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17.05.11Leser-Kommentare

Hollywood: Wie Filme der digitalen Realität hinterherhinken

Filmproduktionen setzen auf immer mehr technische Raffinessen, um Kinobesucher zu beeindrucken. In den Handlungen mancher Streifen jedoch ist die digitale Welt noch weitestgehend abwesend.

 

Am Freitag war ich im Kino und habe mir den Thriller "Der Mandant" ("The Lincoln Lawyer") angesehen; ein solider, spannender US-Thriller mit einem toughen Anwalt in der Hauptrolle, der trotz all seiner Künste im vertraut-distanzierten Umgang mit der Unterwelt von einem Klienten auf unliebsame Weise in einen Mordfall verwickelt wird.

Während ich mich von dem Streifen gut unterhalten fühlte, gelang ihm aus der Perspektive eines technologie- und internetinteressierten Zuschauers das zweifelhafte Kunststück, in seiner kompletten Spielzeit keinerlei Indikation über das Produktionsjahr zu geben.

Natürlich war offensichtlich, dass es sich nicht um einen Film aus den 50er oder 70er Jahren handelte. Inwieweit er aber 1999, 2005 oder 2011 gedreht wurde, vermochte ich als Laie kaum zu sagen - zumal Hauptdarsteller Matthew McConaughey die ganze Zeit in einer schwarzen Limousine der Marke Lincoln durch die Gegend fährt, die sicherlich auch schon zwei Jahrzehnte auf dem Buckel hat.

Meine Schwierigkeit bei der zeitlichen Einordnung rührte von der fast vollständigen Abwesenheit moderner Technologie in dem Film her. Ja, in einer Szene blicken die Zuschauer auf eine silbrige Notebookrückseite mit dem bekannten Apfel-Logo. Die ansonsten sporadisch auftauchenden Computer und Bildschirme jedoch könnten gut und gerne schon zur Jahrtausendwende eingekauft worden sein.

Passen dazu verlässt sich Anwalt Mick Haller nicht etwa auf ein zeitgemäßes Smartphone, sondern führt seine mobilen Gespräche mit einem Klapphandy, das es heutzutage vermutlich für 30 Euro ohne Vertrag im Handel gibt. Ich weiß nicht, ob er damit E-Mails verschicke könnte, aber ernsthaftes mobiles Surfen scheint mit seinem Gerät kaum vorstellbar. Das wiederum spielt eigentlich keine Rolle, denn das Internet kommt in "Der Mandant" ohnehin nicht vor.

Der genannte Film ist nicht die erste Produktion, bei der mir das Fehlen jeglicher Bezugnahmen auf unsere zunehmend digitale Kommunikations- und Medienwelt auffällt. Ich entsinne mich, vor etwa anderthalb Jahren beim Betrachten des abgrundtief schlechten Katastrophenfilms 2012 einen ähnlichen Eindruck erhalten zu haben. Darin ließen sich Hinweise auf ein potentiell die Existenz der Menschheit gefährdendes Ereignis eine Ewigkeit lang in einer kleinen Gruppe Eingeweihter geheim halten, die Informationsbeschaffung der Darsteller erfolgte ausschließlich traditionell mit Printmedien am Frühstückstisch und den ganzen Film umhüllte die Atmosphäre einer Romantisierung der guten alten analogen Welt-, Macht- und Medienordnung.

Filmproduzenten scheinen Schwierigkeiten damit zu haben, die digitale Realität besser in ihren Storys unterzubringen. Wenn Leonardo Di Caprio, Denzel Washington oder Charlize Theron mit einem Tablet oder E-Reader durch die Gegend laufen, einen Bösewicht bei Wikipedia nachschlagen, sich über Facebook austauschen, Blogs betreiben und auch mal eine kritische Information über Twitter erhalten, mag dies vielleicht seltsam wirken. Es wäre aber die konsequente Anpassung der filmische Welt an die digitale Wirklichkeit.

In Serien klappt dies nach meinem Empfinden oft viel besser. Bei "Two And A Half Men" und "How I Met Your Mother" surfen die Charaktäre gerne mal mit ihrem Smartphone im Web, und bei "The Big Bang Theory" sind Zitierungen aus Tweets keine Seltenheit.

Ich habe den Filmexperten und moviepilot.de-Geschäftsführer Tobias Bauckhage gefragt, welche Erklärung er für dieses von mir beobachtete Phänomen hat. Ein Grund für die Rückständigkeit mancher Filme in Bezug auf die Integration neuer Technologien ist nach seinen Worten die enorme Vorlaufzeit großer Produktionen: "Ein Film, den wir heute im Kino sehen, ist vermutlich vor vier Jahren erdacht, vor zwei Jahren zu Ende finanziert und vor einem knappen Jahr gedreht worden. Bezüglich realer technischer Innovation ist das Medium Film also zwangsläufig ein bisschen spät dran", so Bauckhage.

Seiner Aussage nach werden Filme mitunter auch absichtlich so gestaltet, dass eine genaue zeitliche Zuordnung nicht möglich ist. So will die Branche sicherstellen, dass sie nicht innerhalb weniger Monate altmodisch wirken. Und: "Filmproduzenten und Drehbuchautoren gehören aus meiner Sicht zu dem eher traditionellen Teil der Medienindustrie und sind deshalb nicht zwangsläufig Early Adopters für neue Technologien", fügt Bauckhage hinzu.

Angesichts dieser Rahmenbedingungen scheint die Filmindustrie hier vor einer echten Herausforderungen zu stehen: Denn um nicht mittelfristig jeden in der Gegenwart spielenden Film wie ein Relikt aus der Vergangenheit erscheinen zu lassen, müssen zumindest einzelne Aspekte des Medienwandels und der IT-Welt stärker in das Geschehen integriert werden. Gleichzeitig steigt damit die Gefahr, dass Streifen schon zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung altbacken wirken. Ich bin gespannt, wie dies gelöst wird.

Habt ihr in jüngster Zeit einen aktuellen Film gesehen, bei dem euch ähnliche Gedanken kamen wie mir beim Betrachten von "Der Mandant"? Oder kennt ihr einen Film, bei dem neue Technologie auf vorbildliche Weise in die Handlung eingebunden wurde?

(Illustration: stock.xchng)

Kommentare

  • Jürgen

    17.05.11 (11:06:42)

    Ich hatte einer Freundin kürzlich die erste Staffel von "24" ausgeliehen, eine meiner Lieblingsserien, bei der ich aber zugegebenermaßen auch schon seit ein paar Jahren nicht mehr reingeschaut habe. Wenig später kam das vernichtende Urteil, die technischen Unzulänglichkeiten seien so offensichtlich und kaum zu ertragen. Bauer und sein Team machen so viele Dinge, die technisch gar nicht möglich sind. Sie überlegt jetzt nach Folge 3, ob sie überhaupt noch weiter gucken soll. War mir damals gar nicht so negativ aufgefallen. Aber inzwischen auch schon zehn Jahre alt, die Serie - eine Ewigkeit im Serienalltag..

  • Mesch

    17.05.11 (11:30:55)

    Irgendwo hab ich mal gelesen, dass es in den Geschichten rund um Entenhausen deshalb keine Handys gibt, weil die Figuren dadurch Probleme zu leicht lösen könnten.

  • Markus Spath

    17.05.11 (11:35:41)

    Bei Scream 4 wird Facebook und Twitter zumindest auf einer Metaebene mitreflektiert. Und eine Art justin.tv spielt eine wichtige Rolle...

  • Belles Lettres

    17.05.11 (11:59:04)

    Es kommen noch sehr viele andere Dinge in Filmen und Roman nicht vor, die uns in der Wirklichkeit umgeben. Und umgekehrt im Fiktiven viel, was es in Wirklichkeit nicht gibt. Ein Beispiel, wie es wohl Jürgen (1) meinte: Die Polizei findet heraus, dass sich der Mörder in einem von tausenden Gebäuden in Los Angelels aufhält. Und für jedes dieser unzähligen Gebäude hat die Polizei einen präzisen 3D-Plan auf der Festplatte, den man mit einem Tastendruck aufrufen und dann sehen kann, wie sich Mörder und Agenten als rote Punkte durch das 3D-Modell bewegen. Außerdem haben die Agenten ein der Fachwelt völlig unbekanntes Betriebssystem mit supercoolem minimalistischen Interface, dass bei jedem Befehl supercoole Geräusche macht. Interassant ist auch, dass man in Hollywoodfilmen zwar immer mit dem leuchtenden Apple-Logo auf der Notebookklappe terrorisiert wird, man aber OSX nie zu Gesicht bekommt. Einzige mir bekannte Ausnahme ist der Scientologie-Propagandafilm "Know1ng - Die Zukunft endet jetzt" mit Nicolas Cage. Da wurde OS-X gezeigt, dann am Ende zur Versöhnung aber gezeigt, wie Apple-Fans beim Weltuntergang in der ersten Reihe sitzen. Entscheidend ist nur, ob das Gezeigte im Moment des Ansehens überzeugend wirkt. Polizististen machen ja immer wieder den Banausenfehler zu glauben, der Krimi wäre dazu da, ihre wahren (= öden) Alltag zu verherrlichen. Tatsächlich geht es beim narrativen Erzählen aber nur darum, eine plausible Dramaturgie und Spannung zu zeigen, in der alles Überflüssige weggelassen wird. Wer den ganzen Tag programmiert, wird sich im Kino natürlich schon fragen, wie viele Millionen Programmierer die amerikanische Polizei beschäftigen muss, um bei Bedarf für jedes Haus in Amerika einen interaktiven 3D-Grundriss parat zu haben. Aber die meisten Zuschauer nicht. Wer hat sich bei Inception schon gefragt, wie dieser sensationelle und die Gesetze der Biologie sprengende Traumnetzwerkkoffer funktioniert. Die größte Herausforderung sind natürlich Handys. Die meisten Roman- und Drehbuchautoren blenden moderne Technik bewusst am Beginn der Geschichte aus, damit sich der Leser oder Zuschauer später nicht fragt, was die dramatische und umständliche Suche nach dem Mörder soll, wo man doch einfach das Handy orten könnte. Auch rechtliche Grenzen der Polizei werden systematisch weggeschrieben. Anders könnte man die Geschichte nicht dramatisch erzählen.

  • Hendrik Mans

    17.05.11 (12:30:57)

    Der Roman, der hier verfilmt wurde, erschien 2005. #perspektive

  • Sebastian Manthey

    17.05.11 (12:48:47)

    Bei "Tron Legacy" beseitigt der eine Programmierer, der mit im Meeting am Anfang des Filmes sitzt, den Prozess, der das Hundevideo abspielt, via unix/linux Konsole. Er sucht die ProzessID raus und führt anschließend ein kill -9 aus. Als Negativbeispiele fallen mir jegliche Benutzeroberflächen von Viren ein die jemals in Filmen und Serien eingesetzt wurden.

  • Arnd

    17.05.11 (13:03:15)

    In Filmen benutzt am Computer auch niemand eine Maus, sondern es wird immer schön an der Tastatur rumgeklappert. Na, ist ja auch dramatischer. Zur Ehrenrettung von 24 kann ich sagen, dass die Handlung nicht in der Gegenwart, sondern in einer nahen Zukunft spielt.

  • Martin Weigert

    17.05.11 (20:17:09)

    Die Darstellung unrealistisch leistungsfähiger Technologie ist wohl eine zusätzliche Dimension dieses Themas. Letztlich stellen die Drehbuchautoren damit sicher, dass ein im Jahr 2000 gedrehter Film auch 2025 noch aktuell erscheint ;) @ Hendrik Mans Wann das Buch geschrieben wurde, ist imo nicht wirklich eine gute Entschuldigung. @ Belles Lettres Die meisten Roman- und Drehbuchautoren blenden moderne Technik bewusst am Beginn der Geschichte aus, damit sich der Leser oder Zuschauer später nicht fragt, was die dramatische und umständliche Suche nach dem Mörder soll, wo man doch einfach das Handy orten könnte Trifft's vermutlich auf den Punkt. Früher oder später werden sie sich dem Thema aber stellen müssen. Bestimmte, altbewährte Handlungsmuster stehen damit quasi vor dem Ende.

  • Martin Weigert

    17.05.11 (20:18:56)

    Wie muss man sich diese Mitreflexion auf Metaebene vorstellen?

  • Andreas_P

    18.05.11 (07:53:33)

    hmmm Minority Report (Interface).... ansonsten eher schwierig, bin mal gespannt wann hier die ersten FLOSS-Kultur Produktionen einspringen

  • Judith

    18.05.11 (12:54:41)

    Genau die gleiche Frage, nämlich wie es sein kann, dass neue Filme die modernen Kommunikationsmöglichkeiten ausblenden, habe ich mir auch gestellt. Und zwar bei dem Film "Beyond a reasonable doubt" von 2009. Aber da lags vielleicht daran, dass das ein Remake eines Films aus den 50'ern ist.

  • Gerold Marks

    18.05.11 (14:11:52)

    Dass die Entwicklungszyklen von Filmen zu lang für die Platzierung moderner Technik sind, kann ich nur partiell teilen. Productplacment-Agenturen arbeiten natürlich mit zum Starttermin passenden Modellen von Produkten, man möge sich doch mal Nokia-Handymodelle in US-Produktionen oder die letzten Teile der James Bond-Franchise ansehen. Da wäre ne ganze Branche plötzlich arbeitslos. :-) Und ich möchte noch einen kleinen, aber feinen Blog empfehlen, der Computer-GUIs aus Filmen listet. Eine Mischung aus Zeitreise, Utopie und Grässlichkeiten: http://accessmaincomputerfile.net

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