.com/?p=653 Es ist zwar schade, aber sicherlich nicht der Untergang des Morgenlandes. Wenn Themen wie Lizensierung und Revenue Sharing ausdiskutiert sind, wird es sicher (zumindest hoffe ich das) auch wieder zu einer Zusammenarbeit kommen. Wenn die Verträge momentan vorschreiben, dass die Weitergabe nur unter bestimmten Umständen möglich ist, kann man den Schritt verstehen.

  • Jochen Siegle

    18.04.09 (04:20:26)

    yeah, huhu sag' ich nur zu hulu. lasst sie ruhig kommen die hulu-unterhalter. vermutlich ja auch bald in deutschland und wie heute der Silicon Alley Insider unkt, bald ja auch auf dem iPhone. ich freue mich ueber derart viel bewegung im internet-video-markt ...

  • richard

    01.05.09 (11:44:42)

    Walt Disney: Medienkonzern beteiligt sich an Video-Portal Hulu

  • Schorsch

    01.05.09 (22:38:38)

    Stimmt ja alles irgendwie - aber wie könnte ein Gegenmodell aussehen? Verschenken kann man als Produzent seine Inhalte nicht. Und - wenn jetzt ein Sender oder VOD Anbieter für einen Inhalt zahlt - warum sollte der nächste das jetzt vollkommen umsonst bekommen? Ergebnis wird also immer ein ziemlich zersplittertes Angebot sein, solange, ja solange, die Preise für TV/Film /Serien Content so absurd hoch sind. Die Zeit wird meiner Meinung nach allerdings kommen,wo sich das ändert und wir mit mit Itunes ein VOD Vollprogramm bekommen.

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer