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07.02.14Leser-Kommentare

Gesichtsidentifizierung per App: Die schwierige Suche nach soliden Gegenargumenten

Viele Menschen reagieren ablehnend auf Technologie zur Erkennung und Identifizierung von Gesichtern. Es lohnt sich aber, die Argumente dagegen genauer unter die Lupe zu nehmen, anstatt dem ersten Impuls zu folgen.

GesichtserkennungNameTag, eine App für Google Glass, verspricht den Echtzeit-Abgleich von Gesichtern vor der Linse mit Onlineprofilen. Damit würden sich zu Fremden sofort der Name und persönliche Informationen abrufen lassen. Datenschützer und Politiker sind natürlich alarmiert. Dabei ist es vergleichsweise unwahrscheinlich, dass diese spezifische Anwendung jemals zu einem Hit wird: Google selbst verbietet entsprechende Apps für Glass eigentlich. Glass wiederum tendiert in der aktuellen Fassung eher in Richtung "großer Flop". Bei NameTag, das sich im geschlossenen Beta-Stadium befindet, weiß man nicht, ob die Technologie wirklich zuverlässig funktioniert. Und in den gängigen Smartphone-App-Stores würde eine derartige Anwendung im Jahr 2014 wahrscheinlich kaum lange geduldet werden. Langfristig lässt sich diese Technologie kaum verhindern

Aber: Dass ein solches Prinzip der Gesichtserkennung und -identifizierung eines Tages möglich sein und einwandfrei funktionieren wird, daran habe ich keine Zweifel. Zu verlockend ist das Konzept aus Entwickler- und Marketingsicht, zu global und eng vernetzt ist die Welt, als dass sich derartige Services mit nationalen Datenschutzgesetzen auf Dauer verhindern ließen. Schon jetzt bröckelt in Sicherheitskreisen und Wirtschaft der Widerstand gegen die Technologie.

Vielleicht liege ich mit dieser Einschätzung falsch. Vielleicht gelingt es tatsächlich, den Privatanwender von Gesichtsidentifizierungs-Apps durch gesetzliche Regelungen, Selbstverpflichtungen und technische "Gegenmittel" der Software- und Internetanbieter dauerhaft fern zu halten. In der Vergangenheit aber haben offizielle Verbote nur selten dazu geführt, dass vom Staat als schädlich angesehene Güter, Substanzen oder Dienstleistungen tatsächlich komplett verdrängt wurden.

Der Worst Case

Deshalb lohnt es sich, einmal den "Worst Case" durchzuspielen - ungeachtet ob man der Meinung ist, dass dessen Eintreffen wahrscheinlich ist: Was würde passieren, wenn plötzlich der Otto-Normal-Verbraucher uneingeschränkten Zugriff zu einer Smartphone-App hat, die ausgehend von einem im Moment geschossenen Foto die Facebook-Profile der darauf abgebildeten Personen serviert. Welches sind die möglichen negativen Folgen, die Datenschutz, Politiker und gefühlt die Mehrzahl der Bevölkerung zu einer ablehnenden Haltung bewegen?

Intuitiv stehe ich dieser Entwicklung auch skeptisch gegenüber. Doch selbst nach langem Nachdenken fallen mir nur sehr wenige Szenarien ein, die sich tatsächlich als sachliches, realistisches Argument contra Gesichtserkennung für jedermann eignen (wohlgemerkt beziehe ich mich nicht auf den Einsatz durch Geheimdienste und Polizei - denn diesen wird die Politik leider nicht aufhalten wollen).

Realistische Befürchtungen vs theoretische Risiken 

Angenommen, die gängige Begründung "Ich möchte einfach nicht, dass jeder Wildfremde meinen Namen erfahren kann" wird ausgeklammert - was bleibt dann noch übrig?

Auf Anhieb  kommt mir natürlich die Problematik von Stalkern und Sexualstraftätern in den Sinn. Als Laie ohne Einblick in die Psyche der Täter sehe ich Szenarien vor mir, in denen Sittenstrolche und Vergewaltiger sich ihre Opfer in der Öffentlichkeit suchen, sie identifizieren und sie anschließend online belästigen und auskunftschaften - womöglich als Vorstufe für geplante physische Delikte. Dass eine App mit der beschriebenen Funktionalität hier neue Möglichkeiten der Belästigung und Anbahnung von Übergriffen bietet, scheint offensichtlich. Andererseits ist Stalking schon seit langem ein weitverbreitetes Problem. Ich habe in meinem Leben schon überraschend viele Frauen getroffen, die über entsprechende Erfahrungen gesprochen haben. Männer sind entweder weniger betroffen oder äußern sich dazu nicht. Von daher bleibt an dieser Stelle die von mir und allen anderen mutmaßenden "Beobachtern" nicht zu beantwortende Fragen, ob Gesichtserkennungstechnologie die Zahl der Fälle erhöhen würde, oder ob Stalker und Vergewaltiger auch heute schon "alle Hände voll zu tun haben" und damit nicht auf verbesserte Technologien angewiesen sind. Dennoch sollte man das Risiko der vermehrten, da einfacheren Anbahnung von Sexualdelikten als potenzielle Gefahr von Gesichtsidentifizierungsdiensten festhalten.

Viel mehr Argumente, die auch nach einiger Reflexion noch solide erscheinen, fallen mir dann aber schon nicht mehr ein. Der Dieb oder Räuber, der in der Bahn reiche Passagiere identifiziert, um sie oder ihr Haus anschließend um Wertsachen zu erleichtern, wird manchmal genannt. Aber Kriminelle (und überhaupt Menschen mit guter Beobachtungsgabe) erkennen wohlhabende Personen auch ohne App und wissen ganz genau, in welchen Stadtvierteln sich die Villen und Appartements der Reichen befinden. Ihnen vor Ort aufzulauern, erscheint viel "erfolgsversprechender". Ich halte diese Befürchung daher für rein theoretischer Natur. Problematisch wären vielleicht noch aggressive Gangs oder betrunkene Schläger, die einem in der Vergangenheit etwas wie "Dein Gesicht merke ich mir" hinterhergebrüllt hätten, künftig dann aber Name und Adresse bequem per Cyberbrille oder Mobiltelefon abrufen und am nächsten Tag unangemeldet vor der Tür auftauchen können. Ist der technische Fortschritt aber so weit vorangekommen, würde es auch eine App geben, die als gewalttätig oder kriminell bekannte Personen an ihren Gesichtern erkennt und frühzeitig vor ihnen warnt, wodurch allerlei Verteidigungsstrategien entstünden. Der oben genannte Service NameTag beispielsweise verspricht einen Abgleich von Gesichtern mit Datenbanken registrierter Sexualstraftäter. Daraus ergeben sich zwar wieder andere ethische Implikationen (was wenn ein Mensch unschuldig in dieser Datenbank landet und daraufhin in der Öffentlichkeit gemieden und beschimpft wird?) - es wird aber deutlich, dass die intuitive Erwartung einer unmittelbaren persönlichen Gefahr durch den Einsatz von Gesichtserkennung durch andere Menschen das Bild nur einseitig betrachtet.

Warum sachliche, solide Argumente wichtig sind

Die von mir verfassten Gedanken sind nicht als Plädoyer für eine Legalisierung von Gesichtserkennungstechnologien zu verstehen. Deshalb verzichte ich in diesem Text auch darauf, über die möglichen Vorteile der Technologie zu sinnieren. Ich versuche jedoch, meine eigene ablehnende Haltung zu hinterfragen. Ich glaube, dass der öffentliche Widerstand selten auf einer tatsächlichen, objektiven Gefahreneinschätzung basiert sondern sich stattdessen eher aus einer emotionalen Abwehrhaltung speist. Das bedeutet nicht, dass man ruhigen Gewissens Apps wie NameTag und dessen spätere Nachkommen moralisch gutheißen sollte - sie sind ein wesentliches Merkmal der sich abzeichnenden "Little Brother"-Gesellschaft, in der sich alle gegenseitig überwachen. Deshalb sprach ich oben auch vom "Worst Case". Es heißt aber, dass man mehr Zeit damit verbringen sollte, unter die argumentative Oberfläche zu blicken und die tatsächlichen Risiken genauer zu untersuchen. Weil dies nicht geschah, haben wir in Deutschland bei Street View verpixelte Häuser. Angesichts dessen verwundert es mich immer noch, dass an den meisten Häusern in Deutschland Klingelschilder mit den Familiennamen der Bewohner befestigt sind.

Welche Argumente sprechen eurer Ansicht nach dafür (oder dagegen), dass man sich über den privaten Einsatz von Apps zur Gesichtsidentifizierung ernsthaft Sorgen machen muss?  /mw

(Foto: Face detection software recognizing a face, Shutterstock)

Kommentare

  • jahnitu

    07.02.14 (08:23:01)

    Was ist mit dem Nazi, dem die Gegendemo nicht gefällt? Trickbetrug? Was ist mit Diskriminierung? Newsflash: Gesunder, weißer, deutscher, nicht vorbestrafter, solventer Hetero-Mann fürchtet leichtere Diskriminierung nicht! So ganz grundsätzlich haben Sie aber schon verstanden, wozu das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung gut ist, das sich gegen Gesichtsbiometrie als Schlüssel nicht technisch schützen lässt, oder?

  • m

    07.02.14 (08:35:55)

    „Sittenstrolche“, Stalker, Vergewaltiger, saufende Schläger - was Anfangs versprach eine interessante, vielleicht sogar erkenntnisreiche Morgenlektüre zu werden scheitert leider an der Fantasielosigkeit (und antiquirter Geschlechter-Bias) des Autoren. Fünf Minuten - wo bekomme ich die nun zurück?

  • Tobe

    07.02.14 (09:09:10)

    Letztendlich führt eine komplette Zugänglichkeit der Gesichtskontrolle und damit Überwachbarkeit zu immer Uniformität. Gänge ins Bordell, zur Therapie, Demo, Antwalt, Facharzt etc. sind dann gleich ein mögliches Outing. Zudem gehe ich jede Wette ein, dass baldmöglich eine App kommt, die alle Gesichter, die sie kennt, auf einer Karte vereint, die für jeden zugänglich ist.

  • Worstcase

    07.02.14 (09:15:03)

    1) Dass Diebe diese Technologie nutzen werden ist alles andere als theoretisch. Wenn es derart kinderleicht ist, Leute z.B. an ihrem Urlaubsort zu identifizieren, so dass die Komplizen daheim in aller Ruhe die Wohnung ausräumen können, dann wird es ganz sicher einen gewaltigen Sprung in der Einbruchsstatistik geben. Sicher geht das auch heute schon über Koffer-Tags etc., aber wie immer sorgt erst die EDV für die massenhafte Anwendung.

  • TvF

    07.02.14 (11:11:21)

    "Angenommen, die gängige Begründung “Ich möchte einfach nicht, dass jeder Wildfremde meinen Namen erfahren kann” wird ausgeklammert" - warum ausgeklammert? Sollte das denn nicht eigentlich genug sein?

  • Martin Weigert

    07.02.14 (14:52:28)

    Nach meinen Informationen werden die meisten Überfalls-Sexualdelikte und unprovozierten Übergriffe von Männern getätigt. Das hat mit antiqiertem Geschlechter-Bias nichts zu tun. Und was Fantasielosigkeit angeht: Vielleicht. Deshalb ja der Aufruf.

  • Martin Weigert

    07.02.14 (18:27:11)

    @ jahnitu Wir haben das ja bei Twitter schon diskutiert. @ Tobe Stimmt, solide Argumente. Ich glaube ich bin schon lange über den Punkt hinweg, an dem ich das Eintreten dieses Szenarios nicht akzeptieren wollte. Ich denke, die technische Entwicklung treibt uns zwangsläufig in eine Big- und Little-Brother-Welt. Das ich so denke, klingt tragisch, ich weiß. Aber: Ich halte es für möglich, dass es trotzdem anders kommt als befürchtet. Dass wir nämlich - wenn alle gleichermaßen betroffen sind - aus der Not eine Tugend machen und einfach selbstbewusst mit den Dingen auftreten, die wir in der Vergangenheit stets verheimlicht haben. Post Privacy und so. Ist leicht utopisch, ja. Aber imo tatsächlich der einzige wirkliche Ausweg. Und wer weiß: Im Nachhinein stellt sich womöglich heraus, dass das ohnehin der bessere Ansatz ist. Zu glauben, dass derzeitige Strukturen und Muster stets das beste Prinzip sind, wäre nach meiner Meinung ein großer Fehler - den viele machen. @ Worstcase Diese "EDV" ist heute schon so weit vorangekommen, dass Diebe keineswegs so kompliziert vorgehen müssen (mit Komplize auf Mallorca und so). Das Argument kaufe ich nicht. Es erinnert mich an die Befürchtungen mancher, das Street View Diebe anlocken würde. @ TF Da Gesichtsidentifizierung anders als die Präferenz beim Toilettenpapier keine Individualsache ist sondern die Gesellschaft als Ganzes angeht, sehe ich diese Art von "Argument" als ein gutes Mittel an, um diejenigen zu entlarven, die wirklich nur aus ihrem Bauch heraus argumentieren, ohne fünf Minuten über den Sachverhalt nachgedacht zu haben. Ich denke nicht, dass das eine gute Grundlage für eine konstruktive, kluge Auseinandersetzung mit dem Thema ist.

  • Martin

    07.02.14 (22:13:52)

    Zum letzten: Warum sollte man überhaupt argumentieren müssen, wenn die eigene Privatsphäre plötzlich willkürlich beschnitten wird? Warum sollte hier nicht ein simples "ich will das nicht" einfach reichen? Und nein ich will wirklich nicht, dass jeder auf der Straße meinen Namen kennt oder versteckte Kameras meinen Gang zum Arzt, Krankenhaus, Café, Sexshop,... mit meinem Namen aufzeichnet - und das obwohl ich gar nichts zu verbergen habe. Einfach weil ich es nicht will. Und ich will nicht einmal argumentieren müssen. Und ich denke wir alle haben auch ein Recht darauf - ein Grundrecht!

  • Herbert

    08.02.14 (09:15:56)

    Also für Verkäufer im Außendienst, die auf Kaltaquise unterwegs sind, dürfte diese App in Verbindung mit Glasses eine unwahrscheinliche Arbeitserleichterung bringen- dort ligt aber auch das Problem. Man könnte auf offener Straße direkt von Verkäufern zielgerichtet heimgesucht werden :-) - Individuelles Wissen über potentielle Kunden ist fast schon ei Erfolgsgarant für den Verkauf.

  • Tobe

    08.02.14 (09:22:17)

    Der selbsernannte Blockwart wird auch seinen Spaß haben: Falschparkern, Menschen, die Hunderhaufen liegen lassen etc. kann man dann richtig anprangern. Hier in Frankfurt ging kürzlich über eine lokale Facebook-Gruppe das Foto eines Falschparkers.

  • Martin Weigert

    08.02.14 (17:19:41)

    Darauf bin ich am Ende meines letzten Kommentars eingegangen.

  • Thorsten Roggendorf

    08.02.14 (20:13:00)

    Es ist müßig, darüber zu philosophieren, ob man es will oder nicht. Es wird kommen und es wird eine weitere Disruption auslösen, die nur mit der Informationsvernetzung seit den 70ern vergleichbar ist. Denn was passiert hier eigentlich? Das globale Dorf wird am Ende tatsächlich Wirklichkeit. Nein, wir sind noch Meilen weit vom globalen Dorf entfernt. Ein Dorf ist ein Ort, wo jeder jeden kennt. McLuhans unfassbare visionäre Kraft ... Wie auch immer. Die vernetzung der Information ist in vollem Gange, doch das ist erst der erste Teil der Disruption menschlicher Gesellschaft. In der Wirtschaft wie im privaten Leben ist das persönliche soziale Netz der wichtigste Faktor überhaupt. Mit guten Beziehungen kann man alles erreichen, völlig ohne Beziehungen nichts. Man kann sich diese Beziehungen und den Erfolg erarbeiten, doch allein schafft man nichts. Wovon Du hier schreibst ist nichts Geringeres als die Vernetzung des Vertrauens. Das ist eine Killerapplikation von solcher Kraft, dass sie unsere läppischen Argumente ohne merkliche Beeinträchtigung hinwegfegen wird. Ich glaube aber, dass enorm wichtig ist, was Martin im Artikel und Kommentaren anklingen lässt: wir müssen positive Utopien dieser Zukunft entwerfen. Distopisch kann es ohne weiteres werden, und unsere Kontrollwut und Furcht vor dieser Zukunft können uns geradewegs in die Dystopie führen. Doch ich glaube, es gut auch anders, gut. Hier habe ich einen Artikel geschrieben, der sich damit befasst: http://schrotie.de/index.php/2010/11/ki-is-who-wi/

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