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02.09.14

Hongkong: Von Phablets, Smartcards und der praktischen Nähe zur "Werkbank der Welt"

In Hongkong treffen westliche und fernöstliche Kultur aufeinander. Die Stadt präsentiert sich technologiefreundlich - und lockt internationale Startups mit der Nähe zu den chinesischen Hardware-Produktionsstätten wenige Kilometer entfernt.

HongkongIn den vergangenen anderthalb Wochen hielt ich mich in Hongkong auf. Asiatische Megametropolen sind für technologie-interessierte Personen immer besonders attraktive Reiseziele und hochspannende Beobachtungsobjekte. Denn eine ausgeprägte Affinität für neue Verfahren in Kombination mit anderen kulturellen und historischen Einflüssen garantieren informative und inspirierende Eindrücke. Im Folgenden möchte ich einige Erkenntnisse, Beobachtungen und Erfahrungen festhalten, die ich von meinem Besuch am Geburtsort von Jackie Chan mitnehme, und die im Kontext der Digitalisierung und mitunter auch für Startups und Webakteure hierzulande von Bedeutung sein können. Phablets und Tablet-Smartphones

Was man so hört, stimmt: Menschen aller Generationen im asiatischen Raum lieben Riesen-Smartphones. Regelmäßig lassen sich Personen dabei beobachten, wie sie sich etwa in der U-Bahn ein mobiles Gerät in iPad-Größe ans Ohr halten. Die Zahlen belegen den Trend: Gemäß der Marktforscher von IDC besitzen 25 Prozent der ausgelieferten Smartphones im Asien-Pazifik-Raum eine Display-Größe von mindestens sieben Zoll.

Dass Apple nachgesagt wird, in der kommenden Woche auch eine XXL-Version des iPhones vorstellen zu wollen, kann im Lichte der Popularität dieser Smartphones mit enormen Maßen betrachtet werden. Wie IDC anmerkt, wird dieses Segment bislang ausschließlich von Android bedient. Ein Milliardenmarkt, der Apple hier entgeht.

Octopus Card

Octopus CardEine kleine Plastikkarte hat mich während meines Aufenthalts in Hongkong am meisten begeistert. Bei der Octopus-Karte handelt es sich um eine wiederaufladbare Smartcard mit RFID-Chip, die einerseits dem Erwerb von Tickets im öffentlichen Personennahverkehr dient, die aber andererseits auch im Einzelhandel, in Kiosks, in Service-Einrichtungen sowie in der Gastronomie verwendet werden kann. Selbst bei McDonalds ist ein entsprechendes Lesegerät installiert. Der kontaktlose Kaufvorgang mit der Octopus Card, die kurz über das Lesegerät gehalten wird, dauert ungefähr eine Sekunde. Aufgrund begrenzter Missbrauchsmöglichkeiten existieren keinerlei Sicherheitsabfragen. Als Auswärtiger ohne die von Octopus akzeptierten einheimischen Kreditkarten stellt lediglich die Notwendigkeit zum manuellen Aufladen mit Bargeld an allen Bahnhöfen eine Hürde dar, weshalb ich gelegentlich auf die Kreditkarte auswich. Die 30 Sekunden, die inklusive Pin-Eingabe dabei manchmal verstrichen, kamen mir wie eine Ewigkeit vor, während mein Blick sich reumütig auf die Octopus Lese-Einheit fixierte.

Ähnliche Systeme finden sich zwar auch in anderen Städten, etwa in London (Oyster Card), Toronto (Presto Card), Seoul (Upass) sowie Singapur (EZ-Link). Das Hongkonger System hat durch die Erweiterung auf den Einzelhandel und die Dienstleistungsbranche jedoch eine Dimension erreicht, bei der es eine echte Konkurrenz zu herkömmlichen Anbietern des elektronischen Zahlungsverkehrs darstellt. Der “Einzug” ins Smartphone liegt da nah: Die Betreiber-Firma bietet seit 2013 eine SIM-Karte mit eingebauter Octopus-Funktionalität an. Anstelle von RFID nutzt diese jedoch NFC-Technologie, weshalb nur bestimmte Octopus-Reader, nämlich solche mit zusätzlichem NFC-Chip, damit harmonieren.

Offenes WLAN überall

Eine derartige Omnipräsenz an freien Drahtlosnetzwerken, wie sie Hongkong an zentralen Punkten der Stadt vorweisen kann, ist mir noch nirgends begegnet. In der Regel können die Netze, die oft von der Stadt Hongkong selbst betrieben werden, ohne Zugangsdaten verwendet werden. Ironischerweise fiel ausgerechnet Starbucks, sonst in vielen Ländern der ultimative Anziehungspunkt für alle, die kostenfreien und einigermaßen unbegrenzten WLAN-Zugang benötigen, mit einer Limitierung von 20 Minuten pro Gerät und Tag negativ auf.

Visitenkarten

Ich hätte es ahnen müssen: Wie in Japan wird auch in Hongkong die Übergabe der Visitenkarte als essentielles Ritual eines jeden noch so informellen Meetings zelebriert. Ein Besuch in einem Co-Working-Space, gefolgt von einer Startup-Pitch-Veranstaltung, ließ meinen Vorrat an (sonst selten zum Einsatz kommenden) Visitenkarten rasant wegschmelzen. Selbst wenn der Umgang in der Internetbranche wie anderswo auch informell und entspannt abläuft: Ohne einen dicken Stapel an Kärtchen in der Stadt aufzutauchen, empfiehlt sich wirklich nur dann, wenn man ausschließlich touristische Motive hat.

Die Startup-Branche

In meinen Gesprächen mit Kennern der lokalen Webwirtschaft erfuhr ich, dass das Hongkonger Startup-Ökosystem viele der Charaktermerkmale aufweist, die man aus anderen Teilen der Welt und nicht zuletzt aus Deutschland kennt: Eine latente Risiko-Aversion gepaart mit begrenzten Investoren-Geldern führen dazu, dass der Standort Hongkong - obwohl ein Zentrum der internationalen Finanzindustrie - selbst von den Lokalmatadoren nicht unbedingt euphorisch betrachtet wird.

Limitierend wirke für viele Startups der vergleichsweise kleine Markt, berichtete mir Darren Jiang, Managing Director für Hongkong bei EasyTaxi, einer zu Rocket Internet gehörenden Taxi-Bestell-App mit Sitz in Brasilien. Hongkong hat nur etwas mehr als sieben Millionen Einwohner. Während der Milliardenmarkt China zwar direkt in der Nachbarschaft liegt und sogar mit der U-Bahn aus Hongkong angesteuert werden kann, ist dieser nicht zuletzt wegen der Sprachbarriere nicht effektiv aus Hongkong in Angriff zu nehmen: In Hongkong spricht man Kantonesisch, in weiten Teilen Chinas Mandarin. Das Resultat ist ein eher kleines Ökosystem mit einigen Inkubatoren, den üblichen Klonen von US-Diensten im E-Commerce und Service-Bereich (darunter einige Rocket-Internet-Marken), sowie versprengten Innovationen. Ein besonders angesagtes Thema ist derzeit die mobile On-Demand-Bestellung von Transportfahrzeugen, ermöglicht von EasyVan und GoGoVan. Die Social-Media-Plattform 9Gag darf sich unterdessen rühmen, das wohl bekannteste Startup aus Hongkong zu sein. Der Firmensitz befindet sich mittlerweile allerdings im kalifornischen Mountain View.

Speziell für international ausgerichtete Startups, die sich in Asien niederlassen wollen, ist Hongkong zusammen mit Singapur aber der ideale Standort, da sind sich die Experten einig. Für Singapur spreche laut Gwendolyn Regina vom Tech-Blog Tech in Asia die bessere Ausstattung mit Kapital sowie die Präsenz zahlreicher globaler IT-Firmen. Hongkong dagegen profitiere (wie Singapur natürlich auch) sowohl von einer großen Community an Expats als auch - in einem kritischen Punkt - von der unmittelbaren Nähe zu China: Im Norden grenzt Hongkong an die chinesische Region Guangdong mit der Millionenstadt Shenzhen direkt hinter der Grenze. Shenzhen gilt als Chinas Silicon Valley, zumindest was die Hardware-Fertigung angeht.

Hardware als große Stärke des Startup-Standorts Hongkong

Casey Lau, Macher des Blogs StartUpsHK.com und ein Kenner, was die Szene der Stadt angeht, hält die Eignung als Hotspot für Hardware-Projekte für das herausragende Alleinstellungsmerkmal Hongkongs. Für Web- und Technologie-Firmen, die in China fertigen lassen und gerne ab und an ein Auge auf die Produktion und Qualität werfen möchten, stelle Hongkong mit seiner politischen Stabilität und westlichen Ausrichtung den idealen Standort für eine Dependance dar. Als Beispiel nennt Lau 3Doodler, ein Startup, das den “weltweit ersten 3D-Stift” entwickelt, eine erfolgreiche Kickstarter-Kampagne durchführte und einige Monate in Hongkong seine Zelte aufschlug, um von dort aus die Produktion in China zu organisieren. Mehr dazu hier. Derzeit sorgt in der lokalen Szene auch das Hardware-Startup Ambi für Aufmerksamkeit. Es arbeitet an einer Lösung, um Klimaanlagen mittels mobiler Geräte zu steuern - ein Konkurrent zum Münchner Unternehmen Tado also.

Auch für Startups und Gründer aus dem deutschsprachigen Raum, die sich im Hardware-Umfeld betätigen, könnte sich ein Besuch in Hongkong also lohnen. Wie überall auf der Welt existieren zahlreiche Co-Working-Spaces, die sich zur temporären Niederlassung eignen. Mal liegen sie in Premiumlagen wie Garage Society, mal etwas ablegen und zu entsprechend günstigeren Konditionen, wie der von der staatlichen Technologie-Förderungsgesellschaft Cyberport betriebene Smart Space. /mw

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