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20.01.10Leser-Kommentare

Google Nexus One: It’s the search, stupid

Googles Nexus One ist nicht der Einstieg der Suchmaschinenfirma ins Hardware-Business. Es ist vielmehr der Einstieg Googles als Dienstleister und Werbefirma in den Alltag der Smartphone-Benutzer.

Google Nexus OneSeit die ersten Gerüchte über die Materialisierung eines Google-Phones aufgetaucht sind, werden sie begleitet von der Frage: Was ist Googles Strategie im Hardware-Markt?

Fast zwei Wochen nach der Pressekonferenz und dem Verkaufsstart des Nexus One ist die Antwort noch immer Interpretationssache.

Allerdings greifen die meisten Interpretationen viel zu kurz. Allenthalben wird das Googlephone mit dem iPhone verglichen, als Versuch Googles dargestellt, ins Hardware-Geschäft einzusteigen oder gar, mit einem freien Handy-Markt die USA zu revolutionieren. Meine Antwort ist: Es gibt keine Strategie. Google interessiert sich nicht für den Hardware-Markt.

Das Nexus One ist für Google kein Produkt, das kommerziellen Erfolg haben muss.

Es ist ein für die Entwickler optimiertes Werkzeug und für die Google-Kunden herausgeputztes Schaufenster. Aber als solches kommt ihm eine absolut kritische Rolle zu.

Was Google verkaufen will, ist der Schaufensterinhalt. So ist denn auch das iPhone trotz aktueller Unstimmigkeiten zwischen Apple und Google kein Konkurrent, sondern eine Plattform für das im Nexus One vorgestellte Produkt.

Was also ist das Produkt? Es ist, was es immer war bei Google: Suche. Wissensvermittlung. Orientierung. Punktgenau abgestimmte Information aus der Cloud - kostenlos geliefert im Austausch gegen Daten über die Nutzer.

Diese wiederum werden im gigantischen Google-Index verarbeitet zu noch besseren Suchergebnissen - mit denen der Konzern noch mehr und noch genauer Werbung verkaufen kann.

Jede Abweichung von dieser Strategie wäre dumm, und es gibt im Arsenal von Google kein einziges Produkt, keine Dienstleistung, die nicht in der einen oder anderen Form darauf zurückführt. Das Nexus One ist dabei nur scheinbar eine Ausnahme.

Es gibt kein Unternehmen, das früher und radikaler erkannt hat, wo der Kern der Informations-Revolution liegt: Weder in der Software (Microsoft) noch in den Inhalten (Yahoo, Musiklabels) noch in Geräten (3Com/Palm, Nokia). Das eigentliche Problem ist die ideale Aufbereitung und Auslieferung der Inhalte durch Software auf Geräte. Inhalte, Software und Geräte müssen dabei austauschbar sein.

Der Algorithmus, der das Problem löst, ist nicht austauschbar. Er ist der Kern. Er besteht aus der Sammlung möglichst vieler Daten und einem effizienten oder leistungsfähigen System, sie zu durchsuchen.

Wer sich nicht um den Kern kümmert, ist Peripherie. Die Peripherie befindet sich im ständigen Wandel und die dort ansässigen Firmen in einem permanenten Anpassungsdruck und Überlebenskampf.

Es gibt zwei Peripherie-Firmen, die ihrem Ursprung treu geblieben und dem Kern dennoch näher gekommen sind: RIM und Apple. Research in Motion (Blackberry) hat rechtzeitig seine Geräte mit einem Dienst in der Cloud verknüpft (Pushmail). Apple hat seine Hardware durch iTunes mit Entertainment-Inhalten aus der Cloud verknüpft - wenigstens ein bisschen.

Android 2.1: Spracheingabe überall.Aber beide sind noch weit vom Zentrum entfernt, wo Google steht. Ihre Cloud-Dienste sind eindimensional, in sich geschlossen und/oder kostenpflichtig. Langfristig kann diese Rechnung nicht aufgehen. Das weiss auch Steve Jobs: Heute wurden die ersten Gerüchte laut, Apple mache sich auf, umfassende Cloud-Dienstleistungen anzubieten .

Damit sind wir zunächst beim iPhone. Ihm kommt das Verdienst zu, das Internet auf mobile Geräte gebracht zu haben, nachdem die ahnungslosen Hardware-Hersteller und die ebenso ahnungslosen Telekommunikationsfirmen zehn Jahre lang händeringend "die Killerapplikation" gesucht und Krüppelsysteme wie WAP propagiert haben (immer darauf bedacht, die Goldesel SMS und Minuten-/Kilobyte-Tarif nicht totzuschlagen).

Ihnen hat das iPhone gezeigt: Die Menschen sind erst bereit, für mobile Dienste zu bezahlen, wenn sie sie in der gleichen, bequemen und intuitiven Form zur Verfügung gestellt kriegen, wie sie es gewohnt sind. Zum Beispiel in Form von Links, die man anklicken kann.

Das war bisher das Problem von Google. Denn obwohl das iPhone und seine Nachfolger und -ahmer das Internet auf mobile Geräte gebracht haben, wurde die Suche - der Kern der Cloud - darauf noch kaum benutzt. Jedenfalls viel weniger als am PC. Denn Suche, in all ihren Formen von Recherche über Übersetzung bis zu geographischen Informationen, setzt zwei Dinge voraus:

  • Eine möglichst exakte Eingabe einer Anfrage und

  • eine immense Rechenleistung, um die Indizes nach den Antworten zu durchforsten.

Für beides sind mobile Geräte, auch wenn sie so elegant wie das iPhone oder so leistungsfähig wie das Nexus One sind, alles andere als ideal. Wie sonst wäre der Erfolg der Netbooks zu erklären, deren einziger Vorteil gegenüber Smartphones in der Tastatur liegt?

Hier kommt das Nexus One ins Spiel. Ich benutze es seit einer Woche, und ich hasse die Softtastatur noch immer. Das Telefon hat ausserdem weitere Vor- und Nachteile gegenüber meinem zuletzt benutzten Nokia E71 und dem iPhone, mit dem es jetzt überall verglichen wird (die ich alle drüben auf neuerdings.com noch abhandeln werde).

Aber das sind Peanuts.

Ich habe eine Weile gebraucht, um zu merken, dass das Nexus One weit mehr ist als ein offenes iPhone mit Navi - und warum es das ist.

Es ist die Implementation der Suche in die Mobilkommunikation, die Überwindung der beiden Hürden "Rechenleistung" und "Eingabekomfort". Es ist die Cloud in einer Handfläche. Das Nexus One bringt Google oder vielmehr den Vorgang "googeln" in den Alltag abseits vom PC. Es liefert schneller und bequemer vielfältigere und genauere Antworten als der Browser am PC.

Das schafft das Nexus One - oder vielmehr Android 2.1 - durch drei Tricks.

  • Es erlaubt die natürlichste Eingabe, die es für ein Mobiltelefon gibt: Sprache .

  • Es bezieht den Standort des Handy-Benutzers in die Eingrenzung der Suchresultate ein.

  • Und es lagert den grössten Teil des Vorgangs aus in die Cloud, in die geballte Power der Google-Server.

Nichts davon wäre nicht bisher schon technisch umzusetzen gewesen, und in vielen Apps für das iPhone oder auch im uralten Symbian funktionieren sie, von Sprachbefehlen (die man trainieren muss) über Wörterbücher und Übersetzungsprogramme (die langsam sind) bis zu Ortsangaben (die als höchstes der Gefühle Tweets über meinen aktuellen Standort in den Äther schicken).

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Im Nexus One aber sind sie perfekt aufeinander abgestimmt und voll integriert. Das GPS schaltet sich immer ein, wenn irgendeine Anwendung es braucht (und man dies freigegeben hat); die Spracheingabe sorgt durch zwei Mikrofone für eine erstaunliche Erkennung, der Gigaherz-Prozessor für eine reibungslose Abwicklung all dieser Vorgänge im Multitasking.

Das ist der Grund, warum Google ein eigenes Handy haben musste und Android 2.1 zunächst nur darauf präsentiert: Erst die ideale Hardware garantiert, dass diese "Beta"-Anwendungen auf eine Art und Weise funktionieren, welche die Anwender überzeugen kann. Innovation, habe ich mir mal sagen lassen, besteht ausschliesslich in dem, was die Leute annehmen, nicht in dem, was Ingenieure entwickeln.

Im Jahr 2013 werden mehr Menschen mit dem Handy online gehen als mit einem PC. Bis dann muss Google den Mobiltelefon-Anwendermarkt ebenso beherrschen wie den am PC - und das Nexus One ist der "Proof of Concept", dass die Technik dafür reif ist.

Diese Strategie ist typisch für Google. Was bei Google jahrelang als "Betaversion" deklariert bereits hervorragend funktioniert, ist bei anderen ebenso lange ein teures, halbfertiges und frustrierendes Produkt. Wenn die Hälfte der Google-Dienste auf Mobiltelefonen mehr schlecht als recht funktioniert, wenden sich die Menschen ab und fragen sich noch viel eher, ob es sich lohnt, die ganze Privatsphäre aufzugeben, um schlechte Antworten zu kriegen.

Google Navigation: Betalösung mit Spracheingabe

Google konnte nicht riskieren, dass das bei der Einführung derjenigen Schnittstelle passiert, welche die Suche überhaupt erst aufs Handy bringt. Wenn Spracheingabe auf Drittgeräten wegen lausiger Mikrofone oder lahmer Prozessoren enttäuschte und insgesamt abgelehnt würde, würde das Google um Jahre zurückwerfen. Deswegen brauchte die Firma das Nexus One.

Heisst das nun, dass all diese Google-Anwendungen nur auf Google-Hardware verfügbar werden? Im Sinne von Apples Strategie, durch totale Kontrolle über Hard- und Software für reibungsloses Funktionieren zu sorgen?

Keineswegs.

Denn Apple ist ein Hardware-Verkäufer, Google ist ein Dienstleister: Um die Suche so schnell wie möglich in die Welt jenseits der PCs zu bringen, muss die Suchmaschinenfirma ihre Dienste auf möglichst vielen Plattformen zum Laufen kriegen - und das iPhone ist derzeit eine der wichtigsten.

Auch wenn Google weiterhin (von dritten hergestellte) Superphones im eigenen Shop verkaufen wird: Um den Hardwaremarkt als Geschäft geht es dabei nicht. Aber Google braucht eine Schar von Evangelisten, die an die Suche auf dem Handy, an Spracheingabe und ortsbasierte Dienste glauben und die Werbetrommel dafür rühren.

Schon Apples iPhone war mehr als ein Produkt. Jobs’ Firma hat nicht nur am Telefon, sondern vor allem an den Mobilfunkverträgen und den steigenden Umsätzen aus iTunes und Appstore verdient.

Ein Nokia-Telefon ist ein Gerät. Das iPhone und iTunes sind ein System.

Nexus One ist ein Konzept.

Kommentare

  • Goo

    20.01.10 (14:53:49)

    Ohne Frage: Mobiles Internet ist zur Zeit die Triebkraft für viele kommende Dienste und Innovationen. Das Nexus One ist ein beeindruckendes Ergebnis dieser Entwicklungen. Und Google braucht es auch, um abseits des zweidimensionalen Bildschirms seine Marke als Innovator zu etablieren und auch um in der gegenständlichen Welt seine Existenz darstellen zu können. Aber solange Google keine echte Community auf die Beine stellt (wie Facebook und Tumblr) oder eine aufkauft, wird Google im kommenden Follow-/Recommend-/Socialize-/Echtzeit-Web abgehängt werden. Denn die Dienste die Google "in der Cloud" anbietet, werden meiner Ansicht nach in ihrem Wert überschätzt. Das meiste davon ist kopierbar, außer vielleicht der momentan beliebte Suchdienst von Google. Und am Ende ist Google dann nicht mehr als eine Suchmaschine die Geld mit langweiligen Werbeanzeigen im Web 1.0 macht. Da hilft Google auch die beste Schnittstelle (Nexus One) nichts. It's the community, stupid!

  • Christoph Kappes

    20.01.10 (15:20:06)

    Schöner Artikel. Ich würde noch weitergehen: Google reagiert auf Apple, da Apple mit iPhone und iTunes einen walled garden aufgebaut hat, in dem Google sein werbefinanziertes Geschäftsmodell nicht fahren kann. Mehr heute auf carta.info von mir dazu.

  • Thomas Wiegand

    20.01.10 (15:34:59)

    Kriegszeiten der Entwicklung....wir erinnern uns an BETA VIDEO2000 VHS ;o)

  • bierbauch

    20.01.10 (15:47:15)

    Guter Artikel. Ich muss dir jedoch in einem Punkt wiedersprechen, ich glaube nicht, dass Android bzw. das NexusOne für Google ein Proof of Concept sein kann bzw. darf. Wie du selbst sagst, orientiert sich Apple zunehmend in die gleiche Richtung. Mal abgesehen davon, dass Apple von Anfang an kein reiner Hardwarehersteller war und ist, hat Google grad scheinbar den Markt auf dem iPhone an Bing bzw. Microsoft verlohren. Hier möchte auf das von Apple erklärte Ziel hinweisen selbst Produkte wie GoogleMaps bzw. GoogleSearch anzubieten. Andere Dienste wie Mail, OnlineStorage werden ja bereits von Apple selbst angeboten. Sprich Google ist darauf angewiesen, dass Android eine wirkliche Alternative zum iPhone bzw. zu Apples Produkt wird. Google wird neben der Dienstleistung auch die eigene Software an den Kunden bringen müssen, um seine Dienste auch in der Zukunft an den User zu bringen. Hier ist für mich eine Parrallele zu Microsoft zu sehen, die selbiges mit dem IE, LiveSearch etc. versucht haben ...

  • Henning Brune

    20.01.10 (22:09:42)

    Besonders interessant für mich war der Hinweis auf die Spracherkennung als wesentliche Innovation. Funktioniert die wohl auch schon mit der deutschen Sprache?

  • Thomas

    21.01.10 (09:37:42)

    Ich stimme dir zu. Googles Interesse gilt dem mobilen Internet und durch Android und das Nexus One beschleunigt Google die Entwicklung des Marktes. Ein Blick nach Japan zeigt uns bereits heute die Zukunft mit 4G, mobilen Fernsehen und neuester Mobiltelefontechnik. Google will keine Telefone verkaufen. Google will Internet. Überall.

  • Christian Zumbrunnen

    21.01.10 (10:46:52)

    Guter Artikel! Das Ziel von Google besteht darin, die auf der Welt vorhandenen Informationen zu organisieren und allgemein zugänglich und nutzbar zu machen. Die Google Suchmaschine sei der erste Schritt in diese Richtung - so steht es auf dem Unternehmensprofil von Google - und tatsächlich lässt sich bei Google kaum ein Service oder ein Produkt finden, dass diesem Ziel nicht mehr oder weniger offensichtlich zugeordnet werden kann. Auch das Nexus One. Manchmal ist das Geschäftsmodell nicht offensichtlich aber bei Google ist es doch recht deutlich, ihr Geschäft sind die Informationen und Hardware (selbst die Appliances sind nur Nebeneffekte oder proof of concept)

  • Das Wort

    21.01.10 (13:45:11)

    Sehr gut geschriebener Artikel der die Dinge auch auf den Punkt bringen. Ob jedoch schon 2013 mehr Menschen mit dem Handy Online gehen als mit dem PC bezweifel ich mal, zumal die meisten ja trotzdem über PC zu Haus oder Firma und oder Netbooks verfügen. Auf jedenfall wird die Suche nach wie vor bis weit über 2025 über PC und Netbooks dominierend sein, denke ich mal. Denn jede neue Generation braucht etwa 10 Jahre und dabei spielt es meiner Ansicht nach keine Rolle wie schnell sich eine Technologie oder Produkt entwickelt. Ich selbst verfüge bis heute nur Über ein einfaches Handy, ohne integrierter Kamera, ohne Internet, habe auch kein I-Phone, weil mir das einfach zu wenig entwickelt ist und mehr als spielerei aktuell auch nicht wirklich Sinn macht. Selbst das neue von Google werde ich mir sicher auch noch nicht anschaffen, ich denke wirklich Interessant wird ein Handy erst ab 2020-2025 sein dann könnte es erstmals Sinn machen - Handy mit Internet zu nutzen, zuvor ist es rausgeschmissenes Geld.

  • phaidros

    21.01.10 (20:32:09)

    Und, nicht zu vergessen, im einen Teil des Marktes muss ich sich google gegen Apple wappnen, im anderen gegen Facebook. Massive Nutzerzahlen und eine grosse Entwicklerabwanderung Richtung Facebook .. und die haben aehnlich Apple einen eigenen "Walled Garden" gebaut - einen riesigen Werbemarkt jenseits von Google.

  • http://basicnetznerdig

    26.01.10 (15:59:59)

    Kommentar gelöscht. Entweder Du hast etwas zum Thema beizutragen oder wir löschen künftig alle Deine Kommentare. Beachte unsere Kommentarregeln. Das hier ist kein Platz für das sinnlose Posten von Links zu Deinem Blog. Danke. – Marcel Weiß

  • Philipp

    14.06.10 (16:03:42)

    Guter Artikel! Ich bin davon überzeugt, dass das Android-Betriebssystem (egal, ob Google als Anbieter dahintersteht) mittelfristig Apple und RIM überholt. Ob das allerdings mit Endgeräten wie dem Google Nexus One passiert, ist fraglich. Hier hat das iPhone einfach noch die Nase vorn: http://www.youtube.com/watch?v=sf_dRLiv2Iw

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