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08.03.08Leser-Kommentare

Hat das iPhone jetzt gerade den UMPC (und vielleicht den Asus EEE) gekillt?

Zwei Jahre ist es her: Zur CeBIT 2006 (übrigens der Geburtstunde von Blogwerks erstem Blog neuerdings.com) gab es grosse Aufregung in Gadgetkreisen, weil Microsoft und Intel mit viel Getöse den Ultra-Mobile PC (UMPC) vorstellten. Diese neue Plattform, im Prinzip ein geschrumpfter, aber vollwertiger PC, sollte das mobile Leben revolutionieren. Mit einem besonders kleinen Formfaktor und einer intuitiven, stiftbasierten Bedienung sollte der UMPC nie dagewesene Unterhaltungs- und Arbeitsmöglichkeiten für unterwegs bieten.

Wie wir alle wissen, ist das nicht passiert. Der UMPC hat sich trotz Unterstützung sowohl grosser Hersteller wie auch kreativer Startups miserabel verkauft. Microsoft hat zwar noch mit Vista versucht, der Plattform neues Leben einzuhauchen, aber auch das ist gescheitert.

Intel ist der alten Allianz inzwischen klammheimlich untreu geworden und hat mit den "Mobile Internet Devices" (MIDs) eine Linux-basierte Gerätefamilie vorgestellt, die ähnliche Zwecke verfolgt, aber mit einem eher konsumentenorientierten Fokus. Und noch aus anderer Richtung kommt ein ähnliches Konzept: Der Asus EEE und die verschiedenen Nachahmerprodukte versuchen jetzt ebenfalls, einen hochmobilen Minilaptop auf Linux-Basis populär zu machen. Aber all diese Produktfamilien haben jetzt ein Problem. Die Vorstellung des iPhone-SDK gestern hat in UMPC-Anhängerkreisen Bestürzung ausgelöst, um nicht zu sagen: regelrechte Endzeitstimmung (Zitat von UMPC-Guru Warner Crocker: "Game over"). Gegen den erfolglosen UMPC tritt jetzt nämlich jetzt plötzlich eine Produktfamilie an -- das iPhone und der iPod Touch samt der nun zu erwartenden zahlreichen Applikationen-- , die in den wichtigsten Aspekten vergleichbare Leistungen und Flexibilität wie der UMPC bietet, aber viel eleganter zu bedienen ist, auf die riesige bestehende iPod-Kundenbasis aufsetzen kann und nicht zuletzt sehr viel sexier ist -- und das auch noch zu einem viel niedrigeren Preis. Hinzu kommt die Förderung von iPhone-Startups mit einem satt ausgestatteten Venture-Capital-Fonds, was dem ganzen noch mehr Dynamik geben könnte. Da kommt die fast schon in Vergessenheit geratene UMPC-Szene nicht mit.

Klar, die High-End-UMPCs haben dem iPhone noch so manches Feature voraus. Sie sind hinsichtlich Speicher und Funkmöglichkeiten viel besser ausgestattet, bieten häufig physische Tastaturen und erlauben Zugriff auf alle gängigen PC-Applikationen, samt Microsoft Office. Wenn man sie an einen Bildschirm und eine grosse Tastatur anschliesst, werden sie zum vollwertigen PC.

Hört sich alles toll an, spielt aber leider absolut keine Rolle. Ich weiss bedauerlicherweise, wovon ich spreche. Ich hatte in meiner Gadget-Karriere bisher vier (teure) Geräte, die im weitesten Sinn in die UMPC-Kategorie passen: ein Pacebook, einen Acer C100, einen OQO 01+ und einen Motion Computing LE1600. Alle waren in der einen oder anderen Art eine Enttäuschung, am brauchbarsten war noch der etwas grössere Tablet-PC von Motion Computing.

Was ist das Problem bei diesen Geräten, so faszinierend sie für einige Zeit auch sind? Erstens stellen sie einen schlechten Kompromiss zwischen Grösse und Leistung dar. Man kriegt einen ziemlich lahmen PC, der aber doch wieder zu gross und schwer ist, um ihn wirklich überall hin mitnehmen zu können. Selbst Kleinstgeräte wie der OQO sind nicht wirklich praktisch, weil man wegen ihrer beschränkten Batterielebensdauer so oder so wieder ein Netzteil mit herumschleppen muss.

Zweitens kann man auf diesen Kleingeräten nicht wirklich arbeiten. Das erleben auch die ersten EEE-Besitzer gerade: Texte auf so einer Winzig-Tastatur zu schreiben, ist extrem mühsam. So mühsam, dass man es nach einiger Leidenszeit (man muss ja zunächst noch beweisen, dass man cool ist) lieber bleiben lässt. Es ist wirklich ganz einfach: Für halbwegs effiziente Content-Produktion braucht man eine richtige Tastatur und einen vernünftig grossen Bildschirm. Unter der Grösse von Lenovo X300 bzw. Macbook Air kriegt man das nicht.

Und das ist der Grund, warum das iPhone im Vergleich so attraktiv ist: Es hat genug Leistung, damit man unterwegs ein paar ernsthafte Dinge tun kann, z.B. auf richtige Websites zugreifen oder mal auf eine E-Mail antworten. Es beherrscht dank iPod-Verwandtschaft den Unterhaltungsteil auf höchstem Niveau. Und dank dem neuen SDK kann man es jetzt auch noch mit beliebiger Funktionalität erweitern. Dass man mit dem iPhone nicht wirklich Content produzieren kann, stört im Vergleich nicht weiter, weil das eben auch mit UMPCs in der Praxis auch nicht geht. Dafür ist das iPhone viel, viel kompakter, hat eine vernünftige Batterielebenszeit und ist -- ein Telefon. Wer auf diesen letzteren Teil verzichten kann, findet mit dem iPod Touch eine gute Lösung, die jetzt auch für Drittprogramme geöffnet wird.

Klar, der Asus EEE ist nett für Leute, die unbedingt Open Source haben wollen und sich nicht an den Unzulänglichkeiten von Linux stören. Die High-End-UMPCs mögen noch dem einen oder anderen vielreisenden Manager als Drittcomputer dienen. Aber im Kampf um die Mainstream-User ist Apple jetzt mit weitem Abstand am besten aufgestellt. Weder die Intel/Microsoft-Allianz noch die etablierten Smartphone-Anbieter haben dem derzeit wirklich etwas entgegenzusetzen. Sorry, wenn ich mich wie ein Apple-Fanboy anhöre, aber seit ich heute mal das neue iPhone-SDK ausprobiert habe (Kurztest bei neuerdings.com), weiss ich, dass es für die anderen Player extrem schwer werden wird, den weiteren Aufstieg von Apple in diesem Marktsegment zu verhindern.

Und die Folge davon: Alle anderen werden mit viel Geld versuchen, Apples Rezept zu kopieren. Die ersten Touchscreen-Nokias und Multimedia-Blackberries sind ja schon auf dem Weg, und die Microsoft-Fraktion wird ebenfalls ihre bewährte, wenn auch nicht immer erfolgreiche Kopierstrategie verfolgen (müssen wir wohl ein Zune-Phone befürchten?). Apple hat mit dem iPhone ganz klar auf Jahre hinaus die Produktkategorie "leistungsfähiger Multimedia-Taschencomputer" definiert. Und das heisst: Das UMPC-Format ist definitiv tot. Berechtigterweise.

Kommentare

  • Karsten Bruch

    09.03.08 (12:14:54)

    Zum Asus eee: du hast recht es ist irgendwie mühsam auf der Tastatur zu schreiben aber das Ding fällt in der Tasche kaum auf und es gibt kaum einen besseren Kompromiss aus PC & Mobilität wenn man nicht sowieso einen Schrank Trolley mit sich rumkarrt. Und natürlich ist das kein Ersatz für einen Arbeits-PC/Mac. Ich finde dieses Format ist das beste wenn man ein paar Stunden im Zug entweder totschlagen oder nutzen möchte ohne dann am Ankunftsort nach ein paar Stunden zu merken ... hm, Schulter tut weh, hm Gruß, Karsten

  • Gordo

    09.03.08 (13:57:24)

    Also, kann dir zustimmen, dass die Tastatur des Eee PC ernüchternd ist, aber genauso ist auch das iPhone meiner Meinung nach von Software und Hardware absolut unbrauchbar, unpraktisch und überteuert. Ich habe in meinem Post zur CeBIT 2008 besonders die MID-Geräte von Gigabyte hervorgehoben, die toppen meiner Meinung nach das sinnlos-verblombte iPhone genauso wie den nicht ganz gut durchdachten Eee PC. Schade, dass du so gegen UMPC wetterst - ich finde die Dinger zwar hoffnungslos überteuert, aber sicherlich praktischer als so ein Gurken-Handy, was noch nichtmal ein Smartphone ist ;)

  • Johannes

    10.03.08 (02:02:32)

    Texte auf so einer Winzig-Tastatur zu schreiben, ist extrem mühsam. So mühsam, dass man es nach einiger Leidenszeit (man muss ja zunächst noch beweisen, dass man cool ist) lieber bleiben lässt. Ist das so? Hast du Zahlen oder ist das eine subjektive Einschätzung? Guter Bericht, ansonsten. Teure UMPCs müssen sich vorsehen (wobei da jetzt einiges nachkommt, vergl. CeBIT), im Eee PC Segment ist das doch recht kostspielige iPhone imo keine Konkurrenz. Ciao Johannes

  • Andreas Göldi

    10.03.08 (02:11:13)

    @Johannes: Zahlen habe ich dazu nicht, aber die Verkaufszahlen von UMPCs sprechen wohl fuer sich. Wenn die Leute die Dinger wirklich nuetzlich finden wuerden, wuerden sie sie auch kaufen. Ausserdem: Versuch mal irgendwo in einem oeffentlichen Bereich (Zug, Starbucks, Flughafen etc.) jemanden zu finden, der auf einem UMPC tippt. Ist mir noch nie gelungen. Mit anderen Worten: Ja, ist eine subjektive Einschaetzung, aber auch eigene Erfahrung. Ich hatte bisher schon drei Maschinen mit aehnlich kleiner Tastatur wie der EEE und bin reumuetig zu "richtigen" Notebooks zurueckgekehrt. Zum Thema Kosten: das iPhone ist nur in Europa deutlich teurer als der EEE, in den USA sind die gleich teurer, und der iPod Touch (mit dem man auch viel machen kann) ist deutlich billiger. Ich hoffe und vermute, dass Apple angesichts des weiter fallenden Dollarkurses bald auch mal in Europa realistischere Preise haben wird.

  • Peter Sennhauser

    10.03.08 (04:15:35)

    Hatte in den letzten Tagen ausgiebig Gelegenheit, iPhone-Nutzer in Aktion zu sehen - vor allem auf zwei Flugreisen (also in nicht sonderlich bequemer Arbeitsumgebung): Sie halten das iPhone mit der linken Hand und tippen nach System Adler Messages mit dem rechten Zeigefinger. Copy/Paste gibts ja nicht auf dem iPhone, also switchen sie zwischen Browser und Message hin- und her und tippen ab. In der gleichen Zeit habe ich dank zwei-Daumen-Volltastatur und C/P auf meinem Nokia e61i ein halbes Posting online auf dem Server geschrieben. Ich bin noch immer der Meinung, das iPhone ist ein schickes Telefon mit etwas Zusatznutzen - aber kein echtes Smartphone. Die gesamte Philosophie dürfte dazu führen, dass das SDK einen Haufen ebenso schicker unterhaltungs-Software hervorbringt, aber wenig zur Produktivitätssteigerung. Was den EEE, aber auch die teueren UMPC angeht: Nach einem ausgiebigen Test hätte ich ihn fast behalten. Bis ich kapiert habe, dass mein nur wenig grösseres (und zugegebenermassen teures) Sony-Vaio-Subnotebook in Sachen Leistung, Laufzeit (6-8 Stunden mit gross-Akku) und Bedienung die Brücke zwischen Desktop und mobilem Arbeitgerät viel besser schlägt. Rechner dieser Art (inklusive Macbook Air) waren auf der Mix08 in Las Vegas letzte Woche bei rund 3000 Entwicklern zu Hauf in Aktion zu sehen, UMPC habe ich keinen erblickt, und das iPhone wurde als Stammeszeichen und zum Musikhören genutzt.

  • Andreas Göldi

    10.03.08 (14:23:33)

    @Pit: Du hast recht, und wir reden vom gleichen: Die Luecke zwischen "richtigem" (Sub-)Notebook und Smartphone hat bisher noch keiner geschlossen. Und wie man ein Smartphone definiert, ist auch Geschmacksache. Ich habe ueber die Jahre hinweg auch schon versucht, auf einem Nokia E61, einem Nokia Communicator, diversen Windows-Smartphones mit und ohne Tastatur, Palm Treos usw. Content zu produzieren und bin praktisch immer gescheitert. Mehr als ein Notnagel fuer die allerschlimmsten Situationen sind all diese Geraete wirklich nicht. Mach mal einen Blogpost mit ein paar Links und einem Bild auf einem dieser Geraete -- nahezu unmoeglich. Und darum ist mir das iPhone lieber, weil es zwar kein Copy/Paste (was vielleicht/hoffentlich mal noch nachgeliefert wird) und keine besonders brauchbare Tastatur hat, aber in den anderen Funktionen nicht zu schlagen ist. Wenigstens ist der Browser perfekt. Und damit sind auch viele browserorientierte Anwendungen (alles von Google z.B.) auf dem iPhone um Groessenordnungen besser als auf anderen Smartphones. Und zum SDK wurden auch schon produktive Anwendungen von Salesforce.com und anderen angekuendigt. Die UMPCs wurden urspruenglich mal als universelle Multimedia-Geraete fuer unterwegs verkauft, und diese Kategorie ist seit dem iPhone sicher eindeutig besetzt. Aber das Rennen um das produktivitaetssteigerndste Mobilgeraet ist tatsaechlich noch offen.

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