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26.10.12

Geplante Komplettübernahme von Xing: Burda, LinkedIn und die Dynamiken des sozialen Netzes

Xings größter Einzelaktionär, der Burda-Verlag, will das Geschäftsnetzwerk komplett übernehmen. Im Lichte jüngster Marktentwicklungen wirft dies Fragen darüber auf, was die Münchner mit Xing vorhaben.

Die Tage von Xing als börsennotiertes Unternehmen sind gezählt. Laut Wall Street Journal und FAZ hat der Burda-Verlag, der knapp 39 Prozent an dem Geschäftsnetzwerk aus Hamburg hält, den Aktionären ein Angebot für eine Übernahme der restlichen Anteile gemacht. Burda biete mit 44 Euro je Anteil "mehr als den Mindestpreis je Aktie", heißt es. Am Donnerstag schloss das Papier bei 37,32 Euro. Nach einem längeren Aufstieg zwischen 2009 und 2011 ging es in diesem Jahr für die Xing-Aktie recht stetig bergab. Zum Jahresbeginn lag der Kurs noch bei über 60 Euro. Hubert Burda Medien war Ende 2009 bei Xing eingestiegen und übernahm im ersten Schritt 25,1 Prozent der Aktien. Im Laufe der Zeit wurde der Anteil auf 39 Prozent ausgebaut. Nun soll also eine Komplettübernahme folgen, sofern die Aktionäre zustimmen. Xing-Gründer Lars Hinrichs rät ihnen per Twitter dazu. 147,3 Millionen Euro würde Burda die Akquisition kosten.

Xing schlägt sich im Konkurrenzkampf mit seinem deutlich größeren US-Konkurrenten LinkedIn wacker - was seine Kernmärkte im deutschsprachigen Raum betrifft. Von den insgesamt 12,4 Millionen Mitgliedern kommen 5,7 Millionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. 793.000 Mitglieder sind zahlende Kunden, die dem Unternehmen im zweiten Quartal 2012 18,2 Millionen Euro Umsatz und einen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) von 5,1 Millionen Euro bescherten.

Parallelen zum Verhältnis von Qype und Yelp

In gewisser Weise ist das Verhältnis von LinkedIn und Xing vergleichbar mit dem der zwei Empfehlungsportale Yelp und Qype. Und das nicht nur, weil Yelp und LinkedIn aus San Francisco und Qype und Xing aus Hamburg stammen. In beiden Fällen handelt es sich jeweils um ähnliche Konzepte, und in beiden Fällen dominiert der US-Anbieter den Großteil der internationalen Märkte, während der deutsche Kontrahent im DACH-Raum sowie einigen europäischen Ländern eine dominierende oder zumindest nennenswerte Präsenz aufweist. LinkedIn ist mit knapp drei Millionen Mitgliedern im deutschsprachigen Raum ungefähr halb so groß wie Xing. Weltweit sind jedoch 170 Millionen Menschen bei LinkedIn registriert.

Und auch wenn Xing gerne auf die Tatsache verweist, dass man anders als LinkedIn mehr sei als eine Ansammlung von Lebensläufen, so überschneiden sich beide Dienste aus Nutzersicht in derart vielen Aspekten, dass die Notwendigkeit einer parallelen Pflege von Präsenzen bei beiden Netzwerken ein wenig erquickendes Unterfangen darstellt. Wer jedoch heutzutage Kontakte sowohl in der DACH-Region als auch im angloamerikanischen Bereich oder anderen Teilen der Welt hat und sich mit beiden Gruppen vernetzen möchte, ist genau dazu gezwungen. Persönlich wäre es mir daher mehr als recht, wenn beide Anbieter auf lange Sicht eins werden.

Xing steht LinkedIn im Weg

Wann dies geschehen würde, fragte ich mich zuletzt am Mittwoch, als Yelp die vollkommen logische Akquisition von Qype bekannt gab. Blickt man auf die historische Entwicklung derartiger "Zweikämpfe", so sollte allen Beteiligten eigentlich klar sein, dass auch Xing in einer zunehmend globalisierten Welt langfristig nicht gegen LinkedIn bestehen können wird. Selbst wenn die Kalifornier am deutschen Markt deutlich stärker zu knabbern haben, als man dies zum Debüt der deutschen LinkedIn-Version Anfang 2009 hätte vermuten können. Aus Sicht von LinkedIn ist Xing das große Hindernis für den endgültigen Durchbruch in Europas größter Volkswirtschaft.

Die Frage ist also, was Burda sich von Xing erwartet. Und ob man am Firmensitz in München mitbekommen hat, wie es der VZ-Gruppe ergangen ist. Noch mag dieser Vergleich unpassend erscheinen, da Xing sogar noch immer Mitglieder gewinnt und generell den Anschein eines soliden Unternehmens macht. Trotzdem gibt es schlicht kein überzeugendes Argument, das nahelegt, Xing würde auch im Jahr 2020 noch im DACH-Raum eine wesentliche Rolle spielen. Dazu tendiert das Social-Networking-Segment einfach zu sehr in Richtung "Winner Takes it all". Konservative deutsche Business-Kreise sorgen hier zwar für eine Verlangsamung dieser Entwicklung im Vergleich zum Aufstieg von Facebook und parallelen Niedergang der VZ-Netzwerke. Doch gerade als Exportland kommen deutsche Professionals nicht umher, sich mit ausländischen Geschäftskontakten zu vernetzen. Je mehr davon bei LinkedIn sind, desto größer ist der Druck, ebenfalls dort präsent zu sein. Sukzessive verlagert sich daraufhin die Nutzungsdauer von Xing zu LinkedIn. Es mag ein langsamer Prozess sein, aber das bedeutet nicht, dass er nicht stattfindet.

Synergiehoffnungen oder Aufhübschen der Braut?

Von daher gibt es drei Möglichkeiten, welchen Plan Burda mit Xing hat: Entweder geht der Medienkonzern irrtümlich davon aus, Xing könne seine gute Marktposition hierzulande auf Dauer halten. Oder man versucht, solange von Xing zu profitieren und Synergien zu nutzen, wie der Laden läuft, um anschließend neu zu entscheiden. Die dritte Möglichkeit aber wäre, dass Burda auf eine gewinnbringende Veräußerung an LinkedIn spekuliert und in den nächsten Monaten versuchen wird, die Braut mit ihren über 500 Angestellten für die Hochzeit schön zu machen.

Die Fakten liegen auf dem Tisch: LinkedIn hat ein klares Interesse daran, Xing unter seine Kontrolle zu bringen. Die typischen Dynamiken des Social Webs deuten darauf hin, dass auch bei den Geschäftsnetzwerken Deutschland nicht für alle Ewigkeit eine Insel im Linkedin-Meer bleiben wird. Und trotz aller Unterschiede sind sich Xing und LinkedIn grundsätzlich ähnlich genug, damit die Mehrzahl der Mitglieder keinen dauerhaften Anreiz hat, beide Dienste nebeneinander zu verwenden.

Ob Burda das auch so sieht?

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