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18.10.11

Google+: Die Gefahr der Nische

Mehr als 40 Millionen Mitglieder hat Google+ mittlerweile. Doch wirklich aktiv sind bei Googles ambitioniertem Social Network vor allem diejenigen, die ohnehin jede Plattform sofort bevölkern. Der Durchbruch in den Mainstream ist nicht in Sicht.

 

Vor genau drei Monaten veröffentlichte ich einen persönlichen Zwischenbericht zu Google+. Mein damaliges Fazit: Das neue soziale Netzwerk aus dem Hause Google ist eine ideale Diskurs-Plattform, die hinsichtlich der Möglichkeiten zum konstruktiven und ausgiebigen Debattieren Twitter haushoch überlegen ist (was ich kurz danach noch einmal detaillierter beschrieb).

Grundsätzlich schloss ich weitere Wachstumsraten für das neue Google-Produkt kurzfristig nicht aus, unterstrich aber, dass letztlich der dauerhafte Erfolg von der Frage abhängt, ob Google+ die breite Masse begeistern können wird. Heute, ein Vierteljahr später, erscheint mir das Erreichen dieses Zieles unwahrscheinlicher als damals.

Mein heutiges Fazit zu dem Hoffnungsträger von Google fällt folgendermaßen aus: Google+ eignet sich sehr gut für den Schlagabtausch und Austausch mit den einschlägigen Bekannten aus der (deutschsprachigen) Social-Media-Welt (immerhin zeigen auch einige US-Internet-Promis wie Robert Scoble und Jeff Jarvis rege Aktivität bei dem Dienst) - Power-User eben. Vom Durchbruch in den Internet-Mainstream und von der Eignung als Alternative zu Facebook ist es heute aber genauso weit entfernt wie Mitte Juli. Da war Google allerdings nur wenige Wochen alt.

Beliebt bei der Social-Media-Avantgarde

Ich weiß, dass viele deutsche Bloggerinnen und Blogger, Twitter-Nutzer und Akteure der Social-Media-Avantgarde relativ oft bei Google+ anzutreffen sind (siehe dazu die Deutschen Google Plus Charts). Jedes Mal, wenn ich bei dem Dienst vorbeischaue, sehe ich eine rege Aktivität einiger von mir gefolgter Personen, zumeist in der Form von Linkempfehlungen und Debatten rund um die Netzthemen des Tages.

Ich entsinne mich, dass dies bei Google Buzz lange Zeit ähnlich war.

Aufmerksamkeit der Durchschnittsnutzer wird von Facebook beansprucht

Dass nach bald vier Monaten des Bestehens bei einem Teil der mittlerweile mehr als 40 Millionen Google+-Nutzer ein solch hohes Engagement anzutreffen ist, zeigt, dass Google mit seiner modernen, zeitgemäßen Plattform einiges richtig gemacht hat. Es sagt jedoch nichts über die Tauglichkeit des Dienstes für die Masse der Internetnutzer aus. Deren Aufmerksamkeit wird nach wie vor vollständig von Facebook aufgesogen, das mit dem unmittelbar bevorstehenden Launch der neuen Timeline-Profile ("Chronik") seine über 800 Millionen aktiven Anwender auch weiterhin beschäftigen wird.

Bisher keine Gefahr für Twitter

Aber letztlich war die Positionierung von Google+ als Facebook-"Killer" ohnehin eine Erfindung der Medien. Nach dem Launch stellte sich schnell heraus, dass von den Anwendungsszenarien her eher eine Verwandtschaft mit Twitter besteht. Doch Anzeichen dafür, dass der Microbloggingdienst in den letzten Monaten unter der Nachbarschaft von Google+ gelitten hat, sind mir nicht bekannt. In Deutschland nahm die Zahl aktiver Twitter-Nutzer zwischen März und September dieses Jahres um 15 Prozent zu, und nicht zuletzt dank der engen Integration in Apples mobiles Betriebssystem iOS 5 kann der Kurznachrichtendienst recht zuversichtlich in die Zukunft schauen.

Auch für mich persönlich hat sich das Vorhandensein von Google+ nur in Einzelfällen auf meine Twitter-Nutzung ausgewirkt - nämlich dann, wenn ich eine Frage in die Runde stellen wollte ("Welches Tool ist am besten für XYZ"). In diesen Fällen ziehe ich die Google-Plattform aufgrund ihrer integrierten Kommentarfunktion vor.

"Google+ ist Google selbst" 

Doch reicht diese Rolle als Nischenanbieter aus, um für Google+ dauerhaft die hohe interne Priorität zu rechtfertigen, die der Dienst innerhalb des Internetkonzerns aus Kalifornien derzeit besitzt? Ich denke, nein. "Google+ is Google itself", so beschrieb Googles Vice-President Products Brad Horowitz kürzlich die Strategie für das neue Produkt. Doch einfach herbeireden lässt sich der Erfolg eben nicht. Google kann Google+ noch so eifrig mit all seinen Diensten verknüpfen - letztlich sind es die Nutzer, die entscheiden, ob sie die ihnen so gebotenen Möglichkeiten annehmen. Und schon jetzt nervt mich beim Betreten von Google-Sites die stetige rote Benachrichtigung über neue (vermehrt Spam-)Follower ungemein.

Ohne den Mainstream wird es nichts

Ich bleibe bei meiner bisherigen These: Anwender werden nicht gewillt sein, auf Dauer Präsenzen bei drei oder mehr auf den Mainstream ausgerichteten, nicht miteinander kompatiblen Plattformen zu pflegen. Doch wenn es Google nicht gelingt, mehr Durchschnittsnutzern den Mehrwert von Google+ zu vermitteln und dabei eine hinreichend große konzeptionelle Distanz zu Twitter und Facebook zu wahren, wird es für das ambitionierte Projekt sehr schwer werden, die hohen Erwartungen am Firmensitz in Mountain View zu erfüllen. Stattdessen droht die Nische.

Eines hat Google jedoch, bei dem weder Facebook noch Twitter mithalten können: Hangouts - das überzeugende Gruppen-Videochat-Feature von Google+ -  sowie YouTube und damit die Hoheit im Bereich der Onlinevideos. Erste Verbindungen zwischen Hangouts und der Videoplattform existieren bereits, und selbst der Dalai Lama hat schon einmal Hangouts ausprobiert.

Sollten sich Bewegtbilder als das entscheidende Alleinstellungsmerkmal von Googles Social-Vorstoß erweisen, wirft dies einmal mehr die Frage auf, wieso Google nicht lieber gleich YouTube zu einem vollwertigen sozialen Netzwerk (mit Video-Fokus) ausgebaut hat.

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