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05.03.13

Google Glass: Eine egoistische Technologie

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Googles sagenumwobene Cyberbrille Google Glass ist eine egoistische Technologie, weil die zusätzliche Freiheit des Trägers auf Kosten der Freiheit anderer Personen geht. In der Vergangenheit hat ein solches Merkmal Produktneuheiten nicht unbedingt am Erfolg gehindert, aber es verändert die Vorzeichen.

In den letzten Wochen dachte ich mehrmals, dass mit mir etwas nicht stimmt: Während in Kreisen von Netzapologeten und Geeks die Vorfreude auf Google Glass zunimmt, vermisse ich bei mir das Gefühl der Begeisterung im Bezug auf die revolutionäre Cyberbrille des Internetkonzerns. Dabei würde ich liebend gerne die gleiche Euphorie verspüren, die ich etwa bei der Einführung des iPhone oder iPad erlebte. Bedenkt man, dass Glass noch einen deutlich größeren technischen Evolutionsschritt darstellt, müsste meine Spannung eigentlich sogar noch ausgeprägter sein. Doch Fehlanzeige. Es dauerte einige Zeit, bis mir der Grund für meine distanzierte Haltung klar wurde. Das Lesen dieses Artikels half mir dabei, den von mir ausgemachten Schwachpunkt genauer vor mir zu sehen.

Für Träger bietet Glass viel Potenzial

Für den aktiven Einsatz dürfte Google Glass, sofern es die von Google versprochenen Funktionen mitbringt, ein großer und auch nützlicher Spaß werden. Google-Gründer Sergey Brin hat nicht unrecht, wenn er den stetigen Zwang zum Blick auf das Smartphone für verbesserungswürdig hält, auch wenn seine Beschreibung dafür mit dem Attribut "entmannend" etwas unglücklich war. Als Brillenträger bin ich mit den Konzept eines Gestells in meinem Sichtfeld ohnehin schon vertraut. Selbst wenn die frühen Versionen von Glass noch etwas sehr nerdig aussehen, so dürfte es nicht lange dauern, bis sich auch ansehnliche Designergestelle mit Glass-Komponente erwerben lassen. Irgendwann gäbe es Glass dann vielleicht auch als Aufsatz für jede beliebige Brille.

Neue Freiheit auf Kosten anderer

Problematisch an Glass ist jedoch, dass jeder Mensch in der Umgebung eines Glass-Nutzers automatisch in der persönlichen Freiheit eingeschränkt wird. Nur wenige für Endanwender gedachte Produkte und Technologien weisen derartig egoistische Züge auf, werden also dadurch charakterisiert, dem Nutzer eine neue Freiheit einzuräumen, die deutlich auf Kosten anderer Individuen geht. Dies galt weder bei der Einführung des Internets noch des iPhones - zwei im Vorfeld jeweils unterschätzte und belächelte Ereignisse.

Grundsätzlich müssen alle Personen in der Nähe eines Glass-Trägers davon ausgehen, dass sie gefilmt werden, und dass diese Aufnahmen daraufhin auf Googles Servern landen. Dabei spielt es keine Rolle, ob sich jemand nur zufällig im Sichtfeld der Glass-Kamera befindet oder ein Gespräch mit dem Träger der Cyberbrille führt: Ein Glass reicht aus, um an einem Ort eine temporäre "Kameraüberwachung" zu errichten - die anders als beim Filmen mit dem Smartphone oder einer Kompaktkamera nicht als solche zu erkennen ist, und die sich durch den Always-on-Status sowie Googles immense Rechenpower im Hintergrund von klassischen Touristen-Schnappschüssen unterscheidet.

Der Gedanke, selbst Google Glass zu tragen, erscheint zweifellos reizvoll. Doch der, sich mit einer Gruppe zu unterhalten, in der eine Person eine Cyberbrille trägt und damit eventuell die gesamte Konversation aufzeichnet, hat für mich weit weniger Attraktivität - von der Frage, ob der Gesprächspartner mir tatsächlich zuhört oder in Wirklichkeit Katzenfotos bei Google+ betrachtet, einmal abgesehen. Letzteres ist ein Aspekt, der wahrscheinlich weit weniger Einfluss auf die öffentliche Akzeptanz des Geräts haben wird.

Egoistische Technologien können Erfolge werden

Einige wenige Beispiele für an Verbraucher gerichtete Produktneuheiten, die direkt auf Kosten der Allgemeinheit gingen und sich dennoch am Markt durchgesetzt haben, existieren, etwa das Automobil, Zigaretten oder Waffen. Während der Besitzer eines Autos einen Zugewinn an Lebensqualität verspürt, werden Passanten durch Abgase und Motorengeräusche beeinträchtigt. Raucher genießen ihr Nikotin, schädigen dadurch jedoch die Gesundheit von Menschen in ihrer direkten Umgebung. Und Waffenbesitzer empfinden ein Gefühl von Sicherheit und Macht, wogegen diejenigen Personen, die eine Pistole auf sich gerichtet sehen, um ihr Leben bangen müssen. Auch die lange Zeit diskutierte Strahlenbelastung durch elektronische und digitale Gerätschaften wie WLAN-Router oder Mobiltelefone lassen sich als mögliches Beispiel für Errungenschaften anführen, mit denen die breite Masse der Konsumenten Bedürfnisse befriedigen, selbst wenn damit gesundheitliche Risiken für andere Menschen verbunden sein könnten.

Bei sämtlichen dieser Produktkategorien sind die möglichen negativen Konsequenzen für die Umgebung gesundheitlicher Natur, und jedes der genannten Segmente wird stark durch Behörden und Staaten reguliert, um unerfreulichen Auswirkungen auf Individuen oder die Gemeinschaft zu verhindern - mit Ausnahme der US-amerikanischen Waffengesetze.

Die Folgen des Einsatzes von Google Glass für Dritte betreffen nicht die Gesundheit sondern die persönliche Integrität und Freiheit, weshalb ein Vergleich mit den zuvor genannten Beispielen nur bedingt ratsam ist. Dass sich das Automobil oder Mobiltelefone trotz eventueller Nachteile durchsetzen konnten, heißt nicht, dass dies für Google Glass ebenfalls gilt. Es zeigt lediglich, dass, sofern der wahrgenommene, übergeordnete individuelle oder gesamtgesellschaftliche Zugewinn für groß genug eingeschätzt wird, einzelne Risiken und Gefahren in Kauf genommen werden.

Werte beeinflussen Akzeptanz

Inwieweit man Google Glass überhaupt als Limitierung der Freiheit anderer ansieht, hängt von den persönlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Werten ab. Diese wiederum verändern sich im Zeitverlauf und variieren von Land zu Land. Es ist gut möglich, dass wir in zehn oder 20 Jahren selbst in Deutschland zu dem Schluss kommen, dass die Allgegenwärtigkeit von stetig filmenden Nutzerkameras außerhalb des staatlichen Überwachungskontextes für alle mehr Vorteile als Nachteile bringt (beispielsweise durch massiv abnehmende Kriminalität). Derzeit aber ist Deutschland das Land von Verpixelung und Datenschutzhysterie. Dass hier in den nächsten Jahren Menschen mit Google Glass ungehindert auf der Straße herumspazieren werden und auf Akzeptanz und Toleranz durch die Öffentlichkeit stößen, würde an ein Wunder grenzen. Und ganz ehrlich bin ich momentan darüber in diesem ganz speziellen Fall froh. Ich sehe den durch die Digitalisierung ausgelösten Kontrollverlust als unaufhaltsam an, glaube aber, dass das Tempo dieser Entwicklung darüber entscheidet, inwieweit wir die Veränderungen zu unser aller Vorteil nutzen können.

Ich stimme dem Autor dieses lesenswerten und unterhaltsamen Beitrags zu: Allgegenwärtige Augmented Reality wird kommen, wenn die Zeit reif dafür ist. Momentan deutet meines Erachtens nach wenig darauf hin, dass dies außerhalb des Silicon Valleys der Fall ist. Und selbst wenn Google derzeit aufgrund seines enormen Datenschatzes wahrscheinlich die beste Augmented-Reality-Experience liefern kann, glaube ich nicht, dass das ohnehin überlegene Unternehmen der gesellschaftlich wünschenswerte Akteure ist, das Thema der omnipräsenten Kameraaufzeichnung zu etablieren - Stichwort "Single Point of Failure". Ein besserer Akzeptanztest sind da meines Erachtens nach die unabhängigen Startups, die momentan kleine Always-on-Kameras zum Umhängen entwickeln. /mw

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