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28.10.14Leser-Kommentare

HandUp: Crowdfunding für Obdachlose und Nachbarn in Not

Über Crowdfunding können Unternehmer, Künstler und andere ihre Ideen vorfinanzieren lassen und nun will „HandUp“ dem Modell einen sozialen Touch geben: Diese Plattform ist für Obdachlose und andere Menschen in Not gedacht. Hier geht es nicht um Millionenbeträge, aber dafür um sehr direkte Hilfe.

handup-startseite

So wunderschön, lebenswert und spannend San Francisco auch ist: Die Gegensätze zwischen arm und reich sind hier auf eine Weise sichtbar, wie zumindest ich es aus Deutschland nicht kenne. Mitarbeiter von High-Tech-Firmen wie Google, Apple oder Facebook werden einerseits in klimatisierten Luxusbussen von San Francisco ins Silicon Valley und zurück gefahren, während andererseits am Straßenrand jemand neben seinem Einkaufswagen mit Hab und Gut unter einer Decke liegt.

Knapp 850.000 Einwohner hat die Stadt und laut neuesten Zahlen leben hier knapp 6.500 Obdachlose. Andere Schätzungen gehen von bis zu 10.000 Menschen aus, die auf der Straße oder nicht selten auch in ihrem Auto schlafen. 200 Millionen US-Dollar gibt die Stadt jährlich aus, um dem Problem Herr zu werden – mit bislang wenig Erfolg.

Und dabei sind Bettler und Obdachlose nur das sichtbarste Zeichen einer Gesellschaft, in der die Kluft zwischen den Ärmsten und Reichsten größer wird. 2012 lebten 16 Prozent der US-Bürger in Armut.

Kann eine Online-Plattform diesem Problem Paroli bieten? Die Macher von HandUp wollen zumindest ihren Teil dazu beitragen. Schon kleine Beträge machen große Unterschiede

Ihre Plattform funktioniert nach dem bekannten Crowdfunding-Prinzip: Jemand stellt ein Projekt mit einem Finanzierungsziel ein und gibt einen Zeitrahmen vor, in dem andere Nutzer der Plattform Geld zur Unterstützung geben können. Nur dass es in diesem Fall eben nicht um Smartwatches, Spiele oder Filme geht, sondern um ganz grundlegende Probleme von Obdachlosen und in Armut lebenden Menschen.

So bekam beispielsweise Jeff 3.605 US-Dollar von insgesamt 95 Spendern. Der Obdachlose war im Schlaf angegriffen worden: Ein Unbekannter hatte ihm ins Gesicht getreten, Jeffs Vorderzähne waren in der Folge lose. Abgesehen von den dadurch verursachten Schmerzen raubte ihm dieser Übergriff seine Einnahmequelle: Jeff spielt Flöte auf der Straße. Dank der Plattform konnte er sich nun die Zahn-OP leisten und bedankte sich mit einem Video bei allen Helfern.

Hier finden sich viele weitere Beispiele. Manchmal geht es um ein Bett für die Tochter oder um eine Kinderwagen fürs Neugeborene. Manchmal um ein Auto, um einen Job zu bekommen. Oder um ein Laptop. Oder einfach darum, nicht hungrig zu sein. Die Projekte sind so vielfältig wie die Menschen.

Partner vor Ort

handup-team

Die Macher von HandUp arbeiten dazu mit gemeinnützigen Organisationen vor Ort zusammen. Diese verwalten treuhänderisch das Geld und stellen zum einen sicher, dass das Geld bei den bedürftigen Menschen ankommt und zum anderen, dass es für den genannten Zweck verwendet wird.

HandUp selbst gibt 100 Prozent der gesammelten Summe weiter und übernimmt deshalb beispielsweise auch Gebühren für Kreditkartenzahlungen. Die Plattform bittet stattdessen die Nutzer um eine freiwillige Spende, dem diese zu über 80 Prozent nachkommen.

Aktuell gibt es HandUp nur für die Region San Francisco, aber die Macher wollen das Angebot ausweiten. 850.000 US-Dollar Investorengelder hatten sie im Sommer eingesammelt und haben sich nun ein Jahr Zeit gegeben, die Machbarkeit ihrer Idee zu beweisen.

HandUp ist dabei eine „Public Benefit Corporation“: ein Unternehmen, das zwar Gewinne machen darf, aber zugleich gemeinnützige Ziele verfolgt. Warum sie diese Form gewählt haben, begründen sie ausführlich im Blog. Auch das alternative Social Network Ello hat sich gerade für diese, vergleichsweise neue Rechtsform entschieden. Wir haben es hier also mit Startups zu tun, bei denen es nicht allein darum geht, maximale Gewinne für Investoren zu erzielen.

Zu kurz gedacht?

Natürlich gibt es viele Möglichkeiten, ein Projekt wie HandUp zu kritisieren. So gibt es beispielsweise hier in San Francisco eine Organisation wie Community Housing Partnership, die Obdachlosen sehr umfassend dabei hilft, zurück in die Gesellschaft zu finden. Sie organisiert nicht nur preisgünstige Wohnungen, sondern hilft auch bei ganz praktischen anderen Belangen wie beispielsweise der Jobsuche. Die Projekte auf HandUp sind da eine vergleichsweise kleine Hilfe, mancher wird es vielleicht als Tropfen auf den heißen Stein ansehen.

Die Macher von HandUp haben aber eine meiner Meinung nach realistische Sicht auf ihre Plattform. Sie behaupten nicht, damit die Welt zu verändern. Sie wollen hingegen eine weitere Quelle für Hilfe und Hoffnung für Menschen sein, die in der unmittelbaren Nachbarschaft in Not geraten sind.

Und das ist mir persönlich lieber als das hundertste Startup, das ein Luxusproblem löst.

P.S.: Hinweise auf solche und ähnliche Startups, Apps und Plattformen mit gemeinnützigem Charakter gern an jan.tissler@blogwerk.com

Kommentare

  • Victor

    28.10.14 (10:19:29)

    Zuerst habe ich die Idee für sehr interessant befunden. Bin anschließend sehr interessiert auf die Webseite gegangen und sah, dass gleich auf der Hauptseite ein Bild einer Person zu sehen ist, die sich einen Laptop oder einen Tablet wünscht. Solche "Probleme" sind mir als erstes eingefallen, als ich die Überschrift zu diesem Artikel las. UIch denke man sollte die Notlage ein bisschen differenzieren, wenn man Helfer ansprechen möchte. Wirkliche Notdürftige Menschen haben eine große Chance mit solchen Plattformen, weil es tatsächlich, man glaubt es kaum, menschen auf dieser Welt gibt, die helfen wollen. Aber sehe ich einen derartigen Kontrast auf dieser Plattform, verliere ich das Vertrauen auf so ein Projekt.

  • Jan Tißler

    28.10.14 (22:07:14)

    Mh, das verstehe ich nicht wirklich. Zum einen kann ein Laptop oder Tablet heute enorm wichtig sein, um überhaupt (wieder) Teil der Gesellschaft zu sein. Man denke hier nur an Job- oder Wohnungssuche. Viele Obdachlose hier in SF haben beispielsweise ein Handy oder Smartphone. Es ist in unserer heutigen Zeit eben durchaus essenziell. Aber selbst wenn du dem nicht zustimmst: Warum hilfst du dann nicht den Menschen, deren Bedürfnisse dir wichtiger erscheinen. Es ist doch die Entscheidung der Crowd, wer Geld bekommt und wer nicht. HandUp stellt die Plattform bereit und sorgt dafür, dass das Geld bei den Menschen ankommt und für den angegebenen Zweck genutzt wird. Alles andere ist den Nutzern überlassen.

  • Victor

    28.10.14 (23:06:34)

    Hm. Vielleicht denken wir da einfach anders. Ich komme aus einem Land, wo Obdachlose, die ich kenne und über die ich in meinem Kommentar auch spreche, sich neben Klamotten auch nicht mal was zu Essen leisten können. Dann erfahre ich über eine Crowdfunding-Plattform, die diesen Menschen helfen wollen und sehe als erstes eine Aktion, in der jemanden Hilfe für den Kauf eines Laptops braucht, weil der gute Herr gerne bei Google arbeiten würde. Wie du schon in der Einleitung schreibst: "Diese Plattform ist für Obdachlose und andere Menschen in Not gedacht." Sowas ist für dich und für die Plattform also Not? Sorry, für mich nicht und deshalb kann ich dieses Plattform nicht Ernst nehmen. Übrigens, es gibt Bibliotheken mit Computer - und ich habe mir ein Laptop von meinem Vater ausleihen müssen um meine Abschlussarbeit zu schreiben.

  • Jan Tißler

    29.10.14 (20:22:22)

    Vielen Dank für die Ergänzung. Ich kann deine Hinweise sehr gut verstehen und es wäre sicherlich auch kein Projekt, das ich persönlich als übermäßig dringlich ansehen würde. Ich fände nur schade, wenn wegen eines Projekts gleich die ganze Plattform in Frage gestellt wird. HandUp ist eben ein offenes Angebot. Dafür gibt es auf der Seite ja etliche andere Beispiele, bei denen die Menschen ganz konkrete Hilfe für sehr grundlegende Dinge erfragen – wie zum Beispiel, mal etwas zum Essen kaufen zu können oder eine Matratze für die kleine Tochter etc. Aber ich will dir deine Meinung nicht ausreden :) Es ist mir nur wichtig festzuhalten, dass HandUp eine weitgehend offene Plattform ist, bei der dann die Nutzer selbst entscheiden, was sie unterstützen und was nicht.

  • Victor

    29.10.14 (20:32:45)

    Ich muss dir schon Recht geben, wegen einem derartigen Projekt bereits zu sagen, dass man die Plattform nicht Ernst nehmen kann, ist schon übertrieben von mir. Die Idee ist wirklich toll und kann helfen! Das ist Fakt. Lass uns einfach hoffen, dass so eine Möglichkeit nicht von derartigen Beispielen so ausgenutzt wird und dass dadurch vielen notbedürftigen Menschen geholfen werden kann! :-) Und danke auch dir für den Austausch und vor allem für diesen Artikel! LG

  • Herbert Müller

    26.11.14 (13:47:10)

    Sehr guter Beitrag! Wir tun viel zu wenig für die Menschen in unserer Gesellschaft, die es besonders nötig haben. Ich habe jetzt für mich eine Möglichkeit gefunden, beim Online Kauf Gutes zu tun - mit www.gynny.de. Die Plattform arbeitet mit Partnershops zusammen, die bei jedem Einkauf einen kleinen Satz an ein soziales Projekt spendet. Und wer selbst ein soziales Projekt hat, kann dieses dort auch einstellen und Geld sammeln. Crowdfounding ist wirklich eine gute Sache, besonders, wenn es einem guten Zweck dient!

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