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07.09.08

Korrespondenten: Die Blindheit der Alteingesessenen

Im Kern ist es schon eine interessante Debatte, die der Thomas Knüwer dort angestoßen hat: Ob der Leser besser informiert sei, wenn eine Zeitung einen Korrespondenten vor Ort habe? Ich komme zu einem ähnlichen Ergebnis wie er - dass nämlich diese Wesen oft nur gut für Spesen seien - aber aus anderen Gründen. Denn es ist vor allem die Macht der Gewohnheit, die das afrikanische oder amerikanische Auge der Redaktion über kurz oder lang blind machen wird. Und damit unnütz.

Was erfahre ich als Leser denn mehr, wenn 'Halbamerikaner' wie der Gabor Steingart oder der Dieter Degler mir etwas vordenken? Meist sind es doch die üblichen Philosphokastereien darüber, ob der McCain nicht schon ein wenig zu alt für den Job sei, mit den üblichen Querverweisen auf Konrad Adenauer, worüber ich vom heimischen Schreibtisch aus genauso schön hätte sinnieren können. Oder aber ich hätte einfach den Fernseher eingeschaltet, um vom heimischen Ohrensessel aus beim Anblick des Republikaner-Konvents zu solchen Erkenntnissen zu gelangen:

"Die Regierungschefin von Alaska hat mit dünner Stimme eine Reihe von Vorwürfen gegen Barack Obama vorgetragen, die man wohlwollend als keck bezeichnen kann. Aber mit selbem Recht auch als anmaßend."

So what? Abwägereien und Wortspiele? Dazu muss ich nicht persönlich anwesend sein! Wo ist hier der publizistische Nutzen des Vor-Ort-Seins? Solche Impressionen verfasst der außenpolitische Kollege der Märkischen Oder-Zeitung genauso schön, ohne dass er ein einziges Mal seinen Schreibtisch in Frankfurt an der Oder verlassen müsste.

Trotzdem wäre durch Korrespondenten in meinen Augen durchaus ein Mehrwert für das Medium möglich, allerdings nur dann, wenn jemand noch neu und unverbraucht durch die fremde politische Agenda stolpert. Ist er erst einmal zu lange vor Ort, dann sieht er meist den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Was dem Neuling noch exotisch scheint, ist für den Veteranen grauer Alltag geworden.

Daher plädiere ich - wenn schon, denn schon - für die Rotation aller Auslandskorrepondenten. Das hängt mit der Aufmerksamkeitsökonomie des Menschen zusammen: Er sieht nur das, was eine 'Differenz', einen Unterschied macht. Über kurz oder lang aber wird er fern der Heimat gegenüber dem Immergleichen im exotischen Alltag immer 'indifferenter' werden.

Hier ein historisches Beispiel, um nicht immer nur lebenden Leuten auf die Füße zu treten: Georg Christoph Lichtenberg. Der große Physiker aus dem beschaulichen Göttingen reiste im Herbst 1774 für mehr als ein Jahr in die Weltstadt London, in das New York jener Tage. Für ihn kam das Ereignis einem Kulturbruch gleich - und Historiker, die das Phänomen der 'Urbanität' erforschen, dasjenige des 'gesellschaftlichen Übergangs zur Moderne', würden in seinen Briefen ohne Ende fündig: Die sind in ihrem Detailreichtum ergiebiger als die Berichte der zeitgenössischen Londoner selbst. Zunächst jedenfalls ...

Für Lichtenberg, der bisher nur ein Dorf mit angeschlossener Bibliothek wie Göttingen kannte, ist in einer Stadt, deren Bewohnerschaft schon nach Hunderttausenden zählt, alles frisch und neu. Aufgeregt registriert er Lustknaben, die ihm im Gedränge in den Schritt greifen, er hört noch den unaufhörlichen Lärm, sieht den erbarmungslosen Nepp, den die Anonymität der Großstadt aufblühen lässt, die Hektik und das Zielgerichtete des Passantenstroms, der nur der Uhr unterworfen dahinhastet, statt zu flanieren, zu schlendern oder zu schauen. Und das Göttinger Landei registriert auch das Aufkommen der Reklame, den ewigen Jahrmarkt in der Fleet Street, wo der einzige Zweck des Lichts der Mehrverkauf ist, und nicht mehr die bessere Sicht:

"Stellen Sie sich eine Straße vor so breit als die Weender, aber, wenn ich alles zusammen nehme, wohl auf 6mal so lang. Auf beiden Seiten hohe Häuser von Spiegelglas. Die untern Etagen bestehen aus Boutiquen und scheinen ganz von Glas zu sein; viele Tausende von Lichtern erleuchten da Silberläden, Kupferstichläden, Bücherläden, Uhren, Glas, Zinn, Gemälde, Frauenzimmer-Putz und Unputz, Gold, Edelgesteine, Stahl-Arbeit, Kaffeezimmer und Lottery Offices ohne Ende. Die Straße ist wie zu einem Jubelfeste illuminiert, die Apotherker und Materialisten stellen Gläser... mit bunten Spiritibus aus und überziehen ganze Quadratruten mit purpurrotem, gelbem, grünspangrünem und himmelblauem Licht. Die Zuckerbäcker blenden mit ihren Kronleuchtern die Augen und kitzeln mit ihren Aufsätzen die Nasen, ... da hängen Festons von spanischen Trauben, mit Ananas abwechselnd, um Pyramiden von Äpfeln und Orangen, dazwischen schlüpfen bewachende und, was den Teufel gar los macht, oft nicht bewachte weißarmige Nymphen mit seidenen Hütchen und seidenen Schlenderchen. Sie werden von ihren Herren den Pasteten und Torten weislich zugesellt, um auch den gesättigten Magen lüstern zu machen und dem armen Geldbeutel seinen zweitletzten Schilling zu rauben ..." (Brief v. 10. 1. 1775)

Willkommen in der Warenwelt! Was aber sieht dieser Mann nicht alles, jetzt, wo alles für ihn noch neu ist! Am Ende des Jahres dagegen, als unser Göttinger Auslandskorrespondent längst blasiert wurde und alles schon kennt, da schlägt der Überdruss und die Langeweile durch jede Zeile hindurch - nur Birmingham oder die erste Dampfmaschine können ihn noch kurz aufrütteln. Lichtenberg ist 'angekommen', der Gestus des müden Weltmannes klingt selbst durch den Bericht seiner Audienz beim englischen König hindurch. Der hat den buckligten Wissenschaftler richtiggehend in sein Herz geschlossen, ist für den aber - recht gesehen - nur ein Objekt pekuniärer Interessen:

"Es ist mir unmöglich einen so vortrefflichen Mann, der, wenn er einen halben Tag den wichtigsten Beratschlagungen beigewohnt und sich an Bittschriften müde gelesen und gehört hat, mich in seinen Ruhestunden in sein Kabinett rufen läßt, wieder aufs Neue mit solcher Vorstellung quälen; allein das werde ich tun, ich werde ihm auf irgendeine Art zu verstehen geben oder vielmehr geben lassen, daß ich gerade 40 Pfund hätte inklusive des Lizent-Äquivalents."

Ach ja - 'Ich und der König' - ein publizistischer Niedergang, verglichen mit dem Zitat zuvor. Lichtenberg erzählt nicht mehr, er zeigt dem Leser nicht mehr die royale Umgebung, im Gegenteil, wie die letzte Hofschranze versetzt er sich jetzt 'in den König hinein'. Es ist die Mausi-Psychologie, die später Karl Kraus kritisieren wird, der künftige Stil der grünen Blätter.

Und - um auf den Anfang zurückzukommen - es ist das ewige Schicksal des Auslandskorrespondenten: Irgendwann ist er eingenordet, ist er selber ein Teil des Spiels statt nur ein Beobachter, er fühlt sich dementsprechend wichtig und dementsprechend ist das, was er schreibt, auch richtig - er schreibt jetzt über seine Bedeutung statt über seine Umgebung. Kurzum - er ist journalistisch nun ein totes Holz, stumpf und ohne Biss, meist deshalb, um seine 'Kontakte' nicht zu gefährden. Er sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Höchste Zeit für einen Ortswechsel ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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