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29.06.10

Google Me: Wie Googles Social Network zum Facebook-Killer wird

Google will seine Serie von Misserfolgen im Social Web endlich beenden und arbeitet angeblich an einem Social Network, das es mit Facebook aufnehmen soll. Ein schwierigeres Vorhaben gibt es kaum. Doch ein Erfolg ist möglich.

Am Freitag berichteten wir über den jüngsten Vorstoß von Facebook in den Suchmaschinenmarkt und die damit verbundene Verschärfung des Wettbewerbs zwischen dem Social Network und Google. Am Ende des Artikels schlussfolgerte ich, dass Google im Gegensatz zu dem blau-weißen sozialen Netzwerk nicht so einfach in das Territorium des stetig wachsenden Konkurrenten vorpreschen kann, da es dazu auf die Unterstützung der Nutzer angewiesen ist.

Doch diese Tatsache hindert den Internetgiganten aus Mountain View offenbar nicht daran, es trotzdem zu versuchen: Glaubt man den Gerüchten, so arbeitet Google unter dem Projekttitel "Google Me" derzeit mit Volldampf an einem neuen Social Network, das gegen Facebook antreten soll, nachdem man einsah, dass das im Februar gestartete Google Buzz in keiner Weise diese Rolle übernehmen kann.

Googles Versagen im Social Web ist hinlänglich bekannt. Da Nutzer immer mehr Zeit in sozialen Netzwerken verbringen und der Bereich entsprechend stark von Anzeigenkunden nachgefragt wird, kann und will sich der Such- und Werbekonzern eine dauerhafte Abwesenheit im sozialen Netz nicht leisten.

Noch vor einem dreiviertel Jahr hätte ich dem Google Me-Projekt, dass sich den Meldungen zufolge funktionell an Facebook orientieren soll, keinerlei Erfolgschancen eingeräumt. Doch nachdem sich das Social Network aus Palo Alto in den letzten Monaten durch verschiedenste Eskapaden und Vertrauensbrüche zunehmend unbeliebt gemacht hat und speziell bei Early Adoptern den Wunsch nach einer Alternativen aufkommen ließ, könnte Google Me durchaus auf fruchtbaren Boden stoßen. Sofern einige Voraussetzungen erfüllt werden:

Google setzt auf eine radikale Transparenz, Datenportabilität und Offenheit (im Sinne von "offene Standards"). Facebooks Achillesferse waren nicht die Funktionen, die Performance oder die Struktur der Site, sondern es war die Art, wie sich der Dienst über Nutzerinteressen hinweggesetzt hat, wie er in der Kommunikation Ehrlichkeit vermissen ließ, und wie er offenbar nicht in der Lage war, aus früher gemachten Fehlern zu lernen.

Genau hier muss Google Me den Hebel ansetzen. Google Me muss Anwendern die komplette Kontrolle über ihre Daten geben. Es muss grundsätzlich auf Opt-In statt auf Opt-Out setzen. Es muss Mitgliedern auf transparente Art die Wahl geben, ihre Profile und Aktivitäten öffentlich oder geschlossen zu betreiben. Es muss die Löschung des Kontos mit ein bis zwei Klicks erlauben. Es darf keine fragwürdigen Klauseln in den Geschäftsbedingungen verstecken, die im Gegensatz zur Kommunikation und zum Produktversprechen stehen.

Wenn Google mit dem Projekt erfolgreich sein möchte, darf es nicht einfach nur ein Abbild von Facebook schaffen und es mit einigem technischen Schnickschnack versehen. Googles soziales Netzwerk hat nur dann Chancen, eine kritische Masse zu erreichen, wenn es Social Networking auf eine neue Ebene befördert. Eine Ebene, bei der User tatsächlich Herr ihrer Daten sind und als Gegenleistung ihre Aufmerksamkeit für Werbebotschaften in dem Rahmen bereitstellen, dem sie beim Beginn der Mitgliedschaft zugestimmt haben.

Google Me muss es mir als User erlauben, auf Wunsch meine kompletten, innerhalb der Plattform erstellen Inhalte und Daten mit wenigen Klicks zu exportieren und an eine andere Stelle im Netz mitzunehmen. Das wäre die Erfüllung eines Traums, den Befürworter eines offenen Web schon lange haben, der jedoch bisher nicht über den Status einer Vision hinausgekommen ist.

Google könnte sogar noch weitergehen und Google Me als offenes Protokoll für ein dezentrales soziales Netzwerk veröffentlichen, so wie es diaspora und andere im Fahrwasser der Facebook-Proteste bekannt gewordene Projekte vorhaben.

Egal, wie Google Me am Ende aussehen wird: Dass Google sofort die große Zahl der Durchschnittsnutzer von Facebook zu seiner neuen Plattform locken kann, ist unwahrscheinlich. Schon der Lock-In-Effekt von Facebook verhindert dies. Stattdessen ist Google gut beraten, im ersten Schritt die relativ kleine, aber lautstarke und einflussreiche Gruppe der Facebook-Kritiker von den Qualitäten von Google Me zu überzeugen, um so Netzwerkeffekte einzuleiten und dann sukzessive die Reichweite und den Einfluss auf dem Social Networking-Markt zu erhöhen.

Nach dem heutigen Stand könnte ich mir sehr gut vorstellen, Google Me auszuprobieren - sofern die beschriebenen Voraussetzungen erfüllt werden. Man mag mir eine Anspruchshaltung vorwerfen. Fakt ist aber, dass es für mich keinen Grund gibt, neben Facebook ein zweites Profil bei einem vollwertigen, auf die private Nutzung ausgelegten Social Network anzulegen, wenn es nicht die soeben skizzierten Eigenschaften besitzt. Dann reicht mir Facebook, das trotz aller Kritik viele Stärken hat, nämlich aus.

Eine Differenzierung tut also Not, ist über die funktionelle Schiene aufgrund von Facebooks hohem technischen Niveau allerdings schwierig. Was bleibt, ist eine Differenzierung über die Strategie. Offenheit statt Geschlossenheit und Datengier, Transparenz statt Verschleierung, Ehrlichkeit statt fragwürdiger Argumentation. Notwendig ist diese Strategie auch angesichts von Googles gern zitiertem Ruf als "Datenkrake", der es sonst schwierig machen würde, Nutzer dazu zu animieren, Google weitere persönliche Daten anzuvertrauen.

So lustig es klingt: Google ist in dieser Situation der Underdog, Facebook das Establishment. Während das US-Netzwerk seine eigenen und die Interessen der Anteilseigener, Werbekunden und Partnerunternehmen berücksichtigen muss, kann Google, das es gewöhnt ist, Ressourcen in Projekte ohne unmittelbaren Return on Investment zu stecken, radikal Neues ausprobieren und Experimente wagen. Außer seinem Stolz hat es im Social Web nicht viel zu verlieren. Was gar keine schlechte Ausgangsposition für Google Me ist.

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