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26.11.12 08:03

, von Martin Weigert

Globales Dorf: Ein Plädoyer für den digitalen Blick in andere Kulturen

Das Internet bietet enorme Möglichkeiten, Einblicke in die Gedankenwelten und Eigenheiten fremder Kulturen zu erlangen. Ein Plädoyer dafür, von diesen Gebrauch zu machen.

Das Internet lässt Länder näher zusammenrücken und macht die Welt ein Stück kleiner, heißt es. Jeder, der schon einmal aus einem fernen Land mit Familie oder Freunden per Skype-Videogespräch kommuniziert hat, wird diese Aussage bestätigen. Doch wie sehr bewegen wir Netznutzer uns ganz aktiv und bewusst auch außerhalb des digitalen Äquivalents zu unseren heimischen Gefilden? Wir haben unsere zumeist deutschsprachigen Stammwebsites oder US-Social-Web-Plattformen, unsere vertrauten Facebook- und Twitter-Kontakte, und bekommen ab und an ein irgendwo auf diesem Planet aufgenommenes, eine Kuriosität zeigendes YouTube-Video serviert. Wer sich für Internetthemen interessiert, der wird durch entsprechende Blogs, Nachrichtenwebsites und Social-Media- und Geschäftskontakte wahrscheinlich noch ganz gut darüber Bescheid wissen, was in Kalifornien gerade die Menschen beschäftigt - zumindest die in der Webbranche. Doch das wars dann auch schon. Vom gerne zitierten "globalen Dorf" bekommen nicht alle etwas mit - wenn es nicht gerade einem koreanischen Musiker gelingt, das Video zu seinem Überraschungshit zum meitgesehenen YouTube-Clip aller Zeiten avancieren zu lassen. Das Netz ist global und doch extrem fragmentiert. Seit einiger Zeit versuche ich, ganz bewusst Zugang zum Diskurs und zu Sphären außerhalb meiner "Filterblase" und meines eigenens Sprachraums zu erhalten. Nicht, um mich an dortigen Debatten zu beteiligen, was aufgrund mangelnden Hintergrundwissens vermessen und auch zeitlich unmöglich wäre, sondern einfach, um ein realistischeres, stimmigeres Bild über Menschen, Mentalitäten und fremde Gesellschaften bewegende Themen und Probleme zu erhalten. Dank Twitter ist dies mittlerweile ein Kinderspiel. Trotz aller freilich existierenden Sprachbarrieren behaupte ich, dass in jedem der über 200 Länder dieser Erde mindestens eine vor Ort befindliche Person Tweets auf Englisch publiziert. Mit Ausnahme von Nordkorea vermutlich. Meist sind es sehr viele mehr. Mittlerweile folge ich Personen aus für mich exotischeren und für meine berufliche Tätigkeit weniger relevanten Ländern wie Kenia, Malaysia, Brunei, Israel, Saudi Arabian oder Indien.

Was habe ich davon, diese zu abonnieren? Ein generelles Interesse für Menschen außerhalb des eigenen Dunstkreises vorausgesetzt, entwickelt man im Zeitverlauf ein zumindest grundsätzliches Gefühl für einem bisher unbekannte Kulturen, hat die Möglichkeit, durch direktes Nachfragen zusätzliche Details und Hintergründe in Erfahrung zu bringen und ist zudem nicht mehr allein auf die Berichterstattung in "unseren" Medien angewiesen. Kurzum: Man ist deutlich besser informiert als diejenigen, die sich auf die Informationen aus der heimischen Presse verlassen. Selbst wenn man diese Länder noch nie bereist hat.

In der Praxis könnte ich dies in der vergangenen Woche erleben, als die Meldung die Runde machte, Saudi Arabien habe ein neues Überwachungssystem eingeführt, das Ehemännern oder anderen Aufsichtspersonen einer Frau eine SMS sendet, wenn sie die Grenze übertrete. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den soziale Medien, zumeist begleitet von schnell zusammengeschriebenen Nacherzählungen der sich aufgrund ihres Empörungspotenzials als Klickmagnet eignenden Story. Da sich unter meinen Twitter-Kontakten auch zwei oder drei Nutzer aus Saudi Arabien befinden, erhielt ich relativ schnell einen Link zu einem den Inhalten nach progressiven saudischen Blog in englischer Sprache, das die Gegebenheiten rund um das umstrittene SMS-Monitoring sowie die Zusammenhänge deutlich besser erläuterte, als dies in den westlichen Medien der Fall war.

Die wenigstens werden die von Blogger Ahmed Al Omran grundsätzlich an den Tag gelegte Toleranz für diejenigen, die das in Saudi Arabien für Frauen, Kinder und ausländische Besucher geltende Vormundschaftssystem aufrecht erhalten wollen, verstehen. Sich aber ergänzend in lokalen Quellen über Geschehnisse zu informieren, die von der westlichen Presse verbreitet werden, hat immer den Vorteil, einen Einblick in die Gedankenwelt und gesellschaftlichen Konventionen des jeweilige Landes zu erhalten. Etwas, das vor einer allzu voreiligen, simplifizierenden Bewertung schützt. Indem man ganz oder teilweise auf Englisch veröffentlichende Twitter-Nutzer in sonst durch ihre Sprache gewissermaßen abgeschirmten Ländern in die eigene Timeline aufnimmt, legt man die Grundlage für ein ausgewogeneres, weniger von boulevardesqen Motiven hiesiger Medien oder fragwürdigen Mystifizierungen getriebenes Bild über eine Region oder Kultur.

Lesenswerte, lokal verankerte Personen zu finden, ist nicht immer ganz leicht. Ein Einstieg könnten Listen der Top-100-Twitter-Nutzer in bestimmten Städten sein, wobei dort häufig die Sprache eine Barriere darstellt. Eine andere Möglichkeit ist Twitters erweiterte Suche, in der man nach auf Englisch twitternden Personen in der Nähe bestimmter Orte recherchieren kann. Ich hingegen bevorzuge den Ansatz, mich auf Empfehlungen aus meiner Twitter-Timeline in Form von Retweets zu verlassen. Als etwa in der vergangenen Woche der Konflikt zwischen Israel und der Hamas eskalierte, tauchten verstärkt Retweets von vor Ort befindlichen Bewohnern, Beobachtern und Journalisten in meinem Twitter-Feed auf. Einige von ihnen zu abonnieren, stellt den mit geringstem Aufwand verbundenen Weg dar, mittels Twitter den eigenen globalen Horizont zu erweitern. Ich denke, dies ist eine der absoluten Stärken des Microbloggingdienstes, die man sich als weltoffener Mensch in einer globalisierten Welt nicht entgehen lassen sollte.

(Foto: stock.xchng/lusi)

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