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24.07.13

Gründungen: Auf Exit getrimmte Startups agieren respektlos

Nutzer wissen selten, welche Motive Gründer von Startups antreiben. Geht es ihnen um den schnellen Exit oder die Verwirklichung einer ernsthaften Vision? Die Erosion des Vertrauens schadet dem Ökosystem.

ExitIch habe mein Vertrauen verloren. Nicht in irgendwas, sondern in die Motive heutiger Startup-Gründer. Mir fiel dies gestern während eines Gesprächs mit einem Freund wie Schuppen von den Augen. Wir plauderten über neue Apps und ich erwiderte ihm, dass ich mittlerweile bei konzeptionell eher simplen Diensten grundsätzlich davon ausgehe, dass seine Macher zumindest irgendwo im Hinterkopf die Intention hegen, das Angebot relativ schnell an einen der führenden Internetkonzerne zu veräußern. Allzu oft folgt auf derartige Akquisitionen die Schließung des übernommenen Services. Den Käufern geht es häufig nur um das Team sowie dessen Know-how.

Die Volatilität und Mortalität des Startup-Ökosystems ist ein bekanntes Phänomen. Dienste und Apps kommen und gehen, nur den wenigsten gelingt der Durchbruch. Nutzer dürfen nie davon ausgehen, ein liebgewonnenes Angebot für alle Ewigkeit zur Verfügung zu haben. Freilich wäre es auch vermessen, von Gründern vorab eine Art Bestandsgarantie einzufordern. Jedes Jungunternehmen ist ein Experiment mit offenem Ausgang. Im besten Fall liegen den Machern hinreichend Datenpunkte und Marktforschungserkenntnisse vor, um von einer hohen Erfolgswahrscheinlichkeit auszugehen. Im schlechtesten Fall folgen die Gründer einfach nur ihrem Bauchgefühl - mit entsprechend vollständig offenem Ausgang. Problematisch wird es, wenn Entrepreneure von dem klaren Ziel angetrieben werden, ihre Entwicklung kurz- bis mittelfristig zu veräußern. Anstatt dass sie ein wirtschaftlich arbeitendes Unternehmen für die Ewigkeit schaffen wollen oder zumindest einem langfristig ausgerichteten Plan folgen, geht es ihnen entweder um den schnellen Reichtum oder die Anstellung bei einem Webgiganten wie Google, Facebook, Twitter oder Yahoo. Instapaper-Macher Marco Arment beschrieb die Praxis der heutzutage sehr üblichen Talentakquisitionen als "Jobangebote mit einem dicken Willkommensbonus".

Leider ist es extrem schwierig, vorab in Erfahrung zu bringen, was etwa das Gründerteam einer mobilen App antreibt. Wollen sie eine große Vision verwirklichen, die Welt verbessern, ein kleines, aber nachhaltiges Business aufbauen, oder motiviert sie allein die Hoffnung auf das große Geld?! Im Gegensatz zu einschlägigen Copycat-Schmieden, bei denen halbwegs informierte User im Vorfeld wissen, dass nach spätestens einigen Jahren ein Verkauf ansteht, machen "unabhängige" Projekte die Einschätzung der Motive schwer. Und natürlich findet sich kein Gründer, der unverholen zugeben würde, bei der erstbesten Gelegenheit einen Scheck entgegenzunehmen und seine bis dato akquirierten Nutzer sich selbst zu überlassen. Leider geschieht genau dies immer und immer wieder.

Als Anwender von Diensten, speziell im Social Web, investiere ich Zeit und Energie in die Nutzung und helfe dem jeweiligen Angebot damit bei der Etablierung. Das ist so lange angemessen, wie ich davon ausgehen kann, dass die Macher ernsthaft versuchen, ein solides, möglichst beständiges Geschäftsmodell aufzubauen. Fließt ihre gesamte Arbeit aber in das Aufhübschen einer von vorne herein zum Verkauf bestimmten und danach von der Schließung bedrohten Braut, dann handelt es sich um ein moralisch sehr bedenkliches, systematisches Ausnutzen der User. Denn die Gründer nehmen damit bereitwillig vom ersten Tag an in Kauf, dass die Anwender, die sie mit blumigen Versprechen zu sich locken, in einem Jahr wieder auf der Straße stehen.

In der perfekten Welt gäbe es nur Startups, bei denen die Zielvorgabe das eigenständige wirtschaftliche Bestehen ist (was einen Exit zu einem späteren Zeitpunkt natürlich nicht ausschließt). Doch von diesem Zustand sind wir weit enfernt. Leider führt dies zumindest bei mir zu einem Generalverdacht. Mir fällt es immer schwerer, frisch gegründeten Onlinediensten einen nennenswerten Teil meiner Aufmerksamkeit zu schenken, aus Sorge, dass die Macher diesem Investment nicht mit der angemessenen Wertschätzung gegenübertreten. Einen auf die Partizipation der User angewiesenen Service von Anfang an auf Exit zu trimmen, ist eine Respektlosigkeit, die dem gesamten Ökosystem schadet.

Vielleicht ist die Zahl derjenigen Gründer, die so denken, geringer als von mir skizziert. Ich appeliere an alle Jungunternehmer, Nutzer nicht für den schnellen Exit zu instrumentalisieren. /mw

(Illustration: Bribe, Shutterstock)

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