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06.11.08Leser-Kommentare

Anzeigenkrise: Holzhausen wird zur Geisterstadt

Gruner und Jahr, WAZ-Gruppe, NZZ, Burda: Die Branche spart sich krisenfest, auf der Strecke bleiben Mitarbeiter – und schließlich auch die Leser ...

Kahlschlag (®DS, CC-Lizenz)Im Jahr 2008 blieben die Anzeigenerlöse bei allen Zeitungen weit hinter den Erwartungen zurück - und das nicht nur wegen der kommenden Rezession, die erst 2009 voll durchschlagen dürfte. Bei Gruner und Jahr gilt längst ein rigoroser Einstellungstopp, demnächst müssen wohl ganze Titel daran glauben: "Es ist daher notwendig, dass wir in den nächsten Wochen in all unseren Ländern unser Portfolio um jene Titel bereinigen, die keine Aussicht haben, die Krise zu überstehen", schreibt Verlagschef Bernd Kundrun. Um sprachlich zwischen den getrennten Welten der Ökonomen und der Geistigen übersetzend auszuhelfen - der Reporter, der 'bereinigt' dann auf der Straße stehen wird, der nannte Kundruns 'Portfolio' bisher schlicht 'seine Redaktion'.

Die Bertelsmann-Tochter Gruner und Jahr ist jedoch keine Ausnahme, auch bei der Zürcher NZZ, der Hochburg und Ideologiewarte des Finanzliberalismus in Europa, regiert ab jetzt das Sparschwein. Verlagschef Stäheli als echter Prophet versucht allen Mut zu machen mit feinsinnigen Unterscheidungen zwischen kurzfristig düsterschwarzen und langfristig rosaroten Perspektiven: "Die NZZ ist nach wie vor ein Spitzenprodukt im Qualitätssegment, das langfristig keine Angst haben muss. Aber kurzfristig wird die NZZ von diesem Einbruch stark betroffen sein. Es wäre falsch, wenn man nicht antizipiert und mit Sofortmassnahmen die Organisation anpasst".

In Nordrhein-Westfalen derweil, bei der WAZ-Gruppe, ist von 'Hunderten' fortfallender Stellen die Rede, 30 Millionen. Euro gelte es einzusparen, heißt es, bis zum 31. Januar 2009 solle das Projekt in trockenen Tüchern sein. Die Redakteure - dies sicherlich ein Treppenwitz dieser traurigen Geschichte - die haben inzwischen von der Online-Strategie ihres Verlagshauses gelernt und rasch ein eigenes Protestblog ins Netz gestellt.

Bei Burda wiederum sind alle Redaktionen angewiesen, in den Jahren 2008 und 2009 jeweils fünf Prozent der Kosten einzusparen - und das in einem Geschäftsfeld, das doch im Prinzip nur aus Druck-, Vertriebs- und Personalkosten besteht. Personalabbau ist damit auch bei Focus & Co absehbar. Derweil vergreifen sich selbst in der Provinz arglose Zeitungskäufer bei ihrer lokalen Wochenendlektüre, weil sie - den gewohnten Umfang erwartend - plötzlich mit zwei dieser neuerdings arg dünnbrüstigen Ausgaben vor der Kasse stehen.

Mit einem Wort: Amerika ist gar nicht 'gaaanz anders', das substanzlose Getute und Geröhre vom 'Qualitätsjournalismus' hat Deutschlands Verlegern nichts genutzt, die große Zeitungskrise ist zu uns über den Ozean geschwappt, sie ist in fast allen Redaktionen angekommen. 'Print' - so wie wir ihn in den letzten Jahren erlebten - wird flächendeckend in der heutigen Masse und Breite zu einem Auslaufmodell des Journalismus werden.

Nicht nur in Woodville, auch in Holzhausen werden immer mehr Läden mit Brettern vernagelt, die Stadt mit ihren vor sich hin rostenden Druckereien verslumt zusehends und nachts heulen die Koyoten den Mond an. Während gleichzeitig in den Redaktionen der Stadt der Absatz an rosaroten Brillen immer noch steigt - wie auch der Ohropax-Verbrauch.

Es wäre zu einfach, jetzt die Ursachen der Krise wie üblich allein auf die ausbleibenden Anzeigen zu schieben. Der journalistische 'Honeymoon' kehrt auch dann nicht zurück, wenn die Wirtschaft wieder boomt. Natürlich tragen im Wesentlichen die Anzeigenerlöse die Kosten einer Zeitung, der pekuniäre Beitrag des Lesers, der Verkaufspreis ist ihnen gegenüber weitgehend zu vernachlässigen. Es wäre aber ein Irrtum, zu glauben, dass die Wirtschaft jemals wieder Anzeigen in Zeitungen schalten wird, die einfach keine Leser finden. Denn Anzeigen zielen immer auf Rezipienten, sie sind kein Gnadenbrot für die vermittelnden 'Medien'.

Hier wurde in den letzten Jahren vieles gesündigt, die Krise trifft die Zeitungen selbstverschuldet, nicht wie ein konjunktureller Blitz aus heiterem Himmel - es ist kein 'Überfall auf Pearl Harbour' durch böse Derivate-Bomber. Recht hat vielmehr jener Leser dort in den Kommentarspalten beim Tagesspiegel:

"Die tagtäglich vermittelten gleichförmigen Inhalte und Themen, zunehmender Kampagnienjournalismus auch in den 'besseren' Blättern, die offensichtlich von den Verlagsbesitzern aufgedrückte einseitige politische Richtung und Darstellung bestimmter Themen bei gleichzeitiger Weglassung bestimmter Informationen fällt vielen Lesern auf - und führt zur Kaufverweigerung (zusätzlich zum normalen Leserschwund). ... Investigativer Journalismus ist Geschichte - heutzutage kommen fast nur noch die vorgeformten Agenturmeldungen zum Zuge - die allenfalls kommentiert werden."

Dem ist nichts hinzuzufügen: Wer nicht auf seine Leser hört ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Fragezeichner

    06.11.08 (13:28:12)

    Der Heise-Verlag ist das beste Beispiel dafür wie man mit Print sehr erfolgreich sein kann. Die Verleger sollten überlegen wie sie ein solches Qualitätsmodell auf die Tagespresse oder Wochenmagazine übertragen können.

  • Jean-Claude

    06.11.08 (15:50:15)

    Ich erinnere mich, dass vor zwei Jahren auf der Tagung der Schweizer Verleger ein sehr grosser Verleger sagt: "Beim nächsten Konjunktureinbruch" - der damals noch nicht in Sicht war - "wird es zu einem Blutbad kommen." Es scheint: Es ist so weit.

  • Jean-Claude

    06.11.08 (16:14:50)

    Zu ergänzen wäre noch: Das ist eine wirklich ernste Sache, die da auf uns zurollt. Für Schadenfreude ist das kein Anlass.

  • Klaus Jarchow

    06.11.08 (16:50:44)

    Schadenfreude prägt den Artikel sicherlich nicht. Es wäre aber an der Zeit - wann denn, wenn nicht jetzt? - endlich einmal die eintönigen BWL-Billig-Strategien zu überprüfen, die diesen Leser- und nachfolgenden Anzeigenschwund doch verursacht haben. Früher war ein Verleger nicht im Haupt- sondern im Nebenberuf Ökonom.

  • Frank

    06.11.08 (22:42:01)

    Sie haben nix anderes verdient. Nun rächt sich die Mischpokenschreibe.

  • Jean-Claude

    06.11.08 (23:02:36)

    Das wollte ich auch nicht unterstellen, aber es liegt nahe, sich jetzt voreilig die Hände zu reiben. Die Lage ist wirklich ernst. Der Print sieht sich zwei Zielkonflikten gegenüber: die Abwanderung ins Internet und damit sinkende Auflagen und Anzeigenerlöse. Der zweite: der massive Konjunktureinbruch, besser reden wir jetzt vor einer Rezession, vor der wir stehen. Sie drückt die Anzeigenerlöse zusätzlich massiv. Diese zwei Schnellzüge rasen sozusagen auf einander zu. Eine Weiche ist nicht in Sicht. So eine prekäre Situation hat es für die Medienhäuser noch nie gegeben. Die hohen Investitionen im Internetbereich sind festgelegt, aber sie spielen auf lange Sicht viel zu wenig Geld ein. Das Gleiche gilt für die meisten Gratiszeitungen. Gleichzeitig bricht der traditionelle Anzeigenmarkt weg. Das kann sehr schnell gehen. Im besten Fall führt das zu einer Marktbereinigung (ein schönes Wort, ich weiss), d.h. die Starken überleben. Die Starken müssen aber nicht unbedingt die Grössten sein. Ich weiss nicht, ob die Journalisten sich bewusst sind, was da auf sie zurollt. Das Internet bleibt davon nicht unberührt. Ich würde mich nicht wundern - es gibt so ein paar Anzeichen - wenn Riesen wie Google, Yahoo, eBay etc. , die alle stark von Werbeerlösen leben, in ernsthafte, das könnte sogar heissen: existenzielle Schwiergkeiten geraten. Ich bin kein heuriger Hase in diesem Geschäft. Eine so bedrohliche Situation habe ich noch nie erlebt. Die Billigstrategie, auch da bin ich mit Ihnen einig, wird sich brachial rächen.

  • yabadabidu

    06.11.08 (23:32:24)

    Es werden die Werbeformen überleben, die messbar effektiv sind und das sind leider nicht die Zeitungsanzeigen. Leider, da ich immer noch gerne Zeitung lese, aber nicht mehr für die News, sondern für die Hintergründe und Anregungen, die nur eine Zeitung mir geben kann. Den Rubrikenmarkt verlieren die Zeitungen an Webmarktplätze. Ein Teil der Gelder, das heute noch für Werbung extern ausgegeben wird, wird im Internet verwendet, um Firmen-Microsites zu bauen, auf denen dann ein bestimmtes Produkt sehr genau beschrieben wird. Auch diese Geld wird den Zeitungen fehlen, da es auch nicht auf ihre Webseiten wandern wird. Das heisst, dass ein Teil der Werbegelder aus dem Printbereich nie Werbung im Internet wird, sondern anders investiert wird. Der Kuchen wird nicht nur umverteilt, sondern auch kleiner! Daneben werden es die General Interest Webseiten schwierig haben, sobald die Werbekunden merken, dass nicht Masse (PI) entscheiden ist, sondern eine möglichst grosse Gruppe relevanter Kunden und die sind meist auf kleineren Seiten mit einem starken thematischen Fokus zu finden. Das wird neben allen Tageszeitungswebseiten auch Yahoo merken. Optimistischer bin ich dagegen bei der Longtail Werbung, d.h. bei den Kleinen. Bisher haben selbst Anbieter wie local.ch oder search.ch noch kein optimales Werbeprodukt für diesen Markt gefunden. Bisher funktioniert nur Google Adwords hier. Schade, denn gerade lokale Seiten könnten hier noch gewinnen.

  • Jean-Claude

    07.11.08 (00:33:40)

    @yabadabidu: Diese neuen Werbeformen im Internet sind aber noch nicht so weit, dass sie die traditionelle Werbung ersetzen könnten. Und das heisst: Ueber Internet kommt noch nicht jenes Geld rein, das beim Print weg geht, noch lange nicht. Vor allem sind auch die Werbekunden , also die Auftraggeber, noch nicht so weit. Das Geld wird aber jetzt gebraucht. Die meisten Medienhäuser haben schon x Sparrunden hinter sich. So viel gibts da nicht mehr zu sparen; man muss an die Substanz heran. Das wird dramatische Auswirkungen haben. Messbare Wirkung und Interaktivität ist sicher etwas vom Wesentlichsten, was das Internet in diesem Zusammenhang bieten kann. Freilich ist das Internet diesbezüglich noch so wenig erforscht, dass über das user-Verhalten so gut wie nichts bekannt ist. Im Internet lässt sich Werbung im Nu wegdrücken, im Print muss man als user mit Werbung leben. Ich habe noch die Prophezeiungen von Herrn Middelhoff Ende der neunziger Jahre im Ohr. Damals war er Chef von Bertelsmann. Wie er die Werbung revolutionieren werde. Was er mir als Kunden alles massgeschneidert auf den Laptop bringe usw. usw. Daraus ist nicht wahnsinnig viel geworden. Da sind noch so viele offene Fragen. Und so viel Zeit haben die Medienhäuser nicht mehr.

  • Burkhard

    07.11.08 (10:14:47)

    Schon wieder fünf vor Zwölf? Immer, wenn es einen Rückgang der Erlöse gibt, wird gleich das Ende der Presse proklamiert. Schon nach dem Absturz der New Economy lagen viele selbsternannte Medienexperten falsch. Der Markt erholte sich, die Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland verdienten rund drei Jahre lang ordentlich. 2007 war für viele Verlage sogar ein Rekordjahr, und 2008 gibt es hier und da noch mal etwas "on top". Regionalzeitungen und manche Magazine haben prozentual zweistellige Umsatzrenditen eingefahren. 2009 wird zur Durststrecke, richtig, einige Zeitungen und Zeitschriften werden auch eingehen. Aber das ist nicht das Ende des gedruckten Produkts. In zehn Jahren, bin ich mir sicher, werden wir diese Debatte erneut führen – dann leider ernster.

  • Jean-Claude

    07.11.08 (10:36:20)

    @)Burkhard: Nein, es ist nicht das Ende des Prints. Aber der grundlegenede Unterschied zur Krise vor sieben Jahren ist der, dass der Druck heute nicht allein vom Anzeigenmarkt her kommt, sondern dass gleichzeitig die Abwanderung ins Internet deutlich spürbar ist, dass dort aber noch nicht das Geld eingespielt wird, das nötig wäre, um die Investitionen rasch zu amortisieren, um auf die Krise mit neuen Investitionen reagieren zu können. Das war vor sieben Jahre noch nicht der Fall. Jetzt hat man es mit zwei Schnellzügen auf der gleichen Schiene zu tun, die aber dumerweise nicht in die gleiche Richtung, sondern aufeinander zu rasen. Das potenziert das Problem wesentlich. So etwas hat es in der Branche noch nicht gegeben.

  • Florian

    07.11.08 (10:41:21)

    Man mag über den unausweichlichen (!) Abschied vom Print und die Dominanz des Internet geteilter Meinung sein, aber die hier und anderswo beschworene Gefährdung des Qualitätsjournalismus ist tatsächlich ein Übel, dessen Ausmass noch nicht voll erkannt wurde. Selbst beim SPIEGEL, einst das Leitmedium des investigativen Journalismus, zieht der Boulevard im Politikteil ein. Seitenlange und schön fabulierte Reportagen ersetzten harte Nachrichten und investigative Recherche. Und nun auch noch die Hammernachricht: Auch beim SPIEGEL soll radikal eingespart werden. Sogar von Stellenkürzungen und Entlassungen ist dort in der Kantine die Rede, und der Flurfunk brummt. Die neuen Chefredakteure Mascolo und Blumencron haben offensichtlich kein Problem damit, mit einer uralten Tradition zu brechen, nach der Leute beim SPIEGEL nicht einfach auf die Straße gesetzt werden. Stattdessen werfen sie lieber rausgemobbten Chefredakteuren (Aust) und Verlagsleitern (M. Frank) ein paar Millionen Euro hinterher, sparen dafür aber gleich mal ein paar Redakteursstellen ein und kürzen das Recherche-Budget radikal. Als Ausgleich gibt es dafür dann Titelgeschichten über Großnazis (kommt immer, selbst wenn alle anderen das Himmler-Buch vor Wochen besprochen haben und im SPIEGEL nix Neues dazu steht) und sterbenslangweilige Interviews mit Wowi über die Boulevardisierung der Politik (nur der Politik - achne, liebe SPIEGEL-Kollegen....). Traurig, wenn auch an der Brandtwiete jetzt Blut fliesst...

  • Poldi

    07.11.08 (11:18:53)

    Kardinalfehler 1.) Journalismus ist nicht mehr gefragt, sondern ein möglichst effzienter "Work-Flow" um möglichst viel "Content" über alle Kanäle zu feuern wobei 2.) dieser "Content" dann dem Leser auch noch für lau zur Verfügung gestellt wird und eine ganze Generation anerzogen wird, die verinnerlicht: Informationen sind umsonst zu haben (wer bezahlt den irgendwann die 100 Spiegel-Online-Kollegen - die Pop-up-Werbekunden?????) 3.) die Controller haben das Sagen - aber keinen Plan, wie zu welchem Zeitpunkt im Netz denn mal Geld verdient wird. 4.) Eine Umsatzmillion im Internet wurde mit Anlaufverlusten von 50% pro Euro und zum zehnfachen Preis der seinerzeitigen bzw. immer noch aktuellen Erlöse eingekauft. Web 2.0 wird dabei ein ähnliches Gemetzel wie EinsNull werden: extreme Abschreibungen kommen, die die Verlage in engste Bedrängnis drängen und dazu führen, dass 5.) noch mehr Geld aus dem zweistelligen Margen verdienenden PRINT-Geschäft abzuziehen (welche Branche schafft das überhaupt noch???) 6.) augenfällig ist auch, dass sich diejenigen, die aus den Verlagen heraus oder extern den Untergang von Print beschwören und offenbar daran noch laben, erfolglose Ex-Journalisten sind, deren Hauptlebensleistung darin besteht, inzwischen Podcasts technisch zu beherrschen Lösung: siehe USA, dort verzeichnen diejenigen PRINT-Blätter Umsatzsteigerungen bei stabiler bis steigender Auflage, die die PRINT-Redaktionen nicht abgebaut haben Bevor die Content-Manager des www nun laut aufheulen: googelt mal, das könnt Ihr doch, oder?

  • Jean-Claude

    07.11.08 (14:03:03)

    @) Die Frage ist gut: "Wer zahlt denn irgendwann die 100 Spiegel online-Kollegen?" Das ist tatsächlich der Kern. Spiegel online kann nur deswegen relativ gut existieren, weil sie vom Mutterhaus durch Dienstleistungen quersubventioniert werden. So hat es Stefan Aust vor einem guten Jahr ausgedrückt. Wenn die "Mutter" nun selber kräftig auf die Sparbremse treten muss, fehlen Geld und Ressourcen beim Spiegel und automatisch auch bei Spiegel online. Der Spiegel ist nur eins von vielen Beispiel dafür, in welcher Zwickmühle heute auch grosse Medienhäuser stecken. Dauernd auf den Verlagsmenschen herumzuhacken, ist aber auch nicht richtig. Jedenfalls möchte ich nirgendwo Verlagsleiter sein müssen. Allerdings hat Klaus Jarchow schon einen wunden Punkt getroffen, als er oben in seinem Text das Vokabular von Bertelsmann-Chef Kudrun aufspiesste: die "Bereinigung von Portfolios" etc...... Wenn sich Journalisten ohne Widerspruch als zu eliminierenden Portfolio-Inhalt behandeln lassen, dürfen sie sich über gar nichts mehr wundern.

  • Hugo E. Martin

    07.11.08 (18:38:18)

    Die Verlagsbranche besteht ja nicht nur aus einer Hand voll Großen, sondern ist weitgehend mittelständisch geprägt. In der diese Woche veröffentlichten Herbstumfrage des VDZ gab es zum Thema Anzeigenumsätze folgendes Ergebnis: Anzeigenerlöse 2008 vs 2007 7 % deutlich besser 25 % etwas besser 25 % gleich 31 % etwas schlechter 10 % deutlich schlechter d.h. alleine aus dieser Sicht (Jahr 2008) haben unter den VDZ-Mitgliedern mehr als 130 Verlage dringenden Handlungsbedarf, der durch die Erwartungen oder sollte man sagen Befürchtungen, noch einmal zunehmen wird.

  • Klaus Jarchow

    07.11.08 (19:54:19)

    Ja, ich frage mich natürlich auch, was WAZ & Co. umtreibt, einfach 'Hunderte von Stellen' abzubauen, wo's doch laut dem VDZ allen so gut geht und im Himmel rund um die Uhr immer nur Jahrmarkt ist: "Der VDZ Verband Deutscher Zeitschriftenverleger rechnet in diesem Jahr trotz Konjunktureintrübung und der Verunsicherung an den Kapitalmärkten mit weitgehend stabilen Erlösen sowie kräftigen Wachstumsimpulsen aus dem Online-Werbemarkt." Das muss dann wohl entweder etwas mit 'Reklame' zu tun haben - oder aber der Verband als Marketingorganisation hat sich von der realen Situation seiner Mitglieder völlig abgelöst - als 'Comical Ali' des Mediengewerbes gewissermaßen ...

  • Poldi

    17.11.08 (12:09:59)

    Beispiel StudiVZ (Quelle Spiegel PRINTAUSGABE!! vom 17.11.) Kaufpreis 85 Mio Umsatz 10 Mio Verlust 10 Mio wie konnte ich nur so untertreiben (s.o.)....

  • Max

    17.11.08 (23:32:58)

    at All Weiss hier jemand, wie hoch der durchschnittliche Anteil der Aufwändungen für Seitenumbruch, Druck und Vertrieb der Print-Medien ist, also von Aufwandsposten, welche so bei Online-Medien nicht existieren? Kann mir zudem jemand erklären, worin die "hohen Investitionen im Internetbereich" bestehen wenn heute quasi jeder seinen eigenen Blog so gut wie gratis eröffnen kann? at yabadabidu Mit der Messbarkeit von Werbung ist das so eine Sache. Nur weil ein Banner o. ä. geladen wurde, heisst das noch lange nicht, dass er auch wirklich zur Kenntnis genommen wurde...

  • Klaus Jarchow

    18.11.08 (09:53:41)

    @ Max: In Kostenrechnung bin ich nicht sonderlich firm, neue Druckmaschinen erlauben heute auch eine immer billigere Produktion, so dass die Kosten nicht mehr vergleichbar sind, dafür steigen derzeit die Papierpreise (oder fallen sie schon wieder?), der Satz ist seit langer Zeit tot bzw. schlicht 'Redakteursaufgabe' geworden, auch sind die Vertriebswege nicht identisch (Hauszustellung / Kioskverkauf), aber vor Jahren hieß eine Daumenformel mal, dass nur ein Fünftel der Kosten 'redaktionell' verursacht sei, bzw.: 'Der Leser zahlt die Redaktion, die Anzeigen zahlen die Produktion und den Vertrieb'. Mit hohen Kosten fürs 'Internet' sind vor allem wohl Investitionen in die (technische) Kompetenz von Redakteuren und in I-Technik (Server, Sicherheit, Admin-Personalkosten, Energie) gemeint.

  • Poldi

    18.11.08 (19:47:33)

    Alles eine Frage des Preises, wenn ich mir - wie geschehen - 1% von Facebook für 150 Millionen kaufe, damit das Ding also mit 15 Mrd bewerte, muss ich hoffe, dass ich irgendwann diese 150 Mio. wieder hereinbekomme - und zwar mit Zins und Zinseszins. über den Daumen gepeilt, müsste als Facebook über 10 oder 20 Jahre lang einen Cash-Flow von 15 Mrd + Zinsenzins erzielen. Bei Kosten für mein Engagement von 6% wären das über 40 Jahre am Ende 40 Milliarden Cash-Flow, die Facebook bringen müsste. Kaufe ich nix, sondern beschäftige 100 Leute für ein News-Portal habe ich sagen wir mal 9 Mio € an Personalkosten p.a. plus 1 Million für die Technik. Eine Cash-Flowmarge von 20 Prozent unterstellt müsste ich 50 Mio umsetzen, um bei einer Nullverzinsung für meine Investition zu landen. Blöderweise wirbt niemand im Internet (3% der Werbeausgaben) sodass ich pro Jahr 5 oder 8 Millionen Verlust mache. Je länger das dauert, desto schwieriger rechnet sich meine Investition. So ist das mit Innovationen: 99% der neuen Geschäft rechnen sich nicht - vor 80 Jahren gab's noch 3000 Autobauer heute 10, in 2 Jahren noch 8 oder so. Funktionierende Geschäftsmodelle gibt es nur im Printbereich zuhauf, frag nach bei gut geführten Regionalverlagen

  • Jean-Claude

    23.11.08 (11:07:03)

    @Poldi: eine ebenso interessante wie ernüchternde Rechnung. Sie holt die Ueberlegungen wieder etwas aus den Wolken zurück. Dass gut aufgestellte Regionalverlage, oft in der Diskussion kaum beachtet, relativ gut dastehen ist auch meine Beobachtung. Die sind auch im Internet zugange, aber step by step und nicht so grossmäulig, wie mancher Grossverlag. Return on invest ist nun mal das A & o eines funktionierenden Geschäftsmodells. Wenn das nicht läuft, läuft gar nichts. Eigentlich sollte man jetzt nicht gebannt auf die Krise starren, sondern darauf, was danach kommt und das heisst: Jetzt investieren und halt auch neue Schulden riskieren, wenn alle sparen (sofern man kann...),um dann vorne dran bereit zu sein, wenn's wieder losgeht. Dann können die Schuden auch rasch wieder abgelöst werden. Und das heisst: Dann muss man auch die guten Leute haben, die bekanntlich nicht auf Bäumen wachsen und die andere in ihrem Subito-Spar-Wahn rausgeschmissen haben, ohne dabei zu bemerken, dass sie damit einen essentiellen Teil ihrer Substanz weggehackt haben. Wenn die weg ist, ist eben nicht nur ein bisschen was weg, das man sich anderswo rasch wieder einkaufen könnte. . Aber das sind wenig spektakuläre, über Jahre hinweg eher langweilige Strategien - drum auch eher selten angewandt.

  • Max

    23.11.08 (11:55:53)

    at Jean-Claude Nebst der Jungfrauen-Zeitung, kennen Sie andere gut aufgestellte Regionalverlage, welche oft in der Diskussion kaum beachtet werden und trotzdem relativ gut dastehen?

  • Jean-Claude

    23.11.08 (14:56:10)

    @)Max : zum Beispiel die tamedia-Gruppe in Zürich, die u.a. als Flaggschiff den "Tages-Anzeiger" herausgibt, weitere regionale Blätter, zwei Gratis-Tageszeitungen, die "Sonntagszeitung", sowie zwei Newsportale etc. betreibt. Es ist die zweitgrösste Mediengruppe in der deutschsprachigen Schweiz mit einem Umsatz von rund einer halben Miliarde Franken. Man kann allerdings nicht sagen, dass die tamedia AG kaum beachtet werde, dazu ist sie zu gross, aber der Struktur nach ist sie trotzdem eine regionale Mediengruppe.

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