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31.05.13Leser-Kommentare

Herausforderungen der deutschen Startup-Wirtschaft: "Mentalität lässt sich nicht per Gesetz ändern"

Das Interesse und die Unterstützung für die deutsche Startup- und Internetwirtschaft nimmt zu. Doch ohne einen Mentalitätswechsel lassen sich die hochgesteckten Ziele der Branche nicht erreichen. Und dieser benötigt Zeit.

German Valley WeekIn den letzten Monaten ist viel passiert, was die politischen Aktivitäten zur Förderung der deutschen Internet- und Startupwirtschaft angeht. Am laufenden Band gibt es Zusammenkünfte von Spitzenpolitikern und Entrepreneuren, Wirtschafts- und Technologieminister Philipp Rösler hält sich gefühlt jede zweite Woche im Silicon Valley auf, die Rahmenbedingungen für Investitionen werden verbessert (oder zumindest anders als ursprünglich geplant nicht verschlechtert), und mit dem Bundesverband deutsche Startups existiert mittlerweile eine echte Interessenvertretung der hiesigen Jungfirmen, deren Engagement kaum zu übersehen ist. So war der Verband maßgeblich am Zustandekommen der viel beachteten Reise von 100 deutschen Startups ("German Valley Week") in die Bay Area in der vergangenen Woche beteiligt.

Am gestrigen Donnerstag berichteten einige Teilnehmer des Trips auf einem von dem Verband organisierten Event in Berlin über ihre Eindrücke und Erlebnisse. Im Läufe der Veranstaltung kamen zahlreiche der hinlänglich bekannten Missstände des hiesigen Ökosystems zur Sprache ( hier gibt es dazu eine ausführliche Liste aus dem vergangenen Jahr), die sich - so waren sich alle einig - natürlich nicht einfach mit einer gemütlichen Reise ins Valley und ein paar Grillabenden und Joggingrunden mit Minister Rösler aus dem Weg räumen lassen. Doch - und auch da schien bei den Podiumsgästen Konsens zu herrschen - ein derartiger Trip bringt nicht nur neue Kontakte und die ein oder andere Einsicht darüber, wie Dinge am oft kopierten, nie erreichten kalifornischen Technologiehotspot funktionieren - sondern dient vor allem dazu, ein anderes "Mindset" zu entwickeln. Mentalitätswechsel erforderlich

Der für mich wichtigste Satz des Abends kam vom FDP-Bundestagsabgeordneten Jimmy Schulz, der Rösler und die deutschen Unternehmen in die USA begleitete. "Mentalität lässt sich nicht einfach per Gesetz ändern", so Schulz mit Verweis darauf, dass die Politik lediglich bessere Voraussetzungen für Gründer schaffen könne, dass ein erforderlicher Mentalitätswechsel aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei.

Ich halte diese Anmerkung für wichtig, denn ich glaube, dass ohne eine Veränderung der deutschen Mentalität die von den Vertretern gewünschten Meilensteine der hiesigen Webwirtschaft kaum zu erreichen sind. Meines Erachtens nach handelt es sich bei der Mentalität um das allen gemeinhin als hinderlich wahrgenommenen Sachfragen übergeordnete, diese formende und rechtfertigende Konstrukt. Egal ob es um die fehlende Kultur des Scheiterns oder um ausuferende Datenschutzregelungen geht, um Bürokratiewahn oder fehlende unternehmerische Rollenbilder, um komplizierte Steuersysteme oder arbeitsrechtliche Hürden - immer ist es die hiesige Mentalität, die - gepaart mit anderen Faktoren - die Entstehung, Akzeptanz und Formalisierung der einzelnen Punkte möglich gemacht hat.

Veränderungen erreichen nicht ihr volles Potenzial

Ohne einen Mentalitätswechsel auf breiter Front entfalten sämtliche Modifikationen der derzeitigen Rahmenbedingungen jeweils nie ihr volles Potenzial, weil die Neuerungen im Kontext der deutschen Mentalität wie ein Fremdkörper wirken. Hiesige Startup-Gründer können in ihren Büros zwar eine andere Firmenkultur entwickeln, als in Deutschland üblich, und womöglich auch von unternehmerfreundlichen Förderinitiativen profitieren. Sie werden aber schnell zurück auf den Boden der Tatsachen geholt, wenn sie bei einer Behörde einen Antrag stellen oder sich auf einer Messe plötzlich vor klassischen Mittelständlern erklären müssen, wieso ihre Angestellten in der Arbeitszeit Tischtennis spielen dürfen oder weshalb die junge Firma nach einem halben Jahr der Geschäftstätigkeit noch nicht den Break Even erreicht hat. Auch Sprache transportiert Mentalität und lässt sich nicht von heute auf morgen umkrempeln. So spricht allein die in der gestrigen Runde von Thomas Bachem vom Startup-Verband beispielhaft angeführte Bezeichnung "Existenzgründung" Bände darüber, wie die deutsche Seele auf Gründungen blickt - als letzter Weg, die eigene Existenz zu sichern.

Mentalität ist fest verankert, bei allen Menschen, meist unbewusst. Selbst diejenigen, die sich an die Speerspitze der Bewegung zum Erreichen eines Mentalitätswandels stellen, nähren unbemerkt einige der Attribute und Verhaltensweisen, die sie eigentlich gerne aus dem Weg räumen möchten. Nach meiner Erfahrung gibt es nur ein einziges Mittel, um derartigen "Ballast" schneller abzulegen, als es durch den gesamtgesellschaftlichen Fortschritt relativ zögerlich geschieht: einen möglichst ausgedehnten Aufenthalt in einer anderen Kultur. Eine Woche Silicon Valley reicht da natürlich nicht, kann aber zumindest Personen auf den Geschmack bringen. Den gestrigen Aussagen nach zu urteilen sind nicht wenige der Reiseteilnehmer auf den Geschmack gekommen und konnten entdecken, wie unkompliziert das Knüpfen von Kontakten in der Bay Area ist. Viele weitere Besuche an der Westküste werden die Folge sein.

Geduld ist unerlässlich

Doch da nicht 80 Millionen Deutsche ins Silicon Valley fahren werden, gilt es, der Realität ins Auge zu blicken: Unsere Mentalität ist derzeit inkompatibel mit einigen der Bedingungen, die für eine florierende, global erfolgreiche Web-, Digital- und Startupbranche erforderlich sind. Äußere Faktoren und die Folgen der Globalisierung und weltweiten Vernetzung beschleunigen einen natürlichen Mentalitätswechsel in der Bevölkerung, von dem auch die deutsche Internetwirtschaft profitieren wird. Die Zahl der Menschen mit Freunden und Bekannten im Ausland, mit Erfahrung des Lebens in anderen Ländern, mit ausländischen Partnern, Arbeitgebern oder Kollegen, wächst stetig und wird ihre Effekte haben. Doch all das braucht Zeit.

Es ist richtig, dass die Branche zusammen mit der Politik heute die Weichen für künftiges Gedeihen des Startup- und "Soft-Technologie"-Sektors legt. Doch die endgültige Wirkung wird erst in vielen Jahren zu spüren sein. Insofern - und das ist eine Herausforderung für alle Akteure der Branche, nicht zuletzt auch für uns, die Presse - ist Geduld und die Akzeptanz des Ausbleibens einer maximalen Wirkung der in die Wege geleiteten Maßnahmen vielleicht die schwierigste aller Aufgaben.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass genau so, wie die deutsche Mentalität der Webbranche teilweise im Wege steht, sie anderen Industrien zu Weltruhm verholfen hat. Und so vorteilhafte manche Züge der Valley-Mentalität auch sein mögen, so sehr hat sie auch ihre Schattenseiten. Es wird uns nicht gelingen, die Geisteshaltung der Bay Area komplett zu verinnerlichen. Aber das ist letztlich auch gut so. /mw

Kommentare

  • Max

    31.05.13 (15:01:51)

    Ich bin sehr froh das unsere Gesellschaft nicht so ist wie die Silicon Valley Startups und Unternehmen. Diese Unternehmen sind dreist und nehmen sich was sie wollen, setzen hemmungslos fortgeschrittene psychologische Mittel zur Manipulation ein - gefärbt unter Namen wie Gamification, zahlen quasi keine Steuern und benehmen sich nach Gutsherren-Art. Ein Beispiel - GoogleStreetView. Der Service hat keinen echten Mehrwert für die Gesellschaft. Eine Beschränkung auf touristisch oder historisch interessante Objekte/Regionen würde vollkommen ausreichen. Den Nachteil zahlen wir jetzt als Gesellschaft, seit Streetview in Deutschland online ist haben wir eine jährliche Wachstumsrate bei den Einbrüchen von 8%. Selbst wenn ich keinen Dienst von diesen Firmen nutze habe ich Nachteile durch sie. Entweder ich informiere mich regelmäßig was sie neues machen und installiere dagegen Schutzmaßnahmen oder sie Verwerten meine Inhalte die ich auf eigenen Webseiten online gestellt habe. Es wäre ein gesellschaftlicher Rückschritt wenn wir wieder dahin kommen das die Starken bestimmen wie unsere Gesellschaft zu sein hat und nicht die Gesellschaft selber.

  • Martin Weigert

    31.05.13 (15:09:28)

    Dass Google Street View keinen Mehrwert bietet, sehen andere anders, sonst gäbe es den Dienst nicht. Und wie du einfach so ohne Beleg Street View für die Wachstumsrate der Einbrüche verantwortlich machst, lässt deine Argumentation nicht gerade überzeugender erscheinen.

  • Malte Goesche

    01.06.13 (00:06:08)

    Gut getroffen. Ich denke, dass Ganze sollte man als langsamen Lernprozess sehen an dessen Ende hoffentlich eine deutsche Version steht und keine Kopie, da das nicht offensichtlich nicht funktionieren würde. Man sollte auch nicht vergessen, dass viele Firmen hier auch mit Behörden aller Art zu kämpfen haben, es in SF teilweise schwerer ist sein Ding durchzuziehen als im SV (verschieden Steuern, Baubestimmungen etc.) und dass der Rest des Landes gar nicht versteht wie ein Unternehmen so wie im SV geführt werden kann ohne im Chaos zu versinken. Der Großteil der USA blickt mit Skepsis auf die Technologiestandorte SV, SF, NYC, Boston, etc. und deren Werte und Vorgehen.

  • Robert Frunzke

    02.06.13 (08:47:14)

    Vorweg: Sorry, Martin.. Habe aber nun wirklich schon lange nicht mehr so viel Schwachsinn auf einmal gelesen. Du sinnierst hier über eine angebliche sogenannte "deutsche Mentalität" in einer Art und Weise, die jedweder Innovation und Unternehmung schlechthin im Wege stehen solle: 1. definiere doch wenigstens einmal Deinen Begriff "deutsche Mentalität" im Kontext der Unternehmungsgründung 2. zeige doch bitte mal auf, warum dann Deine "deutsche Mentalität" ständig und überall scheitert (wie Du es ja postulierst) 3. oder anders ausgedrückt, warum scheitert denn nun gerade diese von Dir postulierte "deutsche Mentalität" mehr als Andere (vergleichbare "Mentalitäten")? Nein, dieser Dein Gedankengang führt IMHO ins Nichts! Wenn man in Dtl ein Unternehmen gründet, dann erwarten Einem recht ähnliche rechtliche (und "behördliche") Rahmenbedingungen wie im Silicon Valley. Die Unterschiede sind marginal. Wenn es zwischen Deutschland und dem Silicon Valley einen Unterschied gibt, dann liegt dieser lediglich und ausschließlich in der Verfügbarkeit von Venture Capital. So wie eh und jeh.

  • Martin Weigert

    02.06.13 (08:49:53)

    In dieser im Artikel verlinkten Liste steht im Prinzip alles: http://netzwertig.com/2012/06/08/startups-so-wird-deutschland-zum-globalen-internet-mekka/ Das DU diesen Beitrag für nicht treffend hältst, verwundert mich im Übrigen wirklich überhaupt nicht.

  • Robert Frunzke

    02.06.13 (09:00:50)

    Dein erwähnter Artikel enthält auch nichts Neues. "Das DU diesen Beitrag für nicht treffend hältst, verwundert mich im Übrigen wirklich überhaupt nicht." Aber auch nur, weil ich durch meine Kritik allein schon diverse (historisch bedingte) Aversionen bei Dir entfache. Das ist das Kreuz, dass ich zu tragen habe ;-) Aber ehrlich mal: die "deutsche Mentalität" in Sachen Startups ist mehr Illusion als Fakt. Zum Beispiel: Vergleiche doch mal die jetzige Situation mit der der großen .com Blase um 2000 herum? Da waren wir auch ganz groß dabei! Und da hat sich niemand über die in Deutschland so angeblich verqueren, verkehrten Rahmenbedingungen beschwert!? Und schon garnicht über eine fehlgeleitete deutsche Mentalität.

  • Robert Frunzke

    02.06.13 (09:40:40)

    "Die Leute bitten um Kritik, aber sie wollen nur gelobt werden." (William Somerset Maugham, Der Menschen Hörigkeit, 1917) ???

  • Martin Weigert

    02.06.13 (10:44:56)

    Interessanter Punkt, die Gründungswelle der New Economy. Stimmt, damals schien es weniger Bedenken zu geben, einfach mal loszugründen. Ursachen dafür waren, so wie ich das aus heutiger Sicht sehe - ein allgemeiner Hype inklusiver der Aussicht, schnell sehr reich zu werden, eine grundsätzliche Naivität (neutral gemeint) - es existierten einfach gewisse Bedenken hinsichtlich Datenschutz etc nicht - sowie eine Copycat-Mentalität. Es gab sicher viele weitere. Aber: Während sich in den USA und anderen Ländern alle von dem Platzen der Blase erholt haben (schon 2006 oder 2007), sitzt es bei den Deutschen noch immer im Hinterkopf. Und das bringt uns zurück zur Mentalität. Weil viele einmal gescheitert sind, trauen sie sich nicht mehr so richtig, nochmal Risiko einzugehen. Auch das wurde in der im Artikel erwähnten Diskussionrunde gesagt, ich weiß nur nicht mehr, von wem: Wir in Deutschland haben uns noch immer nicht vom Platzen der damaligen Blase erholt.

  • Robert Frunzke

    02.06.13 (11:23:20)

    Ja, so könnte man das durchaus erklären. Ich sehe das aber noch etwas differenzierter, und persönlich halte ich den Begriff der "Mentalität" für ganz extrem ungeeignet, weil gefährlich und äußerst subjektiv. Eine Mentalität ist ja eine "vorherrschende psychische Prädisposition" (wikipedia...). Man könnte auch sagen, es wäre ein Trend, eine Tendenz, eine subjektive Ideologie, im krassesten Falle sogar eine eigene, sich selbst beschreibende Weltanschauung, ... wieauchimmer. Jedenfalls prinzipiell und überhaupt etwas Subjektives, etwas irgendwie geartet Manifestiertes. Und vielleicht sogar Etwas, das bewusst von Jemandem postuliert wird, um ein ganz bestimmtes, subjektives "BILD" auf das allgemeine Selbstverständnis seiner Empfänger zu projezieren, vielmehr einzubrennen! Den letzten Satz einfach mal wertefrei durch den Kopf schwirren lassen ... Was ich überhaupt sagen will, ist, bitte nicht einfach irgendeine "Mentalität" postulieren und darauf aufbauend argumentieren. Denn, so einfach es auch klingen mag, es gibt sie nicht --- die deutsche Mentalität bzgl. der Gründerkultur. Sie ist eine Illusion! Zurück zu den Fakten, ganz ohne die Mentalität: - Es ist nicht so, dass deutsche Startups sich nicht trauen, die so angeblich so stark nachgefragten Risiken einzugehen (... weil ihre angebliche Mentalität sie dazu treiben würde...)! - Es ist nur so, dass es diese so stark nachgefragten Risiken kaum gibt. Soll heißen, die Märkte sind oft einfach nicht vorhanden. Und eine Horde Lemminge in Richtung Klippe zu schicken wäre nicht sehr nobel. Zum Glück sind die meisten deutschen Unternehmer keine Lemminge! ;-) Das hat nichts damit zu tun, dass "wir" immernoch vor irgendwelchen Bubbles zurückschrecken. Es liegt zum großen Teil einfach nur daran, dass die Märkte eben nicht so gewaltig sind, wie sie von den Akteuren im Silicon Valley gerne dargestellt werden.

  • Robert Frunzke

    02.06.13 (11:38:27)

    ... und, um an meinen letzten Kommentar anzuschließen: Die "Mentalität im Silicon Valley" besteht auch zum großen Teil aus Selbstdarstellung. Externe (wie hier die "deutschen") könnten natürlich auf den Zug aufspringen, und das Selbstdarstellungs-Spielchen mitspielen. Viele Externe tun das auch. Aber dieses Spiel nun 100%ig zu verinnerlichen, dabei alles andere zu vergessen, nur um dieses dumme Spiel zu spielen würde uns zum klassischen Bauernopfer machen. Wenn dann das SV eine neue Mentalität, neue Spielregeln spielt, dann wären wir die Dummen --- weil wir ja unbedingt die Mentalität übernehmen mussten! ;-)

  • Klaus Nunnmann

    03.06.13 (03:08:22)

    Ich habe wirklich lange überlegt, ob ich diesen Beitrag kommentieren soll. Ich bin sehr oft positiv überrascht über die Qualität der Artikel und würde mir wünschen so etwas auch im Print zu lesen. Aber dieser Beitrag hat mich einfach verwirrt. Vielleicht etwas zum Hintergrund: Ich war 18 zu den DotCom Kriese und habe in einem Start-Up gearbeitet, was grossartig gescheitert ist. Ich bin jetzt Existensgründer in 2. Jahr. Hier ein paar Erfahrungen die sich mit dem oben geschilderten überhaupt nicht vereinbaren lassen: 1. Als 1999 es so richtig losging, war enorm viel Geld für Gründungen vorhanden. Es wurden unglaublich viele hochriskanten Gründungen realisiert. Es gab ein Soziales Netz welches einem ermöglichte aus einer Arbeitnehmerposition direkt als Unternehmer einzusteigen, und dann beim Scheitern wieder zurückzukommen. Scheitern war akzeptiert, und wer damals es mitbekommen hat, weiss wovon ich rede. Insolvenzen wurden schnell abgewickelt und man steckte schon im nächsten Projekt. Man konnte z.B. in die gesetzliche Krankenversicherung zurückwechseln, und hatte auch Anspruch auf Arbeitslosengeld usw. Diese Entwicklung verlief innerhab von einem Jahr. Jeder wollte Gründen, oder wenigstens bei etwas Neuem dabei sein. Das die "Mentalität" des "Deutschen" (ich bleib mal in dem faschistoiden Schema) so unbeweglich ist, halte ich für totalen Quatsch. Dafür war die Entwicklung damals einfach viel zu schnell. Sicherlich war vieles auch absoluter Hype - aber wenn sich die Mentalität durch Hypes verändern lässt, dann kann sie ja nicht so starr sein. 2. In den letzten 10 Jahre wurde konsequent das soziale Netz abgebaut. Dadurch ergibt sich bei einer Gründung für den Gründer ein ganz andere Risikobewertung. Wer heute gründet riskiert wirklich seine Existens. Es gibt eigentlich keine guten Weg zurück - wenn, dann mit extrem hohen Kosten. Ein potentieller Gründer, Mitte 30 und mit Kindern, kann theoretisch nicht gründen. Nach einer subjektive Beurteilung der Risiken kommt man zu dem Schluss, dass wenn man verliert, dann verliert man auch alles. Ausserdem ist Eigenkapital nicht mehr in den Mengen vorhanden (EURO Kriese, Wirschaftsabschwung etc.) wie 1999. Da bedeutet man muss noch mehr Anteile für noch weniger Geld abgeben. Das sind ganz andere Bedingungen. Wenn also ein Politiker so eine frechen Satz ablässt wie “Mentalität lässt sich nicht per Gesetz ändern”, dann ist das nichts anders als die Abtrettung der Verantwortung für die schlechte Gründugslage auf das "Empfinden" der Bevölkerung, anstatt sich wirklich mit der Problematik der Gründer auseinander zusetzen, und Massnahmen bzw. Gesetze einzuleiten, damit ein normal denkender Mensch auch das Risiko einer Gründung in Deutschland eingeht. 3. Jetzt wird der ein oder andere Silicon Valley als Beispiel anführen. Dort wird extrem viel gegründet - auch ohne soziales Netz und doppelten Boden. Ja, aber dort gibt es auch 1000 mal mehr Eigenkapital. Dort mit VC Geldern gegründet, der Gründer riskiert fast nichts, und erhält ein stattliches Gehalt. Das sozialle Netz wird mit Exitboni abgesichert - selbst wenn der Gründer vorher das StartUp verlässt. Das ist eine ganz andere Ausgangslage. In Valley wohnen tausende von Multimillionären (Ex Microsoft-Oracle-Google-Facebook-(setz einfach was ein)-Mitarbeiter mit Optionen) die mit 1% ihres Vermögens mehr inverstieren könnten, als die "grossen" VCs in Berlin investieren. Im Gegenzug dazu hat Berlin 16,3 % Harz 4 Empfänger. Na klar - es liegt natürlich an der Mentalität?!?! Der Spruch des FTP Abgeordneten ist eine Beleidigung für alle Existensgründer in ganz Deutschland. Zu behaupten, das die Politik keinen Einfluss auf die aktuelle Situation von Gründern hat ist geradezu grotesk. Es wurde jahrelang Mittelstandspolitik gemacht, und jetzt wurdern man sich, dass der Nachwuchs fehlt. Das dann hier auch eine faschistoiden Generalisierung genutzt wird, macht es eigentlich nicht mehr schlimmer - sodern typisch politisch. Noch etwas zu dem Begriff "Existenzgründung" : Ich habe bewusst diesen Begriff öfter verwenden - und ich finde ihn perfekt. Es bedeuten nicht, dass man seine "Existenz" sichert! - Sondern das meine eine "Existenz" schafft. Etwas was z.B. seine eigene Existenz überdauert... etwas was eine eigene Identität hat. Wer schon mal gegründet hat kennt das Gefühl, dass man gerne von einem "Kind" spricht, dass man pflegen muss, und dass es irgendwann erwachsen wird, und seine eigenen Regel aufstellt. Der Begriff ist eher philosophisch zu intepretieren.

  • Martin Weigert

    03.06.13 (11:22:11)

    Zuerst: danke für das Lob. Ich empfinde genau deine Argumentation bzw. Problemanalyse sinnbildlich für die deutsche Mentalität: Die Forderung nach dem sozialen Netz, nach Sicherheit und Risikominimierung. Gründung ist Risiko. Ich kann nicht beurteilen, inwieweit die sozialen Sicherungsnetze seit der Dotcom-Ära abgebaut worden sind (zur Dotcom-Zeit war ich zu jung), ich kann aber konstatieren, dass seitdem auch das Gründen im Tech-Bereich deutlich günstiger geworden ist. Alles existiert: Cloudinfrastruktur, Best Practices, günstige Dienstleistungen für Startups, Nutzer/Kunden. Ein Gründer muss heute ein vergleichsweise geringes Risiko eingehen. Damit wäre dann der eventuelle Rückbau der Sozialsysteme aus Sicht von Gründern ausgeglichen, weil auch ihre Investitionen und Risiken geringer sind als früher. Entscheidend ist meines Erachtens nach nicht, ob ein gescheiterter Gründer sofort finanzielle Unterstützung vom Staat bekommt, sondern wie sein Umfeld reagiert. Mit einem "Ich wusste doch, dass das nichts werden kann" oder einem "Mach dir nichts draus, hast was gelernt, weiter geht's!". Hier macht sich Mentalität bemerkbar, und hier fehlte bisher in Deutschland die moralische Unterstützung für Gründer. Wer nur Bedenkenträger und kompromisslos "kritische Geister" um sich herum hat, dem fällt es deutlich schwer, sich nach einer Niederlage wieder aufzurafffen. Da ich seit 2006 in Schweden wohne, wo tatsächlich eine ganz andere Mentalität herrscht, was dies betrifft, merke ich bei jedem Deutschlandbesuch ganz gut, was genau die deutsche Mentalität ausmacht.

  • Klaus Nunnmann

    04.06.13 (22:46:18)

    "Da ich seit 2006 in Schweden wohne, wo tatsächlich eine ganz andere Mentalität herrscht, was dies betrifft, merke ich bei jedem Deutschlandbesuch ganz gut, was genau die deutsche Mentalität ausmacht." Schweden hat wohl das stärkeste Soziale Netz in ganz Europa. Natürlich ist dort auch eine andere Mentalität. Das habe ich eigentlich auch als Grundlage meine Argumentation genutzt. Jetzt verstehe ich deine Sichtweise. "Die Forderung nach dem sozialen Netz, nach Sicherheit und Risikominimierung. Gründung ist Risiko." Bitte selber gründen und dann urteilen. Wenn 8 von 10 Gründungen nach zwei Jahren nicht mehr exitieren, dann ist es deine Aufgabe als Gründer das Risiko des Scheiterns zu minimieren. Die meisten haben den Irrglaube jedem Risiko stehen entsprechende Chachen entgegen. Das ist vllt in der Theorie so. In der Praxis kriegst nicht mal ein Cent von der Bank, wenn du nicht nachweisen kannst, das du alle Risiken auf eine Minimum reduzieren kannst! "Ein Gründer muss heute ein vergleichsweise geringes Risiko eingehen. Damit wäre dann der eventuelle Rückbau der Sozialsysteme aus Sicht von Gründern ausgeglichen, weil auch ihre Investitionen und Risiken geringer sind als früher." Wenn du 10 Jahre als Arbeitnehmer gearbeitet hast und dann 1 Monat als Arbeitgeber arbeites, dann verlierst du Anspruch Arbeitslosengeld vollständig (vergiss nicht das man die ganze Zeit etwas eingezahlt hat!). Wenn du dann eine Harz 4 Opfer bist - ca. 480 € im Monat - , wird das Kindergeld auf Harz 4 aufgerechent. Bei zwei Kindern (a 200 €) hast du gut 80 € um dann deine private Krakenversicherung zu bezahlen - 360 €. Sprich du hast etwa (bei Miete von 500 € - minus 200 € Wohngeld) - ca. -580 € pro Monat die du mit Harz 4 aufbrigen musst, um dein Heim zu bezahlen. Dann haben aber deine Kinder immer noch nichts zu essen. Das du sie natürlich aus Kita nehmen musst (230 € pro Kind) ist dann wohl klar. Bitte - in Schweden ist das wohl etwas ganz anderes. Und wenn meine Mitmenschen mich warnen zu gründen, dann in der Erkenntnis, dass ein Scheitern meine Existens kosten kann. In einem Land wie Schweden hat man was gelernt und kann dann weiter machen - in Deutschland musst du zu deinen Eltern ziehen. Und das hat nicht Mentalität sondern mit Mathematik zu tun.

  • Klaus Kramer

    05.06.13 (14:37:34)

    Ich bin Kanadier, und lebe sowohl hier in Deutschland als auch in Kanada. Zwischen beiden Laendern liegt ein Universum was die Mentalitaet zum Leben und zur Selbststaendigkeit betrifft. Ich bin 61 Jahre alt und habe hier und in Kanada eine Firma gegruendet, ohne mich auf das deutsche bzw. auf das kanadische Sicherheitsnetz zu verlassen...ich haette hier auch keinen Rechtsanspruch darauf, und ich wuerde es auch grundsaetzlich nicht annehmen. Und ja, die Einwaende von sogenannten "gutmeinenden Mitmenschen" hier in Deutschland ist enorm mit Bezug auf die Selbststaendigkeit im Allgemeinen. Der Kuschelkapitalismus der in Deutschland gepflegt wird, generiert eine Art und Weise des Denkens das kein Risiko zulaesst. Well then, ....aber auf der anderen Seite entstehen Bemerkungen die deutscher nicht sein koennten: "Mentalitaet laesst sich nicht per Gesetz aendern"...als ob alles in Deutschland per Regeln zu aendern waere. Gentlemen I got news for you all....a "mentality law" seems to be the only way to rule the German mind set...sorry for being sarcastic.

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