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12.08.11

HTML5 und mobile Apps: Der Kindle Cloud Reader weist den Weg

Bisher gab es gute Gründe dafür, warum Smartphone- und Tablet-Nutzer installierbare Applikationen den für die mobile Nutzung optimierten Websites vorzogen. Doch mit HTML5 verringert sich der Abstand zwischen den beiden Ansätzen - wie Amazons Kindle Cloud Reader verdeutlicht.

 

Warum verlangen Smartphone- und Tablet-Nutzer nach installierbaren Apps, die sie von dafür vorgesehen Marktplätzen wie dem App Store oder dem Android Market beziehen, statt nach mobilen Browserangeboten? Weil Apps cool sind? Weil der Name "Applikation" so viel moderner klingt als "Website"? Weil es so viel Spaß macht, in den virtuellen App-Regalen zu stöbern? Vielleicht.

Entscheidend sind jedoch zwei andere Gründe: Zum einen erlauben Applikationen Zugriff auf bestimmte Hardware-Komponenten wie die Kamera oder den Beschleunigungssensor, was nativen Applikationen in puncto Funktionsumfang einen Vorteil gegenüber mobilen Browser-Apps verschafft.

Zum anderen wirken native Applikationen "echter" und "näher" als für Smartphones optimierte Web-Apps. So stellen native Apps zumeist eine optisches Gerüst bereit, dass selbst im Offline-Modus zugänglich ist, vermitteln den gefühlten Eindruck einer schnelleren Ladezeit (grafische Elemente sind ja lokal gespeichert) und präsentieren sich mit einem schicken Logo auf dem Smartphone-Bildschirm. Ein dort abgelegtes Bookmark zu einer Website hingegen sieht zumindest bei iOS und Android eher langweilig aus.

Dass viele Nutzer sich bisher nicht an dem Trend zu in geschlossene Ökosysteme gepressten Apps störten, hat somit sowohl rationale als auch emotionale Gründe.

HTML5 verkleinert die Lücke zwischen nativen Apps und Web-Apps

Was müsste folglich geschehen, damit Anwender im Falle der Wahlmöglichkeit zwischen einer nativen und einer Browser-Applikation sich nicht reflexiv für die installierbare Software entscheiden würden? Im Mobiltelefon-Browser aufgerufene Anwendungen müssten die Featurepalette und User Experience nativer Anwendungen bieten. Es gilt als Konsens, dass genau dies mit der zunehmenden Verbreitung von HTML5 und einer entsprechenden Unterstützung der Programmiersprache durch gängige Browser erreicht werden kann.

Doch während viele App-Entwickler nur darauf warten, ihre Services außerhalb der gerade im Falle von Apple mit harter Hand kontrollierten App-Läden anbieten zu können, ist bisher noch keine nennenswerte Veränderung im Kräfteverhältnis von nativen Apps zu Web-Apps zu spüren. Eine Ursache dafür stellt die Tatsache dar, dass HTML5 sich noch immer in der Entwicklung befindet (die Standardisierung ist für 2014 geplant) und dadurch mit gewissen Akzeptanz- und Kompatibilitätsproblemen zu kämpfen hat (Diskussionspotenzial inklusive).

Ereignis mit Signalwirkung gesucht

Eine andere Ursache für den zögerlichen Durchbruch von Browser-Apps war bisher ganz einfach das Fehlen eines Ereignisses mit Signalwirkung. Zwar existieren vielerlei anspruchsvolle Experimente mit mobilen HTML5-Apps wie die browserbasierte iPhone- und iPad-App der Financial Times, und zahlreiche populäre Webdienste bieten neben nativen Apps mittlerweile auch moderne mobile Sites für den Browser. Der ganz große Knall, der das mobile Internet nachhaltig verändert, blieb aber bis jetzt aus.

Amazon zeigt, wie's geht

Mit seinem dieser Tage veröffentlichten Kindle Cloud Reader könnte Amazon die Ehre zu Teil werden, diesen Knall geliefert und Anwender sowie Entwickler wachgerüttelt zu haben: Denn bei dem Dienst handelt es sich um eine Ausführung des Kindle E-Book-Readers, die in jedem HTML5-fähigen Browser läuft und somit auch auf dem iPad funktioniert.

Jeder Besitzer des Apple-Tablets kann fortan über den Safari-Browser read.amazon.com besuchen und dort direkt aus dem Browser auf sämtliche über den Kindle Store erworbenen E-Books zugreifen. Die Benutzeroberfläche fühlt sich an wie die einer nativen App. Highlight des neuen Angebots ist die Möglichkeit, Bücher lokal auf dem iPad zu speichern. Diese können somit auch offline gelesen werden.

Auch wenn der Cloud Reader lediglich eine abgespeckte Variante der nativen Kindle-iPad-App darstellt, illustriert er eindrucksvoll, wie nah das Anwendererlebnis beim Einsatz von Browser-Applikationen mittlerweile an installierbare Apps heranreicht.

Amazon muss nicht mit Apple teilen

Amazons Motiv für die Veröffentlichung des Cloud Reader ist klar: Von den Umsätzen aus Buchverkäufen, die über den integrierten Link zum Kindle Store generiert werden, muss Amazon keine 30-prozentige Provision an Apple abführen - seit kurzem verbietet Apple auch in Apps platzierte Links zu externen Shops (wie dem Kindle Store).

Momentum für mobile Web-Apps

Der Onlinehändler und Internetdienstleister macht mit dem Cloud Reader einen gewaltigen ersten Schritt hin zu einer plattformübergreifenden Kindle-Browserpräsenz und weckt damit unter intensiver Beobachtung der Tech-Presse die Aufmerksamkeit vieler Startups, Designer, Entwickler und letztlich auch User. Genau dieses Rampenlicht ist notwendig, um Browser-Apps ins Gespräch zu bringen.

Der Amazon Cloud Reader wird im Nachhinein als Meilenstein in der Entwicklung von HTML5 zum Standard für mobile Web-Apps gelten. Die Frage ist lediglich, wie viele weitere Meilensteine noch folgen.

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