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31.05.07

«Hier hat niemand ein internes Angebot» - Insidernews aus der CASH-Redaktion

Cash CashDaily 2007-05-31

Am Morgen um sieben war die Welt noch in Ordnung. "Hier arbeitet Ihr Geld am besten", titelte das wie jeden Donnerstag seit 18 Jahren erschienene Wirtschaftsmagazin CASH, doch da hatte Verleger Michael Ringier schon entschieden, dass sein Geld in Zukunft anderswo arbeiten soll als in der CASH-Redaktion. CASH wird per Ende Juni eingestellt, es kommen gerade noch vier Ausgaben.

Die offizielle Lesart gemäss Pressemitteilung, Meldung auf cash.ch und dem am Abend versandten Sondernewsletter lautet: "Die CASH Gruppe setzt auf den digitalen Wachstumsmarkt." Dieser Euphemismus erscheint selbst in Zeiten von "Freistellung", "Fokussierung" und "Konsolidierung" etwas gar aufgesetzt, wenn man gerade das Flaggschiff der Gruppe versenkt, und auch der verschwurbelte Satz "Die CASH Gruppe konzentriert sich ab dem 1. Juli 2007 noch stärker auf den integrierten Multikanal-Ansatz und damit auf die Plattform CASH daily mit ihren digitalen Medien" schafft mehr Verwirrung als Klarheit. Einen Moment lang konnte man denken, CASH Daily müsse auch dran glauben, aber dies gilt offenbar auch als digitales Medium und bleibt. Beruhigend las sich zunächst der Satz: "Die 46 betroffenen Mitarbeiter sollen mehrheitlich in der CASH Gruppe und bei anderen Ringier Titeln weiterbeschäftigt werden."

Naturgemäss hört sich alles ganz anders an, wenn man mit Noch-Cash-Redaktoren über ihre Sicht der Dinge spricht. Zwar wurde schon seit Monaten gemunkelt, es gäbe demnächst "grosse Veränderungen", doch mutmasste man bis heute, es gehe entweder um einen personellen Wechsel (also einen neuen Chefredaktor), oder eher noch um eine Zusammenlegung der beiden Print-Redaktionen zu einer. Entsprechend traf die heutige Nachricht die Redaktion wie der Blitz aus heiterem Himmel. "Von uns hat noch niemand ein internes Jobangebot", war zu hören, und dass es "bei Ringier Platz für 15 Leute habe, davon 5 bei CASH Daily". Damit allerdings stünden zwei Drittel der betroffenen 46 Personen auf der Strasse.

Den "Freien" ging es auch nicht viel besser. Von einem regelmässig für CASH schreibenden Autor war zu hören, dass er bis 18 Uhr noch gar keine offiziellen Information von Ringier hatte; "dafür hat sich die Gewerkschaft Comedia schon gemeldet".

Beim Frust-Apéro der CASH-Redaktion im Seefeld legte man Wert auf die Feststellung, dass "CASH im letzten Jahr an Auflage und Reichweite gewonnen habe" und dass "CASH Daily derzeit deutlich mehr Geld verliert als wir". Vor ein paar Tagen sollte unter dem Titel "CASH Futura" noch eine Sitzung mit Michael Ringier und Chefredaktor Dirk Schütz stattfinden, die jedoch nicht in "CASH Plusquamperfekt" umbenannt wurde, sondern abgesagt und nicht nachgeholt. Ringier liess sich dem Vernehmen nach seitdem weder bei Schütz noch bei der Redaktion blicken; die heutigen schlechten Nachrichten überbrachte Thomas Trüb, Leiter Wirtschaftsmedien - pikanterweise einer der CASH-Väter von 1989 (hier ein persönlich-Interview von 1997 - lesenswert zum Thema Internet ist der Satz: "Wenn ich als Verleger anfange, den Zeitungsinhalt zum Null-Tarif preiszugeben, dann habe ich verloren.").

Anlässlich der Lancierung von CASH Daily vor einem Jahr wurde geschrieben von der "Stärkung der Marke". Doch stattdessen stellte sich für den geneigten Medienleser die Situation eher so dar, dass CASH alle übrigen Titel mitzog: CashDaily, von dem man bis heute das Gefühl hat, es sei irgendwie neu und könne deshalb noch nicht besser sein (die nur drei Wochen vier Monate ältere Ringier-Schwester heute - die in ihrer heutigen Ausgabe übrigens kein Wort zum Ableben der Schwester verliert - wirkt im Vergleich regelrecht etabliert); die durchweg langweilige Website cash.ch (in der immerhin das für einen zweistelligen Millionenbetrag aufgekaufte Borsalino aufging), das TV-Magazin CashTV (das ich nie schaue, weswegen ich mir kein Urteil erlauben kann), CASH mobile, dem man immerhin zugestehen muss, dass es handygerecht designed ist (bis auf eine absurde Vorschalt-Seite), dessen Inhalte mich aber auch nicht vom Hocker reissen - sowie die Web-2.0-Multimedia-Outlets CASH daily Web-TV, CASH daily Podcast und CASH daily Börsen-TV, die alle etwas handgestrickt wirken und mal in besserer, mal in sehr zweifelhafter Qualität daherkommen.

Denn eins ist klar: Auf den in allen Mitteilungen beschworenen "digitalen Wachstumsmarkt Internet" setzt nicht Ringier allein, sondern in den Strategiepapieren aller Medienhäuser dürfte stehen, dass sie sich von dem in Zukunft eine grössere Scheibe abschneiden wollen; dasselbe gilt für einige Start-ups. (Disclaimer: Auch für uns!) Eine wirklich hohe Eintrittsbarriere in den Markt bieten jedoch nur die Print-Titel. Ein bisschen Video und Audio ins Netz stellen können dagegen sogar ambitionierte Einzelkämpfer - siehe Mario "Elektrischer Reporter" Sixtus (gelernter Print-Journalist, sagt: "zwei Wochen einschliessen und üben, danach kann man das") oder Stephan M. "rebell.tv" Seydel (gelernter Sozialarbeiter).

Man darf gespannt sein, wie es mit der Marke CASH weitergeht. Wenn die freigewordene Energie auch voll in die digitalen Wachstumsmedien fliesst, könnte es sogar der richtige Schritt gewesen sein; wenn diese dagegen auf dem heutigen Niveau weiterwerkeln, könnte es knapp werden. Die heute geschasste CASH-Redaktion gibt der Print-Schwester jedenfalls noch "maximal ein Jahr".

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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