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09.12.14Leser-Kommentare

Globalisierte Wirtschaft: Die CSU sollte "Englisch-Pflicht" statt "Deutsch-Pflicht" fordern

Die CSU will Migranten dazu "anhalten", auch im privaten Kreis Deutsch zu sprechen. Aber wo bleibt der Aufruf an die Bundesbürger, ihr Englisch aufzupolieren? In der vernetzten, globalisierten Welt ist das ein weitaus wichtigerer Erfolgsfaktor als ausgezeichnetes Deutsch.

SprachenEine geplante Abstimmung der CSU über die Forderung, dass Migranten “im öffentlichen Raum und in der Familie” Deutsch sprechen sollen, hat in den vergangenen Tagen für viel Wirbel und einigen Spott gesorgt. Zwar kann man den Bayern in der Grundannahme, dass gelungene Integration durch hinreichenden Sprachkenntnisse erleichtert wird, nicht widersprechen. Unwahrscheinlich jedoch ist, dass implizierter Zwang und die Einmischung in private Angelegenheiten von Menschen ein zielführender Weg sind. Der entsprechende Text aus dem Leitantrag macht deutlich, dass es der CSU nicht um eine konstruktive Empfehlung geht, sondern um eine autoritäre Ermahnung: “Wer dauerhaft hier leben will, soll dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie Deutsch zu sprechen."

Einmal abgesehen von der Tonalität und der Schwierigkeit der Durchsetzung sowie der Tatsache, dass es schon aus ökonomischen und wirtschaftsstrategischen Gründen sinnvoll sein kann, die Muttersprachen von Migranten nicht zu unterdrücken, so ist der Vorstoß aber noch aus einem anderen Grund kritisch zu bewerten: Er befördert einmal mehr das prinzipienhafte Festhalten an Normen, die sich in der globalen, vernetzten Welt als zunehmend unpraktikabel erweisen. Auch wenn es noch nicht bis in die bayerischen Amtsstuben vorgedrungen sein mag, so sind im internationalen Wettbewerb Englischkenntnisse weitaus wichtiger als Deutschkenntnisse. Wer etwas mehr Weitsicht besitzt als die Christsozialen, der würde an alle Bürger Deutschlands appellieren, die eigenen Englischkenntnisse aufzupolieren. An Einheimische ebenso wie an Migranten. In einem entsprechenden Leitantrag könnte stehen: “Wer dauerhaft hier leben will und Deutschlands Zukunftsfähigkeit in einer globalisierten Welt absichern möchte, dem empfehlen wir, im öffentlichen Raum und zur Übung auch in der Familie ab und an Englisch zu sprechen”.

Ein solcher Vorschlag lässt Deutschtümlern und Anglizismen-Gegnern die Nackenhaare zu Berge stehen. “Wo kämen wir denn dahin?!” heißt es da schnell. Doch unbequeme Veränderungen haben es nun einmal ansich, dass Widerstand geleistet wird. Freilich ist verständlich, wenn die kurz vor der Pensionierung stehende Beamtin Christl Müller und der Renter Herbert Schmidt für sich selbst keinen Vorteil darin sehen, sich noch mit einer Fremdsprache zu befassen. Für alle jüngeren Generationen aber wird die Fähigkeit, sich über Landesgrenzen hinweg fließend über das Bestellen eines Kaffees hinaus verständigen zu können, in zehn oder 15 Jahren ein entscheidendes Erfolgskriterium darstellen. Durch die anhaltende Automatisierung und die durch die Digitalisierung ausgelöste Transformation der Wirtschaft nehmen die Anforderungsprofile für die Jobs, die weiterhin von Menschen erledigt werden (müssen), stetig zu. Wer nur auf Deutsch sicher kommunizieren kann, verbaut sich viele Aufstiegschancen. Heute bereits, und in Zukunft noch viel mehr. Der Schulunterricht allein genügt nicht, um die notwendigen Englischkenntnisse zu erzielen. Praktisches Sprechen ist unumgänglich.

Es gibt noch einiges zu tun, via jakubmarian.com

Globale Probleme erfordern globale Verständigung

Abgesehen von der Notwendigkeit, sich als Individuum auf dieser Welt verständigen können, gibt es noch ein zweites, wahrscheinlich bedeutsameres Argument gegen übereifrigen Sprachkonservatismus: Bisher hatten die Probleme der Menschheit in erster Linie lokalen Charakter. Bevor Elektrizität, das Automobil und Flugzeug, der Telegraf und das Telefon, das Fernsehen und Radio und schließlich das Internet den Planeten gefühlt immer weiter schrumpfen ließen und Völker auf vielfältige Weise miteinander in Kontakt brachten, fand abgesehen von Kriegen und Eroberungszügen fast der komplette Teil der täglichen Interaktion innerhalb der eigenen Gruppe statt. Was geklärt, erledigt und besprochen werden musste, diente vor allem der Befriedigung der Primärbedürnisse und dem unmittelbaren Überleben. Dass die eigene Sprache keinerlei Austausch mit anderen Völkern zuließ, störte da kaum.

Heute aber sind in einer wachsenden Zahl von Ländern die menschlichen Grundbedürfnisse gestillt. Unterkunft, Verpflegung, Mobilität, Bildung, Gesundheits-Grundversorgung - die meisten Herausforderungen sind gelöst. Die nachdrücklichsten Probleme des 21. Jahrhunderts besitzen alle globalen Charakter - sie betreffen nicht einzelne Völker und Nationen, sondern viele Völker und Nationen - oder gar die gesamte Weltbevölkerung. Klimawandel und Umweltschutz, Massenarbeitslosigkeit durch Automatisierung, Rationalisierung und Offshoring; die Bewahrung des Weltfriedens, der Kampf gegen religiösen oder andersgearteten Extremismus und Terror, die Frage der Verteilung begrenzter Ressourcen, die Verhinderung der Ausbreitung von Epidemien und Seuchen - all das sind heute in Folge der technischen Entwicklungen der vergangenen 150 Jahre Aspekte, deren Debatte auf Mikroebene weitgehend wirkungslos ist, die stattdessen eine Verständigung über Grenzen und Sprachen hinweg erfordert.

Sprachen schaffen Vielfalt, aber auch Hürden

Betrachtet man diese Veränderungen der Qualität und Tragweite der drängensten Probleme der Menschheit, wird deutlich, dass die Barrieren bei der Verständigung der Menschheit zu einem Hemmnis bei der Lösung eben dieser Sachverhalte geworden sind. Gleichzeitig sorgen sie für eine Konzentration von Macht und Einfluss bei denjenigen, deren Aufgabe es ist, diese Barrieren zu überbrücken. Denn immer sind Übersetzungen erforderlich, um Ereignisse und Beschlüsse von weltweiter Bedeutung zu den Menschen zu bringen. Bei jeder übersetzten Interpretation aber geht Kontext verloren, wird neuer Kontext hinzugedichtet, und es schwingen neue Assoziationen mit, die in der Originalversion nicht vorhanden sind. Guy Deutscher beschreibt diese Eigenschaft von Sprachen in seinem Buch “Though The Language Glass: Why The World Looks Different In Other Languages”. Im aktuellen Konflikt zwischen Russland und dem Westen zeigt sich auch ganz anschaulich, wie eine fehlende gemeinsame Sprache auf beiden Seiten für Propaganda missbraucht wird, und wie in beiden Sphären vollkommen unterschiedliche Bilder der Lage entstehen.

Niemand weiß, ob eine Welt, in der alle Menschen sich in einer Sprache verständigen können (zumindest als praktizierte Zweitsprache neben der Muttersprache), die erläuterten Herausforderungen besser meistern würde. Dass aber das Ergebnis kaum schlechter sein könnte als das aktuelle Chaos, davon muss man ausgehen. Befürworter des bisherigen Vielsprachen-Systems befürchten, dass bei einer Vereinheitlichung der weltweit praktizierten Sprachen kulturelles Erbe bedroht ist, und dass bei Reisen in fremde Kulturen plötzlich vieles so ist wie zu Hause. Beides mögen berechtigte Einwände sein. Doch am Ende müssen Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen werden. So wie auch bei der Einführung von Rauchverboten der individuelle Spaß gegen das Interesse der Allgemeinheit abgewogen wird.

Aus diesem Grund ist es falsch, pauschalisierend und mit dem von der CSU angedeuteten Nachruck für die Kenntnis einer nationaler Sprachen zu appellieren, wenn man nicht parallel die Bürger darauf hinweist, dass es für sie und das künftige wirtschaftliche Wohl des Landes wichtig wäre, den eigenen sprachlichen Horizont zu erweitern. Das aber hat man in Deutschland bislang weder von der CSU noch von irgendeiner anderen Partei gehört. Wie wäre es mit einem solchen Aufruf, kombiniert mit einem staatlich finanzierten Englisch-Intensivkurs  (oder alternativ womöglich Chinesisch) für alle Interessierten?! Es geht darum, wichtige Signale zu setzen, nicht populistische. Brasilien macht es gerade vor ("How Brazil Plans to Teach a Million People English Before the Rio Olympics").

Passend dazu in eigener Sache: Weil Analysen und Kommentare zu den Auswirkungen der Digitalisierung in deutscher Sprache eine vergleichsweise begrenzte Reichweite haben, und weil europäische Stimmen aufgrund der Sprachbarrieren in internationalen Branchenkreisen kaum Gehör finden, starte ich mit meshedsociety.com ein persönliches Tech-Blog auf Englisch. Richtig los geht es dort Anfang Januar. Wer möchte, darf aber gerne schon einmal vorbeischauen und den Feed abonnieren. /mw

Grafik: 3d render with letters forming a ball, Shutterstock

Kommentare

  • tux.

    09.12.14 (10:55:24)

    * Die meistgesprochene Sprache in Europa ist Deutsch. * Die Belange der Wirtschaft haben den Bürger zunächst einmal nicht zu interessieren und schon gar nicht auf Bestreben der Politik.

  • MarkS

    09.12.14 (11:36:19)

    Zitat: "Auch wenn es noch nicht bis in die bayerischen Amtsstuben vorgedrungen sein mag, so sind im internationalen Wettbewerb Englischkenntnisse weitaus wichtiger als Deutschkenntnisse. " Es dürfte der CSU kaum um den internationalen Wettbewerb gegangen sein als vielmehr darum, dass Migranten sich im deutschen Alltag auf Deutsch verständigen können. Auch wenn sich diese Partei regelmäßig im Ton vergreift, ist die Forderung prinzipiell richtig. Wenn ich in Schweden leben will, lerne ich Schwedisch. Will ich in Polen leben, sollte ich mich auf Polnisch verständigen können. Und in Deutschland spricht man nunmal die deutsche Sprache. Klar, Englisch kann nicht schaden, aber in diesem Posting werden zwei Probleme vermischt, die nicht zusammen gehören.

  • Christian

    09.12.14 (19:35:35)

    Schade, dass das Ziel Multilingualität mitunter reduziert wird auf die Forderung, man habe die Muttersprache plus Englisch zu beherrschen. Wenn diese Erwartung dann noch von Menschen kommt, die keine einzige Sprache außer Englisch sprechen, wird sie schon fast amüsant. Fast. Ja, in meinem Job läuft ein Teil der Kommunikation auf englisch. Aber ich denke, dass es im nichtenglischen Europa auch künftig noch eine ganze Reihe von Arbeitsplätzen geben wird, die keine oder kaum Englisch-Kenntnisse voraussetzen. Gleichzeitig hege ich die Hoffnung, dass wir hierzulande künftig mehr Filme/Serien in der Originalsprache sehen werden (einfach weil das Fernsehen eine im Vergleich zu anderen Plattformen weniger dominante Rolle spielt) und sich das auf unsere Zweit- oder Drittsprachenkenntnisse auswirkt. Aber ich vermag auch nicht ganz einzusehen, warum das nun am Thema des (inzwischen modifizierten) CSU-Leitantrags aufgehängt wird ...

  • Marcel Weiß

    10.12.14 (14:01:09)

    Hm, gar kein Kommentar zum cheekily beworbenen neuen englischsprachigen Techblog? Viel Erfolg auf jeden Fall damit, Martin. Ich spiele seit langem mit ähnlichen Gedanken und hatte deshalb auch einmal http://newnetland.com angelegt. Witzigerweise habe ich ebenfalls geplant, ab dem kommenden Jahr endlich einen stärkeren Fokus darauf zu legen. Die Überlegungen sind wahrscheinlich ähnlich. (Ich denke seit langem darüber nach, was aus den unterschiedlichen Öffentlichkeiten wird, die durch Sprachen getrennt sind. Die deutsche Onlineöffentlichkeit ist weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben.)

  • Martin Weigert

    10.12.14 (16:38:39)

    Ja hat wohl niemand bis zum Ende gelesen ;) Danke! Und sieh an, du postest ja auch schon fleißig bei newnetland! Cool.

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