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16.09.13

Google+: Zwei Jahre später und noch immer ein Flop

Seit über drei Jahren investiert Google immense Mittel in sein soziales Netzwerk Google+. Im Angesicht dessen hat es wenig erreicht.

FailVor anderthalb Jahren veröffentlichte ich einen vieldiskutierten Abgesang auf Google+. Heute bereue ich, den Beitrag mit dem zentralen Vermerk "Prognose" betitelt zu haben. Jedoch nicht, weil ich von meiner Analyse der schlechten Zukunftsaussichten des ambitionierten Google-Vorhabens abgerückt bin, sondern lediglich, weil die im Technologie- und Wirtschaftsjournalismus verbreitete Vorhersagerei zumeist purem Rätselraten gleich kommt und in den meisten Fällen allein und ausschließlich der Profilierung der Autoren dient. Mir ging es in dem Text jedoch darum, die Schwächen von Googles "sozialer Ebene" zu beschreiben und deutlich zu machen, warum sich der Internetriese und seine Führungsetage mit dem Projekt ein Problem ins Haus geholt haben. "Die Tage von Google+ sind gezählt", so lautete damals mein Fazit. Ich halte diesen Schluss auch im September 2013 noch für valide. Überhaupt fällt mir beim Lesen meines Beitrags auf, dass sich die meisten meiner einstigen Aussagen heute ohne große Modifizierungen erneut verwenden lassen. Etwa folgender Absatz, der die Lage von Google+ im Februar 2012 traf und dies auch anderthalb Jahre später tut:

"Google+ ist nach wie vor nichts anderes als ein Nischenangebot, das eine loyale Anhängerschaft besitzt, die sich aus einem vergleichsweise kleinen aktiven Nutzerkreis rekrutiert. Für manch ein Startup wäre dies durchaus akzeptabel. Für Google, das seit bald zwei Jahren [mittlerweile dreieinhalb Jahre] enorme Ressourcen dafür aufwendet, um endlich im Social Web Fuß zu fassen, reicht die bisherige Durchdringung bei weitem nicht aus".

Bevor sich nun wieder Google+-Fans in Scharen über diese in ihren Augen inkorrekte Einschätzung beschweren, möchte ich sie anhand der aktuellen Situation genauer erläutern.

Unklarheiten über Google+-Zahlen sind beseitigt

Lange Zeit war es schwierig, aussagekräftige Statistiken zur tatsächlichen Nutzung von Google+ zu erhalten. Das Unternehmen verwirrte bewusst mit relativ irrelevanten, aber von vielen Medien unkritisch als bedeutsam verkauften Zahlen. Dubiose, schiefe Vergleiche anstellende Studien von Marktforschungsinstituten erhöhten die Desinformation. Besonders kompliziert wurde die Bewertung der verfügbaren Daten durch die Frage, wann von einer Google+-Nutzung gesprochen werden kann: Immerhin besitzen hunderte Millionen registrierte Google-Mitglieder ein Google+-Profil, ohne die Kernfunktionen des sozialen Netzwerks zu verwenden oder überhaupt zu wissen, was sich hinter dem Plus-Kürzel eigentlich verbirgt.

Mittlerweile sind alle Unklarheiten aus dem Weg geräumt: 190 Millionen Menschen waren im Mai 2013 laut Google monatlich innerhalb des Streams, also auf plus.google.com, zugange. 390 Millionen verwenden Google+Funktionalität bei anderen Google-Diensten, betätigen etwa den +1-Button für Apps in Google Play, führen Videogespräche via Gmail durch oder teilen Videos mit ihren Google+-Kontakten direkt über YouTube. Mittlerweile dürften es dann in etwa 220 Millionen aktive Stream-Anwender und 450 Millionen "erweiterte Google+-User" sein.

Mehr als 190 Millionen Anwender, die sich mindestens einmal im Monat bei plus.google.com oder innerhalb der mobilen App blicken lassen und folglich auch tatsächlich mit ihren Kontakten interagieren, ist freilich kein schlechtes Ergebnis. Kaum ein Startup ist jemals in der Lage gewesen, innerhalb von zwei Jahren eine derartig umfangreiche Nutzerschaft um sich zu versammeln. Der japanische Smartphone-Messenger Line, quasi zeitgleich mit Google+ im Sommer 2011 lanciert, hatte Ende August dieses Jahres 230 Millionen registrierte Mitglieder. Aktiv dürften allerdings erheblich weniger sein. WhatsApp benötigte rund vier Jahre, um auf 300 Millionen monatlich aktive Anwender zu kommen. Wo der Line-Konkurrent zwei Jahre nach dem Startschuss stand, ist nicht bekannt. Eindeutig jedoch nicht bei über 190 Millionen aktiven Mitgliedern. Ein anderer rasant wachsender Newcomer, Viber, erreichte den Meilenstein von 200 Millionen Nutzern drei Jahre nach seinem Launch - registrierte, nicht aktive, wohlgemerkt. Facebook benötigte ganze fünf Jahre, um dorthin zu kommen, wo Google+ bezüglich der Aktivität der User heute steht.

Der richtige Maßstab zählt

Gemessen an den Maßstäben von Startups ist Google+ eine Erfolgsgeschichte. Nur gibt es hier ein offensichtliches Problem: Google ist kein Startup, sondern ein etablierter Webkonzern mit mehr als 40.000 Angestellten und vierteljährlichen Milliardengewinnen. Das kalifornische Unternehmen investiert seit Jahren Unsummen in Google+ und lässt seit dessen Veröffentlichung keine Gelegenheit aus, seinen sozialen Dienst den mehr als eine Milliarde monatlichen Besuchern anderer Google-Angebote unter die Nase zu schieben. Egal ob Gmail, YouTube, die Suche oder Android - überall integriert Google Features aus seinem Social Network und drängt dieses seiner Anwenderschaft regelrecht auf. Relativ frische Funktionen wie das Einbetten von Google+-Beiträgen in externe Websites oder ein Anmelde-Plugin für Websites und Apps sollen den erhofften Effekt der Omnipräsenz noch verstärken.

Google scheut keine Kosten

Google lässt sich Google+ einiges kosten. Mindestens 1.000 Personen sind laut Schätzung eines Google-Mitarbeiters mit dem Betrieb und der Weiterentwicklung von Google+ befasst. Schon im Vorfeld des Launches vor zwei Jahren waren es "hunderte Ingenieure", so Wired zum Launch. Google+ sei der "Kernfokus" von Vorstandschef Larry Page, hieß es. Damals wurden die bis dato angefallenen Gesamtkosten für die Entwicklung des Angebots auf 585 Millionen Dollar geschätzt. Zwei Jahre später müssen es Milliarden sein. Für den Netzgiganten hat Google+ strategisch eine derartig hohe Priorität, dass er dafür selbst das Zerstören von Sympathien bei Multiplikatoren in Kauf nimmt, wie mit der im Zuge der Refokussierung auf wenige Projekte (= u.a. Google+) erfolgten Schließung des Google Readers, und dass er dafür das Risiko eingeht, existierende Mitglieder in die Weißglut zu treiben, wie etwa mit dem immer wiederkehrenden Aufruf an registrierte YouTube-Mitglieder, ihren Alias in ihren Google+-Klarnamen zu verwandeln. Wer sich ein Smartphone oder Tablet mit Android zulegt, muss sich schon anstrengen, um im Laufe der Einrichtung nicht Google+-Nutzer zu werden.

Der Such-, Werbe- und Netzkonzern hat zwei Jahre lang keinen Hebel unangetastet gelassen, um Google+ zu einem Erfolg zu machen, und Milliarden in die Hand genommen. Dafür sind 190 Millionen (heute vielleicht 220 Millionen) aktive User im Stream keine besondere Leistung.

Die theoretische Kraft von 40.000 Angestellten

Bedenkt man, was die oben genannten Startups wie Line (zwar Teil eines koreanischen Internetunternehmens, aber eigenständig geführt), WhatsApp oder Viber mit einigen Millionen Dollar, ohne exzessive Querfinanzierung und ohne enge Verquickung mit den meistbesuchten Webangeboten der Welt erreicht haben, ist Google+ zwei Jahre nach der Premiere genau die Enttäuschung, die sich in den Monaten unmittelbar danach bereits angedeutet hat. Dieser Eindruck basiert auch auf der Tatsache, dass Google+ sich der Unterstützung von über 40.000 Angestellten sicher sein müsste. Würde jeder davon zwei Jahre lang heftig Freunde, Bekannte und Verwandte zur Partizipation bewegen, dann entstünden schon daraus Netzwerkeffekte, die den Dienst in gänzlich andere Dimensionen katapultieren würden. Aber entweder geschieht dies nicht, oder das soziale Umfeld der Google-Mitarbeiter hat nur ein geringes Interesse an einem weiteren Social-Angebot. 2012 kam eine Website zu dem Schluss, dass ein Drittel der Google-Angestellten bei Google+ inaktiv gewesen seien. Ob diese Analyse Aussagekraft besitzt, ist zwar offen, das Ergebnis passt jedoch ins Gesamtbild. Das letzte Mal, als ich persönlich einen Google-Mitarbeiter auf die Google+-Nutzung der Beschäftigten ansprach, erhielt ich als Antwort ein halb hämisch, halb bemitleidend klingendes Lachen.

WhatsApp und Instagram bewegen mehr

Abgesehen von der Gegenüberstellung von Aufwand und Resultat, bei der Google+ für meinen Geschmack nicht sonderlich gut bei weg kommt, möchte ich noch einen zwar subjektiven, aber nicht unwesentlichen Punkt anführen, der den relativen Misserfolg des Vorhabens unterstreicht: Die Google+-Nutzung im nahen und erweiterten persönlichen Freundes-, Bekannten- und Verwandtenkreis. In meinem Fall besteht dieser aus einigen hundert Personen unterschiedlicher Altersgruppen (mit Schwerpunkt 20-40 Jahre), unterschiedlicher Subkulturen und unterschiedlicher Nationalitäten beziehungsweise Heimatländern. Die meisten Personen davon sind "Durchschnittsnutzer" ohne die in Tech-Kreisen zu findende herausragende Web- und Geek-Affinität. Situationen, in denen innerhalb dieser zwar nicht repräsentativen, aber durchaus signifikanten Gruppe Google+ ein Thema war (virtuell oder in Form persönlicher Gespräche) kann ich an einer Hand abzählen, und habe dann sogar noch Finger übrig.

Für meinen nicht unbedingt homogenen, erweiterten Freundes- und Bekanntenkreis ist Google+ ein vollständig vernachlässigtes Thema. Anders als Instagram oder WhatsApp - zwei Dienste, die sich über Länder- und Kulturgrenzen hinweg einer extremen Beliebtheit erfreuen.

Das persönliche Umfeld als Gradmesser oder Indiz für den Entwicklungsstatus eines Onlinedienstes zu verwenden, ist zwar nicht ganz korrekt, aber bei entsprechender Größe und Vielfältigkeit der Stichprobe auch nicht komplett falsch. Obwohl Google+ von mehr aktiven Nutzern als Instagram berichtet, spielt die Foto-App im Alltag von urbanen, gut vernetzten jungen Erwachsenen aus (primär) Industrieländern eine weitaus größere Rolle. Dieses Bild entsteht zumindest für mich mit Blick auf mein Umfeld, und aus Gesprächen weiß ich, dass ich damit nicht der einzige bin (selbst wenn es mit Sicherheit auch anders gelagerte Fälle gibt). Dieses Resultat deckt sich mit vergangenen Untersuchungen, bei denen typische Merkmale von Google+-Nutzern ein hohes Alter sowie eine tendenzielle Beheimatung in Schwellenländern waren.

Das relativiert zwar die genannten Aktivitätszahlen von Google+ nicht, beleuchtet aber, wieso selbst eine Betrachtung derartiger Zahlen nur einen Teil der Wahrheit wiedergeben. Auch Googles früheres Social-Network-Experiment Orkut erfreute sich massiver Beliebtheit in zwei bevölkerungsstarken Schwellenländern, Indien und Brasilien. Dennoch wurde Google+ lanciert - um den Rest der Welt einzunehmen und seine Suche durch die Partizipation einer möglichst breiten Zahl an Usern um qualitative soziale Signale zu erweitern. Doch trotz aller Anstrengungen ist Google dies bisher nicht gelungen.

Großer Aufwand, geringer Effekt

Google+ ist in meinen Augen ein Flop, im Verhältnis dazu betrachtet, was Google seit über drei Jahren an Mitteln und Energie in das Vorhaben pumpt. Dies schließt nicht aus, dass einige Leserinnen und Leser dieses Beitrags Google+ als ihr bevorzugtes soziales Netzwerk auserkoren haben. Für jede junge, von begrenzten Ressourcen und fehlenden Promotionkanälen gequälte Webfirma wäre das von Google+ Erreichte ein einzigartiger Erfolg. Dem größten Internetkonzern der westlichen Welt aber kann es nicht genügen, in zweiter Reihe bei sozialen Netzwerken mitzuspielen und genau dort nicht Gesprächsthema zu sein, wo alle anderen aufstrebenden sozialen Dienste und Apps heiße Ware sind.

Ich habe keine Ahnung, was Google machen wird, um sich aus dieser leicht unangenehmen Lage zu befreien. Solange die Einnahmen aus der Suchwortvermarktung sprudeln, besteht kein unmittelbarer finanzieller oder öffentlicher Druck, radikale Entscheidungen zu treffen. Insofern ist es möglich, dass CEO Larry Page und seine Mitstreiter darauf hoffen, durch eine fortgesetzte, noch aggressivere Integration in die anderen Google-Services Google+ doch noch zum ganz großen Durchbruch zu verhelfen. Allerdings sollten zwei harte, bedingt gelungene Jahre als Beleg dafür ausreichen, dass sich im Social Web Nutzeraktivität und -engagement nicht mit Gewalt erzwingen lässt. Eventuell erwartet sich das Management auch einen zusätzlichen Push für Google+ durch die Cyberbrille Google Glass. Bis diese jedoch auf breiter Front in den Händen der Otto-Normal-Verbraucher landet, werden noch Jahre vergehen - falls dies überhaupt geschieht.

Seit der Premiere von Google+ im Juni 2011 hört man seitens seiner Macherin und ihrer Repräsentanten stets Lobgesänge, zuletzt auf die Google+-Login-Funktionalität für Drittanbieter-Sites und -Apps. Doch so richtig stimmt das rosige, von Google gezeichnete Google+-Bild nicht mit der Realität überein. In dieser spielt das Unterfangen nach wie vor eine untergeordnete Rolle und wird vor allem dort ignoriert, wo Google um jeden Preis erfolgreich sein wollte.

Für die leidenschaftlichen Google+-Anwender ist der Dienst zu einem Dreh- und Angelpunkt des Onlinealltags geworden. Doch aus Sicht von Google selbst ist das Projekt vor allem teuer - und dafür bislang ziemlich sinnlos. /mw

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