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09.10.14Leser-Kommentare

Google Glass: Warum die ambitionierte Datenbrille zu scheitern droht

Um die einst heiß diskutierte Datenbrille Google Glass ist es in den letzten Monaten auffallend ruhig geworden. Es drängt sich der Verdacht auf: Das Unternehmen war mit seiner Idee etliche Jahre zu früh. Auch bei der Umsetzung gab es einige Probleme. Eine Bestandsaufnahme.

google-glass

Etwas mehr als zweieinhalb Jahre ist es inzwischen her, dass Google sein „Project Glass“ der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Eine lange Zeitspanne, in der die Idee erst bejubelt wurde, dann viel Kritik bekam, sich letztlich Enttäuschung verbreitete – bis nun weitgehend Stille eingekehrt ist. Nur allzu deutlich wurde das auf der Keynote zur hauseigenen Entwicklerkonferenz Google I/O in diesem Jahr: In zweieinhalb Stunden kam Google Glass nicht ein einziges Mal vor. Selbst im Zusammenhang mit Android Wear wurde es nicht erwähnt. Noch zwei Jahre zuvor hatte eine so aufwändige wie letztlich inhaltsleere Google-Glass-Demo diese Keynote beherrscht.

Weiteres Indiz: Nachdem die ersten Exemplare der sündhaft teuren „Google Glass Explorer Edition“ erhältlich gewesen waren, hatte man das Gerät zumindest in der Techcommunity laufend gesehen. Auch in San Francisco war es nicht ungewöhnlich, auf offener Straße Google Glass-Trägern zu begegnen. Inzwischen aber ist die Datenbrille auch in der Westküsten-Metropole praktisch aus dem Stadtbild verschwundn. Fast unnötig zu erwähnen, dass kein Google-Mitarbeiter auf der Google-I/O-Bühne das Gerät im Gesicht hatte. Viel versprochen, wenig gehalten

Was ist da passiert? Wie es scheint, haben Timing und Umsetzung der Idee nicht gestimmt. Aber rufen wir uns zunächst in Erinnerung, was Google 2012 in seinem Werbevideo zu „Project Glass“ in Aussicht gestellt hatte:

www.youtube.com/watch

Vielsagendes Detail: Google listet dieses Video inzwischen nicht mehr in seinem Kanal. Das Unternehmen verweist stattdessen auf dieses Video:

www.youtube.com/watch

Der zweite Clip hat zwar hübsche Musik und schöne Bilder. Aber wer sich von diesen Marketingtricks nicht blenden lässt, merkt vor allem eines: Der Funktionsumfang und die alltäglichen Anwendungsmöglichkeiten für Google Glass sind zwischen den beiden Videos spürbar geschrumpft. Google stellte nun die Foto- und Videofunktion in den Vordergrund. Die aber hat letztlich erst die schädliche Datenschutzdiskussion rund um die Brille ausgelöst. Zudem kann man in Frage stellen, wie wichtig sie tatsächlich für den durchschnittlichen Nutzer ist, der nicht gerade Trapezkünstler ist, Achterbahn fährt oder in einem Ballon sitzt.

Zweieinhalb Jahre mit viel Stillstand

In den zweieinhalb Jahren hat sich Google Glass zugleich nicht wesentlich der ursprünglichen Vision angenähert. Die Hardware der heutigen Google Glass entspricht abgesehen von Details dem ersten Modell. Man vergleiche das beispielsweise mit den großen Fortschritten bei der Oculus Rift, die ähnlich wie Google Glass unter den Augen der interessierten Öffentlichkeit zur Marktreife entwickelt wird.

So mag die Hardware von Google Glass aus Sicht eines Technikers kompakt sein, in der Realität aber ist sie dennoch arg aufdringlich. Natürlich kann man an dieser Stelle auf die Vergangenheit verweisen: Walkman-Kopfhörer galten in den 80ern zunächst als albern, inzwischen gehören selbst Studio-Kopfhörer zum Straßenbild. Dafür aber gibt es einen einfachen Grund: Menschen hören gern unterwegs Musik und so manche wollen beim Klang keine Kompromisse eingehen. Musik zu hören gilt zudem weiterhin als cool, teure Kopfhörer sind gar ein Statussymbol. Google Glass fällt aber eher in die Kategorie Bluetooth-Headset: Ein (hoffentlich) nützliches Zubehör für allzeit vernetzte Smartphone-Intensivnutzer – eine wesentlich begrenztere Zielgruppe. Darüber hinaus haben Bluetooth-Headsets allerdings mit ihrem Nerd-Image zu kämpfen. Deshalb werden sie immer kleiner und kleiner: Das Moto Hint beispielsweise ist nur noch der sprichwörtliche Knopf im Ohr.

Google Glass würde zwar in Zukunft sicher noch erheblich kleiner werden, könnte sich aber auch dann nicht komplett verstecken. Es hat vor allem die Chance, sich elegant in eine Brille zu integrieren, weshalb Google im Sommer noch die Zusammenarbeit mit Diane von Fürstenberg suchte. Nicht ganz zufällig hatte Google seine Datenbrille zudem mit Modenschauen in Verbindung gebracht. Man wollte es wohl als Fashion Icon positionieren – ähnlich wie es die Konkurrenten aus Cupertino nun mit ihrer Apple Watch versuchen. Die können derweil nur hoffen, dass Techblogger Robert Scoble sich nicht ebenfalls mit ihrer Uhr in der Dusche fotografieren lässt... Ein Bild, auf das Google-CEO Larry Page verständlicherweise gern verzichtet hätte. Auch der Begriff des „Glasshole“ war bald gefunden und das Image des Projekts weiter im Sinkflug.

Die anfängliche Nerdigkeit von Google Glass wäre allerdings zu verschmerzen, wenn es denn ein hilfreiches und gut funktionierendes Gerät wäre. Und das scheint eben zumindest heute nicht der Fall zu sein. Der arg begrenzte Platz des kleinen, eingeblendeten Displays steht dem ebenso entgegen wie die kurze Akkulaufzeit. Denn Google Glass bringt vor allem dann einen Mehrwert, wenn man es den ganzen Tag über trägt. Andernfalls könnte man schließlich ebenso sein Handy aus der Hosentasche ziehen, was Google-Mitbegründer Sergey Brin einst als „entmannend“ bezeichnete – sehr zur Verwirrung des Publikums bei seinem TED-Talk.

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Lösung sucht Problem

Letztlich muss man also festhalten: Das erste Video löste große Begeisterung aus, in der Folge ging es für Google Glass aber teils steil bergab. Eine zentrale Frage bleibt darüber hinaus weiterhin unbeantwortet: Welches Problem löst Google Glass eigentlich?

Zugegeben: Es ist ein interessantes Erlebnis, die Datenbrille ausprobieren zu können. Zum jetzigen Stand ist sie nüchtern betrachtet trotzdem nicht mehr als eine Smartwatch, die man im Gesicht trägt. Weiterhin fehlt mir die Phantasie, was das „Killerfeature“ einer solchen Datenbrille zum heutigen Stand der Dinge sein könnte. Und damit meine ich keine Luftschlösser wie in Googles erstem Video, sondern konkret umsetzbare Funktionen, die den Kauf und das Tragen dieses Geräts rechtfertigen.

Mir geht es momentan ähnlich wie dieser Tage John C. Dvorak in seiner Kolumne fürs PC Magazine: Ich könnte mir gut vorstellen, dass Google das Projekt in den nächsten zwölf Monaten ganz offiziell auf Eis legt. Die Zeit ist nicht reif. Die Technik ist nicht reif. Das Produkt ist nicht reif. Reden wir in fünf Jahren noch einmal darüber. Oder in zehn.

Ja, vielleicht straft mich Google lügen, kündigt noch dieses Jahr die wesentlich verbesserte und zudem preisgünstige Endverbraucher-Version von Google Glass an, die dann 2015 oder mit der zweiten Generation 2016 zum großen Hit wird.

Ich würde mich liebend gern überraschen lassen. Aber ehrlich: Ich glaube nicht daran.

Kommentare

  • Nino

    09.10.14 (08:47:22)

    Das ist doch naheliegend. Google Glass wurde 2012 "der Öffentlichkeit präsentiert". Im Zeitraum zwischen damals und jetzt zeigte sich das Interesse an Smartwatches. Eine Uhr mit Display wird zum jetzigen Zeitpunkt wesentlich eher akzeptiert als eine "waschechte Nerdbrille". Das hat auch Google gemerkt. Wenn Glass funktionieren und akzeptiert werden würde, wer würde dann noch Smartwatches kaufen?

  • david radicke

    10.10.14 (09:57:13)

    Vielleicht ist die Stille auch Absicht, weil die Reputation von "glassholes" so schlecht ist? Die Reputation halte ich momentan für schwieriger zu beherrschen als die Technik... Die Öffentlichkeit soll sich langsam daran gewöhnen, theoretisch jederzeit von einer Brille gefilmt und erkannt werden zu können und im Netz zu landen.

  • Saimen Gee

    31.10.14 (10:26:29)

    Google Glass wird definitv nicht scheitern! Es ist zwar nicht bekannt aber sehr viele große Unternehmen setzen auf Google Glass um Ihr Unternehmen zu optimieren. Auch die Gesellschaft beginnt Glass zu akzeptieren. Ich bin letzte Woche mit Glass 2 Stunden bei IKEA testweise einkaufen gewesen und keinen hat es interessiert. Nur 2 Kunden haben Glass erkannt, mich aber nicht angesprochen.

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