<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

20.06.08Leser-Kommentare

Herbert Kremp: Verschwörung, Verschwörung!

Fiese Kommunisten bedrohen unseren Rechtsstaat! Kein Zitat aus der aktuellen Spiegel-Geschichtsstunde, sondern die längst überholte Meinung ewig kalter Krieger.

Oskar Lafontaine (Bild Keystone/Fritz Reiss)Einem alten Zirkuspony, heißt es, bringt man keine neuen Tricks mehr bei. So ähnlich ist es auch mit dem ehemaligen Welt-Chef und Springer-Intimus Herbert Kremp, dessen Artikel zum 17. Juni ein schönes Beispiel dafür bildet, wie unangemessen die Weltsicht des Kalten Kriegers in Zeiten der neuen Weltordnung geworden ist.

Herbert Kremp, Jahrgang 1928, kam über die Rheinische Post zu Springer, wo er als Welt-Chef höchste Weihen genoss. Noch immer ist er ein meinungsfreudiger Schreiber, der weiß, wie sich Worte zu Sätzen fügen, der auch zu recht etliche Journalistenpreise erhielt, dessen Argumente aber zunehmend hohl tönen, wie eine Stimme aus einer anderen Welt. So teilt er die politische Landschaft noch immer in böse Sozialisten und gute Demokraten. Das wiederum klingt im Hier und Jetzt, wo wir eher entlang von Djihad, von Klimafolgen oder wahlweise auch Neoliberalismus die Differenzen ziehen, ein wenig nach 'Historismus'. Das gilt auch für jenen großen Artikel, den Herbert Kremp in der Berliner Morgenpost aus Anlass des 17. Juni schrieb. Sein Thema: Die Lafontaine'sche Weltverschwörung, die uns am Horizonte mit neu-alter Ungemach sozialistisch dräut:

 

"Lafontaine und seine linken Opferverbände stehen für die Überwindung unserer Verfassung. Diese Entwicklung führt in Richtung linker Nationalismus. Dann geriete Deutschland erneut auf den anti-westlichen Sonderweg."

Man mag ja, finde ich, von Lafontaine durchaus eine rabenschwarze Meinung hegen. Ich tue dies meist auch. Dass aber der große Barolo und saarländische Millionär unsere Verfassung schleifen will und hierfür einen 'Geheimplan' hegt, wie Kremp es insinuiert, das geht mir nicht so recht durch die Synapsen. Mit dieser, meiner Verharmlosung aber - so Kremp - unterläge ich einem fundamentalen Irrtum, wie sintemalen schon Altkanzler Gerd Schröder:

 

"Die Marktwirtschaft verliert rapide an Ansehen. Sie sei frei, nicht (mehr) sozial. Aber auch das hat eine Vorgeschichte: Der Staat verschuldete sich bis über die Halskrause, damit die Deutschen ?nicht wieder böse werden? ... Schröders Entschuldungsreformen beruhten auf der Annahme, diese Gefahr sei vorüber."

Der Schröder in seiner Naivetät hat also Schuld, immer mal wieder wird diese These im Unionsumfeld gern genommen - aber weshalb denn bloß: Etwa weil er Hartz IV und ähnliches veranstaltete und damit Lafontaines geheimen Plänen zugearbeitet hätte? Durfte er etwa nicht reformieren? Nun - so platt und so direkt möchte der Herbert Kremp die interne Logik, die faktisch das Muster in seinem Textteppich bildet, natürlich auch nicht formulieren. Er greift zu einem der ältesten Tricks der Demagogie, er macht die Opfer zu Schuldigen, weil die es nach der Agenda wagten, sich als 'Opfer' zu fühlen:

 

"Die PDS brachte aus dem Osten die sogenannte Kümmerer-Kunst mit ... Wer immer sich benachteiligt fühlt, darf Opferstatus beanspruchen, der mit dem geschichtspolitisch gewohnten nichts tun hat. ... Die Opfergruppe trachtet nach Entschädigung, lässt sich die Schuldhaftigkeit des ?Systems? einreden. Die Linke stellt die Opferanwälte."

Alles Einbildung also, die Reformen lösten bestenfalls Phantomschmerzen aus - schuld hat nicht das System, schuld haben auch nicht die Reformen, schuld haben die 'eingebildeten Leiden'. Um mit Fritz Reuter zu reden: 'Die Armut kommt von der Poverteh ...'

Als nächstes wird der Popanz eines möglichen Verfassungsumsturzes aufgebaut, den diese Opferanwälte planen. Kremp behilft sich dabei mit dem rhetorisch-logischem Spagat des 'zwar wohl' ... 'dennoch aber', den manche auch als Paradox bezeichnen, weil er das zugleich leugnet, was er unterschwellig weiter behauptet:

 

"Sich diese Radikalwende vorzustellen, bedarf, wiewohl sie nach Staatsrechtsregeln möglich wäre, einer wilden und ziemlich verdorbenen Fantasie. Deshalb sind extremistische Bestrebungen, die Republik einer Operation am offenen Herzen oder am zentralen Nervensystem zu unterwerfen, stets eine Art Geheimnis."

Im Klartext: Ich, Herbert Kremp, habe diese verdorbene Phantasie, mir das Unvorstellbare vorzustellen, und ich kenne daher auch das Geheimnis. Worin aber besteht es? Eine - tätä! - neue Wirtschaftskrise müsse her, mindestens so schlimm wie die von 1929. Dann wäre Lafontaine endlich am Ziel, obwohl er selbst solch eine Krise doch gar nicht auslösen kann. Oder sollte sich das Haus Lafontaine bewusst schwarzfreitagsmäßig mit Fonds-Anteilen verspekulieren wollen? Jedenfalls erweist sich Herbert Kremp - Alterspessimismus mag dabei eine Rolle spielen - letztlich als ein ökonomischer Apokalyptiker:

 

"Der Angriff gegen die gültige Verfassung, mit der die extreme Linke (wie die extreme Rechte) selbstverständlich nicht akkordiert, müsste mit anderen Mitteln und von einer anderen Seite vorgetragen werden. Ob eine schwere, nachhaltige Wirtschaftskrise mitsamt der modernen ?deutschen Frage? der Gerechtigkeit und ihrem Opferverbandswesen die destruktive Kraft besäße, einen fundamentalen Verfassungskonflikt auszulösen, lässt sich so wenig voraussagen, wie etwa die Folgen der Weltwirtschaftskrise in den Jahren der glimmenden Dochte von 1925 bis 1929."

Alles aber lässt sich irgendwie wiederum dann auch nicht so recht voraussagen, weshalb sich all das Geunke rhetorisch in Frageformen und in Spekulatius mit Bittermandeln erschöpft.

Fazit: Der verbliebene Kalte-Krieger-Verein, dem Kremp gewissermaßen präsidiert, steht mit verwirrter Satzung in der Welt herum: Alles kam längst schon ganz anders, als sie's immer schon behauptet haben. Und damit es so kommen konnte, wie es 'historisch' kommen wird, suchen sie heute beim Unwahrscheinlichen Zuflucht. Statt der Argumente gibt es deshalb suggestives Raunen und warnendes Wagalaweia.

Der altböse Feind dagegen, der gefürchtete Kommunismus, das sind heute faktisch einige Damen in Chanel-Kleidchen wie unsere Sahra Wagenknecht, der feuchte Traum aller Journalisten. Selbst in China, wo Herbert Kremp doch wirklich lange genug Korrespondent war, regieren heute Industrie- und Handelskammern, und nicht der Sozialismus, auch wenn die sich dort vermutlich aus sentimentalen Gründen noch immer kommunistische Partei nennen.

Vollends in Deutschland aber und drumherum, da gäbe es doch kaum genügend finstere Revoluzzerfiguren für eine simple Doppelkopfrunde, Kremps gute alte Zeit ist auch hier längst vorbei. Niemand wird auf absehbare Zeit von links jene verfassungsändernden 66 % Prozent erreichen, die für das Kremp'sche Geisterbahn-Szenario vor allem anderen zunächst einmal erforderlich wären.

Ob der Herbert Kremp eigentlich weiß, wie ähnlich er in methodischer Hinsicht dem Oskar Lafontaine längst geworden ist? Beide reden über eine Zukunft, die man nur zu erblicken vermag, wenn man den Kopf weit, weit in den Nacken dreht, mindestens bis in die 70er Jahre ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • arbiter

    20.06.08 (13:18:50)

    Sintemalen die Verfassung nicht nur hierzulande alleweil ausschließlich immer wieder von den Rechten geschleift wurde, die gleichen Kräfte eifrig am Grundgesetz nagen und feilen, bis es in den Rollstuhl paßt, ist der Focus mit Fakten, Fakten, Fakten mindestens auf die Gesinnung von Oskar zu richten, und alle Schuld bei Tante Gerda. 80 Jahre und kein bißchen weise, nicht einmal altersmilde,nicht leise, auch nicht an Rentenalter 67 gebunden, Herbert Kremps ideologiegefärbte Wahrnehmung zeigt, Aufwachsen in brauner Zeit, 17 Jahre Jugenderziehung prägen. Sie prägen fürs Leben lebenslänglich, was schon die kreisfahrenden Schumacherbrüder für die Kohl-Ära zu reflektieren verstanden. Warum sollte das für die Gestrigen anders gewesen sein? Nur weil Graß seine Schillerbriefe in seine eigene Reichsschrifttumskammer verräumen läßt, hebt das niemanden aus den eingefahrenen Geleisen, nicht einmal Graß. Und siehe da, es schließt sich auch hier der Kreis, auch jener der unterschiedlichen Wahrnehmung für Elite und Anerkennung. Der NZZ-Artikel über JF führt zu Abwehrreflexen und zur Elite-Diskussion, und Kremp ist und bleibt anerkannte Journalistenelite. Dabei ist es besonderes Kremp-Kunststück, im Jahre 19 nach DDR-Untergang 17. Juni und Oskar Lafontaine linear zusammenzuspannen. Mag sein, einem alten Zirkusgaul bringt man keine neuen Kunststücke mehr bei. Wo seine bisherigen schon so gründlich mißlangen, hilft ihm auch die Übung für die Kür mit den neuen nicht, solange sie nur schlechte Kopie der ohnehin mangelhaften Artistik bleiben, der Zirkus in anderer Manege gastiert. Wörter zu bedeutungsschwangeren Sätzen zusammenreimen, mag im gewissen Sinne preiswürdige Kunst sein. Wille und Vorstellung alleine reichen nicht, andere Meinung solchem Welt-Bild zu unterwerfen. Aber der Propagandagaul trabt trotz Alter recht munter. Warum sollte der Beliner Morgenpost nicht recht sein, was der NZZ billig ist?!

  • Pete

    22.06.08 (17:49:01)

    [Edit: Spam-Kommentar und -Link gelöscht.]

  • arbiter

    22.06.08 (18:06:58)

    @ PETE: Irgend etwas muß im Deutschkurs fürs Web dshief gegangen sein. Schiet schreibt man nicht mit DSH, sondern immer noch mit SCH. Auch das E sollte nicht fehlen. Die Werbung da oben eher schon. Sie stört Nutzer. Und dann noch Glückwunsch zum geistfreien Beitrag in diesem Blog!

  • Jens Kluge

    08.02.10 (13:15:08)

    Dieser "alte Zirkusgaul" hat die Wirtschaftskrise doch richtig vorhergesehen. Auch den Zusammenbruch der Sowjetunion damals. Gerade ihm sollten man ein starres Festhalten an alten Denkmodellen nicht vorwerfen.

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer