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06.04.09

GEMA und Internet: Es fährt ein Zug nach nirgendwo..

Die Gebühren der GEMA für On-Demand-Streaming gehen an den ökonomischen Realitäten im Netz vorbei.

Geradewegs ins NichtsAnm. d. Red.: Dieser Gastbeitrag stammt von Petar Djekic. Petar Djekic beschäftigt sich als Director Marketing bei der Musikentdeckungsmaschine mufin mit allem, was das Web 2.0 an Musik hergibt. Er ist am besten über Xing erreichbar.

Dieser Artikel spiegelt die persönliche Meinung des Autors wieder und muss nicht mit der Einstellung von mufin übereinstimmen.

Der geplatzte Deal zwischen YouTube und GEMA hat wieder eine Diskussion um Musik im Netz, tragfähige Geschäftsmodelle und die Situation von Musikstartups in Deutschland angefacht. Der Zeitpunkt des Scheiterns des YouTube/GEMA-Deals ist interessant, da letzte Woche wieder einiges im Musikweb passiert ist. Nicht nur steht mit steereo ein neues Holtzbrinck-Musikstartup in Deutschland in den Startlöchern, sondern auch Google hat mit Google Music China seine 'alles-umsonst-und-legal-und-saug-oder-hör-so-viel-du-willst'-Musikplattform aus der Beta geholt. Derzeit hat die Plattform 350.000 Songs, anvisiertes Ziel sind aber 1,1 Millionen - mit voller Unterstützung der Major-Labels versteht sich. Der Chef von Warner Music Asia Lachie Rutherford kann kaum an sich halten: "I can't overestimate how important this is". Leider fehlte der Nebensatz "and I can't wait to bring this to the U.S. and European markets". Während so knapp 20% der Weltbevölkerung in den Genuss eines werbefinanzierten On-Demand-(und MP3-Download!-)Musikservices kommt, strauchelt die Musikplattform Imeem in den USA und SeeqPod hat vorsichtshalber direkt Insolvenz angemeldet.

Doch wie sieht es in Deutschland mit (On-Demand-) Musikservices aus, jetzt wo YouTubes Musikangebot vorläufig auf Eis liegt? Die Anzahl der deutschen Musikstartups ist überschaubarer als in den USA, ganz zu schweigen von denen, die auch On-Demand-Streaming ganzer Musiktitel anbieten.

Die Gebühren der GEMA sind schuld, oder etwa nicht? Ein kurzer Blick in die Gebührenordnung der GEMA für Musikangebote lässt einem in der Tat die Haare zu Berge stehen:

Für jeden per On-Demand abgerufenen Song fallen 13 Cent an, 0,1278€ um genau zu sein. 19 Cent fallen an, wenn die Einnahmen des Musikservice nicht nur aus dem Streaming der Musik stammen. Produktdiversifizierung ist als Musik-Startup in Deutschland nicht zu empfehlen.

Wer sein Kapital noch schneller verbrennen möchte, sollte einen On-Demand-Streaming-Service für Musik in Überlänge aufmachen: Wenn ein gestreamter Titel über 5 Minuten dauert, fällt für jede weitere Minute ein zusätzliches Entgelt an. Wenn selbst YouTube, beziehungsweise YouTube-Besitzer Google, bei einem Preis von einem Cent pro gestreamten Titel ins Schleudern kommt, ist es nicht verwunderlich, dass sich die deutsche Musikstartup-Landschaft weitgehend auf Radio-Modelle beschränkt. Zum Vergleich: Imeem zahlt angeblich $0,004 pro Stream in den USA. Wenn tausend Seitenabrufe mit etwa einem Euro (Tendenz fallend) im Werbemarkt abgegolten werden, braucht es kein BWL-Studium, um sich auszumalen, dass sich ein rein werbefinanzierter Musikservice nicht dauerhaft halten kann.

Die Preispolitik der GEMA lässt sich nur dadurch herleiten, dass bei der Berechnung, die aufgrund der Angabe bis vier Stellen nach dem Komma zweifelsfrei stattgefunden hat, der klassische Vertrieb physischer Tonträger zugrunde gelegt wurde. Dieses Modell geht aber an der wirtschaftlichen Realität vorbei. Genau wie die meisten Künstler heutzutage kleinere Brötchen backen müssen, so werden sich auch die Strukturen der Musikindustrie an einen generell kleineren Kuchen anpassen müssen - shift happens. Insgesamt ist die aktuelle Marktsituation einem Ökonomie-Lehrbuch entnommen. Die GEMA kann einen Monopolpreis setzen, wodurch das Angebot (Anzahl der On-Demand-Streamingangebote) aufgrund des überhöhten Preises unter der gesellschaftlich gewünschten Anzahl bleibt. Das diese besteht, zeigt nicht zuletzt die Berichterstattung über den YouTube/GEMA-Deal in der Tagesschau.

Auch wenn Verwertungsgesellschaften wie die GEMA eine wichtige Aufgabe für ihre Künstler erfüllen, sollten sie sich genau überlegen, ob sie mit der aktuellen Preispolitik nicht genau diesen einen Bärendienst erweisen. Denn die Kids wissen, wie sie Musik im Netz bekommen - mit oder ohne GEMA.

(Foto: Nesher Guy; CC-Lizenz)

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