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02.10.09Leser-Kommentare

Gesellschaft: Über das Lebensgefühl "Always-on"

Während manche das Internet als Hort des Bösen ausgemacht haben, wird es für eine wachsende Zahl von vorrangig jungen Menschen zum essentiellen Werkzeug in allen Lebenslagen. Was genau macht das Lebensgefühl digitaler Bürger aus?

Always-on"Wie könnte man das Lebensgefühl umschreiben, das die Piraten repräsentieren - jenseits vom Internet?" Diese Frage stellte WirtschaftsWoche-Chefredakteur Roland Tichy heute seinen Folgern auf Twitter.

Zwar äußerte ich mich bereits in zwei Tweets, doch verspürte ich den großen Drang einer etwas ausführlicheren Antwort auf seine Frage. Obwohl ich persönlich keinerlei Verbindung zur Piratenpartei habe, sehe ich mich in den aufgeworfenen Fragen zur digitalen Zukunft durchaus von ihr repräsentiert.

WiWo-Chef Tichy liefert in seiner Frage den Denkfehler gleich mit, der die etablierten Parteien dazu bringt, eine wachsende Zahl von (Jung-)Wählern durch ihre Ansprache und ihr Parteiprogramm nicht mehr zu erreichen: Er sucht das Lebensgefühl des Piraten-Umfeldes "jenseits vom Internet". Doch lässt sich hier tatsächlich noch zwischen Internet und der "realen Welt" unterscheiden? Ich behaupte, nein.

Ein wichtiger Teil des Lebensgefühls im Netz aktiver Bürger ist die nicht mehr vorhandene Unterscheidung zwischen offline und online. Das Internet ist nicht mehr eine Mediengattung unter vielen, sondern es ist DAS allgegenwärtige Medium, welches einen rund um die Uhr begleitet.

Anders als bei den traditionellen Medien, die meist an einem Stück konsumiert werden (z.B. die Zeitung am Morgen oder der Spielfilm am Abend), erhält das Web kontinuierliche Aufmerksamkeit - immer dann, wenn man es gerade braucht, wenn man zwischendurch Zeit hat, oder wenn man eine Nachricht (E-Mail, Social Network, Twitter, Instant Messenger usw) erhält bzw. verschicken will.

Das Internet ist nicht nur Medium. Es ist das überlegene Werkzeug, mit dem sich alle anderen Aspekte des Lebens organisieren, steuern und vereinfachen lassen. Wer dies erkannt hat, sieht das Netz nicht mehr als etwas Losgelöstes von der Realität, wie es häufig von Vertretern traditioneller Denkweisen gemacht wird. Es ist essentieller Teil des Lebens. Es ist globales Kommunikations-, Planungs, Wissens- und Unterhaltungs-Tool in einem.

Die Antwort auf Roland Tichys Frage lautet daher meiner Meinung nach: Always-on. Ständige Konnektivität und die Möglichkeit des ortsungebundenen On-Demand-Zugriffs auf sämtliche Informationen dieser Welt prägen und bereichern seit einiger Zeit mein Leben - und das vieler Leser dieses Blogs und Millionen von Nutzern im Web.

Für eine wachsende Zahl von Menschen ist "Always-on" Normalzustand. Diese Menschen emotional erreichen und an sich binden zu wollen, ohne ein Verständnis für deren Lebensgefühl zu haben, kann nur schiefgehen. Die etablierten Parteien haben jetzt vier Jahre lang Zeit, verlorenen Boden gut zu machen. Sie sollten diese Zeit nutzen.

Bild: stock.xchng

Kommentare

  • Jasper

    02.10.09 (19:47:47)

    gut erklärt, könnte ich so auch unterschreiben.

  • roland

    02.10.09 (19:56:59)

    dem kann ich ebenfalls nur zustimmen. In Zukunft wird jeder all-ways on sein. Deshalb, da bin ich mir sicher, werden wir in 10 Jahren kein "Internet" mehr haben. Kaum jemand wird diesen Begriff noch benutzen, wenn das Netz so allgegenwärtig ist wie Sauerstoff...

  • Leander Wattig

    02.10.09 (21:20:17)

    Bei manchen Leuten hat man leider das Gefühl, dass sie 'always off' sind ;)

  • Junghänel

    02.10.09 (23:52:44)

    Das Lebensgefühl der Piraten mag so sein. Aber es kann sehr gut ohne Partei ausgelebt werden. Was aber bringt 10000 Leute in eine Patei? Gerade in Deutschland? Das bringt nur die Beleidigung der Intelligenz der Generation der 25 bis 40 Jährigen durch die etablierten Parteien zustande. Im Kernpunkt steht besonders das verquere Zensurgesetz. Und Deutsche sind verdammt nachtragend, wenn man sie erst einmal beleidigt hat. Deshalb sehe ich keine Chance für die etablierten Parteien, die Piraten zu stoppen. Das könnten sie nur selber machen: durch unkluge Personalpolitik und zu rasche Entfernung von den Kernthemen. J Junghänel

  • Tarantoga

    03.10.09 (12:59:33)

    Das "Always-on" Gefühl ist in der Tat etwas Neues und Bemerkenswertes. Aber bis heute jedenfalls ist dieser Zustand selbst unter Internetaffinen einer Minderheit vorbehalten. Der Zustand setzt letztlich ein modernes Smartphone voraus und ist daher eher ein Gefühl des mobilen Internets. Meiner Beobachtung nach spricht die Piratenpartei einen deutlich größeren Kreis an. Vielleicht spricht sie (jedenfalls derzeit) sogar eher die klassischen PC-Affinen an. Programmatisch lässt sich das z.B. am Aspekt der Computerspiele festmachen. Gamer sind eher selten "Always-on" in dem von Dir beschriebenen Sinne. In meinem privaten Umfeld gibt es z.B. viele Sympathisanten der Piraten, aber ich bin der einzige mit einem Smartphone und echtem "Always-on". Von den Leuten, die mir ihre Stimme für die Piraten "gestanden" haben hat kein einziger einen Facebook oder Twitter Account. Die halten das für sinnlosen Quatsch.

  • Das Wort

    03.10.09 (15:47:08)

    Es sieht so aus als ob immer noch bestimmte Menschen das Internet nicht richtig verstanden haben. Es handelt sich doch beim Internet um nicht mehr oder weniger einer Weiterentwicklung des Telefons - wobei jegliche Art von Medium (TV, Zeitschriften, Informationsverbreitung, etc...) hinzukommt. Wer sich gegen das Internet ausspricht kann doch gleich auch gegen das Telefon, TV und Co. ebenfalls wettern. Es ist richtig absurd fast täglich über diese Internetfeindlich zu lesen und es werden diese sein die früher oder später aufgrund ihrer zu traditionellen sichtweise unter und Pleite gehen werden, da sich der Mensch schon immer weiterentwicklet hat, da helfen auch keine Internetsperren und Filter...

  • Dani Schenker

    03.10.09 (18:18:57)

    Sehr schön geschrieben. Auch für mich hat das nichts mit der Piratenpartei zu tun. Im Gegenteil. Ich Antworte seit Jahren so, wenn es in einer Frage um Internet und Realität und so weiter geht. Für mich war das Internet Realität seit ich es vor über 10 Jahren das erste mal betrat. Was soll denn der Unterschied sein zu anderen Medien? Was ist am TV realer als am Internet? Sehr schön auch Rolands Kommentar. Der Begriff Internet wird verschwinden. Denke ich auch. Er ist zum Teil auch schon verschwunden. Man erinnere sich an die Zeit als man jemanden noch fragte: Bist du im Internet? Gibts doch nicht mehr... Höchstens: Bist du bei Facebook... (Und selbst diese Frage ist bereits zu "Kontaktiere mich bei Facebook" geworden...) Wie konnte ich nur 15 Jahre lang ohne dieses "Internet" leben??? :-)

  • Markus

    03.10.09 (18:37:09)

    Sehr guter Artikel. Vollste Zustimmung. Mein Trackback kam wohl nicht durch: Internet ist nicht nur Medium sondern Werkzeug.

  • Martin Weigert

    03.10.09 (19:07:34)

    Danke Markus. Natürlich ist die (potenzielle) Wählerschaft der Piratenpartei sehr homogen. Blogger, Social-Web-Profis, Gamer, IT-Experten, P2P-Fans usw... der Trend zu "Always-on" ist imo jedoch der gemeinsame Nenner, der alle Gruppen zusammenbringt. "Always-on" im Sinne von, das Web als selbstverständlichen Teil des Alltags zu verstehen. Auch wer einen "Always-on"-Lebensstil pflegt, kann durchaus mal komplett offline sein. So widersprüchlich das klingt. Ob man das dann mag, ist eine andere Sache ;)

  • Markus

    03.10.09 (19:16:06)

    @Martin: Auch wer einen “Always-on”-Lebensstil pflegt, kann durchaus mal komplett offline sein. Klingt für mich nicht widersprüchlich. Alles andere wäre auch erschreckend. ;)

  • Scholli

    03.10.09 (21:20:55)

    Ich gehöre zwar auch zu den always-on, aber weil ich auch beruflich damit zu tun habe. Ich finde es fast schon arrogant, dass viele dieser "Onliner" oft vergessen, dass es auch ohne WWW geht. Mein Bruder ist Malermeister, hat ne Firma, arbeitet tgl. 10-12h und ist vllt. 2 x die Woche online. Er versteht meine Begeisterung für Facebook etc nicht. Und ich versteh ihn. Liebe Internet und Medien-Leute, vergesst nicht dass es auch noch analoge Arbeit gibt. Grenzt Leute die offline sind nicht so aus!

  • Wolf

    03.10.09 (21:54:18)

    @Scholli: Danke.

  • Martin Weigert

    04.10.09 (11:03:38)

    Scholli, nach meiner Erfahrung grenzen sich solche Leute i.d.R. selbst aus, indem sie null Interesse daran zeigen, was gerade außerhalb ihrer kleinen Blase passiert. Davon abgesehen: Auch ein Malermeister könnte bei seiner Arbeit das Web nutzen, um z.B. günstiges Material in der Umgebung zu kaufen, seine Kosten zu überwachen, seine Services über Dienstleistungsportal anzubieten usw usw. Aber noch mal: Always-on heißt nicht, um jeden Preis für alles das Internet benutzen zu müssen. Ich denke, das habe ich deutlich gemacht, insofern ist eine Verteidigung einzelner Gruppierungen gar nicht notwendig.

  • smatthes

    04.10.09 (23:40:46)

    Gute Antwort. ICh sehe das auch so. Allerdings wird es noch Jahre dauern, bis sich diese Einschätzung bei der Mehrheit der Menschen durchsetzt.

  • kadekmedien

    05.10.09 (07:38:58)

    Zur Nicht-Unterscheidung von "online" und "offline" gehört allerdings auch, dass es keine "Zeit zwischendurch" gibt ;) Es ist doch absurd zu glauben (und ich kriege sowas immer wieder von Offlinern zu hören), dass die Menschen hinter den Websites, Blogs, Netzwerken usw. nicht echt, nicht im realen Leben verlankert wären. - So ein Blödsinn käme den gleichen Leuten nicht ansatzweise in den Sinn, wenn sie über die Person am anderen Ende ihrer Telefonverbindung nachdächten.

  • Roland Tichy

    05.10.09 (15:23:36)

    Vielen Dank für diesen Text. Vermutich haben Sie mehr als Recht. Mein Gedanke hinter der Fragestellung war: Parteien entstehhen vordergründig um eine konkrete politische Forderung. Aber Erfolg haben sie nur, wenn sie ein sehr breites Interesse, ich nenne es: Lebensgefühl adressieren. Nehmen wir das Beispiel der Grünen in den 80ern: Da ging es um die Gegnerschaft zur Nachrüstung und zum Bau von KKWs. Aber es war auch ein Lebensgefühl, das sich damals von den herkömmlichen Parteien nicht aufgenommen fühlte und sich in hunderterlei Punkten äußerte. Bei den Piraten geht es glaube ich auch nicht nur um Fragen des Urheberrechts, sondern darum, dass die Art und Weise zu leben, zu arbeiten und zu kommunizieren nicht mehr reflektiert wird. Ein Beispiel: der klassische Ortsverein, die Keimzelle der Parteien, ist ja für den Teilnehmer des virtuell vernetzten Weltgeistes eher ein Unort. Das Internet ist eben nicht mehr ein Werkzeug (wie das Telefon), sondern für viele Ausdruck einer Lebensform, die sich wesentlich von der analogen unterscheidet. (dass es die weiter geben wird und geben soll ist ja unbestritten) So in etwa? Roland Tichy

  • Martin Weigert

    05.10.09 (16:16:28)

    Danke für Ihren Kommentar Herr Tichy. Dem hab ich eigentlich nichts hinzuzufügen. Ich denke Sie liegen völlig richtig, wenn Sie sagen, dass es vielen Wählern nicht vorrangig um die Fragen des Urheberrechts geht. Es geht sehr viel genereller um die Fragen, die sich aus den Folgen der Digitalisierung ergeben, und die z.B. zur Notwendigkeit der Reform des Urheberrechts führen.

  • Michael Liebert

    06.10.09 (15:08:27)

    Als Weinprofi und Genießer lebe ich absolut in der realen Welt, denn online kann man nicht genießen. Allerdings bin ich wohl auch einer von den always on, auch wenn ich nach der Definition hier bereits zum alten Eisen gehöre... Und das hat einen ganz einfachen Grund, es gibt im Netz so viele Werkzeuge, die mir das Leben erleichtern. Das 'Internet' ist somit rein das Mittel zum Zweck. Und was die Möglichkeiten betrifft, da stehen wir meines Erachtens erst ganz am Anfang der Entwicklung... Lieben Gruß Michael Liebert (wenn Ihr mal einen Weintipp braucht...)

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