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31.05.07Leser-Kommentare

«Hier hat niemand ein internes Angebot» - Insidernews aus der CASH-Redaktion

Cash CashDaily 2007-05-31

Am Morgen um sieben war die Welt noch in Ordnung. "Hier arbeitet Ihr Geld am besten", titelte das wie jeden Donnerstag seit 18 Jahren erschienene Wirtschaftsmagazin CASH, doch da hatte Verleger Michael Ringier schon entschieden, dass sein Geld in Zukunft anderswo arbeiten soll als in der CASH-Redaktion. CASH wird per Ende Juni eingestellt, es kommen gerade noch vier Ausgaben.

Die offizielle Lesart gemäss Pressemitteilung, Meldung auf cash.ch und dem am Abend versandten Sondernewsletter lautet: "Die CASH Gruppe setzt auf den digitalen Wachstumsmarkt." Dieser Euphemismus erscheint selbst in Zeiten von "Freistellung", "Fokussierung" und "Konsolidierung" etwas gar aufgesetzt, wenn man gerade das Flaggschiff der Gruppe versenkt, und auch der verschwurbelte Satz "Die CASH Gruppe konzentriert sich ab dem 1. Juli 2007 noch stärker auf den integrierten Multikanal-Ansatz und damit auf die Plattform CASH daily mit ihren digitalen Medien" schafft mehr Verwirrung als Klarheit. Einen Moment lang konnte man denken, CASH Daily müsse auch dran glauben, aber dies gilt offenbar auch als digitales Medium und bleibt. Beruhigend las sich zunächst der Satz: "Die 46 betroffenen Mitarbeiter sollen mehrheitlich in der CASH Gruppe und bei anderen Ringier Titeln weiterbeschäftigt werden."

Naturgemäss hört sich alles ganz anders an, wenn man mit Noch-Cash-Redaktoren über ihre Sicht der Dinge spricht. Zwar wurde schon seit Monaten gemunkelt, es gäbe demnächst "grosse Veränderungen", doch mutmasste man bis heute, es gehe entweder um einen personellen Wechsel (also einen neuen Chefredaktor), oder eher noch um eine Zusammenlegung der beiden Print-Redaktionen zu einer. Entsprechend traf die heutige Nachricht die Redaktion wie der Blitz aus heiterem Himmel. "Von uns hat noch niemand ein internes Jobangebot", war zu hören, und dass es "bei Ringier Platz für 15 Leute habe, davon 5 bei CASH Daily". Damit allerdings stünden zwei Drittel der betroffenen 46 Personen auf der Strasse.

Den "Freien" ging es auch nicht viel besser. Von einem regelmässig für CASH schreibenden Autor war zu hören, dass er bis 18 Uhr noch gar keine offiziellen Information von Ringier hatte; "dafür hat sich die Gewerkschaft Comedia schon gemeldet".

Beim Frust-Apéro der CASH-Redaktion im Seefeld legte man Wert auf die Feststellung, dass "CASH im letzten Jahr an Auflage und Reichweite gewonnen habe" und dass "CASH Daily derzeit deutlich mehr Geld verliert als wir". Vor ein paar Tagen sollte unter dem Titel "CASH Futura" noch eine Sitzung mit Michael Ringier und Chefredaktor Dirk Schütz stattfinden, die jedoch nicht in "CASH Plusquamperfekt" umbenannt wurde, sondern abgesagt und nicht nachgeholt. Ringier liess sich dem Vernehmen nach seitdem weder bei Schütz noch bei der Redaktion blicken; die heutigen schlechten Nachrichten überbrachte Thomas Trüb, Leiter Wirtschaftsmedien - pikanterweise einer der CASH-Väter von 1989 (hier ein persönlich-Interview von 1997 - lesenswert zum Thema Internet ist der Satz: "Wenn ich als Verleger anfange, den Zeitungsinhalt zum Null-Tarif preiszugeben, dann habe ich verloren.").

Anlässlich der Lancierung von CASH Daily vor einem Jahr wurde geschrieben von der "Stärkung der Marke". Doch stattdessen stellte sich für den geneigten Medienleser die Situation eher so dar, dass CASH alle übrigen Titel mitzog: CashDaily, von dem man bis heute das Gefühl hat, es sei irgendwie neu und könne deshalb noch nicht besser sein (die nur drei Wochen vier Monate ältere Ringier-Schwester heute - die in ihrer heutigen Ausgabe übrigens kein Wort zum Ableben der Schwester verliert - wirkt im Vergleich regelrecht etabliert); die durchweg langweilige Website cash.ch (in der immerhin das für einen zweistelligen Millionenbetrag aufgekaufte Borsalino aufging), das TV-Magazin CashTV (das ich nie schaue, weswegen ich mir kein Urteil erlauben kann), CASH mobile, dem man immerhin zugestehen muss, dass es handygerecht designed ist (bis auf eine absurde Vorschalt-Seite), dessen Inhalte mich aber auch nicht vom Hocker reissen - sowie die Web-2.0-Multimedia-Outlets CASH daily Web-TV, CASH daily Podcast und CASH daily Börsen-TV, die alle etwas handgestrickt wirken und mal in besserer, mal in sehr zweifelhafter Qualität daherkommen.

Denn eins ist klar: Auf den in allen Mitteilungen beschworenen "digitalen Wachstumsmarkt Internet" setzt nicht Ringier allein, sondern in den Strategiepapieren aller Medienhäuser dürfte stehen, dass sie sich von dem in Zukunft eine grössere Scheibe abschneiden wollen; dasselbe gilt für einige Start-ups. (Disclaimer: Auch für uns!) Eine wirklich hohe Eintrittsbarriere in den Markt bieten jedoch nur die Print-Titel. Ein bisschen Video und Audio ins Netz stellen können dagegen sogar ambitionierte Einzelkämpfer - siehe Mario "Elektrischer Reporter" Sixtus (gelernter Print-Journalist, sagt: "zwei Wochen einschliessen und üben, danach kann man das") oder Stephan M. "rebell.tv" Seydel (gelernter Sozialarbeiter).

Man darf gespannt sein, wie es mit der Marke CASH weitergeht. Wenn die freigewordene Energie auch voll in die digitalen Wachstumsmedien fliesst, könnte es sogar der richtige Schritt gewesen sein; wenn diese dagegen auf dem heutigen Niveau weiterwerkeln, könnte es knapp werden. Die heute geschasste CASH-Redaktion gibt der Print-Schwester jedenfalls noch "maximal ein Jahr".

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • 01.06.07 (05:37:48)

    das mit video und einzelkämpfer gebe ich dir recht, vor allem beim "elektrischen reporter" - beim zweiten kömmt es mir aber noch viel mehr handgelismeter daher als beim cash...

  • Peter Hogenkamp

    01.06.07 (05:42:43)

    Klar. Das ist aber auch etwas Absicht bei ihm. Aber er macht auch Bewegtbild, und er hat Leute, die das regelmässig schauen (Quotient aus Abrufen und Budget wäre mal cool zu vergleichen.)

  • Peter Hogenkamp

    01.06.07 (05:51:01)

    Wurde darauf aufmerksam gemacht, dass es CASH Daily erst seit September gibt. Wollte gestern Abend schnell mit dem Post raus und habe etwas nachlässig gesucht (gedacht, der Artikel "«Cash Daily» am Kiosk" aus der Aargauer Zeitung vom 16. Juni 2006 markiere den Launchtermin - war aber eine Vorankündigung). Richtig ist: CASH Daily erscheint seit dem 8. September 2006, siehe Bericht des Klein Reports von der Launchparty, und heute seit dem 15. Mai 2006.

  • Daniela A. Caviglia

    01.06.07 (06:56:29)

    Ich fürchte, dass war nicht Ringiers letzter, sondern eher erster Streich. Die Braut lässt Titel fallen, die einen möglichen Käufer/Fusionspartner konkurrenzieren würden. Siehe auch: http://blogmitpep.blogspot.com/2007/05/wohin-fhrt-das-rumpeln-in-der-schweizer.html

  • Peter Hogenkamp

    01.06.07 (07:09:16)

    Daniela: Das war gestern auch eine der Aussagen meines Kontakts in der Redaktion. Man vermutet, dass schon konkret verhandelt wird. War mir aber zu vage, um es in einen Beitrag einzubauen, in dem alle anderen Informationen so schön handfest sind. Aber vielleicht gesellt sich ja hier noch das eine oder andere Redaktionsmitglied zu uns und kommentiert auch.

  • bugsierer

    01.06.07 (08:51:30)

    obwohl es mir für die überzähligen cash-leute natürlich leid tut, finde ich die gegenwärtige dynamik super. das tagimagi macht online einen riesen schritt vorwärts, weitere werden folgen. find ich sehr spannend.

  • mds

    03.06.07 (16:53:57)

    ? selbst bei der deutschsprachigen Wikipedia möchte man «CASH» beerdigen ? da wurde doch tatsächlich ein Löschantrag gestellt! URL bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/CASH_%28Zeitung%29.

  • Daniela A. Caviglia

    04.06.07 (05:20:29)

    Wenn ich die Löschdiskussion richtig interpretiere, will man diesen Artikel löschen, weil ein Nutzer namens CASHtmp den Text auf zwei Sätze Gesülze reduziert hat. Und die zwei Sätze kann man meiner Meinung nach wirklich löschen...

  • Anna

    04.06.07 (12:39:21)

    Ich bin ein CASH-Redaktionsmitglied und möchte anonym bleiben. Der Artikel von Peter Hogenkamp war sehr gut und enhielt gute Insiderinformationen. Richtig ist aber auch, das liess Peter ja weg, wie er später erklärte, dass Axel Springer derzeit mit Ringier über einen Verkauf diskutiert. Auch den Mitarbeitern von der CASH-daily- Redaktion geht es derzeit nicht besonders, schliesslich wissen sie nicht, wie lange sie noch hier sein werden. So wird spekuliert, dass Thomas Trüb, Initiator von CASH und CASH daily und jetzt Hauptverantwortlicher für die Schliessung von CASH (und enger bester Freund von Michael A. Ringier) bald seinen Exit macht. Trüb war veranwortlich dafür, dass die Sitzung mit Chefredaktor Schütz und Ringier am Mittwoch eine Woche vor Bekanntgabe der Kündigungen gestrichen wurde. Schütz wollte einen Alternativplan vorlegen, der eine Zusammenlegung von Weekly und daily beinhaltet hätte. Hätte er diesen mit Ringier besprechen können, so einhellige Meinung hier im Haus, wäre CASH nicht so eingestampft worden. Trüb wollte aber genau das verhindern - wegen seinem Exit. Wenn Trüb weg ist - der grösste Verfechter von Daily - dann ist auch CASH daily, das die Resultate nicht bringt, in der Klemme. Heute war das erste Treffen der Redaktion mit der Personalkommission. Von der Konzernleitung ist weiterhin niemand sichtbar.

  • Markus

    04.06.07 (14:28:34)

    Liebe Anna, wäre an einem Kontakt interessiert. redaktion@schweizer-journalist.ch Gruss Markus

  • Peter Hogenkamp

    04.06.07 (15:04:22)

    Hee. Anna schreibt natürlich exklusiv bei medienlese! ;-)

  • Jean-Claude

    06.06.07 (09:40:37)

    Bei Ringier führen die Herren der Luftblasen das grosse Wort. Was auffällt: Ringier-Finanzchef Ulrich Flörchinger verlässt überraschend auf 1.Juli seinen Job, weil er angeblich mehr Zeit fürs Fliegen haben will. Er darf die Finanzen des China-Geschäfts von Ringier (ca. 4 % vom Umsatz) weiter betreuen, als sehr gut bezahltes Hobby sozusagen. Flörchinger ist dick Freund mit Thomas Trüb. Trüb ist dick Freund mit Michael Ringier. Trüb wird sich bald stillschweigend ebenfalls nach China absetzen. Dort darf das Duo Trüb-Flörchinger dann neue Millionenlöcher aufmachen und sie als grossartige Innovation der Oeffentlichkeit verkaufen. Zu Hause können derweil andere die rauchenden Trümmer wegräumen: Cash, in spätestens einem Jahr Cash Daily und danach einen grossen Teil der - im Wortsinn - phantastischen on-line-Aktivitäten, deren Defizite nicht mehr finanzierbar sein werden. Und irgendwann ist dann Springer am Zug. Es ist schon erstaunlich, was sich die Leute stillschweigend so alles gefallen lassen.

  • Anna

    06.06.07 (10:46:47)

    Lieber Jean-Claude Ich stimme Deinen Zeilen voll und ganz un. Es wäre einmal spannend, die Aktivitäten von Trüb genau unter die Lupe nehmen. Unter dem Strich hat er für Ringier Millionen verlocht. Und Michael schaut zu und schweigt... was alte Bekanntschaften so alles bewirken können. Vielleicht wäre es Zeit, dass Ellen das Ruder übernimmt, Trüb schmeisst und endlich den Laden in den Griff kriegt :-)

  • Jean-Claude

    06.06.07 (11:27:44)

    Liebe Anna Die Idee mit Ellen Ringier ist ebenso originell wie klug. Die Spezi-Wirtschaft im grössten Medienunternehmen der Schweiz nimmt allmählich wirklich groteske Formen an.

  • Anna

    07.06.07 (08:21:33)

    Guten Morgen Jean-Claude Ihren Michi sollte sie in diesem Fall natürlich gleich für zwei Jahre auf Urlaub schicken:-) Zudem frage ich mich, wie lange der Zusatz "grösstes Medienunternehmen der Schweiz" noch gilt. Aber zu Deinen Ausführungen: Bei Weltwoche/Jean Frey ist es wohl genau so schlimm - nur dass das viel offener als bei uns kommuniziert wird. Sprich, man steht zum Filz. Bei Tamedia weiss ich es nicht, ich kenne da die Verhältnisse ganz oben nicht. Was ich befürchte ist, dass wir in einigen Jahren nur noch zwei oder sogar nur noch einen grossen Verlag in der Schweiz haben. Und wir alle nur noch Einheitsbrei verfassen müssen - von oben mit weiser Hand geleitet und geführt. Das wäre das Ende eines weltweit einzigartigen Wirtschaftsjournalismus. In keinem Land sind die Redaktoren so nahe an den Unternehmen dran wie bei uns.

  • Jean-Claude

    07.06.07 (14:17:22)

    Liebe Anna Dass Springer in der Schweiz ausbaut und jetzt offenbar auch der "Spiegel" mit einer Splittausgabe Fuss fasst, finde ich nur positiv. Das sind starke Verlage, denen kann man mit ein bisschen Inseratenboykott - wie wahrscheinlich das bei deiner Noch-Zeitung CASH der Fall war - nicht drohen. Den Schweizer Wirtschaftsjournalismus siehst du zu positiv. Ich halte ihn für korrupt, (und ich weiss, wovon ich schreibe!),gerade weil die Nähe zu den Unternehmen extrem gross ist. Da gibt es Leute, die 20,30 Jahre über die gleichen Leute, die gleichen Firmen schreiben. In der Schweiz sagt man, glaub ich, dazu: Sauhefeli, Sauteckeli. In deiner Zeitung habe ich mal gelesen, dass die Wirtschaftszeitung Finanz&Wirtschaft vor nicht allzu langer Zeit 15 oder 20 Jahre lang im Geheimen im Besitz eines UBS-Generaldirektors war, der damit eigene sowie sehr spezifische Interessen der UBS verfolgte. Als das aufflog, hat sich in der Schweiz niemand darüber aufgeregt. Die betroffene Zeitung am allerwenigsten. Die fanden das völlig normal. Noch korrupter kann man als Wirtschaftszeitung wohl nicht sein. Von daher war CASH als gelegentlich kritische Stimme schon noch nötig. Euer Chefredakteur hat ja recht mutig gegen überzogene Managergehälter geschrieben. Jetzt hat der die Quittung. Das spricht aber nicht gegen ihn. Im Gegenteil.

  • Peter Sennhauser

    09.06.07 (11:53:21)

    Hallo Jean-Claude Ich bin ehemaliger CASH-Redaktor und teile Deine Meinung in einigen Punkten überhaupt nicht. Inserateboykott war kaum das Problem von Cash, und zu glauben, "Starke Verlage" wie Springer führten zu einer qualitativen Verbesserung des Journalismus dank "Unabhängigkeit" ist nun einfach reichlich naiv. Vielmehr führt eine weitere Konzentration zu deutschen Verhältnissen im Schweizer Journalismus, und die bestehen vor allem in tieferen Löhnen und der endgültigen Ausbeutung der Freien mit entsprechenden Folgen. Ich kenne genügend aus Deutschland in die Schweiz geflüchtete Kolleginnen und Kollegen, die jetzt von den Verhältnissen im "grossen Kanton" eingeholt zu werden drohen. Die von Dir kritisierte Nähe der Journaille zu Wirtschaft und Politik wird sich auch mit Springer und Co nicht ändern - die Schweiz ist ganz einfach grössenmässig Lokalzeitungs-Land, und das politische System baut auf dem auf, was in andern Ländern "Korruption" genannt würde: Ein Milizparlament mit gewählten Wirtschafts- und anderen Interessensvertretern, die während ihrer Amtszeit keineswegs in den Ausstand treten. Was die Schweizer Verlagslandschaft mit der Übergabe ihrer Kleinfürstentümer an die Könige aus Deutschland auf jeden Fall verlieren wird, ist die derzeit manchenorts noch spürbare Lust auf Entscheide, die nicht ausschliesslich auf wirtschaftlichem Kalkül basieren - siehe "Berner Modell" (nur möglich dank Fürst von Graffenried). Was folgt ist die "dringend nötige wirtschaftliche Bereinigung", die im totalen Einheitsbrei zusammenfliesst.

  • Jean-Claude

    10.06.07 (17:11:44)

    Hallo Peter Wie das mit den Inseraten bei CASH genau war, werden wir wohl nie erfahren. Zu glauben, dass in der Schweiz - wie anderswo auch - nicht sehr direkt und massiv Druck auf diesem Weg ausgübt würde, halte ich für blauäugig. In der Schweiz wirkt sich der Druck wegen des begrenzten Marktes noch sehr viel stärker aus als anderswo. Der vorauseilende Gehorsam von Schweizer Journalisten ist unglaublich (ich bin keiner, habe aber sehr viel und direkt mit Medien zu tun, drum weiss ich es). Vielleicht hast du, was Springer betrifft, recht. Ich setze grosse Hoffnungen auf das Split-Projekt des "Spiegel". Auch wenn er deutsch ist und die Schweizer mit allem Deutschen Mühe haben: Der "Spiegel" macht einfach unendlich viel besseren Journalismus als alles andere, was es hier gibt. Das könnte den immer flauer werdenden Schweizer Journalismus endlich wieder auf Trab bringen. Der Einheitsbrei, den du zu Recht fürchtest, ist doch heute schon da. Bei grösseren Themen liest du kaum noch abweichende Meinungen und Informationen, die Weltwoche vielleicht abgesehen, aber wir reden hier ja von ernst zu nehmenden Medien und nicht von Ideologenblättern. Die Nabelfixierung auf die deutschsprachige Schweiz wird ausserdem immer extremer und kurliger. Das Fernsehen ist im Info-Bereich an Provinzialität manchmal kaum noch zu unterbieten. Herrgottnonemol, warum regt sich über solche Dinge kaum jemand auf! Warum gibt es keinen brauchbaren Medienblog (sorry, der hier ist ja ganz gut, aber zu wenig genutzt) wo sich Journalisten ihrem Aerger Luft machen und über ihre Erfahrungen berichten. Sind das alles ängstliche Weicheier oder was (nochmal sorry, aber diesmal nur an die Damen)? Und warum ist Anna die Einzige, die sich traut? Sind ihre Kollegen alle vor Schreck umgefallen? Ich meine, es ist doch ein Vorgang, wenn man von einem Tag auf den andern der grössten Schweizer Wirtschaftszeitung ohne überzeugende Begründung einfach den Stecker rauszieht. Ein letztes, Peter: Warum schreibst du Korruption in Anführungszeichen? Es ist doch Korruption.

  • Peter Sennhauser

    10.06.07 (19:20:37)

    Jean-Claude: Je kleiner der Markt, desto grösser der vorauseilende Gehorsam. Und je kleiner die Journalistenszene, desto grösser die Furcht, das Maul aufzumachen. Die "Schweizer Medienszene" ist extrem klein, und wer hier einmal den Ruf hat, unbequem zu sein (und meiner Meinung nach sollten Journalisten genau das sein), ist schnell weg vom Fenster - und mit "unbequem" meine ich sowohl journalistisch wie redaktionsintern. Die Journis machen sich darüber in der "Helvti" und im "Central" Luft, wo sie ausser ihren Freunden niemand hört, und wenn ihr Chefredaktor ankündigt, dass ab sofort Inserate mitten in die Texte gepflanzt werden, weil das Überleben der Zeitung davon abhänge, dann murren sie ein bisschen, denken an ihr Häuschen in Seebach und halten die Klappe. Denn bei der nächsten Sparübung könnten sie durch nachstossende Youngsters ersetzt werden, die zwar keine Erfahrung und keine journalistische Ausbildung mitbringen, aber "hungrig" sind, halb so viel kosten und auch noch Web-Videos zusammenbasteln. Die Alternative zum Eingespartwerden ist, Redaktionsleiter oder Chefredaktor einer solchen Truppe zu werden. Die Schweiz ist ein journalistisches Biotop. Zeig mir ein deutsches Blatt, das mit einer Auflage von massiv unter 100'000 annähernd die Insertionspreise verlangen, die Gehälter bezahlen oder das Prestige eines Schweizer "CASH" vorweisen kann. Wenn die deutschen Medien-Reedereien im reichen Biotop Modellboote segeln lassen wollten, wäre mir das wurscht. Und wenn der "Spiegel" eine Schweizer Ausgabe mit einer Redaktion von gleicher Grösse wie "Facts" und damit journalistische Konkurrenz aufbaut, soll mir das recht sein - ich fürchte nur, er wird vier Leute in ein Büro in Zürich setzen und zwei ins Bundeshaus und mit ein paar zugekauften Top-Geschichten auf zehn Seiten die Deutsche Spiegel-Ausgabe so lange "helvetisieren", bis Tamedia "Facts" den Stecker rauszieht. Die Schweizer Redaktoren spielen "Reise nach Rom", und wer in Medienblogs oder gar im eigenen Verlag rummosert, riskiert den Moment zu verpassen, in dem die Musik stoppt. Das können sich eine Hand voll "namhafter" alter Journis leisten, die schon jede Redaktion von innen gesehen und ihre finanziellen Schäfchen im Trockenen haben (guck Dir mal die Koryphäen an) - und ein paar Annas, die wahrscheinlich jung genug sind, um sich notfalls in eine andere Branche zu retten und ein Jahr Arbeitslosigkeit problemlos überstehen. Der Rest fürchtet um seine Existenz, und ich kann ihn gut verstehen. Die "Angliederung" eines Süsswasserbiotops an einen Ozean wird die verblassten Goldfische und die welkenden Wasserlilien nicht bunter machen. In der Schweiz heisst "Korruption" Konkordanz, sie ist systemimmanent und ihr haftet wenig Negatives an. Es ist eine dieser kulturellen Eigenheiten, die den "Sonderfall" ausmachen, über die man trefflich streiten kann und die man ständig im Auge behalten müsste; die aber auch von Leuten aus einer andern Kultur ganz einfach nicht verstanden werden. Wenn WalMart in Deutschland scheitert, weil der Konzern die deutsche Einkaufskultur nicht kapiert hat, ist das nicht weiter schlimm. Bis ein Deutscher Medienkonzern merkt, dass er die Schweizer Kultur nicht kapiert hat, ist von der lokalen Medienszene nicht mehr viel übrig.

  • Jean-Claude

    11.06.07 (07:51:32)

    Aber hallo, Peter Aus dir spricht ja richtig der Zorn. Das ist gut so. Man kann sich nicht einfach mit allem abfinden. Vor den Deutschen, glaube ich aber, hast du zu viel Angst. Ringier ist ja auch im Ausland aktiv, Springer, Burda etc. ebenfalls, und die kommen da ganz gut zurecht. Ringier in Rumänien zeigt z.B., dass die dort viel unabhängiger agieren können, als das rumänischen Verlagen möglich ist - weil sie ihr Hauptgeschäft im Ausland machen und von daher viel weniger auf inländische Pressionen anfällig sind. In der Schweiz ist es bei Ringier genau umgekehrt. Was du über die sonstigen "schweizerischen Verhältnisse " schreibst, halte ich - es ist nicht bös gemeint - weitgehend für Romantik. Ich habe den Bergier-Bericht gelesen. Dabei habe ich jede Illusion darüber verloren, wie "ideal" die Schweiz in ihrem verborgenen Innern wirklich funktioniert. Aber das ist eigentlich nicht das Thema hier. Was du über den herrschenden Journalismus hierzulande schreibst, stimmt, vertammisiech!

  • Peter Sennhauser

    11.06.07 (08:14:22)

    Es ist ein riesengrosser Unterschied, ob ein Verlag aus einem qualitätsverliebten Hochpreisland im darniederliegenden Rumänien investiert, oder ob die Grossverlage aus einem Discount-Land beim reichen kleinen Nachbarn mit dem ach so erstaunlichen Markt ihren Anteil abzuholen versuchen. Ich lebe seit drei Jahren in den USA, und ich weiss inzwischen, weshalb ich in der Schweiz nie besonders Probleme mit den relativ hohen Preisen hatte: Lausige Produkte schaffens schon gar nicht in den Markt, und der Kundendienst ist vergleichsweise hervorragend. Hier drüben ist alles auf den ersten Blick wunderbar billig. Scheissteuer wird es, sobald Du den ersten Anruf an die Hotline machen musst und (wenn Du Glück hast nur) drei Stunden Deiner Arbeitszeit drauf gehen. Übersetzt auf Honorare in der deutschen Medienszene: Ich habe die Wahl, meinen Aufwand den Beträgen anzupassen und ganz einfach miese Arbeit abzuliefern oder, indem ich die Ansätze akzeptiere und meinen Qualitätsansprüchen dennoch gerecht werde, meinen eigenen Beruf kaputt zu machen. Wenn Du ein konkretes Beispiel brauchst, lies dieses Posting von Ronnie, respektive Anzjes Aussagen zu "ungeschriebenen Gesetzen" und der Praxis bei Springer, intern alles weiterzuverwursten. Ich könnte noch ein par andere Geschichten erzählen, aber - um auf meinen letzten Kommentar zurückzukommen - ich muss aufpassen und aufs Maul sitzen wie alle andern. Ich bin nämlich im Gegensatz zu Dir und Anna hier keineswegs anonym.

  • Jean-Claude

    11.06.07 (09:12:06)

    Peter, dein Posting ist sehr hilreich. So kommen die Dinge an den Tag. Noch ein Nachtrag zur CH-Medienszene. Ich lese gerade das neue "Media-Trend-Journal" (Fachblatt der Werber). Ein Christian Rufner von MediaLogics gerät darin über das neu gestylte "Magazin" des "Sontagsblicks" fast aus dem Häuschen: ...es fällt sofort positiv auf MIT FLIESSENDEN UEBERGAENGEN ZWISCHEN INSERATEN UND REDAKTIONELLEM TEIL ... Muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Der Leser merkt den Unterschied schon gar nicht mehr ziwschen bezahltem und redaktionellem Teil. Bei der "Schweizer Illustrierten" wird das schon lange so gehandhabt. Jetzt also auch bei der grössten Wochenzeitung der Schweiz. Soll man so eine Zeitung noch ernst nehmen? So dreist und völlig selbstverständlich habe ich das noch nirgendwo gelesen. Es scheint völlig normal zu sein: Den Schweizer Journalisten scheint ihre schleichende Verzwergung total egal zu sein. Noch etwas entnehme ich dem Medi-Trend-Journal: In der ersten Nummer des Vorgänger-Magazins "Sie und Er" war eine grosse Anzeige des teuersten Mercedes-Modells "Maybach" drin; es kostet mehrere hunderttausend Franken. Der Sobli-Verlag offerierte diese Anzeige Mercedes gratis, weil man damit glaubte eine neue Leserschicht zu erschliessen. Als ob es unter den Sobli-Leser auch nur einen einzigen potentiellen Maybach-Fahrer gäbe! So etwas Hirnrissiges würde nicht mal einem Redaktions-Volontär im ersten Lehrjahr einfallen. Und solche Leute schliessen dann, wenns schief gelaufen ist, einfach komplette Zeitungen. Peter, bleib du besser vorerst in den USA. Hier wirds immer grausliger.

  • Anna

    11.06.07 (14:53:46)

    àhm, Leute, so stimmt das aber nicht: Die guten Schweizer Journalisten (und davon gibt es doch einige) sind nicht korrupt und der deutsche Journalistmus ist inhaltlich nicht besser als unserer. Sprachlich sieht das sicher anders aus, aber darum geht es hier nicht. CASH-Artikel hatten immer wieder Inserateboykotte zur Folge - unser Chefredaktor hielt aber stets zu uns und wir passten unsere Berichterstattung nicht an. Natürlich freut sich kein Verleger darüber, wenn ein grosser Inserent nicht mehr will - und sicher gibt dann es Gespräche mit dem Journalisten. Die nationalen Blätter sind aber meiner Meinung nach nur ganz selten erpressbar - ich sage nicht nie, das weiss ich einfach nicht. (Vielleicht bin ich tatsächlich noch zu jung, dass ich einige Beispiele nicht kenne, aber das heisst nicht, dass meine Erfahrung zu dem Thema deshalb nicht auch aussagekräftig ist.) Zudem: Der Grundsatz ist doch der, dass wir in der Schweiz derart viele Zeitungen haben, die Primeurs und Geschichten zu denselben Themen wollen, dass es gar nicht möglich ist, anders als so gut und so korrekt wie möglich zu recherchieren. Und das dann auch zu schreiben. Sonst tut das nämlich jemand anders. Und das garantiert eine schlussendlich hohe Qualität, die sich der Wahrheit annähert (die Ganze kriegt man nie heraus). Natürlich gibt es Interessenskonflikte, keine Frage - schliesslich sind wir Menschen, mit eigenen Nöten und Ängsten. Aber ich bin weiterhin der Meinung, dass der Journalistmus in der Schweiz ein ausgesprochen kritischer ist. Ach ja: Am Freitag stellt sich Herr Ringier der Diskussion - wahrscheinlich hat ihm sein Imageberater gesagt, dass das gar nicht gut angekommen ist, dass er zum Thema CASH plötzlich vom Erdboden verschwunden war.

  • 11.06.07 (14:57:27)

    @anna: liebe anna, melde dich doch mal beim personal. wir suchen beim heute noch ein paar flotte leute - und wenn sie blogaffin sind umso besser!

  • Jean-Claude

    11.06.07 (15:26:34)

    aehm, Anna ... ich habe nicht gesagt, dass CASH dem Druck nachgegeben hat, aber ich habe die begründete Vermutung geäussert, dass es diesen Druck wohl massiv gegeben habe. Ich habe hingegen auf das Sonntagsblick-Magazin hingewiesen. Dort (wie zuvor und bis heute bei der SI) verschwimmen bewusst die Grenzen zwischen bezahltem und redaktionellem Text. Für den Leser ist das nicht mehr auseinanderzuhalten. Das ist neu und so gewollt. Und es scheint niemanden zu stören. Die neuste Ausgabe des Media-Trend-Journals (also die Seite der Werber) bestätigt diese Vermischung ausdrücklich, wundert sich ein wenig und freut sich natürlich über so viel anbiederndes Entgegenkommen. Was die Unabhängigkeit des Wirtschaftsjournalimus betrifft: Der Fall Swissair ist dafür das klassische Studienobjekt. Wär ein dankbarer Stoff für eine Dissertation. Die Medien haben bei diesem klassischen Fall weiss Gott keine grandiose Figur gemacht. Keine Schweizer Firma wurde jahrelang höher hinauf gejubelt (vielleicht hatte das mit den vielen, vielen Gratis- und Halbtarifflügen für Journalisten zu tun?). Herr Bruggisser war noch ein Jahr vor dem Absturz "Manager des Jahres", gekürt und beweihräuchert von den Zürcher Wirtschaftsjournalisten usw. Sorry Anna, hinter den Kulissen siehts wirklich etwas anders aus.

  • Ronnie Grob

    12.06.07 (05:29:47)

    Den von Jean-Claude angesprochenen Text aus dem Media Trend Journal kann man übrigens hier nachlesen.

  • Anna

    13.06.07 (07:21:39)

    aehm aehm Jean-Claude :-) Nur kurz zu Deinen Ausführungen "Was die Unabhängigkeit des Wirtschaftsjournalimus betrifft" und "hinter den Kulissen siehts wirklich etwas anders aus": Dieter Behring, Swissfirst, ZKB-Sulzer um nur drei Fälle zu nennen. Es gibt davon eine ganze Menge.

  • Jean-Claude

    13.06.07 (07:51:19)

    Anna, natürlich gibt es guten Journalismus und gute, eigenständige und unabhängige Journalisten in der Schweiz, das ist doch keine Frage. Aber so viele sind es nicht. Und wenn du die Fälle Behring und Swssfirst genau anguckst, siehst du, dass beide von Interessengruppen in die Oeffentlichkeit gespielt wurden. Die Journalisten waren die Transporteure, nicht die eigenständig recherchierenden Aufklärer. Im Fall Behring war das unproblematisch und sogar heilsam. Im Fall Swissfirst hingegen konnte man entsprechend den jeweiligen Texten ohne Mühe verfolgen, welcher Journalist von welcher Interessengruppe gerade wieder gefüttert worden war. Je kleiner die Welt, umso heikler ist dieses Geschäft.

  • Anna

    13.06.07 (13:58:10)

    Ich weiss auch, dass Neef, Wigdorovits und Co. eine erhebliche Fütterung vorgenommen haben. Dennoch: einige Journalisten verliessen sich nicht einfach auf diese Ausagen (ein paar schon), sondern recherchierten weiter. Das führte dazu, dass über die genannten Fälle heute ein neutrales Urteil gefällt werden kann, das der Wahrheit so nahe als möglich kommt. Und das ist gut so. Wir sind uns aber doch nicht so uneins, wie ich dachte. Ich glaube auch, dass es nicht so viele gute unabhängige Journalisten gibt. Es gibt zudem eine wachsende Masse an solchen, die sich nur noch auf derartige Häppchen von Beratern und Co. verlassen - was natürlich eine Katastrophe ist.

  • Jean-Claude

    14.06.07 (09:28:49)

    Einverstanden. Du bist offenbar noch jung, Anna und scheints drive zu haben. Erklär mir aber doch mal, warum gerade unter jüngeren Journalisten eine derartige bequeme Lethargie herrscht. Ein Chefredaktor aus Zürich erzählte mir kürzlich, er hätte Mühe,insbesondere seine jüngeren Leute überhaupt aus der Redaktion hinauszukriegen. Zürich verlasse ohnehin kaum jemand. Was ist denn da los? Alles schwätzt von Globalisierng und von den Auswirkungen, die es bei uns hat, wenn in China ein Velo umfällt, um s mal zu überspitzen. Und die Journalisten bleiben am liebsten in ihren warmen Sesseln! Eine Bekannte erzählte mir, sie sei bei einem Besuch in der Lokalreaktion vom Tageanzeiger entsetzt gewesen, wie viele junge Redaktoren sie da bequem in ihren Gesundheitszoggoli herumschlendernd angetroffen habe. So , als wohnten sie in der Redaktion. Mehr eine Verwaltung als eine Redaktion, wo es doch bibbern sollte. Wahrscheinlich ist das so, weil man ihnen einredet, die Welt finde nur noch on line statt. Für Instant-Journalismus gebe ich als Leser doch kein Geld aus! Merken dass denn die Verleger nicht? Halten die die Leser für blöd?

  • Anna

    15.06.07 (09:29:48)

    Jean-Claude, mir schaudert es bei Deinen Ausführungen. Ja, ich bin sicher noch jung, aber extrem motiviert und auch schon einige Jahre dabei. Ich führe den ganzen Tag Gespräche, persönlich und am Telefon. Rede mit Informanten, treffe die natürlich auch am Wochenende und spätabends, lese Geschäftsberichte, etcetcetc. halt das ganze Programm - schliesslich habe ich ja nur meinen Namen als Zeugnis. Meine Artikel müssen gut sein. Zufrieden bin ich fast nie damit. Aber so sollte es sein. Es gibt tatsächlich nicht so viele hungrige Journalisten, wie es geben sollte. Aber hey, das ist ein Wohlstandsland, man lebt hier auch gut ohne Hunger:-) Die das aber nicht haben, die sich nicht einsetzen, die sich keine Mühe geben - das sind keine richtigen Journalisten, das sind faule Sächek und man kann die alle vergessen. Ich bin überzeugt, dass es der Leser merkt, wer da schreibt - ein Hungriger oder halt einer, der auf die Pensionierung oder den Grillabend ab 17 Uhr wartet. Aber es gibt auch die anderen, die dranbleiben, die denken, die eine eigene Meinung haben - dass sind die, die mich interessieren. Mit denen will ich arbeiten, "gegen" die will ich im Wettbewerb sein. Die anderen - die interessieren mich nicht.

  • Peter Sennhauser

    15.06.07 (09:54:14)

    Bitte, bitte, nicht dieses Wort: "hungrig". Das ist sowas von abgenützt für die Suche nach jungen, karrieresüchtigen "Journalisten", die über Leichen gehn für eine "geile" Story. Die Wittwenschüttler und Leichenfledderer, die noch eine Sekunde schneller waren als ihre Rudelgenossen, noch etwas rücksichtloser - und am Ende noch ein bisschen mehr "Gas geben" als der Wahrheit gut tut. Mit denen willst Du Dich messen? Ich nicht. Mit denen will ich möglichst nichts zu tun haben, und ich bin deswegen weder ein fauler Sack noch unfähig, wage ich zu behaupten. Und ich bitte sehr darum, die Aussage nochmals zu überdenken, dass nur in einem Land mit mickrigen Löhnen, die buchstäblich "hungrig" machen, guter Jounalismus möglich ist. Ich bin mir noch nicht mal sicher, ob Michael Ringier und Thomas Trueb diese Meinung teilen, obwohl sie grad genau daran arbeiten.

  • Anna

    15.06.07 (14:00:43)

    Lieber Peter Ich weiss jetzt nicht, ob Du mich mit Absicht falsch verstehen willt? Ich spreche von Wirtschaftsjournalisten, die länger als eine "heisse" Story lang aktiv bleiben wollen. Um langfristig dabei zu sein und akzeptiert zu weden, muss man hungrig sein - ich finde diesen Ausdruck nicht abgenutzt. Im Gegenteil: Hungrig heisst für mich Leidenschaft für den Job zu haben, Geschichten sauber zu recherchieren, und sich nicht mit dem ersten Eindruck zufrieden geben und dennoch so objektiv als möglich zu bleiben. Ich finde die Aussage, das Wort hungrig sei abgenutzt .. nun ja.. eher zynisch. Es geht meiner Meinung nach genau darum beim Wirtschaftsjournalismus (bei allen anderen auch, aber ich bin halt Wirtschaftsjournalist). Vielleicht würdest Du einfach das Wort Leidenschaft vorziehen und wir verstehen etwas anderes unter Hunger? Zudem hat das alles gar nichts mit dem Alter zu tun - egal, ob ein jüngerer oder ein erfahrenerer Journalist: Es ist bei allen das Gleiche. Auch sage ich nicht, dass guter Journalismus nur möglich ist bei mickrigen Löhnen - Du willst mich wirklich falsch verstehen, habe ich das Gefühl - sondern, dass es einfacher ist, bei den guten Löhnen, die wir hier haben, nicht immer volle Leistung zu bringen. Ich habe immer gesagt in diesem Blog, dass ich finde, in der Schweiz gibt es guten Journalismus.

  • Rober Holzwart

    15.06.07 (14:18:43)

    Sorry, aber ich verstehe schon die Grundproblematik der Diskussion nicht. Wieso mosern Wirtschaftsjournalisten herum, wenn ein Blatt nach 19 Jahren mit roten Zahlen eingestellt wird. Ein Recherchethema wäre, wieso ist das nicht 9 Jahre früher geschehen. Das mit dem Inserateboykott ist Blödsinn, Swatch hat einmal (1) ein Inserat zurückgezogen. Vasella ab und zu gedroht. Wenn diese Anna so gut ist, wieso hat sie so wenig geschrieben. Wenn man an der Pressekonferen mit dem CEO und einem Analysten spricht, ist das nicht Recherche, sondern Weitergabe von PR-Material. Fazit: Cash tot - nichts fehlt.

  • Peter Sennhauser

    15.06.07 (19:45:44)

    Liebe Anna Ich verstehe Dich sehr gut. Was den Gebrauch des Wortes "hungrig" angeht: Zynisch ist nicht die Aussage, es sei abgenutzt, sondern eben genau die Art seines Gebrauchs. Mit dem Alter hat diese Erkenntnis wenig zu tun, wohl aber mit Erfahrung. Wenn Dich jemand im Anstellungsgespräch fragt, ob du "hungrig" bist, meint er in den seltensten Fällen "leidenschaftlich" oder gar "kritisch", sondern: Bereit, um jeden Preis zu liefern, was verlangt wird. Redaktionsvorgesetzte sind dem Paradox ausgesetzt, dass sie sich im Interesse des Produkts jenen Typ von Mitarbeiter ins Haus holen müssten, um den jeder andere Chef einen grossen Bogen machen würde: Die unabhängigen, selbständigen und damit extrem unbequemen Leute. Das können sich nur starke Chefs leisten, die selber unabhängig und leidenschaftlich sind - und nicht neben den journalistischen auch noch die verlegerischen Interessen berücksichtigen müssen. Mit wachsendem wirtschaftlichem Druck werden sie keine kritischen Geister mehr suchen, sondern im Austausch gegen klingende Namen allenfalls noch in Kauf nehmen. Denn im Gegensatz zur Leidenschaft lässt sich Hunger ganz leicht kontrollieren.

  • Jean-Claude

    16.06.07 (14:46:55)

    Robert, wenn ich die Zahlen richtig verstanden habe, schaffte CASH zuletzt eine fast doppelt so hohe Verkaufsauflage wie die Bilanz und erreichte mehr Leser als die beiden unmittelbaren Konkurrenten Finanz & Wirtschaft und Handelszeitung zusammen. Und das reichte für den Exitus? In einer konjunkturellen Boomphase? Da stimmt doch etwas nicht. Offensichtlich kam CASH bei den Lesern gut an, mit steigender Tendenz, wie bei Ringier selber argumentiert wird. Die Zahlen belegen das tatsächlich. Warum kam CASH nicht in ausreichendem Mass bei den Anzeigenkunden an? Ich denke, du bist da etwas blauäugig, was den gezielten Inseratenentzug betrifft (Keine Angst: ich weiss, wovon ich rede). Aber du hast insofern recht: Man erwartet von der Konkurrenz mehr Recherche. Was steckt da wirklich dahinter? Als Leser möchte ich sowas erfahren

  • Anna

    18.06.07 (11:41:51)

    Lieber Peter Danke für Deine Worte. Ich kann dem Gesagten von Dir voll und ganz zustimmen. Wir haben uns missverstanden weiter oben. Zum Thema CASH: Michael Ringier war ja letzten Freitag in der Redaktion. Es war kein schöner Auftritt. Zuerst erzählte er lang und breit, wie schwer ihm der Entscheid gefallen sei, CASH einzustellen. Das sei eine Superzeitung, er hätte sie immer wahnsinnig gern gelesen, emotional verbinde ihn sehr viel mit dem Blatt, zudem "Als CASH 1989 kam, war das ein Jungbrunnen für Ringier". Seit fünf Jahren allerdings stecke CASH in den roten Zahlen, vor drei Jahren sei das Thema beim VR von Ringier auf den Tisch gekommen. Damals hätte er verhindert, dass CASH geschlossen werde. Die grosse Restruktierung, die nun folgte (Die Köpfe rollten..), hatte zwar zur Folge, dass CASH inhaltlich noch besser wurde, inseratemässig habe es leider nicht abgehoben. Diesen Januar sei das Thema erneut aufs Tapet beim VR gekommen, dem zeitlich befristeten Angebot von Axel Springer habe man dann nicht widerstehen können. Auf Fragen der Redaktoren, warum nicht statt immer wieder und weiter abzubauen auch mal in CASH investiert worden sei, meinte Herr Ringier - der vorher lang und breit darüber philosophiert hatte, dass man investieren müssen (so wie bei Cicero oder jetzt bei Sie + Er), wenn man an etwas glaube - "investieren? Das hätte CASH sicher nicht besser gemacht". Angefragt darauf, dass nur 3 Leute aus dem Verlag betroffen seien von der Kündigung - ergo sum nur 3 Leute überhaupt CASH-Inserate verkauften - und ob man da nicht hätte mehr machen können, meinte er, darauf könne er nichts sagen, sicher seien Fehler gemacht worden, aber als VR-Präsident möchte er nicht in die Details gehen (das sagte er sehr oft bei Fragen). Zu CASH-Daily meinte er, dass Springer gar nicht an CASH-Daily glaube. Sicher habe man viel zu optimistisch budgetiert. 2008 würden dann die Zahlen publiziert und bis dann würden auch die Inserate anziehen - er meinte (sehr überrascht), die Werber hätten am Anfang euphorisch reagiert, aber es daure wohl länger, bis man das dem Blatt anmerke. Nun ja, er sagte noch viel mehr. Will die Leser hier aber nicht langweilen. Ich persönlich drücke CASH daily die Daumen - ich finde, sie machen einen guten Job. Ich hoffe einfach, dass Ringier eine längere Durststrecke (und nach der sieht es derzeit aus) durchhält. Thomas Trüb meinte letzten Herbst in Persönlich, dass CASH weekly auch in 1,5 Jahren noch existiere, da es eine sehr gute Zeitung sei, ihren Job gut mache und noch viele Ideen vorhanden seien - ähnliches meint er heute zum daily.

  • Rober Holzwart

    18.06.07 (11:56:46)

    Jean Claude, es ist ein offenes Geheimnis, das Cash die Leserzahlen mit vielen, vielen, vielen Gratisabos augemöbelt hat. Das darf jeder machen nur muss man sich nicht wundern, wenn die Inseratekunden riesige Rabatte einfordern. Und nochmals, wenn eine Zeitung im zyklischen Hoch noch keien schwarze Zahlen schreibt, wann dann? Wie lange soll man das Blatt weiterführen, bis zur nächsten Rezession - wegen den guten Argumenten gegenüber den eigenen Mitarbeitern?

  • Jean-Claude

    18.06.07 (12:20:06)

    Robert, du hast schon Recht mit den Abos. Aber solche Tricksereien machen doch alle. Das gleicht sich sozusagen wieder aus. Ich kenne die Kostenrechnung von CASH nicht. Die kennen im Haus Ringier sicher nur ganz, ganz wenige. Und nur ganz, ganz wenige wissen, wie die horrenden On line-Kosten genau verrechnet werden. Erfahungsgemäss ist da eine Trennung der Kosten sehr schwierig. Und on line bringt ja kein Geld. Das kostet auf Jahre und Jahre nur, bis mal - vielleicht- richtig verdient werden kann. Aber das ist ja nicht unser Bier. Erstaunlich bleibt, dass 46 000 Abos an Springer verkauft werden konnten, zu einem offenbar sehr guten Preis. Für heisse Luft würden die nicht zahlen. Michael Ringier sagte ja offenbar vor der Redaktion (Anna hält uns da dankenswerter Weise auf dem Laufenden), man habe dem Angebot von Springer einfach nicht widerstehen können. Dass nur drei Leute für einen solchen Titel Anzeigen verkauften, hat mich überrascht (als Verleger hätte ich da vorher mal energisch nachgehakt), umsomehr wenn man weiss, dass der Titel Absatzprobleme im Anzeigenbereich hat. Für mich bleibt die Sache rätselhaft, um nicht zu sagen mysteriös.

  • ???????

    18.06.07 (12:38:00)

    Abonniert überhaupt noch jemand Zeitungen und Zeitschriften zum vollen Preis?

  • Jean-Claude

    18.06.07 (12:55:50)

    Wenn jetzt dann bald die fünfte Gratis-Tageszeitung und die erste Gratis-Sonntagszeitung kommt, sicher nicht. Wozu auch? Da garniert lieber der "Spiegel" mit ernst zu nehmendem Journalismus (und nicht allzu grosser verlegerischer Anstrengung!) ab, was die Herren Gratisverleger haben liegen lassen. Mir ist kein einziges Land bekannt, wo sich die traditionellen Verleger dermassen freudig selbst ins Knie geschossen haben mit ihrem Gratisramsch - bez.-rausch. In Deutschland oder Italien ist die Konkurrenz unter den Medien auch beinhart, aber dort versuchen die Verleger, für gute Informationen noch immer gutes Geld zu bekommen. Die Gratis-Welle haben sie jedenfalls weitgehend eindämmen können, weil sie trotz der scharfen Konkurrenzlage ihre eigenen gegenseitigen Interessen erkannt und entsprechend gehandelt haben - letzlich auch zum Vorteil des Lesers. Die Schweizer Verleger haben noch nicht begriffen, in welche totale Abhängigkeit von einigen wenigen Media-Planern sie sich begeben haben. Aus dieser selbst produzierten Spirale kommen sie nicht mehr heraus.

  • ???????

    18.06.07 (13:35:16)

    Ach, der SPIEGEL, er zerrt genauso von der Vergangenheit wie die NZZ. Online ist der SPIEGEL natürlich wesentlich erfolgreicher als die NZZ, aber journalistisch sollte man sich den Schreibstil und Thesenjournalismus des SPIEGEL nicht zum Vorbild nehmen...

  • Jean-Claude

    18.06.07 (13:54:47)

    Ich mein den "Spiegel" als Beispiel, weil man ihm hier einfach offenes Feld überlässt. Immerhin kann er seine Auflage seit Jahren sehr gut halten und verdient klotzig. Und Spiegel on line ist deswegen ein Erfolg, weil dort publizistischer Ehrgeiz - und damit enstprechende Investitionen - dahinter stehen. Nicht toys for boys, wie manche Verleger es hier praktizieren. Uberigens steigert sogar die "Zeit" (dieses antiquierte Bettlaken!) die ohnehin schon hohe Auflage kontinuierlich und kommt jetzt sogar wieder mit einem flotten Vierfarbenmagazin daher. Wo doch niemand mehr lesen will und gedrucktes Papier total out ist! Und bei der NZZ würde ich mal ins wöchentliche "Folio" reingucken. Eine Inseratenplantage, aber vor allem : prima Journalismus - und erst noch originell. Offenbar gibts ziemlich viele Leute, die für Qualität Geld auszugeben bereit sind und die länger als 30 Sekunden bei einem Text verweilen. Qualität zu produzieren ist halt aufwändig. Und man muss die Leute dazu haben.

  • Cyril

    18.06.07 (19:09:05)

    1. der spiegel hat seine kioskverkaufsauflage in den letzten 5 jahren halbiert - wie die konkurrenz von stern und focus auch. er konnte seine gesamtauflage nur deswegen halten, weil er massiv - viel stärker als die schweizer verlage - in billig-abos investiert. lies mal "den stern für 68 cent". (http://www.zeitschriftenblog.de/?cat=10 2. die auflage der zeit steigt, weil sie gimmicks beilegt. alle paar monate immer mal wieder eine serie dvds etc. das hebt den jahresschnitt enorm. 3. das folio erscheint monatlich, nicht wöchentlich. wenn du es so toll findest, solltest du das wissen. und es kostet als beilage vor allem kein geld - das zu deinem argument, dass die leser bereit seien, für qualität geld auszugeben. das gilt zwar für einige. aber immer für weniger.

  • Jean-Claude

    19.06.07 (08:11:32)

    Cyril, zu 1) Mag ja sein. Das Resultat zählt. "Frankfurter Allgemeine", 16.06.07 über den "Spiegel" als Unternehmen:"So gewinnträchtig ist wohl kein anderes deutsches Privatunternehmen, das Nachrichten und Dokumentationen produziert." Uebrigens schüttete der Spiegel letztes Jahr über 6 Mio. Fr. Gewinnbeteiligung an die Mitarbeiter aus, macht im Schnitt über 6000 Fr. zusätzlich pro Nase. Vielleicht fällt sowas ja auch einmal einem unserer Verleger ein - als Motivationstraining fürs Personal. zu 2) Was spricht dagegen? Das Resultat zählt. zu 3) Hast mich erwischt: natürlich escheint folio monatlich - und ist ein Erfolg, obwohl man es nicht separat kaufen kann. Ist eine Inseratenplantage. Warum? Weil es auf entsprechendes Leserinteresse stösst und eine Nische geschickt abdeckt. Mit publizistischem Aufwand. Nicht mit toys for boys wie z.B. bei Ringier. Es führt kein Weg dran vorbei: Mit ihrem Gratistrip begeben sich die Schweizer Grossverleger in totale Abhängigkeit einer Handvoll Mediaplanern (das sind die, die für grosse Inseratenkunden die Inserate nach undurchschaubaren Kriterien platzieren). Demnächst werden sie Facts den Hahn abdrehen. Passt - angeblich - nicht in die Landschaft, obwohl es gut gemacht ist, mit Anspruch, einen interessanten Lesermarkt erschliesst und wieder an Reichweite zulegt. Wäre ich Verleger, ich würde die wichtigsten Mediaplaner bestechen, zum Beispiel mit einer Jacht im Mittelmeer, damit es nicht so auffällt. Wäre eine einmalige Investition und würde sich auf Dauer rechnen. Garantiert.

  • Rober Holzwart

    19.06.07 (13:56:49)

    Schon wieder kann ich nicht trauern. Ich würde es begrüssen, wenn Facts der Hahn abgedreht würde. Natürlich nicht wegen den Mitarbeiter - aber das viele Geld könnte besser eingesetzt werden. Habe ich richtig gelesen "gut gemacht" -aber was den? Das Blatt hat den Anspruch ein Nachrichtenmagazin zu sein. Denn hat es nie erfüllt. Und nach x Neuausrichtungen, weiss auch der Kapitän nicht mehr wohin er steuert... und bringt auch die Sonntagszeitung in seichte Gewässer. Aber ich bin ein ewiger Nörgler... schreierische Thesen und vom New York Times Magazin ohne Quellenangabe zu übernehmen reicht nicht.

  • Cyril

    19.06.07 (14:05:43)

    zu 1) gewinnbeteiligungen gibt es in einigen schweizer medienunternehmen auch. durch die hohe gewinnausschüttung an die mitarbeiter, hat der spiegel aber lange auf fällige investitionen verzichten müssen. zudem bekommen nur die print-redaktoren die beteiligung, leute bei spiegel-tv oder spiegel online nicht. das sorgt zusehends für unruhe im haus. zu 2) eben, das resultat zählt. und das resultat tragen die mitarbeiter (lohn- und kostendruck). oder glaubst du, diese gimmicks sind für den verlag umsonst? zu 3)ich bin ja vollkommen bei dir, das folio ist ein erfolg; vor allem publizistisch. aber es ist durchaus fraglich, ob es allein am kiosk bestehen könnte. ich bezweifle das. das folio ist eine gratisbeilage und damit genau auf jenem gratistrip, den du so geisselst. das tagi-magi im übrigen auch. vielleicht braucht dieses land auch gar nicht viel mehr "qualitätspublikation". gibt ja auch noch die sonntagszeitungen.

  • Jean-Claude

    19.06.07 (14:39:07)

    Ich finde, da kommt ja allmählich eine richtig muntere Mediendebatte in Gang. So kennt man die Schweiz gar nicht. Hoffentlich meldet sich auch mal ein Media-Planer. Würde zugern wissen, wie die das sehen. Was die Gewinnbeteiligungen betrifft: in der Schweiz geschieht das ausschliesslich nach gusto du patron. Mal hat er Lust, mal nicht. Bei Spiegel Print gibt es ein festgeschriebenes Anrecht darauf. Das macht nicht nur einen graduellen Unterschied. Drum haben die dortigen Medienschaffenden auch mehr Stolz auf das, was sie tun. In der Schweiz werden Redaktionen häufig als blosse Unkostenfaktoren behandelt - und die Leute lassen es sich gefallen. Vielleicht stimmt das ja, was ihr sagt, und wir erleben z.Zt. gerade eine normale Marktbereinigung, weil es einfach zu viele Titel gibt. Aber wer entscheidet darüber, was vom Markt verschwindet? Eigentlich müssten das die Leser sein: entweder kaufen sie das Produkt, das sie mögen oder eben nicht. Der Anzeigenmarkt müsste logischerweise diesem Verhalten folgen. Das wäre Marktwirtschaft. Aber dieser Markt funktioniert nicht mehr. Das spielen andere Mechanismen. Wie die Lemminge rennen alle Inserenten zu "20 Minuten". Ich mags denen ja gönnen, aber es ist vollkommen irational. Als Inserent wäre mir doch klar, dass in diesem ganzen Gewusche meine Anzeige und damit meine teuer bezahlte Message untergeht. Zumal "20 Minuten" ja zu extrem schnellem Verbrauch bestimmt ist. Das betrifft auch die Anzeigen. Das ist eine völlig unlogische, marktferne Entwicklung, die meiner Meinung nach keinen Bestand haben wird.

  • Cyril

    19.06.07 (16:39:07)

    @rober was ist denn ein gutes nachrichtenmagazin? ist dir eigentlich klar, in welchem ausmass spiegel oder economist thesenjournalismus betreiben? und da du die sonntagszeitung nennst: wohl kein blatt in der schweiz schafft es, soviele meldungen ins blatt zu hieven, die sich schon am montag - also einen tag nach erscheinen - als luftblasen herausstellen. die machen wirklich knallharten thesenjournalismus. @jean-claude dass redaktionen nur als unkostenfaktor behandelt werden, ist wesentlich schlimmer in deutschland als in der schweiz. nur der spiegel ist - bedingt - eine ausnahme. augstein hat die mitarbeiterbeteilgigung eingeführt, um rebellische redaktoren ruhigzustellen; wohlgemerkt in den 70ern. er hat es danach immer bereut.

  • Jean-Claude

    19.06.07 (17:40:44)

    Cyril, was verstehst du unter Thesenjournalismus? Offenbar etwas furchtbar Unanständiges. Ich nicht. Der Journalist recherchiert und auf Grund seiner Recherche kommt er zu einer konkreten Schlussfolgerung, wenn du willst: zu einer These. Beispiel: der Täter ist unschuldig, schuldig oder es ist nicht beweisbar. Als Leser will ich durchaus eine klare Aussage haben. Was gilt nun? Für die klare Antwort hat der Journalist hoffentlich gut und genügend recherchiert. Dafür bezahle ich ihn sozusagen als Leser. Ich will kein Wischiwaschi. Ich will Antworten. Aber erst nach guten Recherchen. Die These darf nicht schon davor festgelegt werden. Die - treffende - Frage hast du gestellt: Was ist ein gutes Nachrichtenmagazin. Schlecht ist, wenn, wie Facts kürzlich, den Historiker Georg Kreis eine kritische Bilanz zu Blochers Leistungen ziehen lässt, was redet er und was setzt er wirklich usw. War ziemlich gut, ob man Blocher nun mag oder nicht. Von mir aus hätte er, wenn es gut belegt ist, auch zu einer völlig andern, für Blocher positiveren These kommen können. Aber in der nächsten Nummer - man ist ja ausgewogen - liess man Blochers Kettenhund Mörgeli genau das Gegenteil schreiben. Das ist feige, das ist schweizerisches Wischwaschi. Das ist nicht Nachrichtenmagazin-like. Man recherchiert und kommt zu einem Schluss: Und dazu steht man. Punkt. In Leserbriefen kann man ja dann diskutieren, ob einem die Story passt oder nicht, was man gut, was man schlecht fand. Die Redaktion muss in wichtigen Fragen aber schon einen Standpunkt haben. Es war bezeichnend, dass Facts Mörgeli und Kreis schreiben liess. Es selber zu machen, hatten sie nicht den Mut. Das ist Pfeifen-Journalismus, der wenig bringt. Kampf dem Wischiwaschi!

  • Anna

    20.06.07 (12:56:14)

    Genau! Kampf dem Wischiwaschi! Die Diskussion ist echt spannend.

  • Jean-Claude

    20.06.07 (15:02:22)

    Anna, ich hab mal wieder eine Frage an die Insiderin: Im Mediendienst persönlich.ch lese ich heute, dass bei Ringier still und leise eine ziemlich markante Veränderung stattgefunden hat: Thomas Trüb, uns bisher bekannt als der grosse Innovator, der den Schweizer, was sage ich : den Weltmedien! zeigt was on line wirklich heisst ("Weltpremiere", sagte er in einem Interview). Gleichzeitig aber wird sein bisheriger Zuständigkeitsbereich "Neue Medien" sowie "Wirtschaftsmedien" (welche werden in einem halben Jahr noch existieren?) zu je einer Unterabteilung eingedampft. "Neue Medien" werden irgendwie zusammen mit Ringier TV einem mir nicht bekannten Herrn Goertz unterstellt. Mit andern Worten: Man hat Herrn Trüb entmachtet. Er darf jetzt noch auf Konzernebene beratend "Neue Medien" irgendwie mitbetreuen, was immer das heissen mag. Wenn ich mich richtig erinnere, wollte er uns doch eine Weltpremiere mit Electronic Paper präsentieren, "in spätestens drei bis fünf Jahren". Das sieht doch verdammtnochmal sehr nach heisser Luft aus. Und bevor man ihn entmachtete, musste er noch schnell die Drecksarbeit der CASH-Liquidation erledigen, damit er jetzt offenbar als "Leiter Verlag Pacific" (wow!) in China und angegliederten Imperien neue Löcher auf Ringier-Kosten aufreissen darf. Bin ich blöd, oder ist das alles eine Cabaret-Nummer? Und die Schweizer Medien drucken dumpf wie die Lemminge einfach brav die Ringier-Communiques nach: "Ringier setzt auf digitale Zukunft". Wo denn? Womit denn? Mit wem denn? Keiner frägt nach. Uebrigens ist auch der bisherige Konzernfinanzchef von Ringier kurzfristig und still und heimlich entsorgt worden,darf aber gleichfalls im fernen China für Ringier irgendwas weitermischeln. Erfuhr man gelichfalls von den nie nachfragenden Mediendiensten. Da ist doch etwas oberfaul, wenn ein Konzernfinanzchef so schnell und still aus dem Rennen genommen wird und der CEO Martin Werfeli sich bisher kein einziges Mal dazu geäussert hat. Normalerweise werden bei so einer Verabschiedung die Dienste gewürdigt. Hier kein Wort. Die Hoffnung, dass irgendein Schweizer Journalist mal nachfragt, habe ich aufgegeben. Die sind wohl alle in der Badi. Das ist das, was ich meinte mit dem hierzulande herrschenden bequemen Gesundheitszoggoli-Wohlfühljournalismus. Bin ich denn der Einzige, dem es, dem es allmählich ablöscht? Ich bin ein Leser und fühle mich total vera....t.

  • mds

    20.06.07 (16:13:07)

    FACTS RIP!

  • mds

    20.06.07 (16:15:05)

    Etwas ausführlicher: http://www.tamedia.ch/medienlinks/11/11513.pdf.

  • Peter Hogenkamp

    20.06.07 (16:41:59)

    Danke, mds, eine halbe Stunde vor dem Klein Report.

  • Cyril

    20.06.07 (17:38:49)

    bleibt die weltwoche. svp hurra!!!

  • Jean-Claude

    20.06.07 (17:59:56)

    Tja, Robert, jetzt bist du am Zug. Zwei eher kritische, gelegentlich sogar unbequeme Magazine verschwinden am gleichen Tag. Schon nicht alltäglich. Meine Zweifel bleiben: Mit dem Lesermarkt allein lassen sich weder der Exitus von Facts noch der von Cash erklären. Die Leser sind ihnen ja nicht weggelaufen, in letzter Zeit sogar zugelaufen, nicht aber die Anzeigen. Warum? Für mich fehlt da die Logik. Ich erinnere einfach mal an das unübersehbar anbiedernde Verhalten des Sonntagsblick an die Wünsche der Mediaplaner in den letzten Wochen. Waren Cash und Facts zuwenig entgegenkommend?

  • Peter Sennhauser

    20.06.07 (18:12:14)

    Eine Bitte: Können wir diese Diskussion verlegen in die Kommentarspalte zum neuen Artikel betreffend Facts? Der Thread hier wird unübersichtlich lang, und neue Leserschaften finden ansonsten die Diskussion nicht an der erwarteten Stelle. Danke.

  • db

    20.06.07 (19:33:13)

    Lieber Jean-Claude Zu Cash und Facts empfehle ich dir folgenden Artikel: http://www.comedia.ch/57.html?&tx_ttnews%5Bpointer%5D=1&tx_ttnews%5Btt_news%5D=233&tx_ttnews%5BbackPid%5D=24&cHash=a2e7d1e145">

  • Peter Sennhauser

    20.06.07 (21:59:00)

    Ja, sehr interessant. Mir kommt vor allem der letzte Satz (ohne Quellenangabe - siehe meinen Kommentar weiter oben) sehr, sehr bekannt vor.

  • Peter Sennhauser

    20.06.07 (22:01:46)

    ...und wenn ich dann den Namen des Autors dieser (guten) Zusammenfassung auf der Comedia-Seite mit deinem Kürzel vergleiche, lieber DB, dann juckt es mich zu sagen: ein Link auf medienlese.com wäre nett gewesen...

  • db

    20.06.07 (22:35:49)

    Sorry, lieber Peter Sennhauser, bin nur ein "Freier" und nicht der Webmaster der Comedia-Seite. Ich wede die Verlinkung aber noch in die Wege leiten.

  • db

    21.06.07 (00:12:59)

    Lieber Peter Sennhauser. Nachdem die Kollegen von Cash per Einzelabrieb den blauen Brief erhalten hatten, konnte ich mit T.Trüb am Montagabend (11.6.) ein längeres Gespräch führen. Brisant ? und in diesem Zusammenhang auch exklusiv ? waren seine Aussagen zu den wöchentlich erscheindenen General-Interests (Wewo, Facts, Cash): no more future . Andere Medien- und vor allem Werbeprofis sehen das ganz ähnlich. Das Marktumfeld der Sontagspresse lockt zurzeit die grossen Inserenten aus der Konsumgüterindustrie ? zumindest vorläufig.... Aus dem inzwischen zum Tode verurteilten Duo dürfte also in Bälde ein Trio werden. Es sei denn, die gutbetuchten und politisch ambitionierten Köppel-Sponsoren machen genau das, was Ringier in den letzten Jahren mit "Cash" getan haben: weiter draufzahlen. Hinzu gesellt sich noch eine (publizistische) Geiz-ist-Geil-Welle ? In Form von Gratisblättern. Was das alles für den Journalismus zu bedeuten hat, müsste uns brennend interessieren.

  • Jean-Claude

    21.06.07 (05:10:03)

    Cash ist (sorry:war) kein General-interest-Titel , sondern eindeutig eine Wirtschaftszeitung. Um das festzustellen, braucht es keine Marktanalyse. Ein paar Mediaplaner haben nach ihren undurchsichtigen Kriterien einfach entschieden, es sei general interest. Die Leser sehen das völlig anders. Aber mit denen redet kein Mediaplaner. Das interessiert die offenbar nicht. Facts hingegen war da schon in einem schwierigeren Rank : es ist (sorry: war) ein General interest Titel. Aber was sind denn Sonntagszeitungen, bitteschön? Die These, die alle nachbeten (ich sag jetzt nicht nochmal: wie die Lemminge. Lemminge beten nicht) General Interest laufe nicht, halte ich für nicht belegt.

  • Jean-Claude

    23.06.07 (17:01:52)

    Das ist ja nun hartes Holz, was du da lieferst, Peter. Danke. "(Fast-)Gratis-Zeitung" erhält eine völlig neue Bedeutung und scheint in den USA der Normalfall zu sein. Und bei uns? Vielleicht sind die Damen und Herrn Journalisten inzwischen aus der Badi zurück (das Wetter ist kühler, das lässt hoffen) und wagen mal so einen Blick hinter die Kulissen (Vorsicht: Rechercheaufwand!) Mein einziges Abo, das ich voll zahle, ist die Financial Times Deutschland (sau teuer: ca. 700 Fr.). Die NZZ ist auch nicht billig, liefert mir aber die "NZZ am Sonntag" zu Fast-gratis-Bedingungen. Die sollen bloss nicht so hochnäsig gegenüber echten Gratis-Zeitungen sein. Zum Exitus von Facts hat übrigens Constantin Seibt (der entwickelt sich zu einem der wenigen Starschreiber der Schweiz, hat schon beim Swissair-Prozess alle die angeblichen Insider ausgestochen) im Tagi eine prima Analyse geschrieben. Ueberschrift:"Facts - der Alptraum eines Kindes ohne Seele". Touché! Ist bitter, aber trifft ins Schwarze. Sowas Unabhängiges im gleichen Verlag zu schreiben, wo Facts (noch) erscheint, hat Stil und Klasse. Stimmt wirklich: Die Seele fehlte und ein bisschen viel Kindliches war meistens dabei. Eine Zeitung braucht wirklich eine Seele. Man muss sich als Leser an ihr reiben können, aber man muss sie mögen. Aber das verstehen McKinsey-Manager und Werber nicht. Cash hatte diese Seele offenbar. Ein Cash-Mensch erzählte mir, sie würden mit Leserbriefen und mails (allesamt hochgradig wütend über die Einstellung) überschwemmt. Bin gespannt auf die letzte Nummer am Donnerstag. Die Herrn Medienjongleure bei Ringier ("Verlagsmanager" kommt mir da einfach nicht über die Lippen) sollen selber nachlesen, welche Tollpatschigkeiten sie sich da leisten. Der Spiegel mit seinem Schweiz-Special (50 Seiten Beilage; bisher nur als einmaliger Testlauf gedacht) erscheint am Montag. Die Titelzeile - das ist jetzt hier wirklich exklusiv - heisst:"Schweiz - Die kleine Weltmacht". Der ganzseitige Titel zeigt ein goldenes Matterhorn mit EU-Sternen drumrum. Die Schweizer Seele haben die Hamburger offenbar schon begriffen. Man darf gespannt sein, wie,s weitergeht. Vielleicht kehrt engagierter Journalismus via Umweg übers Ausland in die Schweiz zurück.

  • Jean-Claude

    14.07.07 (08:13:27)

    Das ist einfach zu erklären: Leute mit nahezu null journalistischer Erfahrung sind wesentlich billiger. Ein Gratis-Titel kann ja nun nicht auch noch auf Qualität machen wollen. Irgendwann werden das sowohl die Verleger als auch die Leser und die Geldgeber (Anzeigenkunden) schnallen. Aber das dauert noch.

  • PS_p-s

    14.07.07 (21:16:57)

    Aha, und weshalb bspw. nicht gemeinsam etwas aus «Lokalnews.ch» oder «Lokalportal.ch» machen? [http://www.lokalnews.ch/] Sprich: Selber etwas auf die Beine stellen? Gut-gut, das hat keinen (direkten) Bezug zum Wirtschafts-Journalismus. Aber eines ist schon klar: «Wir» könnten durchaus auch etwas bewirken, anstatt nur Texte zu schreiben. Oder nicht? Dann werden «wir» halt auch -- teilweise -- zu Medienproduzenten. Was spricht dagegen? Oder tun uns mit Unternehmen der Neuen Wirtschaft zusammen? Oder werden selbst zu Unternehmen in der Neuen Wirtschaft oder der Neuen Industrie? Unmöglich? Na ja, in diesem Fall spielt alles ja sowieso keine grosse Rolle. Aber andere (bspw. www.plebstv.com) werden sich bestimmt um eine Fortentwicklung des Journalismus kümmern, keine Angst. EPIC_2015 grüsst! Check: http://media.aperto.de/google_epic2015_de.html

  • PS_p-s

    14.07.07 (21:18:58)

    Nanu? Der Link [http://www.lokalnews.ch/] http://www.lokalnews.ch hätte eigentlich aus praktischen Gründen schon drauf sollen ... Sorry!

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