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07.09.08Leser-Kommentare

Korrespondenten: Die Blindheit der Alteingesessenen

Im Kern ist es schon eine interessante Debatte, die der Thomas Knüwer dort angestoßen hat: Ob der Leser besser informiert sei, wenn eine Zeitung einen Korrespondenten vor Ort habe? Ich komme zu einem ähnlichen Ergebnis wie er - dass nämlich diese Wesen oft nur gut für Spesen seien - aber aus anderen Gründen. Denn es ist vor allem die Macht der Gewohnheit, die das afrikanische oder amerikanische Auge der Redaktion über kurz oder lang blind machen wird. Und damit unnütz.

Was erfahre ich als Leser denn mehr, wenn 'Halbamerikaner' wie der Gabor Steingart oder der Dieter Degler mir etwas vordenken? Meist sind es doch die üblichen Philosphokastereien darüber, ob der McCain nicht schon ein wenig zu alt für den Job sei, mit den üblichen Querverweisen auf Konrad Adenauer, worüber ich vom heimischen Schreibtisch aus genauso schön hätte sinnieren können. Oder aber ich hätte einfach den Fernseher eingeschaltet, um vom heimischen Ohrensessel aus beim Anblick des Republikaner-Konvents zu solchen Erkenntnissen zu gelangen:

"Die Regierungschefin von Alaska hat mit dünner Stimme eine Reihe von Vorwürfen gegen Barack Obama vorgetragen, die man wohlwollend als keck bezeichnen kann. Aber mit selbem Recht auch als anmaßend."

So what? Abwägereien und Wortspiele? Dazu muss ich nicht persönlich anwesend sein! Wo ist hier der publizistische Nutzen des Vor-Ort-Seins? Solche Impressionen verfasst der außenpolitische Kollege der Märkischen Oder-Zeitung genauso schön, ohne dass er ein einziges Mal seinen Schreibtisch in Frankfurt an der Oder verlassen müsste.

Trotzdem wäre durch Korrespondenten in meinen Augen durchaus ein Mehrwert für das Medium möglich, allerdings nur dann, wenn jemand noch neu und unverbraucht durch die fremde politische Agenda stolpert. Ist er erst einmal zu lange vor Ort, dann sieht er meist den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Was dem Neuling noch exotisch scheint, ist für den Veteranen grauer Alltag geworden.

Daher plädiere ich - wenn schon, denn schon - für die Rotation aller Auslandskorrepondenten. Das hängt mit der Aufmerksamkeitsökonomie des Menschen zusammen: Er sieht nur das, was eine 'Differenz', einen Unterschied macht. Über kurz oder lang aber wird er fern der Heimat gegenüber dem Immergleichen im exotischen Alltag immer 'indifferenter' werden.

Hier ein historisches Beispiel, um nicht immer nur lebenden Leuten auf die Füße zu treten: Georg Christoph Lichtenberg. Der große Physiker aus dem beschaulichen Göttingen reiste im Herbst 1774 für mehr als ein Jahr in die Weltstadt London, in das New York jener Tage. Für ihn kam das Ereignis einem Kulturbruch gleich - und Historiker, die das Phänomen der 'Urbanität' erforschen, dasjenige des 'gesellschaftlichen Übergangs zur Moderne', würden in seinen Briefen ohne Ende fündig: Die sind in ihrem Detailreichtum ergiebiger als die Berichte der zeitgenössischen Londoner selbst. Zunächst jedenfalls ...

Für Lichtenberg, der bisher nur ein Dorf mit angeschlossener Bibliothek wie Göttingen kannte, ist in einer Stadt, deren Bewohnerschaft schon nach Hunderttausenden zählt, alles frisch und neu. Aufgeregt registriert er Lustknaben, die ihm im Gedränge in den Schritt greifen, er hört noch den unaufhörlichen Lärm, sieht den erbarmungslosen Nepp, den die Anonymität der Großstadt aufblühen lässt, die Hektik und das Zielgerichtete des Passantenstroms, der nur der Uhr unterworfen dahinhastet, statt zu flanieren, zu schlendern oder zu schauen. Und das Göttinger Landei registriert auch das Aufkommen der Reklame, den ewigen Jahrmarkt in der Fleet Street, wo der einzige Zweck des Lichts der Mehrverkauf ist, und nicht mehr die bessere Sicht:

"Stellen Sie sich eine Straße vor so breit als die Weender, aber, wenn ich alles zusammen nehme, wohl auf 6mal so lang. Auf beiden Seiten hohe Häuser von Spiegelglas. Die untern Etagen bestehen aus Boutiquen und scheinen ganz von Glas zu sein; viele Tausende von Lichtern erleuchten da Silberläden, Kupferstichläden, Bücherläden, Uhren, Glas, Zinn, Gemälde, Frauenzimmer-Putz und Unputz, Gold, Edelgesteine, Stahl-Arbeit, Kaffeezimmer und Lottery Offices ohne Ende. Die Straße ist wie zu einem Jubelfeste illuminiert, die Apotherker und Materialisten stellen Gläser... mit bunten Spiritibus aus und überziehen ganze Quadratruten mit purpurrotem, gelbem, grünspangrünem und himmelblauem Licht. Die Zuckerbäcker blenden mit ihren Kronleuchtern die Augen und kitzeln mit ihren Aufsätzen die Nasen, ... da hängen Festons von spanischen Trauben, mit Ananas abwechselnd, um Pyramiden von Äpfeln und Orangen, dazwischen schlüpfen bewachende und, was den Teufel gar los macht, oft nicht bewachte weißarmige Nymphen mit seidenen Hütchen und seidenen Schlenderchen. Sie werden von ihren Herren den Pasteten und Torten weislich zugesellt, um auch den gesättigten Magen lüstern zu machen und dem armen Geldbeutel seinen zweitletzten Schilling zu rauben ..." (Brief v. 10. 1. 1775)

Willkommen in der Warenwelt! Was aber sieht dieser Mann nicht alles, jetzt, wo alles für ihn noch neu ist! Am Ende des Jahres dagegen, als unser Göttinger Auslandskorrespondent längst blasiert wurde und alles schon kennt, da schlägt der Überdruss und die Langeweile durch jede Zeile hindurch - nur Birmingham oder die erste Dampfmaschine können ihn noch kurz aufrütteln. Lichtenberg ist 'angekommen', der Gestus des müden Weltmannes klingt selbst durch den Bericht seiner Audienz beim englischen König hindurch. Der hat den buckligten Wissenschaftler richtiggehend in sein Herz geschlossen, ist für den aber - recht gesehen - nur ein Objekt pekuniärer Interessen:

"Es ist mir unmöglich einen so vortrefflichen Mann, der, wenn er einen halben Tag den wichtigsten Beratschlagungen beigewohnt und sich an Bittschriften müde gelesen und gehört hat, mich in seinen Ruhestunden in sein Kabinett rufen läßt, wieder aufs Neue mit solcher Vorstellung quälen; allein das werde ich tun, ich werde ihm auf irgendeine Art zu verstehen geben oder vielmehr geben lassen, daß ich gerade 40 Pfund hätte inklusive des Lizent-Äquivalents."

Ach ja - 'Ich und der König' - ein publizistischer Niedergang, verglichen mit dem Zitat zuvor. Lichtenberg erzählt nicht mehr, er zeigt dem Leser nicht mehr die royale Umgebung, im Gegenteil, wie die letzte Hofschranze versetzt er sich jetzt 'in den König hinein'. Es ist die Mausi-Psychologie, die später Karl Kraus kritisieren wird, der künftige Stil der grünen Blätter.

Und - um auf den Anfang zurückzukommen - es ist das ewige Schicksal des Auslandskorrespondenten: Irgendwann ist er eingenordet, ist er selber ein Teil des Spiels statt nur ein Beobachter, er fühlt sich dementsprechend wichtig und dementsprechend ist das, was er schreibt, auch richtig - er schreibt jetzt über seine Bedeutung statt über seine Umgebung. Kurzum - er ist journalistisch nun ein totes Holz, stumpf und ohne Biss, meist deshalb, um seine 'Kontakte' nicht zu gefährden. Er sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Höchste Zeit für einen Ortswechsel ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Krusenstern

    07.09.08 (15:23:21)

    Schöne Gedanken von Herr Jarchow und man möchte ungern beim Nachdenken stören. Nur – seine Forderung "für die Rotation aller Auslandskorrepondenten" ist Courant normal bei den Mainstream-Medien. Deren Korrespondenten müssen alle drei bis fünf Jahre entweder zurück in die Heimat oder in ein anderes Land wechseln. Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Siehe Dossier: Ausbildung in Medienberufen. Es mag ja reizvoll sein, auf den Auslandskorrespondenten herumzuhacken. Ich aber ziehe den Hut vor engagierten Journalisten wie Thomas Roth (ARD, an dem gerade wieder mal ein paar Blogger ihr Mütchen kühlen) und Markus Ackeret von der NZZ, welche immer wieder beschwerliche Reisen in die russische Provinz unternehmen, um von dort spannende Reportagen nach Hause zu schicken. PS: Ein Fakt ist hingegen, dass es mit der Auslandsberichterstattung – und dabei insbesondere mit jener aus der ehemaligen Sowjetunion – im Argen steht. Vielleicht sollte sich Herr Jarchow einmal die Heimatredaktionen der Auslandskorrespondenten zur Brust nehmen. Diese berichten nämlich lieber über 17-jährige, geschwängerte Töchter von potentiellen Vizepräsidentinnen aus Alaska und trällernde Handy-Verkäufer aus Bristol/UK...

  • Peter Sennhauser

    07.09.08 (15:28:47)

    Klaus, die meisten Zeitungen haben ja das Rotationsprinzip - aus genau den genannten Gründen. Andersherum bin ich aber nicht einverstanden mit der Meinung, nur der Neuling sähe, was der Ferngucker nicht sieht. Die Tragödie des Korrespondentums geht noch viel weiter. Für mich war - obwohl ich aufgrund von vielen USA-Aufenthalten in den neunziger Jahren mit diesem Land und seiner Kultur schon recht vertraut zu sein glaubte, nach meiner Ankunft in San Francisco vor vier Jahren zunächst sehr viel alltägliches anders, dafür wähnte ich mich in einer der europäischen doch sehr ähnlichen Kultur. Ich habe mindestens ein Jahr gebraucht, um zu kapieren, dass die Mentalität hierzulande sich fast genau so radikal von der zentraleuropäischen unterscheidet wie die einer fernöstlichen Kultur, in der man dies aber eben allein schon wegen der Essstäbchen und der Haifischflossensuppe erwartet. Ich wage deshalb zu behaupten, dass ein langjähriger Korrespondent überhaupt erst die wahren Unterschiede aufzeigen könnte, die sich dem flüchtigen Besucher und dem Ankömmling, der noch das Fahrkartensystem der Buslinien und die Verkehrsregeln erlernen muss, ganz einfach nicht erschliessen, und um die es bei einer ernsthaften Berichterstattung gehen müsste. Dem steht aber leider ein Umstand entgegen, den Du selber kürzlich angesprochen hast und der ungefähr jedem Korrespondenten zu schaffen macht: Wenn er anfangen will, die Zusammenhänge von Mentalität, Kultur und ökonomischem System zu erklären, wenn er die wirklichen Unterschiede aufzeigt, dann winken die Herrschaften Nachrichtenchefs auf den Redaktionen daheim (und je länger je mehr das dank Vernetzung ach so gut informierte Publikum selber) schnell ab: Zu kompliziert, zu umständlich, und überhaupt, die Amerikaner sind doch so und so... Ich habe hier drüben nur ganz wenige Kollegen kennengelernt, die jene Geschichten machen können, die sie machen wollen, weil sie sie für wichtig und erhellend halten. Und ich habe am eigenen Leib erfahren, dass sich das verkauft, was den Klischees entspricht und was alle andern auch haben. Ich hätte sogar über die hiesigen Lokalmedien, die Ihr zu weiten Teilen auch bei Euch empfangen oder im Web konsumieren könnt, vieles zu erzählen, was man ganz einfach erst hier vor Ort erlernen kann. Es wären spannende Geschichten, die aber aus feinen Nuancen bestehen. Dafür haben die Kollegen daheim keinen Platz in ihren Spalten und Budgets. Aber nicht nur das: Thomas Knüwer und Du, Ihr verlangt ja beide auch die knalligen Farben, die Essstäbchen-Geschichten, und stosst damit in das Horn der Nachrichtenchefs, die ich für die wahren Totengräber des Korrespondetenjobs halte. Dabei bräuchte es sie heute genauso wie vor hundert Jahren, aber mit umgekehrten Vorzeichen. Wo früher Reporter mit ihren Berichten dem Publikum fremde Länder näher brachten, wäre es heute ihr Job, die Illusion der zum Dorf zusammengewachsenen Welt wieder in realistischere Perspektiven zu rücken.

  • Klaus Jarchow

    07.09.08 (16:00:59)

    @ Krusenstern / Sennhauser: Weitgehend d'accord - ich habe ja oben angedeutet, welchen 'Schlag' von Korrespondenten ich im Auge hatte ('...als ich neulich abends mal wieder mit Hilary Clinton dinierte ...'). Großartige Ausnahmen gibt es immer. Eine in der Persönlichkeit liegende Frische, eine permanente Unverbrauchtheit und eine unverstellte Erinnerung wären dazu erforderlich - geradezu das Gegenteil des 'Weltmännischen', 'Globetrotteligen' und 'Blasierten', um auf Dauer ein differenzierungsfähiger Beobachter zu bleiben. Um zu wissen, dass der Champagner in New York wie in Tokio schmeckt, muss ich jedenfalls nicht Auslandskorrespondent werden. Die existierende Rotation war mir unbekannt, mich döcht da doch höchst subjektiv, manche der TV-Köppe trieben sich schon seit Ewigkeiten nur in einer Region herum - dieser Nahost-Experte Scholl-Lafitte zum Exempel ...

  • Krusenstern

    07.09.08 (17:35:52)

    Ich nehme jetzt mal an, mit der weinseligen Anspielung Scholl-Lafit(t)e war Scholl-Latour gemeint. Gerade Peter Scholl-Latour ist aber ein gutes Beispiel für das Rotationsprinzip der Auslandskorrespondenten der Öffentlich-rechtlichen Fernsehsender: 1960 bis 1963 Afrika-Korrespondent der ARD 1963 bis 1969 Studioleiter der ARD in Paris 1969 bis 1971 Programmdirektor des WDR-Fernsehens 1971 bis 1983 Chefkorrespondent und Leiter des ZDF-Studios in Paris Seither hatte Scholl-Latour unter anderem subalterne Posten inne wie Chefredakteur respektive Herausgeber des Stern und ist bis heute als Autor tätig. Mit Ausnahme seiner 12 Jahre als ZDF-Chefkorrespondent in Paris hat Peter Scholl-Latour das Rotationsprinzip also eingehalten. Und dass ein Chef nicht alle vier Jahre ausgewechselt wird, macht Sinn. Oder? Noch einmal, mit der Auslandsberichterstattung liegt einiges im Argen. Die (meisten) Auslandskorrespondenten sind dafür aber nicht verantwortlich.

  • Klaus Jarchow

    07.09.08 (19:34:23)

    @ Krusenstern: Richtig - das 'Lafitte' ist eine Anspielung auf die Art, wie er mir schon des öfteren erschien. Bei all seinen anderen Posten ist der Mann seit 1983 ('Allah ist mit den Standhaften') hauptberuflich der unentwegte Nahost-Terror-Experte auf allen erreichbaren TV-Kanälen der Bundesrepublik. Ohne dass seine armageddonhaften Prophezeiungen jemals nennenswert zutreffend gewesen wären. Hochkonjunktur hatte er natürlich zur Zeit von Nine-Eleven. Seither laufen Weltgeschichte und Expertentum eher wieder auf getrennten Bahnen. Vor allem deshalb, weil er bei dem Geblöke jedes fanatisierten Mullahs gleich die Zukunft zu sehen meinte. Ginge es nach diesem bekennenden Atombömbler, dann müssten die fanatisierten Beduinenheere des Neo-Islam heute vor Berlin stehen ... dabei zerfleischen die sich inzwischen vor allem selbst.

  • Krusenstern

    07.09.08 (20:10:26)

    Die These dieses Beitrages ist, dass Auslandskorrespondenten "oft nur gut für Spesen seien" und auf ihren Aussenposten "über kurz oder lang blind und damit unnütz" werden. Sie wissen aber nicht, dass Auslandskorrespondenten alle drei bis fünf Jahre das Land wechseln müssen und das Argument für Ihre These ist ein Journalist, der als "unentwegter Nahost-Terror-Experte auf allen erreichbaren TV-Kanälen armageddonhafte Prophezeiungen" von sich gibt – seit 1983 (!) aber nicht mehr Auslandskorrespondent ist. Ach du lieber Himmel!

  • David Bauer

    07.09.08 (21:42:30)

    Die wichtigsten Kritikpunkte wurden bereits erwähnt. Generell könnte man sich aber auch fragen, warum hier überhaupt speziell Auslandkorrespondenten herausgepflückt werden. Diese Betriebsblindheit setzt bestimmt bei jedem Journalisten ein, wenn er zu lange im selben Bereich arbeitet. Gleichzeitig sind Erfahrung und Netzwerke eine wichtige Voraussetzung für guten Journalismus, so dass wohl ein pauschales Urteil ins Leere laufen muss. Wofür plädieren Sie denn? Für Rotation, das haben wir verstanden (und vor uns schon die meisten Redaktionen). Und für Fallschirm-Journalismus?

  • Klaus Jarchow

    07.09.08 (23:03:38)

    @ Krusenstern: Die Frage ist doch, ob nur jemand, der bei einem Sender formal als 'Auslandskorrespondent' gebucht ist, einzig und allein als 'Auslandskorrespondent' auch gelten darf. Oder ob - diesmal aus Publikumssicht! - jemand, der den Zuschauern bei jeder Gelegenheit als Auslandsexperte vor die Nase gesetzt wird, als Auslandskorrespondent gelten soll. Ich halte in dieser Frage es eher mit dem Publikum als mit den Arbeitsverträgen. Den auf das Publikum kommt letztlich alles an. Sonst können Sie allen Journalismus in der Pfeife rauchen ... @ David Bauer: Was Sie - zugebenermaßen witzig - als 'Fallschirmjournalismus' beschreiben, wurde von alken großen 'Reiseschriftstellern, von Gobineau über Kisch bis Sieburg, ständig schon praktiziert. Ich weiß, Kisch gilt auch als Journalist ...

  • David Bauer

    08.09.08 (08:52:18)

    @KJ Der "Fallschirm-Journalismus" kommt leider nicht von mir. Ich wollte das auch gar nicht gross werten, beides hat seine Vor- und Nachteile, sondern nur darauf hinweisen, dass Ihr pauschales Urteil so kaum haltbar ist.

  • Matthias Krause

    08.09.08 (22:37:22)

    Werter Kollege Jarchow, ich bin jetzt seit knapp sieben Jahren freier Korrespondent in den USA und ich gebe ihnen in einem Punkt recht: Natürlich schleicht sich da manchmal eine Betriebsblindheit ein. Aber die Frage ist, ob sie die wirklich gegen die Ahnungslosigkeit und die Vorurteile eintauschen wollen, die die "frischen" Fallschirmkollegen hier Jahr für Jahr mitbringen und dann munter nach Deutschland kabeln? Zwei Beispiele. Da lief zu Hochzeiten des Irak-Krieges eine hübsche Meldung über dpa, der für Dallas spielende Basketballer Dirk Nowitzki werde wegen seiner Anti-Kriegs-Haltung als "Nazi" beschimpft. Dumm dabei nur, dass der Kollege nicht wußte, dass "Nazi" hier ein durchaus gebräuchliches Schimpfwort ist, mit dem in Brooklyn erzürnte Falschparker die Politessen beschimpfen und eben auch Sportfans den Gegner. Nowitzki hat solche Beschimpfungen schon ohne Krieg gehört und hört sie auch immer noch, die Meldung war eine Null-Meldung, hat aber hübsch die Vorurteile gegen die krieggeilen Texaner geschürt. Oder wenn sie sich mal die ersten Schnellschüsse der in Deutschland geschriebenen Stücke über McCains Wahl Palin ansehen, dann werden sie feststelllen, dass die ihn sofort und meist kategorisch zum Wahlverlierer machten. Wie wir inzwischen wissen, und wie erfahrende US-Kollegen ihnen gleich hätten sagen können, ist genau das Gegenteil der Fall. Die Gouverneurin elektrisiert die Basis, begeistert die Soical Conservatives für McCain und könnte ihm sehr wohl den Wahlsieg bringen, wenn nicht noch etwas Disqualifizierendes über sie ans Tageslicht kommt. Diese Fehlentschätzung vieler Kollegen in Deutschland resultiert aus dem Reflex, die Dinge mit dem Gewohnten Maßstab zu messen. Eine solche Frau wäre in Deutschland völlig unmöglich, also war es eine Fehlentscheidung von McCain... Aber so funktioniert nun einmal das Hirn eines Durchschnittswählers im Herzen der USA nicht, und wer sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, dort hinzufahren und sich auf die Leute einzulassen, der wird das nicht begreifen geschweige denn beschreiben können. Die Crux ist doch eine ganz andere. Aufgrund immerwährender Budget und Honorarkürzungen geht der Reiseetat vieler Korrespondenten immer stärker gen Null. Ich habe allen Ernstes eine Zeitung in der Schweiz als Kunden, die mir zwar eine Pauschale zahlt, die ihren Reiseetat für dieses Jahr aber komplett gestrichen hat. Mit viel Extra-Arbeit und Hin-und Hergeschiebe von Ressourcen gelingt es mir hin und wieder dennoch zu reisen. Ansonsten bleiben mir nur die gleichen Mittel wie den Kollegen in Deutschland: das Internet und das Telefon. Zwar kann ich dann immer noch auf meine über Jahre erworbene Urteilsfähigkeit zurückgreifen, aber die ist bei deutschen Nachrichten- (und vor allem: Magazin-)Redakteuren eher nicht erwünscht. Doch zurück zur Ausgangsthese: Glauben sie wirklich, dass ein gerade eingeflogener Kollege in Alaska die besseren Geschichten ausgraben würde als wenn sie mich schicken, nur weil ich schon sieben Jahre hier bin? Ich wünschte, ich hätte jemand, der die Reisekosten trägt, dann könnte ich ihnen das Gegenteil beweisen...

  • Klaus Jarchow

    09.09.08 (09:27:14)

    @ Matthias Krause: Nur weil in New York das Schimpfwort 'Nazi' zur Standardausrüstung des Taxifahreres gehört, ist an der Meldung, dass Nowitzki als 'Nazi' beschimpft wurde, noch nichts Falsches. Bei uns in Deutschland hat es natürlich andere Konnotationen. Dass der McCain mitsamt seiner Kamikaze-Sarah den Karren vor der Wahl noch erfolgreich vor die Wand fahren wird, darauf möchte ich - Provinz hin, Provinz her! - fast wetten: "So Sambo beat the bitch!". In der Provinz sind übrigens auch bei uns die CDU-Wähler eher bräunlich. In den USA gibt es aber noch sehr viel mehr Provinz, das ist überall Erkenschwiek - meist als 'American Heartland' verklärt. Ich fände es dabei auch - wie Sie - besser, wenn Journalisten mehr aus den Untiefen des amerikanischen Volkslebens berichteten, statt von parteipolitischen Schnittchen-Events. Und wenn für das Reisen in jenes 'dark & weird' der Provinz das Geld fehlt, dann fehlt ganz klar auch die Möglichkeit der Differenzbildung, man hockt auf seinem Hotelzimmerchen in LA oder Big Apple, fühlt sich weltmännisch - und stumpft dabei im mitlaufenden PR-Zirkus gnadenlos ab. Selbst schuld, möchte man den Zeitungen sagen, wenn sie das Immergleiche drucken müssen und zu Me-Too-Medien werden. Sie müssen aber nicht nur Ihre Situation dort drüben sehen, sondern eben auch das, was hier faktisch als 'Originalbericht' in den Zeitungen steht. Für uns als Publikum klingt's nämlich auch wie 'selbst schuld' - und man wendet sich mit Grausen. Ich habe als Beispiel übrigens dort oben zwei Journalisten erwähnt, denen es mit Sicherheit an einem nicht fehlt - am Geld für transatlantische und inneramerikanische Reisen. Da scheint es eher am Interesse zu hapern, abseits des kuscheligen VIP-Lagerfeuers noch Interessantes zu vermuten. Dabei gilt: 'Überall ist Wunderland, überall ist Leben, bei meiner Tante am Strumpfenband, und auch ein Stück daneben ...'

  • Martin Ebbing

    09.09.08 (19:02:19)

    „Ortsblindheit“ gibt es durchaus, aber das ist wohl die Schattenseite einer Medaille, auf deren Vorderseite vielleicht „Vertrautheit mit den Gegebenheiten“ glänzt. Wer wie ich länger als Auslandskorrespondent im Iran arbeitet weiß längst, dass vieles, was Ahmadinejad von sich gibt, leeres Getöse ist, das nicht einmal im eigenen Land beachtet wird, und fällt nicht auf jede (inszenierte) Provokation herein. Der Grund, warum man von einem Auslandskorrespondenten oft hört/sieht/liest, was man sich eh schon gedacht hat, liegt vor allem im Verhältnis zwischen Heimatredaktion und Reporter. Bestellt werden aus Deutschland Geschichten von Redakteuren, die anhand ihrer eigenen Vorstellungen entscheiden, was interessant ist und was nicht. Leider sind die Sachkenntnisse nicht immer sehr groß und werden immer geringer. Die Zahl der Redaktionen in Deutschland, in denen Leute sitzen, die aus eigener Erfahrung den Iran / Afghanistan / Pakistan / den Mittleren Osten kennen, ist an wenigen Fingern abzuzählen. So werden fortlaufend Klischees reproduziert, die auf der Grundlage der Geschichten entstehen, die ebenso ahnungslose Kollegen im Nachbarzimmer in Auftrag gegeben haben. Ich kann jeden Tag drei Geschichten über Frauen, die unter dem Kopftuchzwang leiden, verkaufen. Die wesentlich mühseliger zu schreibende Geschichte über junge Mädchen, die das westliche Leitbild zur Rolle von Frauen ablehnen, werde ich kaum loswerden. Letzteres ist für den Iran nicht weniger prägend als die erste Gruppe. Reisejournalismus wird dieses Problem sicher nicht beheben. Im Fall Iran kann ich mich nur darüber wundern, dass es in Deutschland immer noch Bedarf an der 1.247 Geschichte über eine Underground- Rockgruppe oder eine rassige Rennfahrerin geben soll, die die Kollegen dann bei ihrer Stippvisite schreiben, wenn sie nicht damit beschäftigt sind, mangels besserer Einfälle auf dem Basar danach zu fragen, was der Iraner denn so von der Atomenergie hält. Es erstaunt auch nicht, dass die auf den Rockschößen von Ministern anreisenden Kollegen gewisse Vorzüge genießen. Sie kennen die Lage vor Ort nicht und deshalb kann man ihnen beispielsweise über die Bundeswehr in Afghanistan viel erzählen. Rotieren? Man sollte gehen, wenn man nichts Neues mehr zu berichten hat.

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