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11.06.14Leser-Kommentare

Googles autonomes Fahrzeug: Die Zukunft des Automobils, aber nicht die Zukunft der Mobilität

Aus technischer Sicht sind selbstfahrende Autos wie der von Google vorgestellte Prototyp eine echte Innovation. Als Mobilitätskonzept aber stellen sie lediglich alten Wein in neuen Schläuchen dar.

Selbstfahrendes AutoMobilität gehört zu den zahlreichen Bereichen des Alltags, die erst 20 Jahre nach dem Debüt des kommerziellen Internets die Konsequenzen dieser Technologie richtig zu spüren bekommen. Kaum noch zu überblicken ist die Zahl der Ansätze und Ideen, die von etablierten Branchengrößen, Technologiegiganten und Startups derzeit in Angriff genommen werden, und die von den Möglichkeiten der Digitalisierung Gebrauch machen, um Mobilität effizienter, bequemer und umweltverträglicher zu gestalten.

Googles selbstfahrendes Auto gehört hierbei zur Speerspitze dieser "Bewegung". Zwar dürfte der kürzlich vorgestellte knuffige Prototyp wohl kaum das Zeug zum Verkaufshit haben. Mittelfristig werden es aber sicher auch autonome Fahrzeuge auf die Straße schaffen, die nicht aussehen, als würden jeden Augenblick 12 Clowns aussteigen. Auch Autohersteller wie Tesla, Volvo, Audi und Toyota verfolgen Pläne, Kfz-Besitzer von der Notwendigkeit zur Steuerung ihres Fahrzeugs zu befreien. Auf technischer Ebene sind selbstfahrende Autos eindeutig ein Meilenstein, auch wenn die ethischen und rechtlichen Probleme, die entstehen, wenn man Millionen Menschenleben plötzlich in die Hände von Maschinen gibt, keine kleine Herausforderung darstellen. Dennoch bieten von Computern gelenkte Autos ein enormes Potenzial, was die Verhinderung von Unfällen, das Einsparen von Sprit und die effizientere Nutzung von Fahrzeugen angeht.

Auf konzeptioneller Ebene aber ist das autonome Fahrzeug nichts weiter als eine Iteration des nun seit über 120 Jahren existierenden Automobils. Auch noch so intelligente Kraftfahrzeuge werden sich den infrastrukturellen Beschränkungen und Engpässen unterwerfen müssen, die zu verstopften Straßen und langen Fahrzeiten führen. Mittels Car- und Ridesharing, einer automatisierten, eine Vielzahl von Faktoren und Daten einbeziehenden Routenplanung sowie einer gleichmäßigen, mit anderen Autos abgestimmten Fahrweise wird sich zwar der ein oder andere Stau verhindern lassen. Trotzdem greifen die Visionen zu kurz, wenn sie nicht die weniger in europäischen Ballungsräumen, aber stark in den USA und einigen anderen Erdteilen anzutreffende Selbtverständlichkeit, für jede noch so kleine Erledigung das eigene Auto zu benutzen, in Frage stellen.

Die Entwicklung eines ausgereiften, autonomen Kleinfahrzeugs kann also nur den Anfang für eine darauf folgende Automatisierung des öffentlichen Personennahverkehrs darstellen. Selbstfahrende Busse wären der nächste Schritt. Wenn Verkehrsbetriebe keine Fahrer mehr beschäftigen müssen, könnten sie mit den eingesparten Mitteln das Streckennetz erweitern und die Frequenz erhöhen. Dank mobiler Technologie würden Busse auch gewisse taxiähnliche Eigenschaften annehmen, so wie es derzeit im finnischen Helsinki getestet wird. Der weitere Evolutionsschritt wären dann konsequenterweise selbstfliegende "Busse", wodurch der Bedarf am teuren Bau und Unterhalt von Straßen und Autobahnen entfiele.

Ob Google aber wirklich so weit denkt, ist fraglich. Als ein fest im Land der Autofahrer und des bis auf wenige Ausnahmen fast inexistenten öffentlichen Personennahverkehrs verankertes Unternehmen besitzt die Firma wenig Anreize für Lösungen, die sich vom gesellschaftlichen Ideal des Automobils als Herzstück des Beförderungsmixes verabschieden. Zumal selbstfahrende Autos auch geeigneter sind als Busse, um individuelle, womöglich standortbezogen per Push-Mitteilung ausgelöste Konsumbedürfnisse der Passagiere zu befriedigen.

Wie auch beim kalifornischen Chauffeurdienst Uber, mit 18,2 Milliarden Dollar das am höchsten bewertete Tech-Startup aller Zeiten, zeigt sich bei Googles Unterfangen das Grundproblem aller neuen Mobilitätssysteme aus dem amerikanischen Raum: Sie trauen sich nicht, das Konstrukt des Individualautomobils insgesamt in Frage zu stellen. Eine Ausnahme bildet der Tesla-Gründer Elon Musk, der vor einigen Monaten mit dem Vorschlag einer Art "Rohrpost für den Menschen" (Spiegel Online) zwischen San Francisco und Los Angeles für Aufsehen sorgte. Doch die Investoren des Silicon Valley pumpen ihr Geld angesichts besserer Ertragschancen traditionell lieber in Instagram oder Uber .

Google als prominenteste und mit Blick auf die massive Kompetenz im Bereich von Informationstechnologie und künstlicher Intelligenz wohl softwareseitig ernstzunehmendste Kraft hinter der Vision des autonomen Fahrzeugs könnte Skeptiker allerdings mit einem einzigen Schritt verstummen lassen: Indem es, wenn vollkommen ausgereift und markttauglich, die technische Plattform und die Algorithmen hinter seinen selbstfahrenden Fahrzeugen als Open Source veröffentlicht und entweder nur öffentlichen Verkehrsbetrieben oder gar allen Marktteilnehmern kostenfrei zur Verfügung stellt.

Für die an umweltschonender Mobilität interessierte Gesellschaft wäre dies ein wünschenswertes Resultat. Die zunehmenden Versuche von Google, sein eigentlich freies Betriebssystem Android stärker unter die eigene Kontrolle zu bringen, lassen aber vermuten, dass aus Sicht des Unternehmens ein "Android for Cars und Busses" nur dann erstrebenswert wäre, wenn Google einen maßgeblichen Einfluss auf die Ausformung hätte und mit seinen Diensten und Werbebotschaften die Fahrgäste erreichen würde.

Vielleicht aber ergäbe auch ein vollkommen freies Google-Betriebssystem für autonome Fahrzeuge strategisch Sinn: Durchschnittliche Amerikaner verbringen pro Tag 101 Minuten hinter dem Steuer. Mehr als anderthalb Stunden, in denen sie nicht aktiv am Netzgeschehen teilnehmen und keine Google-Anzeigen zu Gesicht bekommen. Ob diese 101 Minuten in Zukunft in einem autonomen Privatfahrzeug oder in einem fahrerlosen öffentlichen Verkehrsmittel verbracht werden, kann Google eigentlich egal sein: In beiden Fällen hätten Passagiere mehr Zeit für digitale Aktivitäten. Genau das, was Google mit selbstfahrenden Autos erreichen möchte. /mw

Kommentare

  • gis

    11.06.14 (09:24:03)

    Martin, ich sehe das - wie so-oft ;) - etwas anders: Ich verzichte seit Jahren auf ein eigenes Auto, fahre praktisch nur mit dem ÖV und nutze, wenn es ein Auto sein muss (und seien wir ehrlich, es gibt immer wieder Situationen, in denen eines nützlich ist), Mobility. Der grosse Vorteil von Mobility ist, ich habe immer den Wagen, den ich gerade brauche (Kombi, Transporter usw.). Jetzt stell Dir eine Mobility-Flotte aus autonomen Fahrzeugen - im Idealfall elektrisch oder anderweitig umweltfreundlicher - vor, die zu Dir dorthin kommen, wo Du sie brauchst und die Du am Ende der Fahrt stehen lassen kannst, ohne sie zurück an einen zentralen Ort fahren zu müssen, von wo Du dann mit dem ÖV wieder zurück fahren musst. Das Ganze wird, der Vernetzung sei dank, intelligent gesteuert, so dass mit einem Minimum an Fahrten das Optimum an Verteilung/Verfügbarkeit erreicht wird. Das ist m.E. die Zukunft des motorisierten Individualverkehrs, der - und da sollten wir uns keinen Illusionen hingegeben - nicht nur in der Autofahrernation USA nie mehr verschwinden wird.

  • DJ Nameless

    11.06.14 (21:42:28)

    Gis schrieb: "Ich verzichte seit Jahren auf ein eigenes Auto, fahre praktisch nur mit dem ÖV" Ich habe auch kein Auto, weil ich zu denjenigen gehöre, die sich Autofahren nicht zutrauen; ich habe also auch keinen Führerschein. Zudem bin ich nicht fast jeden Tag unterwegs, so dass sich die laufenden Kosten eines Autos (Werteverfall, Wartung, Versicherung etc.) bei mir nicht lohnen würden. Mit dem ÖPNV gibt es allerdings Probleme, wenn man, wie ich, nicht direkt an einer Hauptverkehrsachse wohnt und häufig Ziele abseits der Hauptverkehrsachen ansteuern will/muss. So ist es z. B. von meinem Wohnort in Solingen nicht möglich, in unter 2 Stunden ins gut 15 km entfernte Mettmann zu kommen. Auch von Solingen nach Wuppertal ist man anderthalb Stunden unterwegs. Dort, wo die ÖPNV-Verbindungen akzeptabel sind, nutze ich sie auch; ansonsten versuche ich, Fahrgemeinschaften zu bilden, und wenn alle Stricke reißen, muss ich halt mal ein Taxi nehmen. Von daher fände ich es schön, wenn bald das autonome Auto endlich serienreif wäre. Ich würde dann auch nicht ein eigenes haben wollen, sondern eben als preiswerteren Taxi-Ersatz, weil kein Fahrer mehr bezahlt werden muss.

  • Martin Weigert

    11.06.14 (23:47:04)

    Ich muss dich leider enttäuschen gis - wir sind gar nicht so sehr unterschiedlicher Ansicht: Denn ich sehe den Individualverkehr auch durchaus als Teil im Beförderungsmix. Aber eben nur als ein Teil. Zudem verschwimmen die Grenzen.

  • René Fischer

    20.07.14 (00:01:13)

    Ich wünsche mir etwas, das darüber sogar hinaus geht. Was genau habe ich mal hier niedergeschrieben: http://gaehn.org/zweitausendsiebzehn Kann das bitte mal wer bauen? Danke!

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