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16.03.09Leser-Kommentare

History repeating: Buchhandel kündigt Massenklagen gegen Filesharer an

Der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels kündigt Massenklagen gegen Filesharer an, welche urheberrechtlich geschützte E-Books teilen. Er will, so scheint es, den Gang der Musikindustrie komplett wiederholen.

Das erste Kapitel..Das war mir entgangen. Spiegel Online berichtet über präventives Säbelrasseln des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels pünktlich zur Einführung von massentauglichen E-Books in Deutschland:

"Wir werden in aller Schärfe gegen den illegalen Download, gegen den Diebstahl im Internet, vorgehen" und "die Gerichte mit Tausenden von Verfahren beschäftigen", sagte der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Alexander Skipis, zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse am Donnerstag. "Die Politik zwingt uns zu diesem Schritt." Sie neige zur Bagatellisierung dieses "organisierten Verbrechens".

Das ist natürlich starker Tobak für jeden, der sich mit dem Thema ein bisschen beschäftigt. Zum einen zeigt die Politik bei Gesetzesänderungen im Themenfeld Urheberrecht eine starke Tendenz zugunsten der Urheber und Rechteinhaber und zum Nachteil der Konsumenten. Zum anderen handelt es sich bei Filesharing nicht um Diebstahl, geschweige denn um 'organisiertes Verbrechen'.

Damit aber nicht genug. Skipis legt noch einen nach:

Effektiv sei auch die Sperre des Internet-Zugangs für einen bestimmten Zeitraum. Untersuchungen in anderen Ländern hätten ergeben, dass 80 Prozent der Bestraften das Raubkopieren dann bleiben lassen.

Meines Wissens nach hat noch kein Land die sogenannte Three-Strikes-Politik - vermeintliche Filesharer urheberrechtlich geschützten Materials werden zweimal vorgewarnt und dann vom Internet ausgeschlossen - umgesetzt. Selbst Neuseeland, das diese äußerst umstrittene Politik, welche die Unschuldsvermutung aushebelt, im Februar 2009 einführen wollte, hat die Einführung vorerst bis auf den 27. März 2009 verschoben. Möglicherweise wird die Gesetzsänderung ganz gekippt. Wie kommt Skipis dann auf die Zahl der 80 Prozent aus vermeintlichen Untersuchungen?

Nach einer Recherche meinerseits kam nichts zu Tage. Vielleicht meint er die 80 Prozent, um welche man im UK illegales Filesharing mit solchen Warnhinweisen reduzieren wollte. Oder er bezieht sich auf die 37 Prozent der P2P-Nutzer, welche in einer Umfrage aussagen, sie würden diese Warnungen ignorieren. Ich weiß es nicht. So oder so: eher vage Aussagen ohne Substanz, auf welche sich zu stützen ein wenig Verzweiflung offenbart.

Auch die folgende Aussage des Hauptgeschäftsführers des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ergibt wenig Sinn:

Wenn ein Verlag stirbt, wird es auch das kulturelle Angebot nicht mehr geben. Das hat eine gesellschaftliche Relevanz, die leider bei der Politik nicht angekommen ist.

Wie Clay Shirky gern sagt, ist die Aussage "Ihr werdet uns vermissen, wenn wir weg sind!" kein Geschäftsmodell.

Davon abgesehen: Wenn E-Books wie digitale Musikaufnahmen ihren unweigerlichen Weg in Richtung Preis gleich Null antreten, heißt das nicht, dass damit Verlage, Bücher, Literatur, Kultur und die gesamte westliche Gesellschaft dem Untergang geweiht sind.

Wie all die anderen Industriezweige auch wird der Buchhandel, einmal mit der Digitalisierung des eigenen Geschäfts konfrontiert, nach neuen Geschäftsmodellen suchen müssen.

Clay Shirky zitiert in seinem Artikel über Print, Journalismus und deren Veränderungen im Internetzeitalter, welcher sich die letzten Tage wie ein Lauffeuer im Web verbreitet hat, einen Techniker der New York Times, welcher 1993 bereits Folgendes erkannte:

"When a 14 year old kid can blow up your business in his spare time, not because he hates you but because he loves you, then you got a problem." - "Wenn ein 14 Jahre altes Kind dein Geschäftsmodell in seiner Freizeit vernichten kann, und nicht, weil es dich hasst, sondern weil es dich liebt, dann hast du ein Problem."

Das trifft auch auf Verlage und Ebooks zu. Säbelrasseln und Säbelziehen gegen die, die einen lieben, weil deren Verhalten nicht zum eigenen Geschäftsmodell passt, machen den Weg hin zum Unvermeidlichen nur schmerzhafter für alle Beteiligten.

(via P2P Blog)

(Foto: Mike Licht;CC-Lizenz)

Kommentare

  • mds

    16.03.09 (20:16:07)

    Perfekt auf den Punkt gebracht! Was hält den Buchhandel eigentlich davon ab, E-Book-Angebote attraktiv zu gestalten – insbesondere beim Preis?

  • Frischer

    16.03.09 (22:40:58)

    Es geht noch besser: Vor einem Jahr schon hat der Geschäftsführer des MVB (Betreiber von libreka) die Verwendung der Vorratsdatenspeicherung für die Durchsetzung der Rechte am geistigen Eigentum gefordert (und das Bundesverfassungsgericht scharf kritisiert). Ich habe damals schon meinen Kommentar dazu abgelassen. Leider hat er sich bis heute nicht dazu geäußert

  • René Fischer

    16.03.09 (23:31:50)

    Sehr schöner Artikel. Ich habe mich mit dem Thema noch überhaupt nicht beschäftigt, weshalb ich ganz unwissend frage, was so ein eBook so kostet?

  • Laurent

    17.03.09 (06:21:32)

    Die three-strikes-politik (hadopi) ist momentan auch heftig Debatte in Frankreich bei der Nationalversammlung. Die DIskussion wurde aber vorerst auch auf April verchoben. So weit ich weiß sind Frankreich und Neuseeland zur Zeit die 2 einzigen wo es in Frage KÄME. zB:

  • Walter Werschinger

    17.03.09 (07:38:29)

    Ich kann hier auch nur zustimmmen. Ein recht ignoranter Auftritt von Herrn Skipis. Wie kann man das verstehen? Versetzt man sich in seine Lage: viel Zeit, Geld, Mühe investiert, aber leider einige fundamentale Dinge nicht bedacht. Und jetzt beginnt das berühmte Hinterteil auf Grundeis zu gehen. Die große Masse der durchaus kaufwilligen E-Bookkandidaten will sich doch gar nicht mit Filesharing befassen. Sie möchte einfach nur irgendwo klicken, einen fairen Preis bezahlen und das Buch lesen. Wahrscheinlich wird es Apple in ein paar Jahr wieder erfolgreich machen und iBooks neu auflegen ;)

  • Jan

    17.03.09 (11:19:05)

    Hallo Marcel, wie Du an den Kommentaren selbst merkst, tendieren die Preise auch bei E-Books nicht gegen Null: Die Leute wollen sehr gern etwas bezahlen - man lässt sie nur nicht. Und das ist aus meiner Sicht wieder einmal das Hauptproblem, genau wie bei Musik- und Filmindustrie. Viele sind bereit, für mehr Komfort und Qualität gegenüber einem kostenlosen Download aus irgendeinem Filesharing-Dienst etwas zu bezahlen. Anstatt dieses Bedürfnis zu bedienen und zu fördern, legen nun die Buchverlage genauso wie vor ihnen die Musik- und Filmindustrie lieber alle Energie in die Bekämpfung dieser Realität. Allerdings haben sie als Vorteil auf ihrer Seite, dass das Nutzungserlebnis eines elektronischen Buchs ein anderes ist als beim gedruckten Gegenstück. Diese Differenz ist bei Musik und Video erheblich geringer. Fürs elektronische Buch brauche ich irgendein Gerät, das ich fürs normale Buch nicht brauche. Bei Musik und Film nutze ich wie zuvor auch ein Abspielgerät - oft sogar dasselbe wie für den legal erworbenen Inhalt. Ich denke, dass dieser Faktor die Verlage noch eine ganze Weile retten wird. Im Übrigen verweise ich ganz eigennützig auf meine "Themenwoche Buch 2.0" auf UPLOAD, die evtl. auch für Dich von Interesse sein kann.

  • Felix Neumann

    18.03.09 (08:22:53)

    Ich bin ja überzeugt, dass es (auf absehbare Zeit) immer Leute geben wird, die das gedruckte Buch dem elektronischen vorziehen, und dass der deutsche Buchhandel daher noch lange nicht um seine Existenz zu fürchten braucht. Sehr schöner Artikel, danke dafür.

  • westernworld

    18.03.09 (15:22:28)

    endlich! es wurde aber auch mal zeit das jemand etwas gegen das unter unserer jugend krassierende lesfieber unternimmt!

  • iProphet

    20.03.09 (09:46:34)

    Die Geschichte lehrt den Menschen, dass die Geschichte den Menschen nichts lehrt.

  • Kasimir

    18.10.09 (12:47:38)

    Ich habe ja durchaus Verständnis dafür, dass die Verlage erstmal so viel wie möglich abschöpfen möchten. Ich werde allerdings kaum den gleichen Preis wie ein gedrucktes Buch für eine DRM-kastrierte Datei ausgeben. Das ist völlig absurd und hat schon bei Musikstücken nicht funktioniert. Die Verlage werden sich auf 10-20 % des Preises für ein Buch einstellen müssen, um größere Stückzahlen verkaufen zu können. Alles andere ist illusorisch. Im übrigen warte ich noch auf die Plastic Logic Lesegeräte, habe aber irgendwie den Verdacht der Hersteller wird von den Verlagen unter Druck gesetzt, um irgendwelche DRM-Restriktionen einzubauen.

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