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05.01.08Leser-Kommentare

Helmut Markwort: Es gibt nichts Gutes, außer Litotes

Fingerfood für Mittelständler: Focus-Chefredakteur Helmut Markwort schreibt ein öffentliches Tagebuch. In seinem aktuellen Kommentar zur Prügel-Attacke auf einen Rentner in der Münchner U-Bahn spielt er virtuos mit den Fakten.

Helmut Markwort

Focus-Chef Helmut Markwort auf dem Münchner Mediengipfel '04 (Bild: Keystone)

"Auf jeder Feier begegnest du dem Meier!" - dieser Satz wäre für einen Betroffenen nicht gerade schmeichelhaft. "Keine Feier ohne Meier!" aber, das ist - ganz abgesehen vom werblicheren Schmiss - schon ein anderer Schuh: Aus Meier, dem Unvermeidlichen, wurde Meier, der Unverzichtbare. Verantwortlich dafür ist die 'Litotes' oder die 'doppelte Verneinung'.

Allerdings kann diese Redepirouette auch eine ganze Menge Blödsinn anrichten, weil sie 'wahre Verhältnisse' durch ihre logische Kreisbewegung verwirrt, obwohl sie nach den zwei Negationen wieder auf dem gleichen Punkt zu landen scheint.

Hier ein konstruiertes Beispiel aus der spekulativen Geschichtsschreibung: "Ohne den Führer gäbe es keine demokratische Bundesrepublik".

 

Das ist eine 'eigentlich' wahre Aussage, weil wir ohne den Weltkrieg und den blutigen Massenmord des GröSchwaZ tatsächlich noch immer in einer 'repulikanischen Monarchie' wie in Frankreich oder Polen leben würden: unter einer Präsidialverfassung also. Erst der Sieg der Alliierten machte aus Deutschland ein föderales oder bundesrepublikanisches Staatswesen.

Trotzdem ist die Litotes dort oben übelste Rhetorik, weil sie Hitler zum Ahnherrn der Demokratie in Deutschland zu ernennen scheint, ohne dabei direkt falsch zu sein. Eine überaus tückische Waffe also, diese doppelte Verneinung, weil sich mit ihrer Hilfe disparate Dinge pseudogültig verknüpfen lassen: Ohne Kinder keine Kinderschänder.

Im deutschen Journalismus handhabt besonders ein Alphajournalist diese Litotes virtuos, womit ich unsere kleine Serie fortsetze. Die Rede ist von Helmut Markwort, dem Chefredakteur des 'Focus', der an zwei Tagen in der Woche ein öffentliches Tagebuch zu führen pflegt, das auch im Netz zu finden ist. Die ersten Einträge des neuen Jahres tragen den schönen Titel "Mehr Angst vor Verbrechern".

Helmut Markwort

Auch wenn der Link mittlerweile ins Nichts führt, den Text gibt es wirklich...

Schon die Leitthese des Editorials ist gleich eine vollwertige Litotes:

 

"Ohne die Videokameras ... wäre der lebensgefährliche Überfall auf einen pensionierten Schuldirektor nicht aufgeklärt worden".

Zugegebenermaßen eine steile These, die auch keinem 'nachträglichen' Realitätstest unterliegen kann, nachdem die Tat bereits aufgeklärt ist. Begnügen wir uns daher mit 'Fakten, Fakten, Fakten': Denn Markworts These ist schlicht und ergreifend deshalb falsch, bestenfalls ist sie schlecht recherchiert, weil die Täter dank eines gestohlenen Handys gefasst wurden, und eben nicht durch jene Videokameras, auf die Markwort 'fokussiert'. Dort waren nur zwei graue Gestalten zu sehen, die auf eine dritte liegende eintraten.

Beim zweiten Münchner Überfall dann, wenige Tage darauf, konnten die Täter trotz Videoüberwachung bis heute (Stand 3. 1.) überhaupt noch nicht identifiziert werden. Man könnte boshaft mit gleichem Recht formulieren: Videoüberwachung bringt fahndungstechnisch wenig bis nichts!

Zu demagogisch-politischen Zwecken aber ist das Herstellen eines Markwort'schen Kausalzusammenhangs mit Hilfe der Litotes natürlich wunderbar geeignet. Der bekennende Konservative und Marktradikale schließt auf seinem verstiegenen Logikausflug sofort eine zweite Litotes an, die diesmal faktisch halbwegs richtig ist:

"Ohne die brutalen Szenen ... wären Millionen Zuschauer in ihren Wohnzimmern, Politiker, die nur bei Jubiläumsfahrten die U-Bahn benutzen, und Juristen, die Verbrechen nur aus Akten kennen, nicht alarmiert worden".

Noch präziser hätte die Aussage lauten müssen: "Ohne die massenmediale Übertragung der brutalen Szenen ..." - aber gut, wir dürfen auch von Alphajournalisten nicht alles verlangen. Die große Aufregung jedenfalls entstand doch, weil alle Medien sich auf das Thema stürzten, weil sie das Ereignis in einer monothematischen Medienlandschaft zur 'Sau der Woche' machten.

Die Realität aber sieht - leider! - nicht so exzeptionell aus, wie sie im 'Focus' dargestellt wird: Dass irgendwo ein anderer Mensch von jugendlichen Schlägern zusammengeprügelt wird, auch von ausländischen Tätern, mit solchen 'Banalitäten' sind bundesweit die Polizeiakten seit Jahren übervoll. Ohne dass irgendein Medium davon üblicherweise Notiz nähme. Längst ist "ein Milieu entstanden, das sozialen Sprengstoff birgt", darin wäre dem Herrn Markwort voll und ganz zuzustimmen.

Suche trotzdem niemand bei ihm nach einem Lösungsvorschlag zur Entschärfung des konstatierten Sprengstoffs. Einzig die Feigheit des Publikums wird im dritten Glied der Markwort'schen Litotes-Kette generalpräventiv an die Wand gestellt:

"Trotz der Überwachungskameras haben sich Zeugen aus der U-Bahn und aus dem Bahnhof nicht gemeldet. Sie haben nicht eingegriffen ..."

Aber Vorsicht, Herr Markwort, wie stünden Sie jetzt da, wenn sich ein Zeuge meldete, der aussagen würde, dass er sich wegen der vielen Videokameras bisher nicht gemeldet hätte? Weil er davon ausgegangen wäre, dass diese Überwachung auch wirksam sei. Denn Videokameras delegieren schließlich Verantwortung vom Publikum an die Technik weg.

Kurzum: Bei Markworts Entrüstung handelt es sich schlicht um empörte Hilflosigkeit, um hier die netteste Formulierung zu wählen, die mir gerade so einfiel. Bleibt die Frage, wem denn die soziale Lösungsferne des 'Focus' nützt?

Politisch natürlich allen, die innenpolitisch diesen Staat weiter verdaten und verdrahten möchten. Öffentlich aber redet der Text jener Bevölkerungsgruppe nach dem Mund, bei der Helmut Markwort eindeutig punkten will: Er argumentiert auf der Ebene des Kleinbürgers, der 'den Verhältnissen' ewig hilflos ausgeliefert bleiben wird und deshalb mit einem gewissen Schaum vor dem Mund ständig Undurchführbares als Lösung fordert. Jene 'radikale Mitte' also, die alles doppelt verneint, damit das Bestehende bestehen bleiben kann. Martin Walser hat in seinen Romanen diesen Typus, der seinen Chef contre coeur schon deshalb lieben muss, damit ihm sein eigenes Leben noch sinnvoll erscheint, -zigfach und unübertrefflich porträtiert.

Die logischen Fehler, die Markwort in seinem Text gleich reihenweise begeht, die haben also System; sie sind gar keine mehr, wenn wir die Zielgruppe des 'Focus' ins Auge fassen. Sie sind - Markwort ist in meinen Augen ein Mann, der weiß, was er tut - bewusst und intentional platziert. Und sie gehören zwingend hinzu zu jener "modernen Erzählform" (Markwort), die der 'Focus' praktiziert, als Organ einer zuvor schwer vernachlässigten Zielgruppe. Der Kleinbürger überbietet sich ständig in seinen Absurditäten, er wartet immer irgendwie auf Godot und auf einen Lottogewinn. Diesem Affen gibt Markwort redaktionell Zucker. Dafür spricht auch das Statement des langjährigen FDP-Mitglieds in diesem FAZ-Interview:

"Ich glaube, dass diese nichtlinke, bürgerliche Position ... die arbeitende Mehrheit anspricht: Leute, die ich so treffe, Mittelständler, die eher am Gelderwerb interessiert sind. Die arbeiten Tag und Nacht, die lesen nicht so viel, haben aber einen klaren Standpunkt."

Der dazu noch regelmäßig undurchführbar ist, möchte man ergänzen, weil die soziale Logik des Kleinbürgers in der Konsequenz immer entweder aufs Aufhängen oder Wegsperren hinausläuft. Die Erfolgsgeschichte des 'Focus' ist daher komplett mit dieser Zielgruppe erklärbar - Informationshäppchen für eine dezidiert informationsferne Nichtelite.

Mir allerdings geht es, wenn mir der 'Focus' in irgendeinem Wartezimmer in die Hände fällt, ähnlich wie mit den Schnittchen auf mancher Pressekonferenz. Man isst hier ein Canapé und dort ein Häppchen Fingerfood - verlässt man aber die Veranstaltung wieder, dann hat noch niemand je das Gefühl gehabt, ein vollwertiges Abendbrot bekommen zu haben.

Ganz ähnlich geht es mir mit dem 'Focus': Ich schaue hier auf eine informative Tortengrafik, stoße dort auf eine Statistik, vermesse da ein Balkendiagramm, ich finde manchmal sogar Adressen. Am Ende des Durchblättchens habe ich trotzdem niemals das Gefühl, nicht weiterhin blöd zu sein ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Großbürger

    06.01.08 (12:02:38)

    Ich habe verstanden: "Die soziale Logik des Kleinbürgers" - typischer Repräsentant: der verprügelte, pensionierte Lehrer in München - "läuft in der Konsequenz IMMER entweder aufs Aufhängen oder Wegsperren hinaus." Schön, dass ich selbst ein Großbürger bin. Ich brauche kein U-Bahn, auch meine Frau braucht keine U-Bahn, auch nachts nicht, ich brauche auch keine Überwachungskamera. Danke, dass Sie mir aus der Seele sprachen!

  • Klaus Jarchow

    06.01.08 (13:33:04)

    Nun, definitionsgemäß ist ein Kleinbürger derjenige Kleinbesitzer, dessen Existenz weiterhin primär vom Ertrag seiner Arbeit abhängt. Insofern ist ein pensionierter Lehrer immer auch ein 'Kleinbürger': "Heute meint der Begriff einen mit Kleinbesitz und sozialen Vorurteilen verbundenen Lebensstil". Der typische 'Häuslebesitzer' ist der typische Kleinbürger, wenn Sie so wollen ... Die Frage ist auch gar nicht, wie die Situation in den U-Bahnen heutzutage ist: Die ist übrigens besser als ihr Ruf, die Kriminalität dort sinkt in den meisten Städten. Es geht darum, ob die Kausalität zwischen Videokamera und Täterergreifung besteht, die Markwort behauptet. Die eben besteht nicht, siehe z.B. das hier: "Der Einsatz von Videokameras hat die Kriminalitätsrate in Bahnhöfen und Zügen der Berliner Verkehrsbetriebe nicht gesenkt. Zu diesem Ergebnis kommt ein geheimer Bericht des Berliner Büros für angewandte Statistik, dessen Offenlegung die Humanistische Union nun erstritten hat". Und die Müncherner Täter wurden auch nicht wegen der Videokameras ergriffen. Der Herr Markwort fährt übrigens, vermute ich mal, keine U-Bahn. Vielleicht könnten Sie mit ihm eine Fahrgemeinschaft bilden?

  • Bernd

    06.01.08 (14:14:35)

    Braucht der denn nicht die ganze S-Klasse für sich? (So rein volumenmäßig...)

  • Großbürger

    06.01.08 (14:54:08)

    Danke für die begriffliche Erläuterung, man lernt ja nie aus. Sind Sie nun Großbürger (wie ich), oder ein Kleinbesitzer mit sozialen Vorurteilen, also ein Kleinbürger, oder ein Kleinbesitzer ohne soziale Vorurteile. Ich frage deswegen, weil ich als Großbürger bevorzugt standesgemäß kommuniziere. Würden Sie sagen, dass "soziale Vorurteile" in der Konsequenz immer aufs Aufhängen oder Wegsperren hinauslaufen, oder nur dann, wenn der Vorurteilende kleinen (oder keinen?) Besitz hat. Interessant wäre, ob der in München verprügelte Ex-Lehrer vorher soziale Vorurteile hatte (und vielleicht deswegen verprügelt wurde) oder neuerdings "soziale Vorurteile" hat. Die Studie zu den Videokameras ist interessant, wobei Sie mir als Medienleser vielleicht helfen könnnen. In der WELT steht: "In dem Zeitraum (Anm. 3. März 2006 bis zum 16. Oktober 2006) wurden 261 Vorfälle erfasst ? die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasste im Vorjahreszeitraum mehr als 8000 Fälle. In 78 Fällen war Bildmaterial vorhanden, aber nur bei knapp einem Drittel reichte die Qualität, um Verdächtige zu identifizieren." Wie kann sich daraus als "Zwischenbilanz" ergeben: "Videokameras in U-Bahn bringen keine Sicherheit" Vorjahreszeitraum: 8000 Fälle, Zeitraum (mit Videoüberwachung): 261 Vorfälle. Nach meinem (großbürgerlichen) Verständnis ist das eigentlich ein Rückgang von ca. 96,7%. Meine kleinbürgerlichen Freunde "fühlen" sich übrigens nachts um 00:30 in der U-Bahn einen Tick sicherer, wenn sie im Sichtfeld einer Kamera sind. Einer, der eine Frau (fast) auf die Gleise (vor einen ankommenden Zug) geschubst hätte, sei deswegen bald identifiziert worden, auch die (erfolglosen) Kofferbomber und die erfolgreichen Bomber in der Londoner U-Bahn seien durch die Videokameras schneller identifziert worden. Wie gesagt, ich bin Großbürger und lasse mich von meinem Chauffeur chauffieren. Solange ich auf der Flucht vor dem Fegefeuer der Eitelkeiten nicht irgendwo in der Bronx lande, interessiert mich die Sache also nicht sonderlich. Na ja, also Medien und Blogs lese ich ganz gerne und lerne auch gerne dazu. Zum Beispiel bei Ihnen.

  • Großbürger

    06.01.08 (15:04:52)

    @Bernd: "Braucht der denn nicht die ganze S-Klasse für sich?" Meinten Sie mich? Dann kann ich nur sagen: Typisch Kleinbürger, ohne soziale Vorurteile geht es wohl nicht.

  • Martin Rath

    06.01.08 (15:19:11)

    Der 'Focus' hinterlässt kein geistiges Sättigungsgefühl? Na, immerhin wirkt er, um für mich zu sprechen, dabei zumindest nicht wie Design-Schokolade aus dem Foodlabor, die bei erstmaligem Konsum durch bitteren Nachgeschmack zu weiterem Konsum reizt. Wer den 'Focus' einmal gelesen hat, sollte auch für immer bedient sein. Dass dieses Magazin indes seine, die beschriebene Zielgruppe hat, zeigt die öffentliche (Nicht-) Reaktion auf neue, alte Strafvollzugsphantasien von Politikern, die das gleiche Publikum bedienen. Mir fehlt bei den Erziehungs-Camp-Forderungen jedenfalls der öffentliche Aufschrei mit der hübsch paradoxen Volte Wiglaf Drostes: "Wer vom Lager für andere träumt, darf gern selbst hinein."

  • Jean-Claude

    06.01.08 (15:31:47)

    Das in dem Jarchow-Text angesprochene Phänomen, wie man das Tema Sicherheit politisch und publizistisch instrumentalisiert, ist wirklich interessant - und international. Beispiel 1: Ich wohne in einer mittelgrossen Schweizer Stadt. Eine Rechtspartei fand, die Stadt sei unsicher geworden, es müssten Video-Kameras her, um insbesondere einen zentralen Platz 24 Stunden in jedem Winkel zu überwachen. Die Polizei druckst herum, die Kriminalität habe nicht zu-, sondern abgenommen. Zugenommen habe bei einzenen Straftaten die Brutalität, aber die habe mit diesem Platz nichts zu tun und sie sei mit Kameras nicht zu bekämpfen. Die Aufklärungsrate werde nicht steigen, die Beamten könnten die Zeit besser draussen verwenden, statt 24 Stundne vor zahllosen Monitoren zu dösen. Nützte nichts, die Bürger stimmten der vernetzten Ueberwachung zu. Man hatte ihnen politisch eine subjektive Unsicherheit erfolgreich eingeredet. Beispiel 2: In den USA konnte man vor wenigen Jahren auf jedem Highway die Warnung auf grossen elektronischen Tafeln lesen: "Wenn Sie etwas Verdächtiges sehen, melden Sie sich sofort unter der Nummer xy." Die Angst vor Terroristen kroch so bis in den hintersten Winkel des Bibel Belts. Allein die elektronischen Anzeigen signalisierten: Bin Laden lauert an jeder Ecke. Die Leute glaubten es. Die Aufklärungsquote von Verbrechen stieg jedoch nicht im Geringsten. Heute sind diese Alarmanzeigen grösstenteils verschwunden. Innere Sicherheit ist im Wahlkampf kaum noch ein Thema. Jetzt dominiert die Angst vor sozialem und wirtschaftlichem Abstieg. Angst macht Menschen gefügig und führbar. Ich glaube nicht, dass Herr Marktwort so weit denkt. Er surft einfach auf der Welle mit. Das hat er als Journalist so gelernt: Innere Sicherheit ist doch DAS Thema, Jungs! Das lässt sich hochdrehen. (Als Journalist weiss ich, wie das geht). Dass der Münchner Fall weder durch Videokameras verhindert, noch aufgeklärt wurde, dass sie im Gegenteil Sicherheit vorgaukeln, ist eine wichtige Information. Und dass sie die Leute eher davon abhalten, einzugreifen, auch . Wir lassen uns wirklich von einem Extrem ist nächste jagen.

  • Bernd

    06.01.08 (15:44:25)

    @Großburger ("Super Size Me"????) Wo steht mein Kommentar? genau, unter "Der Herr Markwort fährt übrigens, vermute ich mal, keine U-Bahn. Vielleicht könnten Sie mit ihm eine Fahrgemeinschaft bilden?" Und dann schauen Sie sich mal Fotos des Herrn Markwort an. Also: Wen könnte ich wohl gemeint haben? Wenn Sie sich den großen Schuh anziehen wollen, bittesehr. Deshalb werden Sie aber noch nicht Chefredakteur des Focus. Und ach ja, Großbürger, aber Blogs lesen. Nee, das ist doch nun gar nicht standesgemäß. Großbürger lesen doch nicht selbst. Die lassen lesen.

  • Klaus Jarchow

    06.01.08 (16:28:56)

    Bester Großbürger, gestatten Sie mir zunächst, dass ich den Blick wieder geradeaus richte, das ständige Kopf-in-den-Nacken-Legen macht mir auf Dauer Mühe. Jedenfalls finde ich es einfach schön, dass auch die Großen dieser Welt in unserer Kleinbürgerklitsche vorbeischauen und - in ihren eigenen Worten - sogar noch etwas lernen können. Obwohl mir - aber das mag ein Vorurteil sein - es so vorkommt, als würden die echten Großbürger uns in der Regel 'gar net erst ignorieren'. Sie fallen als leutseliger Mensch da wohl aus Ihrem Stand heraus - vielleicht aber haben sie ja auch irgendwo eine Videokamerafabrik in Ihrem Portefeuille und Sie reden daher ein wenig 'pro domo'. Zurück zum Thema: Vorurteile hat jede gesellschaftliche Gruppe, jede auf ihre Weise, nur sind typisch kleinbürgerliche Vorurteile so strukturiert, dass sie in die Aporie führen, also keine realistische Handlungsmöglichkeit bieten, deshalb, weil der Kleinbürger zwar ständig mit seinem Status quo unzufrieden ist, sich ihn aber auch nicht zu verlassen traut. Aus der historischen Erfahrung verbrannter Finger heraus. Ausnahmen gibt es nur, wenn sich alle 1.000 Jahre oder so mal ein charismatischer Wundermann findet, der mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet den Willen des Kleinbürgers exekutieren darf - so ein Adoof eben. Der Lehrer aus der Münchner U-Bahn scheint mir übrigens bemerkenswert frei von Vorurteilen, jedenfalls hat er sich trotz der ihm zugefügten Gewalt bisher höchst besonnen und als echter Pädagoge geäußert und auf die Prävention verwiesen statt auf Richter Lynch. Wenn Sie nicht wissen, wie diese Besonnenheit nun wiederum möglich sein soll, wo doch dieser Lehrer auch ein Kleinbürger gemäß meiner Schablone sei, dann schlagen Sie nach bei Max Weber unter dem Begriff 'Idealtypus'. Da finden Sie ein weites Feld für Ihre soziologische Wissbegierde ... Im übrigen referiere ich nur: Weshalb also die amtlichen Statistiker der Stadt Berlin - gemäß obigem Link - dazu kamen, die Wirksamkeit ihrer eigenen Videoüberwachung zu negieren, das müssen sie diese schon selber fragen. Vermutlich lag's ja an der Statistik ...

  • Großbürger

    06.01.08 (18:59:27)

    Bester Herr Jarchow, verzeihen Sie, dass ich weiterhin nur unter (großbürgerlichem) Pseudonym schreibe. Wir, also Sie und ich und Millionen andere machen uns via Web für einen hypothetischen Big Brother in einem Ausmaß sichtbar, wie es keine Videokamera in einer U-Bahn Station vermöchte. (Müssten Sie vor einer Selbstentblößung in Myspace nicht ebenso warnen wie vor ubiquitären Kameras?) Sie attestieren dem Kleinbürger, dass er keine realistische Handlungsmöglichkeiten bieten könne. Mich interessiert, was Sie als nicht-kleinbürgerlicher Kleinbesitzer einer alten, oder gebrechlichen oder sonst relativ wehrlosen Person empfehlen, die nachts den öffentlichen Nahverkehr nutzen möchte, auch in jenen Außenbereichen, die zu später Stunde kaum frequentiert sind. Videokameras werden böse Buben nicht immer davon abhalten, zuzuschlagen. Aber vielleicht mindern sie das Risiko ein wenig. Und wenn sie doch zuschlagen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, sie zu fassen oder zu überführen. Welche "realistischen Handlungsmöglichkeiten" sehen Sie, um die Sicherheit potentieller Opfer zu erhöhen und die Sicherheit potentieller Täter zu mindern? Möglichkeiten, die schon jetzt greifen und nicht erst die irgendwann erfolgreiche Sozialisierung potentieller Täter voraussetzen. (Kämen Ihre politischen Rezepte zur Anwendung, ich weiß es, hätte sich Brutalität und Kriminalität dieser Art natürlich innerhalb von 10 Jahren verflüchtigt.) Plädieren Sie für mehr berittene Polizei, für kostenlose Taxis oder einfach dafür, sich nachts nicht mehr auf den Weg zu machen? Gerade eben kann man übrigens bei Spiegel Online Folgendes zu neuen Tätlichkeiten lesen: "In der Münchner U-Bahn schlugen mehrere Jugendliche auf zwei junge Fahrgäste ein und traten ihnen gegen den Kopf... Drei der mutmaßlichen Täter seien festgenommen worden. Dabei handele es sich um einen 17-jährigen Iraker und zwei 16 Jahre alte Palästinenser. Es ist der vierte Vorfall dieser Art in der Münchner U-Bahn - innerhalb von nur zwei Wochen. Nach einer ersten Einschätzung der Polizei waren noch zwei weitere Täter an der Schlägerei beteiligt gewesen. Bei ihrer Vernehmung hätten die Opfer angegeben, dass die Gruppe ohne Anlass auf sie losgegangen sei. Im Laufe der Auseinandersetzung seien sie von den Angreifern zu Boden gestoßen und gegen den Kopf getreten worden. Die Fahnder hatten aufgrund des Videomaterials der Überwachungskameras einer U-Bahn-Station die Verdächtigen ermittelt."

  • Klaus Jarchow

    06.01.08 (19:24:22)

    Naja, Sie sind doch der Großbürger - nicht ich. Und deshalb wären Sie für 'Lösungen' zuständig. Aber ich will ja nicht kneifen ... Fakt ist: Die Jugendkriminalität geht bundesweit seit Jahren kontinuierlich und stark zurück. Nur die Gewaltkriminalität nimmt derzeit (um etwa 3,4 % im letzten Jahr) zu, quer durch alle Völkergruppen dieser Republik, die Neonazis 'hauen' ein bisschen stärker raus. Die Zahlen steigen aber vor allem durch eine verstärkte Anzeigenbereitschaft und Zivilcourage, nicht durch einen Anstieg der Gewalttaten. Auch unter Jugendlichen - selbst unter den ausländischen - nimmt die Verachtung von Gewalt zu. Das hätten Sie übrigens heute abend alles im 'Bericht aus Berlin' der ARD sehen können, einer ziemlich seriösen Quelle, die sich mit Kochs Desperado-Wahlkampf beschäftigte: "Da muss man was tun, wird laut gefordert, obwohl doch die Zahl junger Straftäter seit Jahren kontinuierlich zurückgeht. Von fast 720 000 auf 620 000 in nur sechs Jahren." Auch die Sicherheitslage in den U-Bahnen hat sich erheblich verbessert, es gab vor allem eine Zeitlang Doppelstreifen diverser Verkehrsgesellschaften, auf die man aber wieder verzichtete, als sich das Unsicherheitsgefühl der Fahrgäste durch eine ständige uniformierte Präsenz verstärkte (der öffentliche U-Bahn-Raum schien dadurch bedrohter zu sein als er war). Der letzte Münchner Fall, den Sie schildern, klingt für mich eher nach einer Keilerei unter Jugendlichen, wie ich sie auch aus meiner Jugend kenne (wir mussten zum Beispiel ständig der sog. 'Holzhafen-Gang' ausweichen). Nur die Medienaufmerksamkeit ist derzeit darauf 'fokussiert' - und ansonsten ist in Hessen Wahlkampf. Weit und breit sehe ich aber sonst nichts Neues unter der Sonne. Andersherum und bewusst provokant gefragt: Da gibt es die Münchner U-Bahn mit einigen Hundertausend Fahrgästen täglich - und dann NUR vier Vorfälle in zwei Wochen? In Mietshaussiedlungen mit mehreren hunderttausend Bewohnern ist da aber mehr los! Sehen Sie, schon bekommt das alles einen ganz anderen Zungenschlag. Dass es unter den jugendlichen Trotteln den einen oder anderen Nachahmungstäter derzeit gibt, das will ich gar nicht bestreiten. Aufmerksamkeit ist eine Währung, im Positiven wie im Negativen, Medien haben da eben auch unerwünschte Auswirkungen ... So - und jetzt wäre Sie auch mal mit 'nen paar Fakten dran. Aufklärung bringt, so einseitig betrieben, nämlich auch keinen Spaß ...

  • Ronnie Grob

    06.01.08 (19:57:38)

    @Klaus Jarchow, nochmals zurück zu deinem Ursprungs-Text, du schreibst: Denn Markworts These ist schlicht und ergreifend deshalb falsch, bestenfalls ist sie schlecht recherchiert, weil die Täter dank eines gestohlenen Handys gefasst wurden, und eben nicht durch jene Videokameras, auf die Markwort ?fokussiert?. Dort waren nur zwei graue Gestalten zu sehen, die auf eine dritte liegende eintraten. Beim zweiten Münchner Überfall dann, wenige Tage darauf, konnten die Täter trotz Videoüberwachung bis heute (Stand 3. 1.) überhaupt noch nicht identifiziert werden. Man könnte boshaft mit gleichem Recht formulieren: Videoüberwachung bringt fahndungstechnisch wenig bis nichts! Fahnungstechnisch mag das nicht in allen Fällen etwas bringen, aber hat man nicht so jetzt ein Beweismittel, das man in einem, sollte es dennoch gelingen, die Täter zu schnappen, darauf folgenden Prozess einsetzen kann? Der zusammengeschlagene Lehrer nämlich wurde von hinten angegriffen und war ziemlich schnell bewusstlos. Da fällt es schwer, vor Gericht zu beschreiben, was denn da passiert ist. Wärst du da als Opfer nicht auch froh, wenn so ein Vorfall dokumentiert wäre?

  • Klaus Jarchow

    06.01.08 (20:23:48)

    Das ist sicherlich richtig, Ronnie, aber das ist ja nicht Markworts These. Er sagt: Ohne Kamera keine Festnahmen. Die Täter aber wurden nun mal durch ein kurz zuvor gestohlenes Handy gefasst. Die eigentliche Schweinerei in meinen Augen besteht übrigens darin, dass sich von Dutzenden Zeugen niemand gemeldet hat. Vor lauter Individualismus vermutlich. Gewissermaßen werden diese Videokameras jetzt nicht als Hilfsfahnder tätig, dafür taugen sie nicht, sondern sei dienen als Ersatzzeugen ...

  • Teja Bernardy

    07.01.08 (18:27:44)

    Das System Markwort im Focus des Zeitstrahls ist eine lineares. Ohne Hugenberg kein Goebbels kein FOCUS, könnte ein Litotes lauten, läßt sich sowas doch durch Fakten, Fakten, Fakten beweisen. Klaus Jarchow spürt einem Werkzeug nach, das den Journalismus vom neutralen Berichterstatter zum Meinungsmacher degradiert. Keineswegs falsch läge, wer für solchen Mechanismus nicht doch die Vokabel "degeneriert" gebrauchen wollte. In der Berichterstattung geht dem Litotes jedoch ein weiteres und nicht nur dem Prinzip der maximalen Faulheit geschuldetes Phänomen voraus: Anstatt der recherchierten Nachricht und ihrer verifizierten Inhalte wird nur noch berichtet, was berichtet wird. Verlautbarungen aus den amtlichen, halbamtlichen, offiziösen Interessenbüros, nicht selten PR-Abteilungen(!) von Politik, Parteien, Industrie, Wirtschaft und Handel landen als wortgetreuer Report in Artikeln und Spalten. Für alles und nichts wird Öffentlichkeit erst erzeugt, um zielgerichtet die Ohnmacht der Massen den Wünschen sogenannter Eliten und ihrer Netzwerke gefügig zu machen. Ein reichlich undemokratisches Verfahren, in welchem Presse sich als vierte Kraft geriert, nicht etwa kritisch begleitend/kontrollierend, sondern eindeutig als partizipierendes Organ. Dies macht die Medienlandschaft in vielerlei Hinsicht den Medienkonsumenten unerträglicher, als sie zu Zeiten legaler Zensur den Herrschenden je gewesen sein kann. Der Diskurs "Großbürger versus Klaus Jarchow" zeigt, auch Großbürger fangen sich gelegentlich in ihrer Berichterstattungsfalle für Kleinbürger. -Allerdings bevorzugt H. Markwort bayernpatriotisch den weiß-blauen Propeller mit der 7 davor.- Das scheinbar harmlose und eher offiziöse Litotes-Markwort-Muster hieß vor 1945 Propaganda, nach 45 im Westen "Pressefreiheit", nur noch im Osten Propaganda. Und jetzt ist den "Litotes-tern" der Begriff abhanden gekommen für das, was immer noch schlecht mit Euphemismus umschrieben ist und auch nur Propaganda heißt. Gehirnwäsche! Funktioniert! Oder glaubt wer wirklich noch, im Irak treibe sich nicht massenhaft Al Qaida rum? Den Verlautbarungen nach muß das inzwischen die volkreichste Nation sein. Paul Sethe hat das vor mehr als 40 Jahren so schön formuliert: "Meinungsfreiheit hierzulande heißt, die 200 Reichsten dürfen uns ihre Meinung sagen." Sie sagen uns, was wir zu meinen haben. Es lebe der Demokratismus! Schließlich ist Focus-Markwort Mandatsträger wie Spiegel-Augstein einer war, und dann noch für den gleichen Verein, von Axel Caesar ganz zu schweigen. Hier dient also jemand dem Burdaverlag und dessen Intentionen, dem Focus-Fakten-Journalismus und einer politischen Partei. Wie blauäugig muß man sein, um nicht wenigstens zu ahnen, dieser Journalismus kann nur von zielgerichtete Absicht getragen sein? Oder will wer Helmut Markwort ernsthaft unterstellen, er wisse nicht um Funktion und Wirkung seines Mediums? Rein analytisch ist die Debatte um innere Sicherheit das Versatzstück zum feudal kontrollierten Obrigkeitsstaat, andererseits die Rollie-inspirierte Verschärfung der Gesetzeslage der Hebel, demokratische Strukturen hinter den Feudalismus zurückzuhieven, was hierzulande konservativ heißt, auch wenn Sozialdemokraten damit hantieren. Wesentliches Herrschaftsinstrument ist "Angst", die mit Hartz IV gezielt gesteigert werden konnte. Zukunftsangst wiederum ist Produkt furchtbarer Gegenwart. Wo sich Masse fürchtet, fehlt Gegenwehr. Die Rechnung geht zu 150% auf. Die Schafe werden nicht einmal mehr zu blöken wagen. Gestattet sein wird es ihnen ohnehin nicht. Selbst dieses Recht wird in Rauch aufgehen, und das ist erst der Anfang prohibitiver Zukunftsperspektive. Politik und Religion waren hier schon immer meisterlich, zieht doch Religion aus jedem einzelnen von Teufel, Hölle, Verdammnis mehr Profit als aus Gott. Die Markwort-Schlagzeile sagt es: "Mehr Angst".

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