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18.11.11Leser-Kommentare

Geschäftspraktiken aus dem vergangenen Jahrhundert: Wenn ein Webservice eine schriftliche Kündigung erfordert

Kündigungsfristen und das Einfordern einer schriftlichen Kündigung sind Relikte aus einer vergangenen Zeit und passen nicht zu innovativen, zeitgemäßen Webstartups. Wie faire Vertragsbedingungen aussehen, zeigt mite.

 

Eigentlich sollte an dieser Stelle ein Artikel über ein recht interessantes deutsches Startup erscheinen. Doch in letzter Sekunde erkannte ich, dass die von dem Dienst gestellten Anforderungen an Nutzer der kostenpflichtigen Version unzumutbar sind und zu sehr den Eindruck erwecken, als sollte zahlenden Kunden ein Vertragsende möglichst schwierig gemacht werden. Von einer 30-tägigen Kündigungsfrist war die Rede, die noch dazu schriftlich erfolgen sollte - bei einem Onlinedienst!

Dass einem von alteingesessenen Großkonzernen (und manchen Webhostern), welche die Bedeutung der Berücksichtigung tatsächlicher Kundenbedürfnisse noch nicht mitbekommen haben, ab und an derartige Steine in den Weg gelegt werden, ist nicht neu.

Bei modernen Onlinestartups, denen ein Kündigungsvorgang quasi keinerlei administrativen oder bürokratischen Aufwand verursacht und insofern auch noch eine Sekunde vor Ablauf der Vertragsfrist per Knopfdruck möglich sein sollte, verwundert dieser eigennützige Ansatz aber.

Die meisten der Startups mit Freemium- oder exklusivem Paid-Geschäftsmodell, über die wir bei netzwertig.com berichten, lassen glücklicherweise die Finger von an Knebelverträge erinnernden Einschränkungen, die allein darauf abzielen, durch einen möglichst umständlichen Kündigungsvorgang noch ein paar Euro mehr herauszuquetschen.

Ein tolles Beispiel für faire Vertragsbedingungen liefert der Zeiterfassungsdienst mite. Der Service aus Berlin bietet für sein kostenpflichtiges Angebot eine 30-tägige unverbindliche Probephase, bei der nach deren Ablauf automatisch das angelegt Konto wieder gelöscht wird. "Solange du uns nicht deine Zahlungsdaten anvertraust, zahlst du auch nichts", unterstreicht mite die Unverbindlichkeit des Angebots auf der Website.

Kunden, die sich nach der Testphase für die Nutzung von mite entscheiden, zahlen dann pro Monat fünf Euro. Verringert sich ihr Bedarf an der Zeiterfassung irgendwann, können sie bis zum letzten Tag der monatlichen Laufzeit kündigen. Die FAQ erklärt: "Wenn du deinen Account beispielsweise am 13. eines Monats erstellt hast, kannst du ihn bis zum 12. des darauffolgenden Monats kündigen."

Vor genau einem Jahr hatte ich die Notwendigkeit des Verschwindens von Sternchentexten beschrieben. Nutzern von Bezahldiensten die Möglichkeit zu geben, sich genauso einfach aus ihrem Vertrag verabschieden zu können, wie sie diesen abschließen, fällt in diese Thematik und sollte für jedes grundlegende ethische Werte berücksichtigende Startup eine Selbstverständlichkeit sein. Sicherlich kann man nicht von allen Anbietern einen ähnlich kundenfreundlichen Ansatz erwarten, wie ihn der alternative Webhoster Uberspace verfolgt, bei dem Anwender den Preis selber bestimmen. mite aber zeigt sehr gut, wie faire Nutzungsbedingungen aussehen können und sollten.

Eine Implikation, die sich aus dem beschriebenen Selbstverständnis ergibt: Wenn kostenfreie Social-Web-Services es ihren Anwendern auf ähnliche Weise schwer machen, das eigene Konto oder Profil zu löschen, dann ist das letztlich genauso fragwürdig wie überzogene Regeln für die Kündigung von kostenpflichtigen Angeboten.

(Foto: stock.xchng/shho)

Kommentare

  • creezy

    18.11.11 (14:11:03)

    Bin bei relativ belanglosen Geschäften mit dem Autor d'accord. Nur so ganz einfach lassen sich die „schritliche Kündigungsammler” nicht über einen Tisch schreiben, es gibt eben doch auch Unternehmen, deren Geschäft rein online-/webbasiert, die mehr oder weniger durch den Gesetzgeber zum Sammeln von schriftlichen Kündigungen zwangsweise aufgefordert werden.

  • Martin Weigert

    18.11.11 (14:14:07)

    Ja wo es rechtlich erforderlich ist, kann man nix machen. Aber für 99 Prozent der Web- und Productivity-Tools trifft das ja nicht zu.

  • Andreas

    18.11.11 (17:51:09)

    Bei euserv und einigen anderen Firmen scheint das das eigentliche Geschäftsmodell zu sein. Da müssen Kündigungen per 01805-Fax eingehen. Ich hab 5 Jahre gebraucht mal endlich Zeit zu finden eine Faxmöglichkeit in Anspruch zu nehmen.

  • loci

    18.11.11 (20:49:46)

    Hallo GMX. Dort kann man auch nur per Fax oder Post kuendigen. Den Vertrag abschliessen kann man aber ganz bequem ohne Unterschrift per Web...

  • Manfred Bognar

    19.11.11 (03:48:40)

    Ich darf berichten, das es in Österreich noch einen Anbieter von Domainservices gibt, beim dem der Bestellprozess mit einer unterfertigten und per Fax übermittelten Bestellung endet. Unglaublich aber leider wahr. PS: Im Allgemeinem sind wir in Ö nicht so rückständig ;-)

  • Martin

    20.11.11 (14:42:28)

    Die Kündigung von Domains (z.b. DE) per Fax mit Unterschrift ist nicht von den Unternehmen gewollt. Das erfordern die Registrare der Zonen. Es wird in unregelmäßigen Abständen die Kündigung und Übertragungen von einige Domains überprüft. Falls keine schriftliche Bestätigung für die Kündigungen vorliegen, wird dem Anbieter der Zugang zum Registrar gesperrt. Wer schon mal einen vernünftigen Reseller Vertrag für Domains unterschieben hat, der weiß dass er ein Deal mit einer unflexiblen Behörde hat. Das liegt nicht an den Hostern.

  • MATZE

    23.11.11 (19:12:10)

    Bei Amazon muss man auch schriftlich um die Löschung des Kontos ersuchen. Die Antwort kommt dann per MAil. LOL.

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