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05.01.08

Helmut Markwort: Es gibt nichts Gutes, außer Litotes

Fingerfood für Mittelständler: Focus-Chefredakteur Helmut Markwort schreibt ein öffentliches Tagebuch. In seinem aktuellen Kommentar zur Prügel-Attacke auf einen Rentner in der Münchner U-Bahn spielt er virtuos mit den Fakten.

Helmut Markwort

Focus-Chef Helmut Markwort auf dem Münchner Mediengipfel '04 (Bild: Keystone)

"Auf jeder Feier begegnest du dem Meier!" - dieser Satz wäre für einen Betroffenen nicht gerade schmeichelhaft. "Keine Feier ohne Meier!" aber, das ist - ganz abgesehen vom werblicheren Schmiss - schon ein anderer Schuh: Aus Meier, dem Unvermeidlichen, wurde Meier, der Unverzichtbare. Verantwortlich dafür ist die 'Litotes' oder die 'doppelte Verneinung'.

Allerdings kann diese Redepirouette auch eine ganze Menge Blödsinn anrichten, weil sie 'wahre Verhältnisse' durch ihre logische Kreisbewegung verwirrt, obwohl sie nach den zwei Negationen wieder auf dem gleichen Punkt zu landen scheint.

Hier ein konstruiertes Beispiel aus der spekulativen Geschichtsschreibung: "Ohne den Führer gäbe es keine demokratische Bundesrepublik".

 

Das ist eine 'eigentlich' wahre Aussage, weil wir ohne den Weltkrieg und den blutigen Massenmord des GröSchwaZ tatsächlich noch immer in einer 'repulikanischen Monarchie' wie in Frankreich oder Polen leben würden: unter einer Präsidialverfassung also. Erst der Sieg der Alliierten machte aus Deutschland ein föderales oder bundesrepublikanisches Staatswesen.

Trotzdem ist die Litotes dort oben übelste Rhetorik, weil sie Hitler zum Ahnherrn der Demokratie in Deutschland zu ernennen scheint, ohne dabei direkt falsch zu sein. Eine überaus tückische Waffe also, diese doppelte Verneinung, weil sich mit ihrer Hilfe disparate Dinge pseudogültig verknüpfen lassen: Ohne Kinder keine Kinderschänder.

Im deutschen Journalismus handhabt besonders ein Alphajournalist diese Litotes virtuos, womit ich unsere kleine Serie fortsetze. Die Rede ist von Helmut Markwort, dem Chefredakteur des 'Focus', der an zwei Tagen in der Woche ein öffentliches Tagebuch zu führen pflegt, das auch im Netz zu finden ist. Die ersten Einträge des neuen Jahres tragen den schönen Titel "Mehr Angst vor Verbrechern".

Helmut Markwort

Auch wenn der Link mittlerweile ins Nichts führt, den Text gibt es wirklich...

Schon die Leitthese des Editorials ist gleich eine vollwertige Litotes:

 

"Ohne die Videokameras ... wäre der lebensgefährliche Überfall auf einen pensionierten Schuldirektor nicht aufgeklärt worden".

Zugegebenermaßen eine steile These, die auch keinem 'nachträglichen' Realitätstest unterliegen kann, nachdem die Tat bereits aufgeklärt ist. Begnügen wir uns daher mit 'Fakten, Fakten, Fakten': Denn Markworts These ist schlicht und ergreifend deshalb falsch, bestenfalls ist sie schlecht recherchiert, weil die Täter dank eines gestohlenen Handys gefasst wurden, und eben nicht durch jene Videokameras, auf die Markwort 'fokussiert'. Dort waren nur zwei graue Gestalten zu sehen, die auf eine dritte liegende eintraten.

Beim zweiten Münchner Überfall dann, wenige Tage darauf, konnten die Täter trotz Videoüberwachung bis heute (Stand 3. 1.) überhaupt noch nicht identifiziert werden. Man könnte boshaft mit gleichem Recht formulieren: Videoüberwachung bringt fahndungstechnisch wenig bis nichts!

Zu demagogisch-politischen Zwecken aber ist das Herstellen eines Markwort'schen Kausalzusammenhangs mit Hilfe der Litotes natürlich wunderbar geeignet. Der bekennende Konservative und Marktradikale schließt auf seinem verstiegenen Logikausflug sofort eine zweite Litotes an, die diesmal faktisch halbwegs richtig ist:

"Ohne die brutalen Szenen ... wären Millionen Zuschauer in ihren Wohnzimmern, Politiker, die nur bei Jubiläumsfahrten die U-Bahn benutzen, und Juristen, die Verbrechen nur aus Akten kennen, nicht alarmiert worden".

Noch präziser hätte die Aussage lauten müssen: "Ohne die massenmediale Übertragung der brutalen Szenen ..." - aber gut, wir dürfen auch von Alphajournalisten nicht alles verlangen. Die große Aufregung jedenfalls entstand doch, weil alle Medien sich auf das Thema stürzten, weil sie das Ereignis in einer monothematischen Medienlandschaft zur 'Sau der Woche' machten.

Die Realität aber sieht - leider! - nicht so exzeptionell aus, wie sie im 'Focus' dargestellt wird: Dass irgendwo ein anderer Mensch von jugendlichen Schlägern zusammengeprügelt wird, auch von ausländischen Tätern, mit solchen 'Banalitäten' sind bundesweit die Polizeiakten seit Jahren übervoll. Ohne dass irgendein Medium davon üblicherweise Notiz nähme. Längst ist "ein Milieu entstanden, das sozialen Sprengstoff birgt", darin wäre dem Herrn Markwort voll und ganz zuzustimmen.

Suche trotzdem niemand bei ihm nach einem Lösungsvorschlag zur Entschärfung des konstatierten Sprengstoffs. Einzig die Feigheit des Publikums wird im dritten Glied der Markwort'schen Litotes-Kette generalpräventiv an die Wand gestellt:

"Trotz der Überwachungskameras haben sich Zeugen aus der U-Bahn und aus dem Bahnhof nicht gemeldet. Sie haben nicht eingegriffen ..."

Aber Vorsicht, Herr Markwort, wie stünden Sie jetzt da, wenn sich ein Zeuge meldete, der aussagen würde, dass er sich wegen der vielen Videokameras bisher nicht gemeldet hätte? Weil er davon ausgegangen wäre, dass diese Überwachung auch wirksam sei. Denn Videokameras delegieren schließlich Verantwortung vom Publikum an die Technik weg.

Kurzum: Bei Markworts Entrüstung handelt es sich schlicht um empörte Hilflosigkeit, um hier die netteste Formulierung zu wählen, die mir gerade so einfiel. Bleibt die Frage, wem denn die soziale Lösungsferne des 'Focus' nützt?

Politisch natürlich allen, die innenpolitisch diesen Staat weiter verdaten und verdrahten möchten. Öffentlich aber redet der Text jener Bevölkerungsgruppe nach dem Mund, bei der Helmut Markwort eindeutig punkten will: Er argumentiert auf der Ebene des Kleinbürgers, der 'den Verhältnissen' ewig hilflos ausgeliefert bleiben wird und deshalb mit einem gewissen Schaum vor dem Mund ständig Undurchführbares als Lösung fordert. Jene 'radikale Mitte' also, die alles doppelt verneint, damit das Bestehende bestehen bleiben kann. Martin Walser hat in seinen Romanen diesen Typus, der seinen Chef contre coeur schon deshalb lieben muss, damit ihm sein eigenes Leben noch sinnvoll erscheint, -zigfach und unübertrefflich porträtiert.

Die logischen Fehler, die Markwort in seinem Text gleich reihenweise begeht, die haben also System; sie sind gar keine mehr, wenn wir die Zielgruppe des 'Focus' ins Auge fassen. Sie sind - Markwort ist in meinen Augen ein Mann, der weiß, was er tut - bewusst und intentional platziert. Und sie gehören zwingend hinzu zu jener "modernen Erzählform" (Markwort), die der 'Focus' praktiziert, als Organ einer zuvor schwer vernachlässigten Zielgruppe. Der Kleinbürger überbietet sich ständig in seinen Absurditäten, er wartet immer irgendwie auf Godot und auf einen Lottogewinn. Diesem Affen gibt Markwort redaktionell Zucker. Dafür spricht auch das Statement des langjährigen FDP-Mitglieds in diesem FAZ-Interview:

"Ich glaube, dass diese nichtlinke, bürgerliche Position ... die arbeitende Mehrheit anspricht: Leute, die ich so treffe, Mittelständler, die eher am Gelderwerb interessiert sind. Die arbeiten Tag und Nacht, die lesen nicht so viel, haben aber einen klaren Standpunkt."

Der dazu noch regelmäßig undurchführbar ist, möchte man ergänzen, weil die soziale Logik des Kleinbürgers in der Konsequenz immer entweder aufs Aufhängen oder Wegsperren hinausläuft. Die Erfolgsgeschichte des 'Focus' ist daher komplett mit dieser Zielgruppe erklärbar - Informationshäppchen für eine dezidiert informationsferne Nichtelite.

Mir allerdings geht es, wenn mir der 'Focus' in irgendeinem Wartezimmer in die Hände fällt, ähnlich wie mit den Schnittchen auf mancher Pressekonferenz. Man isst hier ein Canapé und dort ein Häppchen Fingerfood - verlässt man aber die Veranstaltung wieder, dann hat noch niemand je das Gefühl gehabt, ein vollwertiges Abendbrot bekommen zu haben.

Ganz ähnlich geht es mir mit dem 'Focus': Ich schaue hier auf eine informative Tortengrafik, stoße dort auf eine Statistik, vermesse da ein Balkendiagramm, ich finde manchmal sogar Adressen. Am Ende des Durchblättchens habe ich trotzdem niemals das Gefühl, nicht weiterhin blöd zu sein ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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