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14.01.14

Google kauft Nest: Eine Milliardenübernahme mit vielen Fragezeichen

3,2 Milliarden Dollar zahlt Google für die Übernahme des amerikanischen Smart-Home-Spezialisten Nest. Der Deal wirft Fragen auf, über Googles Ambitionen, Nests Geschäftsentwicklung und die Wahl des Käufers.

Google kauft Nest

Google hat am späten Montagabend bekannt gegeben, das US-amerikanische Startup Nest Labs für 3,2 Milliarden Dollar übernehmen zu wollen. Nest wurde 2010 im kalifornischen Palo Alto von den ehemaligen Apple-Ingenieuren Tony Fadell and Matt Roger gegründet und sorgt seitdem bei Anhängern intelligenter Digitaltechnologien mit einem hübsch anzusehenden smarten Thermostat für Aufsehen. Vor einigen Monaten erhielt dies Gesellschaft von einem smarten Rauchmelder, dem zweiten Produkt der Amerikaner, das abermals internetgestützte Intelligenz mit Eleganz vereint. Bis heute vertreibt Nest seine Gadgets offiziell nur in Nordamerika. An Nutzer im deutschsprachigen Raum richten sich die lokalen Nachahmer Tado und controme.

Die Akquisition, die noch von den US-Wettbewerbsbehörden abgesegnet werden muss, kommt für mein Verständnis überraschend und wirft einige Fragen auf, die ich im Folgenden thematisieren möchte. Wieso Google und nicht Apple?

Gegründet wurde Nest von zwei ehemaligen Apple-Männern. Tony Fadell gilt als "einer der Väter des iPod", und auch sein Mitstreiter Matt Roger war mehrere Jahre in Cupertino angestellt. Im Team von Nest sollen sich noch weitere Ex-Apple-Talente finden. Von ihrem ehemaligen Arbeitgeber nahmen die Gründer nicht nur Expertise über die Lancierung von Hardware mit, sondern ebenfalls den für Apple typischen hohen Anspruch an Produktdesign und Benutzerfreundlichkeit. Nests Thermostat sorgte auch deshalb für viel Aufmerksamkeit, weil es einem langweiligen Thema wie der heimischen Wärmeregulierung Sexiness und Ästhetik verleiht. Nest-Gadgets sind ein Hingucker, was man von herkömmlichen Thermostaten nicht behaupten kann. Insofern hätte die Firma ziemlich gut zu Apple gepasst. An der Liquididät wird ein Deal nicht gescheitert sein. Dass Nest am Ende an Google geht, heißt entweder, dass Apple nicht interessiert war (unwahrscheinlich, das Smart Home kann auch Apple nicht ignorieren), nicht um jeden Preis Google überbieten wollte (wahrscheinlicher) oder dass die Nest-Erfinder aus persönlichen Gründen eine Partnerschaft mit Google vorgezogen haben. Mitunter hat die Beteiligung von Google Ventures an zwei Finanzierungsrunden eine Rolle gespielt.

Wieso verkauft Nest?

Grundsätzlich wundere ich mich ein wenig über den Entschluss der Nest-Gründer, ihr Unternehmen in der aktuellen Phase zu veräußern. Klar, einem Milliardenexit zu widerstehen, ist nicht leicht. Aber ein aufstrebendes Startup in einem schier grenzenlosen Markt in die Hände einer Firma zu geben, die im entsprechenden Segment selbst keinerlei Erfahrung hat und damit abgesehen von Geld, Entwicklerressourcen und ein wenig Vertriebspower (wovon andere Firmen aber deutlich mehr haben) wenig beisteuern kann, deutet eigentlich darauf hin, dass das Unternehmen die sich selbst gesetzten Wachstumshoffnungen nicht erfüllen konnte; dass die Zukunft nicht optimistisch genug eingeschätzt wird, um mit gutem Gewissen einen Deal abzulehnen. Könnte das sein? Nest hat bislang keine Verkaufszahlen kommuniziert. Erfahrungsberichte attestieren dem Gerät zwar hohen Bedienkomfort und gewisses Energiesparpotenzial - der hohe Anschaffungspreis und eventuelle Komplikationen bei der Installation liefern aber auch Argumente gegen das Gadget. Dennoch schien Nest als eigenständiges Unternehmen eine gute Ausgangsposition zu besitzen, um Schritt für Schritt die Häuser (und Büros) von umwelt- und designbewussten Menschen smarter zu machen. Vor wenigen Tagen geisterte die Meldung einer bevorstehenden Kapitalspritze in Höhe von 150 Millionen Dollar durchs Netz - doch entweder existierte dieser Plan in Wirklichkeit nicht, oder das Nest-Management entschloss sich in letzter Minute für einen Verkauf.

Wird das Smart Home zu Googles nächstem Fokusgebiet?

Es ist schwierig, einen Sektor der Internet- und Technologiesphäre zu finden, in dem Google in den letzten Monaten oder Jahren nicht zugekauft oder selbst entwickelt hat. Der Internetgigant scheut sich nicht davor, seine Tätigkeitsfelder kontinuierlich zu erweitern und in scheinbar vom Kerngeschäft vollkommen abgekoppelte Märkte zu investieren. Ob 3D-Brillen, selbstfahrende Autos, Roboter - Google experimentiert mit allem. Das vernetzte Heim jedoch wurde von dem Konzern bislang weitgehend ignoriert, abgesehen vom bislang nicht über die Pilotphase hinausgekommenen Android @ Home-Projekt. Der Kauf von Nest stellt Googles ersten Deal in diesem Metier überhaupt dar. Das Unternehmen erklärte, Nest als eigenständige Marke weiterführen zu wollen.

Damit stellt sich die Frage nach Googles Motiv: Geht es dem Unternehmen darum, einen Fuß in die Tür von einem der spannendsten und lukrativsten Bereiche der Zukunft zu bekommen, handelt es sich eher um eine taktische Maßnahme, um einen Konkurrenten an eben diesem Vorstoß zu hindern, oder sieht Google Nest in erster Linie als Produkt, das strategisch andere Dienste und Angebote des Konzerns unterstützen kann, etwa Android oder das Werbebusiness? Wie auch immer die Antwort ausfallen mag: Google ist nicht gefeilt vor den Tücken sich verzettelnder Großunternehmen. Momentan aber scheint man sich darüber in der Führungsetage keine Gedanken zu machen.

Hat sich Google das wirklich gut überlegt?

Im Nest-Blog versichert Matt Roger, dass Nests Privatsphärerichtlinien auch nach der Übernahme Gültigkeit behalten und deshalb die Nutzbarmachung von Anwenderdaten durch Google begrenzt werden. Dennoch riskiert die neue Muttergesellschaft mit dem Schritt Proteste seitens der Nest-Community. Das Beschwichtigungen dieser Art langfristig etwa die gleiche Glaubwürdigkeit besitzen wie Walter Ulbrichts berühmte Versicherung zum nicht geplanten Mauerbau aus dem Jahr 1961, weiß jeder, der die Technologiebranche ein wenig verfolgt. Anders als Ulbricht macht Nest-CEO Faldell im Interview mit The Verge allerdings nicht den Fehler einer definitiven Aussage. " I'm not gonna say never", so seine Antwort auf die Frage, ob die Datenschutzbedingungen von Nest sich nie ändern werden.

Grundsätzlich muss jeder Nutzer eines Google-Produktes davon ausgehen, dass die Firma versucht, die generierten Daten irgendwie für die eigenen Geschäftsaktivitäten nutzbar zu machen. Zumindest aus Sicht von Nest-Kunden, die auf Datenschutz Wert legen und die sich mit Googles Welteroberungstendenzen nicht anfreunden können, ist die Akquisition erst einmal eine schlechte Nachricht. Ich bin froh, mir Nest bislang nicht zugelegt zu haben. /mw

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