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11.05.11

Google Music: Die irrelevanteste aller I/O-Ankündigungen

Google hat auf der Entwicklerkonferenz I/O seinen lange erwarteten Clouddienst für Musik vorgestellt. Doch dessen Relevanz ist gering.

 

Google hat am ersten Tag seiner Entwicklerkonferenz I/O eine ganze Reihe von Neuigkeiten präsentiert ( Übersicht hier ). Die im Vorfeld (neben eventuellen Informationen zu Googles Social-Diensten - die aber offensichtlich ausbleiben werden) für am meisten Aufmerksamkeit sorgende Produktinitiative war Googles gestern ebenfalls vorgestellte Online-Musikfestplatte Google Music. Ich glaube, es war gleichzeitig die irrelevanteste aller Nachrichten aus dem Hause Google.Zuerst die Details: Google Music bietet Nutzern einen Cloudspeicher für maximal 20.000 Songs , die von dort über eine flashbasierte Weboberfläche oder die Music-Applikation von Android gestreamt werden können. Der zu Anfang in vollem Umgang gratis angebotene Dienst startet in einer geschlossenen Beta-Phase und ist vorerst Nutzern mit US-IP-Adressen vorbehalten.

So intensiv ich auch über Googles Motive zur Entwicklung dieses Angebotes nachdenke und so einleuchtend die Tatsache erscheint, dass auf diesem Weg die Attraktivität von Android gefördert werden soll, so schwer fällt es mir trotzdem, die generelle Existenz des Services nachvollziehen zu können.

Das größte Manko von Google Music ist das Fehlen eines angeschlossenen Musik-Download-Shops. Der Internetgigant gibt sich zwar generös, was das kostenfrei bereitgestellte Speichervolumen betrifft, zwingt aber User dazu, Musikdateien von ihrer Festplatte zu importieren (hierzu wird ein spezielles Desktop-Tool angeboten). Amazon, das mit dem Cloud Drive erst vor wenigen Wochen ein vergleichbares Produkt lanciert hat, steht mit seinem integrierten MP3-Shop deutlich besser da.

Ich will gar nicht erst auf der Tatsache herumreiten, dass es Onlinespeicher für die eigene Musiksammlung schon seit Ewigkeiten gibt. Denn natürlich ist es ein Unterschied, ob entsprechende Angebote von jungen, verletzlichen Startups angeboten werden oder von den Riesen der Weblandschaft, bei denen User sicher sein können, dass ihr Cloud-Storage nicht von einen Tag auf den anderen verschwindet.

Trotzdem: Mit dem gewählten Weg richtet sich Google ausdrücklich nur an solche Nutzer, die bereits über umfangreiche digitale Musikarchive verfügen und diese auch regelmäßig pflegen und erweitern (ob auf legalen oder illegalen Wegen).

Google Music basiert auf der Grundannahme, dass Anwender nach wie vor ihre Musik "besitzen" möchten (erlaubt jedoch nicht den erneuten Download von einmal in die Cloud hochgeladenen Stücken), und ignoriert damit den derzeit als deutlich vielversprechender geltenden Trend des On-Demand-Streamings. Dieser hat den großen Vorteil, dass ein direkter Zugriff auf einen Katalog von Millionen von Titeln möglich ist, ohne dass diese erst manuell beschafft und anschließend auf die Google-Server geladen werden müssen

Ursprünglich war in Mountain View ein solches Produkt geplant (dem ich aber auch kritisch gegenüber stand), aufgrund komplizierter Rechtefragen und unkooperativer Labels wurde dieses Vorhaben dann jedoch aufgegeben.

Google Music steht damit auch in Konkurrenz zu in den USA verfügbaren Streamingdiensten wie Rdio, MOG oder Rhapsody, die alle Apps für Android-Smartphones offerieren. Für ein paar Dollar pro Monat können Konsumenten dort so viele Songs und Alben anhören, wie sie wollen - ohne erst einen Upload-Prozess einleiten zu müssen. Geht man davon aus, dass Google-Music-Nutzer ihre MP3-Dateien legal herunterladen, liefe dies mindestens auf ein vergleichbares monetäres Investment hinaus (ein aktuelles MP3-Album kostet bei iTunes oder Amazon mitunter zehn Dollar).

Und weil diese konzeptionellen und strategischen Unebenheiten noch nicht genug sind, scheint Google Music (das ich persönlich noch nicht testen konnte) nicht einmal aus funktionellen und Usability-Gesichtspunkten überzeugen zu können. So muss man zumindest diesen vernichtenden Review von VentureBeat deuten.

All das führt bei mir zu der Frage nach dem "Warum". Google wäre deutlich besser beraten, entweder ganz die Finger vom Thema Musik zu lassen (was angesichts des verbreiteten Trends zum digitalen Gemischtwarenladen schwierig zu sein scheint) oder einen der existierenden Streamingdienste zu übernehmen (was ja nicht gerade eine für Google untypische Vorgehensweise wäre).

Eine eventuelle Erklärung ist, dass der jüngste Beta-Launch von Google Music nur als Druckmittel genutzt werden soll, um sich in den Verhandlungen mit den Plattenfirmen eine bessere Position zu verschaffen. Plausibel? Vielleicht.

Für mich steht fest, dass Google Music ohne eine integrierte Option, digitale Musik zu kaufen/zu streamen, keinerlei Akzente setzen können wird. Musik-Speicher in der Cloud allein ist im Jahr 2011 nichts mehr, das Begeisterungsstürme hervorruft.

Viel bedeutsamer ist dagegen die ebenfalls auf dem I/O-Event vorgestellte Android@Home-Initiative, mit der sich mittelfristig beliebige Geräte durch Android-Smartphones und -Tablets kontrolliert lassen sollen. Das smarte und durch Android gesteuerte Haus rückt damit in greifbare Nähe.

Es ist schon etwas verwunderlich, wie sich viele Medien im Vorfeld auf Google Music stürzen, während die tatsächlichen Innovationen ungestört und unbemerkt vorangetrieben werden können.

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