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25.07.09

Hamburger Erklärung: Berichten deutsche Medien über Googles Antwort? Nicht wirklich.

Viele deutsche Medien haben über die "Hamburger Erklärung" der Verleger berichtet. Über Googles Antwort herrscht mehrheitlich Schweigen.

Im Juni haben deutsche Verleger die sogenannte "Hamburger Erklärung" unterschrieben ( PDF hier ). In dieser fordern die Verleger eine Ausweitung des "geistigen Eigentums" im Internet. Unterschrieben haben unter anderem Axel Springer Verlag, Bauer, Gruner+Jahr, Burda Media und der Heise Zeitschriften Verlag. Unzählige weitere Verlage haben sich angeschlossen. Die Unterzeichnerliste zählt mittlerweile über 160 europäische Verlage.

Stefan Niggemeier fasste das reichlich bizarre Schreiben so zusammen :

Es ist ein Dokument der Hilflosigkeit, ein ziellos-hysterisches “So tu doch einer was”, bei dem es auf Inhalte nicht ankommt, solange nur möglichst viele mitschreien.

Wie wir hier bereits verlinkt hatten, hat Google auf die Hamburger Erklärung am 15. Juli in einem seiner offiziellen Blogs geantwortet . Und man hat die meiner Meinung nach richtigen Punkte angesprochen:

1. Mit zwei Zeilen kann man den angeblichen Enteigner Google von der eigenen Site aussperren.

2. Eine Umsetzung der Forderungen der Verleger wäre verheerend für das Web.

Das Fazit von Google, das die Mentalität des Unternehmens sehr gut zum Ausdruck bringt:

Our guiding principle is that whatever technical standards we introduce must work for the whole web (big publishers and small), not just for one subset or field. - Unser Leitsatz ist, dass die technischen Prinzipien, die wir einführen, für das gesamte Web funktionieren müssen (große wie kleine Publisher), nicht nur für eine Teilmenge davon.

Wie sieht nun die Berichterstattung in den deutschen Medien zu diesem Themenkomplex aus? Durchsucht man Google News(!), ergibt sich folgendes Bild :

Hamburger Erklärung auf Google News

Oben die Berichterstattung zur Hamburger Erklärung selbst: 66 Artikel.

Unten die Berichterstattung zu Googles Antwort: 14 Artikel.

Über die Hamburger Erklärung haben unter anderem Bild.de , FOCUS Online (dpa-Text), ZEIT Online (dpa-Text) und etliche Branchendienste wie etwa kress.de berichtet.

Über Googles Antwort haben neben einigen Blogs berichtet: das Medienmagazin Horizont, die Financial Times Deutschland , Computer Bild, Internetworld, Computerwoche und es gab ein Fitzelchen Text auf Meedia . Allesamt Fachblätter. (Und die Erwähnung von robots.txt findet man gar nur auf Blogs, wenn man auf deutsch etwas dazu lesen will.)

Nun kann es für dieses Ergebnis viele Gründe geben. Vielleicht fand der Diskurs rund um Googles Antwort ja offline auf Papier statt? Oder deutsche Medien nehmen nur wahr, was über Nachrichtenagenturen verbreitet wird: Über die Hamburger Erklärung haben dpa und ddp berichtet. Die entsprechenden Agentur-Texte flossen auch auf diversen Online-Auftritten ein. Meines Wissens nach hat keine deutsche Nachrichtenagentur etwas zu Googles Antwort gebracht (hier bin ich mir aber nicht hunderprozentig sicher). Außerdem zählt Google News auch viele Pressemitteilungen. Wer also eine Pressemitteilung herausgibt und diese auf den einschlägigen Portalen eingespeist wird, bekommt schon ein paar Treffer mehr.

Also vielleicht alles nicht so wichtig.

Dagegen spricht allerdings: Zur Zeit erzeugt praktisch jede Aussage des aktuell verbal amok laufenden Verlegers Hubert Burda eine beträchtliche Zahl an Reaktionen .

Es ist schon beachtlich, dass in den deutschen Medien anscheinend keine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Standpunkt von Google stattfindet. Stattdessen kommt der laut durch das Sommerloch polternd gegen Google und andere "Aggregatoren" Front machende Verleger möglichst oft zu Wort.

Im Perlentaucher-Blog stand letztens zu diesen jüngsten Initiativen der deutschen Verleger der folgende treffende Satz:

Die Zeitungen werden schamlos für Lobbyarbeit in eigener Sache benutzt und sprechen schon damit jeder Form von Qualitätsjournalismus Hohn.

Man achte abschließend auch auf die Tatsache, dass Google News die Nachrichten verbreitet und nicht wertend eingreift und etwa unangenehme Dinge auslässt. Man wird auf Google News immer auch die Artikel finden, die gegen Google News und dessen Betreiber argumentieren, sofern sie in den indizierten Medien veröffentlicht werden. Wo fühle ich mich als Konsument wohl besser informiert? Deshalb sind Angebote wie Google News erfolgreich: Sie schaffen Mehrwert, stiften Nutzen. Und das auf einem Feld, das eigentlich den Medien gehören müsste, auf dem diese aber völlig versagt haben bisher.

Im Financial Times Deutschland zu Googles Antwort liest man auch noch Folgendes:

Kaum ein Verlagsmanager lässt sich daher zu offener Kritik hinreißen. Hinter vorgehaltener Hand heißt es: "Ich will nicht, dass Google unsere Seiten im internen Ranking herunterstuft." Groß ist die Furcht, Google räche sich an Kritikern mit einer Herabstufung ihrer Websites beim "Page-Rank", mit dem die Suchmaschine die Relevanz einer Seite bewertet.

Das ist natürlich paranoider Unsinn. Jeder, der sich ein bisschen mit Google beschäftigt, lernt schnell, dass dem Suchmaschinengiganten wenig heiliger ist als die Qualität des (Haupt-)Suchindexes. Diese würde nie aufgrund von Auseinandersetzungen mit anderen Unternehmen beeinträchtigt. Schon gar nicht auf eine intransparente und für die User nicht nachvollziehbare Weise. Misstrauen in die Suchergebnisse wäre der sichere Tod von Google als Suchmaschine.

Diese Mentalität, bei der die Qualität der eigenen Produkte an einer der vorderen Stellen steht, scheint den meisten deutschen Verlegern aber mittlerweile so fremd zu sein, dass sie sie bei anderen bereits gar nicht mehr vermuten würden.

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