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09.01.14Leser-Kommentare

Genossenschaften: Nutzer sollten ihre Lieblingsplattformen "besitzen" können

Einige wenige Internetmogule sind die vorrangigen finanziellen Nutznießer von Plattformen, die allein von der Partizipation der Nutzer leben. Logisch ist das nicht. Genossenschaften könnten die Situation verändern.

ThumbsWenn das digitale Aufrüsten die Gesellschaft finanziell zunehmend in eine kleine Gruppe Gewinner und eine große Gruppe Verlierer aufspaltet (siehe "Feindbild Internetwirtschaft: Hier kommen die zehn Prozent") und die mächtigen Plattformen und Netzwerke dabei Triebkräfte einer ungleichen Wohlstandsverteilung darstellen ("siehe "Zu hohe Vermittlungsgebühren: Wenn aus Plattformen gierige Gatekeeper werden"), empfiehlt es sich, über kreative Auswege aus dieser Situation nachzudenken.

Einer der naheliegendsten Lösungsansätze spielte beachtlicherweise bislang in der öffentlichen Diskussion so gut wie gar keine Rolle, was sich aber vielleicht gerade ändert: Der Betrieb führender Onlinedienste als gewinnorientierte, aber von den Nutzern beziehungsweise Mitgliedern getragenen Genossenschaften. Auf diese Idee aufmerksam wurde ich nach dem Lesen eines Artikels der US-amerikanischen Nachhaltigkeits-Evangelistin und Anwältin Janelle Orsi, in dem sie sich aktuelle Konflikte rund um Firmen der Sharing Economy anschaut . Sie beschreibt, wieso Airbnb, Lyft oder TaskRabbit - allesamt Plattform, die zum Teilen von Ressourcen animieren - eigentlich prädestiniert für die Geschäftsform der Genossenschaft (in den USA "Cooperative" genannt) wären. Anstatt dass Dienste, die von der Partizipation ihrer Mitglieder leben, einige wenige Personen unendlich reich machen, hält Orsi es für fairer und sinnvoller, wenn die Erlöse an die Nutzung der Plattform gekoppelt werden. Wer sich für eine Mitgliedschaft in einer solchen Genossenschaft entscheidet, könnte nach Orsis Vorstellung mit einer nutzungsabhängigen Dividende rechnen. Versuchungen der Eigentümer, die Unternehmen finanziell auszuquetschen, würden sich erübrigen - da die User selbst die Eigentümer wären.

Gestern äußerte sich Fred Wilson von der New Yorker Venturekapital-Gesellschaft Union Square Ventures in einem Text in eine ähnliche Richtung: Unter der Bezeichnung "Mutal Company" beschreibt er, wie sich der aktuellen Konzentration von Reichtum in den Händen einiger weniger Internetmogule womöglich etwas entgegensetzen ließe, wenn Anwender (über die traditionelle Möglichkeit des Aktienwerbs hinaus) Miteigentümer an den von ihnen frequentierten Plattformen werden würden. Wilson zeigt sich diesem Ansatz gegenüber zwar ambivalenter als Orsi. Das sollte aber nicht weiter verwundern, immerhin gehören er und seine Firma zu den Mit-Verursachern der Situation. Andererseits würde eine genossenschaftliche Übernahme von Startups wie etwa Airbnb durch seine Anwender nicht unbedingt eine Gefahr für das Wagniskapital-Geschäft darstellen: Ob nun Google, der Aktienmarkt oder zehn Millionen Airbnb-Mitglieder die Anteile aufkaufen, kann den anfänglichen Geldgebern eigentlich egal sein.

Der hypothetische Betrieb von WhatsApp, Twitter oder Facebook als Genossenschaften hätte allerlei auf die Schnelle schwer absehbare Implikationen. Offen bleibt an dieser Stelle auch, ob seitens der User überhaupt ein hinreichend großes Interesse besteht, ihre favorisierten Dienste "zu besitzen" und dafür auch ein finanzielles Engagement auf sich zu nehmen. Die grundsätzlichen Philosophie aber ist überzeugend: Ohne die Aktivität der User wären die meisten auf Netzwerkeffekten basierenden Webgiganten bedeutungslose, umsatzfreie Geisterstädte. Gesenkte Kommunikationshürden und eine persönlichere, vielfältiger Unterhaltung sind als "Rendite" für die Partizipation vielleicht nicht genug, wenn die Macht der Plattformen mittelfristig negative sozioökonomische Folgen für Millionen Menschen besitzen.

Es ist zu wünschen, dass die Frage der Teilhabe der Nutzer am Erfolg der die Wirtschaft in ihren Grundfesten erschütternden Plattformen weiter im Blickpunkt bleibt, sowie dass praktische Versuche, Webprojekte als Genossenschaften aufzuziehen - wie gerade vom jungen Berliner Online-Marktplatz Fairnopoly in Angriff genommen - von Erfolg gekrönt werden. /mw

Grafik: hand icons of people with the symbol of like, Shutterstock

Kommentare

  • Agnes Kmety

    09.01.14 (21:16:18)

    toller Artikel. Vielen Dank

  • Christian Dreyer

    10.01.14 (20:24:56)

    Das ist - mit Verlaub - weitgehend Unsinn. Der Nutzen aus der freiwilligen Nutzung erfolgreicher kostenloser Plattformen ist offensichtlich hinreichend Kompensation für die Nutzer. Schliesslich übernehmen die Nutzer in aller Regel keinerlei Risiko bei der Schaffung solcher Plattformen. Wer weiss, wie viele Plattformen schon gescheitert sind und das Risikokapital mit sich genommen haben?

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