Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.
 
 
04.04.13 20:59, von Martin Weigert

"Home" für Android: Facebook umwirbt Intensivnutzer und Jugendliche

Mit "Home" liefert Facebook einen Android-Launcher für alle, die keine Sekunde der Interaktion und Kommunikation mit ihren Freunden verpassen möchten. Es geht auch darum, die Jugend wieder zu begeistern.


Facebook HomeGelegenheitsnutzer und kategorische Verweigerer verstehen es nicht, aber Millionen Facebook-Mitglieder schauen vielfach täglich, was sich in ihrem Kontaktnetzwerk ereignet. Manche sind regelrecht süchtig. Von den knapp 1,1 Milliarden aktiven Mitgliedern besuchen nach Zahlen vom Januar 620 Millionen das Social Network mindestens einmal pro Tag. 157 Millionen nutzen dafür ausschließlich mobile Geräte. In erster Linie für diesen Anwedertypus hat das kalifornische Unternehmen mit "Home" eine neue Benutzerfläche für Android-Smartphones entwickelt, welche die Kernfunktionen des Netzwerks aus der klassischen Facebook-App befreit und auf den Starbildschirm des Mobiltelefons befördert.

Bei Home handelt es sich um einen Ersatz für den Standard-Launcher von Android, der ab dem 12. April als App in der US-Version des Google Play Store für eine Reihe unterstützter Smartphones erhältlich sein wird. Das weltweite Release findet kurz danach statt. Eine Tablet-Version soll in einigen Monaten folgen. Über Partnerschaften mit Herstellern ist der Verkauf von Smartphones mit vorinstallierter Home-Oberfläche vorgesehen. Den Anfang macht das Mittelklassegerät HTC First. Einmal installiert und für den dauerhaften Einsatz beim Starten des Telefons bestätigt, liefert Home anstatt dem herkömmlichen Android-Startbildschirm einen eigenen, aus Newsfeed-Inhalten bestehenden Homescreen. Der sogenannte "Coverfeed" liefert aktuelle Updates und Fotos der Kontakte und erlaubt die Interaktion mit diesen Inhalten, ohne dass Anwender dazu Facebooks Android-App starten müssen.

Chatten aus jeder App heraus

ChatheadsHome verfügt über einen eigenen Applauncher, der in einer optischen Reminiszenz an die Navigation von Path den direkten Zugriff auf Facebooks Nachrichtenfunktion sowie sämtliche herkömmlichen, auf dem Smartphone installierten Android-Applikationen freigibt. Diese erhalten ein eigenes Untermenü und können von dort ganz normal gestartet werden. Eine Besonderheit ist die "Chatheads" genannte Fähigkeit, laufende Facebook Chats sowie SMS-Konversationen fortsetzen zu können, ohne dafür die jeweils gerade geöffnete Android-App verlassen zu müssen. Mittels in kleinen Kreisen positionierter, per Fingergeste verschiebbarer Avatare der jeweiligen Gesprächspartner kann immer wieder zu einer Konversation zurückgekehrt werden, die sich jeweils über die momentan aktive App ausbreitet.

Die von Facebook-Chef Mark Zuckerberg und einigen Mitgliedern aus seinem Team präsentierte Software wirkte in den Screenshots und der Live-Demo optisch sehr ansprechend. Inwieweit Home über den Neuigkeitseffekt hinaus tatsächlich einen Mehrwert besitzt, der aus Anwendersicht eine derartig tiefgehende Integration mit dem Betriebssystem rechtfertigt, lässt sich aus der Ferne nur schwer beurteilen. In meiner durchaus heterogenen Twitter-Timeline dominierte bei Betrachtern des Livestreams ein gewisser Zynismus. Home sehe zwar gut aus und zeige Google, wie eine zeitgemäße Smartphone-Benutzeroberfläche gemacht sein müsse, beantworte aber nicht die Frage, wozu ein in blau-weiß getauchtes Android gut sein soll, außer Facebook noch mehr Aufmerksamkeit seiner User zu schenken.

Spezielle Zielgruppe

Die Schwierigkeit in der Beurteilung des Facebook-Vorstoßes liegt für Beobachter und Journalisten darin, sich nicht vom eigenen Nutzungsverhalten des sozialen Netzwerks täuschen zu lassen. Wer Facebook als notwendiges Übel empfindet und so wenig Zeit wie möglich bei dem Dienst verbringt, gehört - vorerst zumindest - nicht zur Kernzielgruppe von Home. Home richtet sich an Power User. An Menschen, die schon heute jede Sekunde der Smartphone-Verwendung bei Facebook, Instagram, aber auch bei Kontrahenten wie Twitter oder Snapchat verbringen. Digital Natives, Teenager, die gedanklich nicht mehr zwischen online und offline trennen, und für die das Konzept einer portionierten, rationierten Verwendung sozialer Plattformen befremdlich wirkt.

Home kann damit auch als Versuch interpretiert werden, die von dem sozialen Netzwerk laut wiederkehrender Meldungen leicht gelangweilte, aber potenziell hochgradig aktive junge Nutzerschaft bei Laune zu halten und zurückzugewinnen. Facebook Home ist in erster Linie ein Produkt für alle, die nicht in der Lage sind, das virtuelle Band zu ihren Freunden ein paar Minuten oder gar Stunden zu kappen. Davon gibt es mehr als man glauben mag. Sicherlich wird Mark Zuckerberg alles dafür tun, auch traditionellere Nutzungsmuster an den Tag legende Anwendergruppen für Home zu erwärmen. Doch bei diesen wird Ablehnung erst einmal groß sein. Immerhin existieren ja Gründe, warum sie nicht rund um die Uhr bei Facebook verbringen.

Im Gegensatz zu Facebooks jüngsten Produktinitiativen wie Graph Search oder dem neuen Newsfeed handelt es sich bei Home erst einmal um ein Special-Interest-Produkt für Facebook-Mitglieder mit besonders ausgeprägten Interaktions und Kommunikationsbedürfnisen. Man mag derartiges, abhängige Züge aufweisendes Verhalten nicht nachvollziehen können oder es gar für ungesund halten. Aus Sicht des sozialen Netzwerks jedoch spricht alles dafür, diese Nutzer noch enger an sich zu binden. Mit Home kann dies gelingen.

© 2015 förderland
  drucken
RSS Feed Beobachten

Kommentare: "Home" für Android: Facebook umwirbt Intensivnutzer und Jugendliche

Der Analyse kann ich nur voll und ganz zustimmen. Ich selbst kenne sogar genügend Leute, die keine Teenager sind und dennoch fast rund um die Uhr auf Facebook sind und dort chatten. Nicht jeder hat ein Leben, das ihn oder sie so in Beschlag nimmt und fasziniert... Facebook ist da einfach die willkommene Abechslung und mit Facebook Home nun auch jenseits des Laptops. Die Herangehensweise von Facebook, eben nicht einen kompletten Android-Fork vorzustellen, finde ich dabei sehr sinnvoll. Sie setzen auf das Vorhandene auf. Oder wie ich es die Tage gelesen habe: Anstatt ein neues Pferd ins Rennen zu schicken, setzen sie ihren Jockey auf ein bereits siegreiches Pferd – Android. Bei der Beurteilung sollte man zudem nicht vergessen, dass wir es hier mit einer 1.0 zu tun haben und Facebook monatliche Updates angekündigt hat. Die Idee, von den Apps wegzugehen und stattdessen alles um eine bestimmte Nutzung herumzugruppieren, finde ich übrigens ebenfalls einen sehr sinnvollen Ansatz. Ich persönlich würde eine ähnliche Lösung gut finden, die nicht auf Facebook beschränkt ist, sondern die alle Quellen vereinigt, aus denen ich persönlich mich normalerweise informiere. Denn im Moment ist es so, dass ich eine Reihe von Apps habe, die ich zum Start in den Tag und zwischendurch immer wieder nacheinander aufrufe. Der "Notification Tray" in Android 4.2 ist hier das verbindende Element, der das ein wenig ausgleicht. Noch besser aber wäre es, ich hätte einen Punkt, in dem das alles von Haus aus zusammenläuft...

Diese Nachricht wurde von Jan Tißler am 04.04.13 (22:18:24) kommentiert.

genial! für alle Online-"Süchtigen", oh politisch korrekt:"Innovatoren" genau das richtige ;-) Ich hoffe die software ist kostenlos, dann ist das eine geniale Sache!

Diese Nachricht wurde von Susanne am 04.04.13 (22:28:30) kommentiert.

Auch wenn ich mich zu den 620Mio Leuten zähle, werde ich kein Einfallstor für ungefragte Werbung auf meiner Smartpone-Oberfläche öffnen. Denn genau das muss das logische Ziel von Facebook sein. Der größte Kritikpunkt der Aktionäre war ja, das die mobile Nutzung das Werbungspotenzial nicht ausschöpft. Seit dem wird man ja schon auf jedem vierten Post in der Facebook-App mit den Produkt-Likes seiner Freunde konfrontiert. Diese tauchen dann entweder als "Hintergrundbild" in Home auf oder als "Message". Und auf beides kann ich verzichten. Als native Android-User habe ich sowieso kein Interesse an aufgesetzten Oberflächen a la SenseUI und TouchWiz. Ich werde die Finger davon lassen!

Diese Nachricht wurde von Alex am 05.04.13 (09:46:35) kommentiert.

@Alex, das ist ein gutes Argument, und das ist eines der größten Probleme von facebook insgesamt. Schafft es facebook, den schmalen Grad zwischen Werbewünschen der Unternehmen und dem Nicht-Belästigen der facebook user zu erreichen und zu halten. Und dann endlich auch ein auf lange Sicht funktionierendes rentables und stabiles Konzept zu verwirklichen.

Diese Nachricht wurde von Susanne am 05.04.13 (12:10:16) kommentiert.
Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Titel*

Name*

E-Mail*

(Wird nicht veröffentlicht!)

URL

Kommentar*

Um Spam zu vermeiden, lösen Sie bitte folgende Rechenaufgabe:

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer