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28.08.14Leser-Kommentare

"Gut für Volkswirtschaft und Gesellschaft": Klarna-Gründer schlägt Gratis-Internet für alle Schweden vor

Sebastian Siemiatkowski, Gründer und CEO des schwedischen Bezahldienstleisters Klarna, sieht in kostenfreiem mobilen Internet für alle Bürger Schwedens einen guten Weg, um die Volkswirtschaft für das digitale Zeitalter fit zu machen. Ein radikaler Ansatz, der nicht nur im hohen Norden eine Überlegung wert wäre.

Pragmatisches Handeln und eine konstruktive, positive Grundhaltung zu Veränderung sind charakteristische Merkmale der schwedischen Mentalität. Das erklärt, wieso aus dem bevölkerungsarmen Land im Norden vergleichsweise viele erfolgreiche IT- und Netzfirmen sowie technologische Entwicklungen stammen, und es hat zur Folge, dass Organisationen auf sich wandelnde Rahmenbedingungen nicht selten mit einer besonderen Anpassungsfähigkeit reagieren - wie am Montag am Beispiel von Taxi Stockholm beschrieben.

Existiert erst einmal ein gesellschaftliches Klima, das stetige Veränderung als Chance und nicht als Bedrohung sieht, animiert dies Menschen dazu, verstärkt den Status Quo in Frage zu stellen und unkonventionelle Ideen durchzuspielen. Ab und an bringt dies sehr interessante Debatten hervor. Solch eine hat nun Sebastian Siemiatkowski ausgelöst, der Gründer und CEO des Bezahldienstleisters Klarna (der zuletzt den deutschen Konkurrenten Sofort AG für rund 100 Millionen Euro übernahm und von US-Beobachtern als nächstes Paypal gehandelt wird). KlarnaIm Gespräch mit dem schwedischen Fachmagazin Computer Sweden (ins Englische übersetzter Artikel) erklärt Siemiatkowski, dass kostenfreie WLAN-Netze, wie sie die schwedischen Sozialdemokraten im Falle eines Wahlsiegs forcieren wollen, zwar nett seien, dass aber eigentlich kostenfreie mobile Datenverbindungen weitaus größere Effekte hätten.

In Anlehnung an die sogenannte “Heim-PC-Reform”, bei der Bürger in Schweden in den 90er Jahren durch staatliche Subventionen und Steuererleichterungen zur Anschaffung von Privat-PCs angeregt wurden, sagt Siemiatkowski: “Mittellose, ambitionierte junge Leute wie ich erhielten früh Zugang zu Computern. In Sachen E-Commerce und dem Reifegrad von IT-Lösungen lag Schweden in der Folge stets anderen Ländern voraus”. Nach Ansicht des Unternehmers hätte ein staatlich sichergestellter Gratis-Zugang zum mobilen Datennetz ähnlich positive Auswirkungen auf die Volkswirtschaft.

Seiner Ansicht nach müssen die Kosten für den Webzugang mittelfristig Richtung null tendieren, auch um die bevorstehende Vernetzung aller Alltagsgeräte bewerkstelligen zu können. In Anbetracht des stetigen Preisverfalls bei den Zugangskosten für mobiles Internet geht er davon aus, dass die Preise irgendwann tatsächlich nahe null landen werden. Schweden könne diese Entwicklung aber vorweg nehmen und sich damit einen weiteren Konkurrenzvorteil verschaffen.

“Im Endeffekt geht es darum, sicherzustellen, dass auch die nächsten Klarnas und Spotifys (auch ein schwedisches Unternehmen, Anmerkung der Redaktion) in Schweden entstehen”, so Siemiatkowski.

Den mobilen Internetzugang für alle Bürger gratis anzubieten, wäre ein radikaler Schritt, der nicht zuletzt seitens der Telekommunikationsbranche auf massiven Widerstand stoßen würde. Denn ein solcher Schritt stellt im Prinzip ihre Existenz als eigenständige, gewinnorientierte Unternehmen in Frage.

Abseits von ideologischen und politischen Konflikten, die sich aus seinem Vorschlag ergeben, spricht der Entrepeneuer aber wichtige Punkte an: Die Wirtschaft der Zukunft ist digital, und die Firmen der Zukunft werden dort florieren, wo die Rahmenbedingungen für sie ideal sind. Das bedeutet leistungsfähige Infrastruktur, ein funktionierendes Ökosystem und eine größtmögliche Zahl von Kunden. Den Internetzugang zu einem gesellschaftlichen Gemeingut zu erklären, würde sich aller Wahrscheinlichkeit nach wie ein Katalysator auf die Digitalwirtschaft auswirken. Und im Gegensatz zu freien WLANs, die stets nur lokal existieren und in Sachen Anwenderfreundlichkeit und Sicherheit viele Wünsche offen lassen, wäre LTE tatsächlich die geeignetere Zugangsform.

Aller Vorraussicht nach wird es vorläufig bei einem polarisierenden Vorschlag bleiben. Selbst in Schweden dürfte sich nicht innerhalb kürzester Zeit ein Wandel einleiten lassen, der einer regelrechten Revolution gleich käme und bei dem viel Geld im Spiel ist und auf dem Spiel steht - zumal die Einführung von Gratis-Internet für alle gut durchdacht sein will.

Dennoch ist es zu begrüßen, dass ungewöhnliche Maßnahmen zur Debatte gestellt werden, um Wirtschaft und Bürger eines Landes in die bestmögliche Ausgangslage zu bringen, um vom vernetzen Zeitalter zu profitieren. Während man in Deutschland noch immer dabei strauchelt, allen Bürgern überhaupt die Option auf schnelles Breitbandinternet einzuräumen. /mw

Kommentare

  • qwerty248

    28.08.14 (13:40:16)

    Ja, aber nicht durch staatliche Subvention, sondern Innovation und damit nachhaltige Kostenreduzierung, was wie er richtig feststellt ehh passiert. Interessant fände ich so etwas aber als Versuch in einzelnen Städten und Regionen auf dem Land. Oder wäre der hoffentlich positive volkswirtschaftliche Effekt dann nicht oder nur schwierig messbar?

  • qwerty248

    28.08.14 (13:51:32)

    damit ginge das wohl: Impact-Studien/Analysen; Volkswirtschaftliche Bedeutung messen http://bakbasel.ch/wDeuts…chorW261010019.shtml

  • Torsten Williamson-Fuchs

    28.08.14 (14:35:10)

    Klasse Idee! In Deutschland wird eine große Koalition aus Telefonie-Lobbyisten und der Politik dies zu verhindern wissen.

  • Nick

    31.08.14 (11:31:11)

    Halte ich für völlig überflüssig und gefährlich. Überflüssig, weil die Preise eh am Boden sind und weiter sinken. Wer wegen der niedrigen Preisen seine Internet Firma nicht gründet, sollte lieber off line bleiben. Gefährlich, weil dann der Staat den Ausbau der Netze bezahlen müsste. Aber der Staat ist jetzt schon nicht fähig z.B. das Strassennetzt zu "erhalten" geschweige denn auszubauen. Viel wichtiger ist eine Änderung der Rechtslage damit WiFi kostenfrei von Firmen und auch für Privatpersonen angeboten werden kann.

  • Jini

    02.09.14 (21:33:32)

    Dann ist das Internet die Straße, die Handys die Fahrräder und PCs die PKWs!

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